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mit Amtlichem Kreisblatt". — Wochexbeiiagc: Illustriertes Sonntagsblatt.
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,HZ ](X Samstag, den 2. Februar 1918. 69. Jahrgang.
Politische Uebersicht.
Zwölf Monate nneingeschränkten M-Woots-Krieges.
AlL am 1. Februar 1917 Deutschland sich entschloß, gegen den Willen der Vereinigten S aaten den uneingeschränkten U-Boot-Krieg zu erklären, ging es wie ein Aufatmen durch das ganze Volk, hatte es doch seit langer Zeit unter dem unerträglichen Gedanken gelitten, daß Hunderttausende deutscher Menschenleben der unersättlichen Geldgier amerikanischer Waffenlieferanten zum Opfer fielen, daß bei unverminderter Zufuhr seiner Gegner unter gleichzeitiger Absperrung Deutschlands von Uebersee und von seinen neutralen Nachbarn die eigene wirtschaftliche Lage immer ungünstiger werden nußte, und daß endlich Großbritannien, wie stets in einen Kriegen, aus der Aufrechterhaltung seines See- »aiidels die Mittel für eine fast unbegrenzte Dauer des Kampfes gewinnen konnte. Diese schwerwiegenden Gründe hatten schließlich auch die Bedenken derer belegt, die eine begreifliche Scheu hegten, der großen Zahl unserer Gegner noch ein Hundertmillionenvolk bei- zugesellen, mit dem langjährige Bande völkischer und virtschaftlicher Natur uns verbunden hatten, die freilich mrch die heimliche Beteiligung Amerikas am Kriege längst zerrissen worden waren. Kenner des neuen Feindes hatten aber von jeher bezweifelt, ob sein offener Eintritt in den Krieg die Lage der Dinge wesentlich verschlechtern könnte; die Geschehnisse der letzten zwölf Monate haben ihn recht gegeben. Und das kam so:
In dem wunderbaren Verlauf des U-Boot-Krieges wird es immer als die bemerkenswerteste Tatsache gelten müssen, daß diese völlig tradionslose Waffe mit ihrem blutjungen Personal sich in wenig Jahren eine Taktik und Strategie zu schaffen vermochte, wie sie die Segelschiffs- und Dampferflotten vergangener Zeiten nur in Menschenaltern auszubilden vermocht hatten, obgleich alles aus dem Neuen und Unbekannten zu bilden gewesen war. Was auch immer die besten Erfinderköpfe Großbritanniens, Amerikas und Frankreichs ersonnen hatten, um der U-Boots-Gefahr Herr zu werden, nichts hatte auf die-Dauer geholfen. Monat für Monat verringerte sich der Frachtraum unserer Gegner wie auch der allerNeutralen, die ihnen, angelöckt durch ungeheure Frachtsätze oder herbeigezwungen durch diplomatischen Druck oder maritime Gemalt, Vorspanndienste leisteten. Zu Beginn der neuen Periode, am 1. Februar 1917, hatte der Gesamtbetrag der versenkten Schiffe schon rund 5 Millionen Tonnen betragen. Ungeachtet aller Abwehr- mittel, wie Abwehrnetze, U-Boots-Jäger, Mikrophone, Flugzeuge, U-Boots-Fallen, Bewaffnung der Handelsschiffe, täuschende Bemalung derselben, Zickzacklaufen, Geleitzüge usw., nahm die Zahl der Versenkungen mit der Gewißheit eines unentrinnbaren Schicksals auch weiter zu und hat für die ersten zwölf Monate — die genaue Zahl liegt noch nicht vor — die zehnte Million bald erreicht. Mit verzweifelten Rechenkünsten haben die englischen Staatsmänner und Fachleute diese Tatsache zu verschleiern gesucht, die zunehmende Not der Bevölkerung und die nicht mehr zu bewältigenden Schwierigkeiten bei der Aufrechterhaltung der Industrie sowie der Versorgung der Alliierten mit Kohlen und anderem Bedarf zeigt sich aber in Symptomen, die nicht mehr zu mißdeuten sind. Woher soll da der Schiffsraum genommen werden, der zum Transport einer amerikanischen Millionenarmee und ihres Nachschubes erforderlich wäre ? Sprechen doch amerikanische Stimmen es schon unumwunden aus, daß beides, Truppen und Lebensmittel, nicht geliefert werden können; nur eines derselben, und Amerika sei für Lebcusmittel. Und auch diese können in ausreichendem Maße nur abgegeben werben, wenn Amerika zu weizenlosen Tagen und zum Kriegsbrot übergrht.
, Diesen für unsere Feinde nur kurze Zeit erträglichen Zustand herbetgeführt und zugleich die Zufuhr der gegne Aschen Armee an amerikanischen Waffen und Muni uvn, der feindlichen Industrie an Baumwolle, Erzen, Grubenholz usw. unterbunden zu haben, ist das Ver- dienst des uneingeschränkten N-Boot-Krteges. Seine weitere Aufgabe wird die Erzwingung eines guten deutschen Friedens sein, und darum dürfen unsere «ioote nicht eher das Kampffeld verlassen, als bis ein Kicher erlangt ist.
. In der Zukunft aber werden sie unter dem Schutze ^ Hochseeslotte und vermöge unseres flandrischen ^uitzpunktes dafür zu sorgen haben, daß die von ihnen ^drochrne britische Seeturannei nicht von neuem ihr ^«upt erhebe und daß die Freiheit der Meere hinfort M leerer Begriff bleibe.
30 000 Tonnen versenkt.
Berlin, 29. Jan. (W. B. Amtlich) Neue IV Booterfolge im mittleren und östlichen Mittelmeer: 8 Dampfer und drei Segler mit rund 30000 Brutto- registertonnen.
Die Mehrzahl der Dampfer war tief beladen und befand sich teils in _ stark gesicherten Geleitzügen teils einzelne mit Unterseebootzerstörern und Flachdampferbedeckung fahrend, auf dem Wege nach Italien bezw. dem Orient. Unter den versenkten Sckiffen konnte der englische Dampfer „Westwales" (4331 To.) mit Kohlen nach Port Said, ferner ein großer Tankdampfer und ein Dampfer von 4000 Tonnen der nach der heftigen Explosion zu urteilen, Munition geladen hatten, festgestellt werden.
An den Erfolgen war im besonderen der k. und k, Linienschiffsleutnant Hudeczek beteiligt.
Der Chef des Admiralstabes der Marine.
Trotzki will keinen Sonderfrieden.
Stockholm, 29. Jan. (W.B.) Nach einer Meldung der Petersburger Telegraphen-Agentur hat Trotzki auf dem dritten allrussischen Kongreß der Arbeiter- und Soldatenräte am Schlüsse einer längeren Rede folgendes erklärt: Die russische Delegation wird ihre Forderungen nicht preißgeben. Sie wird keinen Separatfrieden schließen. Die Bewegung greift auf Polen u.ib England über. Die Macht der imperialistischen und bürgerlichen Regierungen ist unterminiert. Das europäische Proletariat wird uns unterstützen. Wir kämpfen für eine gemeinsame Sache und wir werden siegen.
„Vollkommene Machtlosigkeit".
Berlin, 30. Jan. (W. B.) Die russische Presse veröffentlicht ein Telegramm des Generals Beutsch Bruye- witsch, des Stabschefs des Oberkommandos, das wörtlich lautet:
Vollkommene Machtlosigkeit. Viele Frontteile sind entblößt. Auf der Westfront kommen auf die Werst nur 160 Bajonette. Die Reserven lösen ihre Kameraden in den Schützengräben nicht ab. Eine ungeheure Zahl erfahrener militärischer Vorgesetzter ist bei den Wahlen ausgeschieden. Der jetzige Bestand an Stäben ist ohne Erfahrung. Der Stab und die Behörden werden in Kürze zu arbeiten aufhören, da niemand mehr arbeiten kann. Generalstabsoffiziere sind nicht vorhanden. Die Arbeitsbedingungen in den Stäben find entsetzlich. Wirtschaftlich herrscht eine vollkommene Auflösung Ausbildung und Ordnung der Truppen sind nichts wert. Eine Ordnung im Heere gibt es nicht mehr. Die Befehle werden nicht ausgeführt. Desertionen finden massenhaft statt. Beurlaubte kehren nicht zurück. Der Zusammenhang ist an vielen Stellen zerrissen. Der Bestand an Pferden ist fast ganz vernichtet. Die Befestigungen der Stellungen zerfallen. Die Drahthindernisse sind zur.Erleichterung der Verbrüderung und des Handels entfernt. Einen Angriff des Feindes auszu- halten, ist unmöglich. Die einzige Rettung des Heeres ist der Rückzug hinter die natürlichen Grenzen. Die russische Zeitung „Rjetsch" verurteilt die Reden Lenins im Rätekongreß, die aus die Instinkte der dunklen Massen rechnen und Anarchie und Vernichtung der Kultur als Erfolge des Arbeiterkampfes preisen.
Unter bet Herrschaft der Bolschewiken.
Wie sieht es jetzt in Petersburg aus? Ein Augenzeuge gibt davon ein anschauliches Bild. Die Hauptstadt, schreibt er, ist vollständig in der Hand der Soldaten. Augenblicklich sind in Petersburg vielleicht 200000 Mann, die sich von der Front entfernt haben, zum Teil in den Kasernen wohnen, von dort aber teils ihrem Unterhalt, teils wilden Räubereien, Gewalttaten und Plünderungen nachgehen. Die Unsicherheit in den Straßen spottet jeder Beschreibung. Mehrfach ist es vorgekommen, daß gut gekleidete Zivilisten von Automobilen, die mit bemannften Soldaten gefüllt waren, ungehalten und vollständig auSgeplündert wurden, bis man sie ohne Kleider und Schuhe wieder auf die Straße warf. In den letztm Tagen wurden namentlich Weinkeller geplündert. Polizei, gibt es nicht mehr. Als Gericht fungieren nur noch die sog. Tribunale, bie aber in keiner Weise die öffentliche Ordnung sichern tönnen.
In bezug auf die Lebensmittel- usw. Preise herrscht vollständiges Chaos. Es gibt nur noch Papiergeld KerenSkischer Erzeugung, Rubelscheine in der Größe unserer Straßenbahnkarten, ferner als Kleingeld -die alten Briefmarken aus der Kaiserzelt, die mit einem entsprechenden Ausdruck: „Gilt als Silbergeld" ! ver wendet werden. Natürlich haben umfangreiche Fälsch ungen Platz gegriffen. So waren tagelang ganze Werten von Briefmarken im Umlauf, bis man entdeckte, baß diese statt der offiziellen Aufdrucke den Satz enthielten:
„Nur der Dumme fällt braus rein"! Ein Arbeiter, der sich wirklich um Arbeit müht, verdient heute in Petersburg 25—30 Rubel täglich. Dafür kostet ein einfaches Mittagsmahl, bei dem es allerdings so ziemlich noch alles gibt, 60—80 Rubel.
Dementsprechend leidet die arme Bevölkerung. Insbesondere herrscht Mangel an Brot, Tee und Zucker. Die Stimmung der Bevölkerung ist infolgedessen verzweifelt. Es herrscht nur ein Gefühl, die Sehnsucht nach Ordnung und Frieden, gleichviel woher diese kommen würden, ob von den Russen, Engländern oder Deutschen. In der gebildeten Bevölkerung herrscht allerdings der Glaube an die Deutschen vor. Bezeichnend ist das Titelbild eines Witzblattes, das kürzlich einen preußischen Schutzmann auf einem öffentlichen Platz Petersburg zeigte mit der Unterschrift: „Unsere Hoffnung" ! Die Ministerien und die Amtszimmer der Behörden sind ebenso verlassen wie die Banken. Ueberall hat man die Beamten ohne Gehalt und ohne Pension auf die Straße gesetzt, und die Büros liegen noch so da, wie sie vor Wochen verlassen wurden. Die Enteignung geht weiter, sie erstreckt sich nicht nur auf den ländlichen Grund und Boden, sondern auch auf die städtischen Grundstücke, und es kommt jeden Tag vor, daß sich Soldaten in den Besitz irgend einer beliebigen Wohnung oder einzelner Zimmer setzen, oder zum mindesten „die Möbel enteignen".
Völlig verwahrlost sind die Verkehrsverhältnisse. In Petersburg selbst kostet eine Fahrt, die früher 60 bis 70 Kopeken kam, heute 7 bis 10 Rubel. Auf den Eisenbahnen aber herrscht vollends gänzliche Anarchie. Sie sind ausnahmslos in den Händen der Soldaten, die, ohne die Demobilisierung abzuwarten, zu Tausenden und aber Tausenden die Heimreise antreten- Selbstverständlich werden Zivilpersonen überhaupt nicht mehr befördert, während die Soldaten selbst die Dächer der vollgepfropften Wagen besetzt halten, die kaum noch Fensterscheiben ausweisen und im Innern unsagbar beschmutzt sind.
Besonders schlimm sind die Marimalisten mit dem Osfizierkorps in Heer und Marine umgesprungen. Hier ist es zu zahlreichen Mordtaten gekommen. So wurden kürzlich noch in Sebastopol an einem Tage 60 Offiziere getötet, in einer Weise, die jeder Beschreibung spottet. So sieht es mit dem angeblich unblutigen Charakter dieser Revolution aus. In Wirklichkeit §at es in Petersburg Tage gegeben, an denen zwei- bis dreitausend Personen ihr Leben lassen mußten, und in Moskau wird es nicht besser gewesen sein. Ganz zu schweigen von den Zuständen auf dem Lande. Namentlich in Estland und Livland sind Raub und Mord an der Tagesordnung, und in manchem Gutshause hält der Besitzer den Revolver bereit, um Frau und Tochter vor dem Schicksal zu bewahren, in die Hände aufrührerischer Banden zu fallen. So schreitet die russische Auflösung fort; niemand weiß mehr, 'woran er ist, was morgen aus ihm werden wird.
Russisch Türkisches.
Die Verhandlungen zwischen den russischen und türkischen Bevollmächtigten über die Einrichtung einer Dampfschiffahrtsverbindung zwischen russischen und türkischen Häfen, besonders zwischen Odessa und Konstantinopel, schreiten günstig fort.
Lloyd Georges Rechnung.
Kopenhagen, 29. Jan. (Privattel). Nach hier du= getroffenen Nachrichten herrscht in der englischen Geschäftswelt starke Mißstimmung, weil das GeschäftSleden so gut wie lahm gelegt sei und die ungeheuren Verluste die' die Kaufleute schon jetzt erlitten hatten, von ^ag ^u Tag größer werden. Man habe sich in schärfster Tonart an Llovd George gewandt mit der Frage, weS halb er nicht auf Kosten von Englands Verbündeten mit Deutschland einen für England vorteilhaften p-rirden schlösse. Lloud George habe geantwortet, dazu sei immer noch Zeit, denn er habe die absolute Gewigheit daß Deutschland jederzeit zu einem solchen Frieden, der England schonen würde, auch im fz-alle eines ooJigen Sieges bereit sei. Er - Lloyd George - schätze bie amerikanische Hilfe auch nur gering ein und verkenne keineswegs die wachsende Gefahr des Il-BootkricgV Aber die Herren möchten nur noch kurze Zeit Geduld haben. Nach ganz zuverlässigen Nachrichten stehe die innere Revolution in Deutschland unmittelbar bevor- Die ganze demokratische Bewegung in Deutschland fei so stark, daß man auf diesem Wege, ohne die eigenen Verbündeten preiSgeben zu brauchen mit Sicherheit zu einem sogenannten annexjonslosen Frieden gelangen werde, der Englands Kriegsziel, die wirtschastlicke Vernichtung Deutschlands, ohne daß Deutschland es leider merke, vollauf befriedige.