An den Küsten Amerikas.
Genf, 27. Jan. Die französischen Blätter melden nach der .New Pork World,,: Wie die Kapitäne mehrerer aus den südamerikanischen Gewässern zurückgelehrter Schiffe berichten, kreuzen neun deutsche II-Boote an der brasilianischen Küste. Der Kapitän eines norwegischen Dampfers will sie auf der Höhe des Kap Riv gesehen haben. . -
„Gäben" wieder frei
Berlin, 27. Jan. (W. B. Amtl.) Wie uns von zuständiger Stelle mitgeteilt wird, ist der türkische Panzerkreuzer „Sultan Javus Selim" („Götzen"), der auf den, Rückmarsch von dem Vorstoß nach der Insel Jmbros in der Enge bei Nagara festgekommen war in die Dardanellen eingelaufen.________________________________
Lokales und Provinzielles.
Schlüchter», 29. Januar 1918.
—* Kaisers Geburtstag. Am Samstag, den 26. ds. MtS., fanden in den Schulen hiesiger Stadt die Festakte zur Feier des GeburtSfesteS Sr. Majestät unseres Kaisers statt. Bei der Seminarfeier gelangten, dem Ernste der Zeit entsprechend, ergreifende Gedichte von Rud. Herzog (Sturmlied 1914), von Peter Rosezger (Gebet für Deutschland) und Emanuel Getbel („Deutschlands Beruf" mit dem bekannten Schluß: Und es mag an deutschem Wesen einmal «och die Welt genesen) durch die Seminaristen Hofmann, Wagner und Slang zum Vortrag. Die eben zitierten Verse hatten Beziehung zu der Festrede, in der Herr Seminarlehrer Geisel die Wesensart der deutschen Seele darlegte, wie sie sich äußert in charakteristischer Erscheinungsform auf dem Gebiete der deutschen Wissenschaft, in der Besonderheit deutschen Staatslebens und sozialen Denkens, in der deutschen Kunst und in der deutschen Religiosität Auch im Lazarett, im neuen Krankenhause wurde des Kaisers Wiegenfest begangen. Deklamationen, lebende Bilder: 1) Heil dir im Siegerkranz, 2) Vater ich rufe dich und 3) Aus der Jugendzeit, patriotische Chöre, vorgetragen vom gemischten Chor und vom Schwesternchor füllten den ersten Teil des Abends, während eine theatralische Aufführung und ein Vortrag des Herrn Seminarlehrers Walther den 2ten Teil des Abends auSmachten. Am Sonntag fand zu gewohnter Zeit der Feftgottesdienst in den hiesigen Kirchen statt. In der evangelischen Kirche, in der sich auch unser Kriegerverein einfand, hielt Herr Superintendent Orth eine von echt vaterländischem Geiste und tiefem sozialen Empfinden zeugende Festvredigt über Phil. 2 V. 1—4 mit dem Grundton: Habt und haltet Gemeinschaft (Einigkeit), von der man wünschen möchte, sie wäre im ganzen deutschen Vaterlande gehört worden und würde von jedem Deutschen beherzigt und befolgt. Am Abend tagte der Kriegerverein, um des obersten Kriegsherrn Geburtsfest in würdiger Weise zu begehen, wobei der Seminarchor seine Kunst lieh und die Familie Stern (Weinhandlung) ihre musikalischen Kräfte in Gesang und Spiel (Trio) zur Verfügung stellte. Die Kern- und Mittelpunkte dieser Feier waren 1) ein Lichtbildervortrag über die Hohenzollern und unseren Kaiser, 2) der Durchbruch am Jsonzo (Herr Oberlehrer Keller) und 3) die Festrede des Herrn Gerichtsrats Hengstberger über: „Was für ein Friede tut uns not? Deklamationen und Gesänge wechselten mit Ansprachen.
— * Kiuomatograf — Turnhalle. Am Freitag Abend ’/,8 Uhr findet eine Vorführung mit auserwählten Stücken nebst schönem Beiprogramm statt. Das Haupt
stück „Lebenskrisen" Drama in 5 Akten ist besonders zu erwähnen. Karten-Vorverkauf bei Herrn Friseur Walter, Grabenstraße.
* Salmünster. Den, Flüchtlingl-Kommissar, Kantor Heinrich Frischkorn in Salmünster, ist das Verdienjttceuz für Kriegshilfe verliehen worden.
* Soden. Die am Sonntag, den 20. Januar vom Heimatbund dargebotenen Vorträge fanden erfreulichen guten Zuspruch. Am Rachmittäg lauschte eine große Kinderschar den teils ernst-sinnigen, teils erheiternden Erzählungen und Gedichten des Herrn Pfarrer Nüdling, der als liebevoller Beobachter und wahrhafter Kenner der Kinderseele und kindlichen Gefühlswelt die Kleinen in herzerquickender Weise zu belehren und zu fesseln versteht. Dankbar werden sich alle kleinen und großen Zuhörer dieser Sonntagsfeierstunde erinnern. Nach einer einleitenden Rede des Herrn Vorsitzenden Dr. Strünckmann kam am Abend durch Herrn Lehrer Spehnkuch in Wort und Bild die Seeschlacht am Skagerrak zu höchst anschaulicher, klarer, gewissenhafter Darstellung. Nach Aufklärung über den Bau und die verschiedenen Arten von Schiffen unserer Schlachtffotte 'wie über die Technik des Schießwesens, ferner über die Taktik der Flotten- führung mit Rücksicht auf Lage und Witterung in Seegefechten wären die Erläuterungen über den Gang der Schlacht am Abend und in der Nacht vom 31. Mai bis 1. Juni 1916 gut verständlich. Die Schilderung der im Verlauf sich stetig verändernden Stellungen unserer und der feindlichen Flotte gab beredtes Zeugnis von der bewunderungswürdigen Ueberlegenheit der Führung der deutschen siegreichen Flotte einem stärkeren Feind gegenüber und der entsprechenden Leistungen unserer blauen Jungens. Zu Ehren der an diesem Tag gefallenen Seehelden erhob sich bie. Zuhörerschaft von den Sitzen und widmete auf Aufforderung des Herrn Redners ihren lebenden Kameraden ein begeistert aufgenommenes Hurra, dem als Schluß der Veranstaltung der gemeinsame Gesang von „Deutschland, Deutschland über alles" mit Musikbegleitung folgte.
* Wächtersbach. Donnerstag Abend wurden am Burgtor von e'nem Gefährt aus Wächtersbach, das in Roth gewesen, auf der Rückfahrt drei Sack Weizen, die anscheinend heimlich gemahlen werden sollten, beschlag- nahmr und vorläufig in die Kreismühle gebracht.
* Rödelheim. Auf dem hiesigen Bahnhof wurde einem Soldaten, als er seine Zigarre aufheben wollte, von einem Zuge eine Hand zur Hälfte abgefahren
* Rüsselsheim. Der derzeitige Seniorchef der Firma Adam Op.l, Kommerzienrat Karl Opel, wurde vom Großherzog von Hessen in den erblichen Adelstand erhoben.
* Fliedeu. Nach langem, schweren Leiden verstarb hier der angesehene Kaufmann Herr Peter Ließenfeld im 48. Lebensjahre. Derselbe war Unteroffizier der deutschen Marine und seit längerer Zeit Militärinvalide Der Verewigte, der ein treues Mitglied des hiesigen Kriegervereins war wurde mit kriegerischen Ehren bestattet.
* Cassel Eine sehr anerkennungSwerte Verfügung hat die hiesige Königliche Regierung erlassen. Im Interesse der PavierersparniS Ist Vorsorge zu treffen, daß nach Möglichkeit die noch brauchbaren Bücher der nach höheren Klaffen versetzten Schüler, soweit sie nicht in den höheren Klaffen noch benutzt werden müssen, den in der betreffenden Klaffe nachrückenden Schülern entweder unentgeltlich oder gegen entsprechende Bezahlung überlassen werden sollen.
* Kassel. Die siebzehnjährige Helene Goldschmidt, Tochter eines Pferdehändlers, ließ sich von einem Zuge überfahren. Aus hinterlaffenen Briefen geht hervor, daß sie die Tat aus dem Grunde beging, weil die sehr vermögenden Eltern ihr hartnäckig versagten, Schauspielerin werden und zur Bühne gehen zu können.
* Cassel. Am Sonntag, den 20. Januar hatte die Deutsche Vaterlandspartei Cassel ihre nach Tausenden zählenden Mitglieder und Freunde zu Kundgebungen in des „Deutschen Reiches Schicksalsstunde" eingeladen. Bei der außerordentlich regen Nachfrage nach Eintrittskarten genügten die beiden im größten Saale der Stadt, int Evangelischen Vereinshaus für vormittags 11V« Uhr und nachmittags 5 Uhr geplanten Versammlungen keineswegs. Es mußte noch eine dritte Versammlung, nachmittags 3V^ Uhr eingeschoben werden, die sich ebenfalls zahlreichen Besuches zu erfreuen hatte. Wohl hatten auch hier in Cassel einige Kreise, vermutlich die unabhängigen Soz'aldemokraten, die Absicht, die Kundgebungen zu vereiteln. Es blieb aber bei einem sehr törichten Versuch, die Versammlung am Vormittag durch starkes Johlen, durch Versperren der Zugänge zu dem Saal, durch vorabschreckendes Eindringen in diesen und durch das ebenso beliebte wie vornehme Mittel des Stink- bombenwerfens zu stören. Das Einzige, was die Flegel und Radaubrüder, wie die Casseler Bürgerliche Presse sie nannte, erreichten, war, daß die erste Versammlung mit einer geringen Verspätung eröffnet wurde. Sie verlief dann ebenso wie die beiden Nachmittags-Kund- getzungen vollständig ungestört und würdig. Es sprachen 6 Herren, die den verschiedensten Berufen und auch politischen Kreisen angehörten zu der sich aus allen Schichten der Bevölkerung zusammensetzenden Zuhörerschaft. Sämtliche Ansprachen waren auf den Grundton des unerschütterlichen Siegeswillens und des felsenfesten Vertrauens zur obersten Heeresleitung abgestimmt, von der unter lautem Beifall der Anwesenden als ganz selbstverständlich angenommen wurde, daß sie auch bet den kommenden Friedensverhandlungen der Reichsleitung mit ihrem bewährten Rat zur Seite steht. Großen Eindruck machte auch die Vorlesung eines Briefes, den ein feldgrauer Casseler Arbeiter von der Westfront geschrieben hatte und in dem er sich mit aller Entschiedenheit für die Ziele der Vaterlandspartei bekennt. Die Kundgebungen fanden ihren erhebenden Abschluß mit der Annahme von Drahtungen an den Reichskanzler, den Generalfeldmarschall von Hindenburg und mit einem jubelnd aufgenommenen Hoch auf das deutsche Vaterland. Nach dem Absingen des gemeinsamen Liedes „Deutschland, Deutschland über Alles" ging die Versammlung auseinander in dem Bewußtsein, eine Stunde vaterländischer Erhebung erlebt zu haben. Die Deutsche Baterlands- -partei Cassel kann auf die Veranstaltungen mit berechtigtem Stolze zurücksehen. Sie hat dadurch auch die Kreise, die ihr bisher fernstanden, auf sich aufmerksam gemacht, sie aufgeklärt und zahlreiche Mitgl'eder gewonnen. .
' Vermischtes ” ~ "
Brückenaur-Ri4sl-mrdRegelischa'EhE bei uns. Das WIesental im Bad bildet einen förmlichen See. Einzelne Wege sind ausgeschwemmt und müssen repariert werden. Im tiefer gelegenen Stadtteil von Brückenau mußten das Vieh und Fährnisse bereits in höher gelegene Häuser verbracht werden. DaS Wasser steigt weiter und richtet vielen Schaden an. Seit 1909 hat Brückenau ein derartiges Hochwasser nicht mehr erlebt. Auch von den übrigen an der Sinn liegenden Orten liegen ungünstige Nachrichten vor.
In eiserner Zeit.
KriegSroman von Charlotte Wildert. 48
Wie auB einem langen, schönen Traume erwacht, Bffnete der Verwundete jetzt langsam die Augen. Sr» f aunt irrte sein Blick umher. Starr hefteten sich nun ie großen, blauen Augen auf daS weinende Mädchen en seiner Seite.
„Phili, mein Phili, kennst Du mich denn nicht?" Herzergreifend kam es von den bebenden Lippen beß gequälten Mädchens
Starr, fragend bohrte der Krank« den Blick in bie tränenfeuchten Augen LilliS. Da, auf einmal huschte ein unsagbar trauriges Lächeln über die bleichen Züge beß Skaten. Ganz leise flüsterte er, nach ihren Handen ta» Renb: „Lilli — Lilli — Du — Du bist — bei mir?"
Wieder umfängt eine tiefe Ohnmacht die Sinne des Kranken.
Lilli küßte in iniüfltr Lieb« dir heißen, trockenen {»ände deS geliebten MannrS und schaut« ihm lange in ie matten Züge.
Langsam, gleichmäßig hob lind senkt« sich die Brust, ruhig ging der Pulsschlag, bet Kranke schlief.
Blut faltete still bie Hände. „Gottlob, er schlief, o, sollte «S An Zeichen der Besserung sein?"
Ruhig lag Philipp d. GordiS da, noch immer baß matte, traurige Lächeln auf den Lippen.
Langsam, eintönig, auf weich«» Nebelsohlen schleicht die Nacht vorbei, schon lag im .Osten ein schmaler, purpurner Woltenstreif, der Herold der nahenden Sonne.
Die kleinen, gefiederten Sänger waren schon munter und brauten in ihrer jubelnden, jauchzenden Weise ihrem Schöpfer den Morgengruß.
Jetzt brachen mit Allgewalt bie ersten Sonnenstrahlen hinter dem hohen, dunklen Bergrücken hervor und übergossen die tauige, morgenschöne Natur mit ihr«, goid«n,n, glühend«« Pracht. Luch durch die zarten Müll
gardinen in das Krankenzimmer des Leutnant GordiS lugten sie vorsichtig hinein, um ja den Kranken, der noch immer im tiefen Schlummer lag, nicht zu stören. Zärtlich schmieaten sie sich wie kosend in baß Blondhaar der jun- gen Pflegerin, der Schwester Lilli, bie im Sessel zurück- gelehnt saß und verträumt -in den schönen Morgen hin- anSsah nach langer, durchwachter Nacht.
Ob nun der tiefe Schlummer dem teuern Verwundeten die heißersehnte Besserung bringt?
Wieder falteten sich Schwester LilliS zart, Hände, auS ihrem Herzen stieg ein flehendlicher Biiirus zu dem Allgewaltige», derdaS Schicksal in seiner mächtige« Hand hat.
Der neckische Sonnenstrahl spielte nun, wie damals in ihrem trauten Heim bei der Mutter, in ihrem blonden Lockenhaar, baß wie gesponnenes Kupfer leuchtet«. —
»Nein, Schwester Lilli, auf keinen Fall, Sie legen sich jetzt sogleich zur Ruhe. Schon drei Nächte hintereinander haben Sie schlaflos durchwacht, Sie hahen unbedingt Ruhe nötig. Das sind Sie sich und miß schuldig, heute lasse ich absolut keinen Widerspruch gelten. Bis min- bestens 5 Uhr schlafen Sie, baun können Sie meinetwegen bie Nachtwache wieder übernehmen, aber nun sogleich znr Ruhe, Schwester Elisa wird biß nachher Ihr« Stell« versehen."
Ernst und energisch hatte die Oberin diese Worte zu Schivester Lilli gesprochen, diese ging dann auch gehör- sam auf ihr Zimmer, wo sie sich halbentkleidet auf das Lager niederlögt«. Bald umfing denn auch ein tiefer stärkender Schlaf die mühen, abgespannten Glieder. — '
Noch vor 5 Uhr war eß, als Schivester Lilli schon wieder, fnsch nnd mimter, vor der Oberschwester erschien und bat, nun ihre Pflege wieder fortsetzen zu dürfen.
„Nun," meinte lächelnd die Oberin, „wie ist der Schlaf beim bekommen? Sie haben schon frischere Wan- gen, Sie sehen viel kräftiger aus, liebes Kind "
»Ich baute Ihnen, Bchwest« Oberin, ich hab, bil
je^t durchgeschlafen, ich fühle mich tatsächlich so muntet rote ein Fisch."
°.ben ®*e> dann gehen Sie mal wieder zu 9b» rem Patienten, Herr Doktor Bergineister wird gleich ine Bistte kommen."
Als Lilli int Krankenzimmer trat, hatte der Kranke die Augen roeit geöffnet und schaute der Eintretenden gerade inß liebe, sonnige Gesicht. Sie blieb erschreckt auf ber Schwelle stehen. Hatte der Schlummer denn wirklich das schreckliche Fieber verscheucht, hatte er ihm baß klar» Bewußtsein gebracht?
Die Hände auf baß wildpochende Herz gepreßt, stand ste da, während Philipp von Gordie mit lenchtenden Augen sie anblickt«; leise, jnbelnd kam eß von feinen Lippen: „Lilli l"
SchwSst» Elisa war schiveigend hinanSgegangen, sie wollte hier, wo sich zwei liebende Menschenkinder nach schmerzlicher Trennung wiederfanden, nicht stören.
Wie im Traume schritt Lilli auf baß Lager zu, sank davor auf die Knie, erfaßte bebend die Hände beß Ge- liebten unb bedeckte sie mit heißen Küssen und Tränen.
Leise, zärtlich fuhr er über ihr Lockenhaar. »Lilli, Du meine süße Lilli!"
Uitter Tränen schaute sie zu ihm auf, sprechen konnt« st, nicht, daS Herz roat ihr zu voll.
„Lilli, tomm’, steh' auf, nicht weinen, mein Lieb, o, Deine Tränen schmerzen mich, sie stechen mir ins Herz!"
Lilli erhob sich langsam, beugte sich iiber Philipp, nahm feinen Kopf zwischen ihre Hände nnd sah ihm lange und innig in bie Augen. „Du Lieber — Du—" flüsterte sie, während ein seliges Lächeln bie seinen Züg, verklärte. Tiefer beugte sie sich über i^u, und nun fanden sich ihr« Lippen im innigen, heißen Knsse. Dann setzt« sie sich neben ihn auf den Rand des BetteS, nahin seine Hand in die ihre nnd so saßen sie beisammen, die beiden Menschen, nnd schanten sich in die Augen; ihre Herzen jubelten, sie konnten kamn da» Glück fassen, baß Glück ihr« jungen, seligen fllßbel — 286,18*