Einzelbild herunterladen
 

Amtlichem Kreisblatt". Wochenbeilazc: Illustriertes Sonntagsblatt.

Telefon 65. :: Postscheckkonto Frankfurt a. M- 11408 :: Telefon 65.

Erscheint Mittwoch und Samstag. preis mitAreisblatt" vierteljährlich 1,80 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 15 Pfg

Mittwoch, den- 30. Januar 1918.

69. Jahrgang.

Deutsches Reich.

Aus dem Abgeordnetenhanse.

Das Abgeordnetenhaus behandelte am Dienstag ne Reihe von Anträgen, unter ihnen den über den Ziederaufbau des Handwerks nach dem Kriege. Das ib dem Handelsminister Spdow Gelegenheit zur Frage >z Wiederaufbaus des selbständigen gewerblichen Mittel­andes das Wort zu nehmen. Der Krieg habe den irtschaftlichen Mittelstand stark gefährdet, ihm sei mit den Mitteln zu helfen, besonders durch Beschaffung on Rohstoffen, von Kredit, von Arbeitsgelegenheiten nd Arbeitskräften. In der Beschaffung der Rohstoffe i der Schlüssel fgr die Lösung der ganzen Frage zu lchen. Es sei eine Zentralbeschaffungsstelle für das mndwerk gebildet und die Errichtung von Licferungs- emeinschaften veranstaltet worden. Gerade nach dem >riee sei der wirtschaftliche Mittelstand auszubauen. m e futtwoch beschäftigte sich das Abgeordnetenhaus leitet mit dieser wichtigen Frage, und wandle sich dann Wohnungsfragen zu und behandelte darauf verschiedene nträge u. a. den über die Verteilung der Volksschullasten.

Batocki wieder Oberpräsideut.

Berlin Amtlich wird gemeldet, das der Wirkt. Seh. Rat v. Batocki wieder als Oberpräsident von Ostpreußen verwendet wird.

Vizekanzler Payer

Der Vizekanzler v. Paper ist so'weit genesen, daß r am kommenden Mittwoch nach Berlin reifen und eine Amtsgeschäfte wieder aufnehmen wird.

General Riedel.

Frankfurt. Generalleutnant Riedel, Stellvertretender kommandierender General des 18. Armeekorps, ist Weh A.K.O. vom 27. Januar d. Js. zum General ier Infanterie befördert worden.

Gnadenerlasse zu Kaisers Me, nrtslag.

Der Kaiser hat auch seinen vierten Geburtstag im Kriege benutzt, um eine Reihe von Gnadenakten zu iben.

In dem ersten Erlasse werden den Kriegsteilnehmern )ie Vergünstigungen der Niederschlagung noch nicht er edigter Strafverfahren und des Erlasses noch nicht jollftredter Strafen unter den aus dem Vorjahre be­nannten Voraussetzungen und Bedingungen gewährt verden. Dadurch ist die Wirkung der bisherigen Snabenerlaffe dieser Art ausgedehnt auch auf die Per- onen, die seit dem letzten Gnadenerlasse (27. Januar 1917) bis zum heutigen Tage Kriegsteilnehmer ge= worden sind.

Der zweite, auch für Zivilpersonen geltende Erlaß ordnet im Anschluß an die entsprechenden Erlasse der Jahre 1916 und 1917 an daß im Strasregister und n den polizeilichen Listen alle noch nicht gelöschten Ver­merke über die bis zum 27. Januar 1918 erfolgten Bestrafungen derjenigen Personen zu löschen sind, die eine schwerere Strafe als Geldstrafe oder Gefängnis )is zu einem Jahre erlitten haben und in den letzten zehn Jahren nicht wieder wegen Verbrechens ober Ver­gehens verurteilt sind. Nach einem gleichzeitig ver­öffentlichten Erlasse des Kaisers erfolgen diese Löschungen auch bei den Strafen, die von den Konsular-, Marine-, Schutztruppen- und Schutzgebiets Gerichten verhängt worden sind.

Politische Uebersicht.

Zur Lage.

Die Staatsmänner der Mittelmächte haben sich in großen Reden zur Lage geäußert und in die Wirren der Weltlage hineinzuleuchten versucht. An demselben Tage wie unser Reichskanzler sprach Graf Czernin, und einen Tag später äußerte sich Erzelleuz v. Kühl- mann besonders ausführlich zu den Verhandlungen in Brest-LitowSk. Die deutschen und die österreichischen leitenden Staatsmänner sprachen natürlich sozusagen auf

einen Ton gestimmt, nur daß Graf Hertling alle Fragen, die mehr spezifisch österreichisches Interesse berühren, feinem Kollegen von der Donau überließ. Als Canevas, aus den sie ihre Redeblumen stickten, benutzten beide Staatsleiter das sogenannte Welt-FriedenSprogramm Wilsons und waren der Ansicht, daß sich dieses ameri­kanische Programm immerhin benutzen lasse, um Ver- Handlungen anzubahnen. Graf Czernin meinte sogar, stehe nichts im Wege, daß Oesterreich Ungarn und Amerika in direkte Verhandlungen einträten, die dann gleicht auch die anderen Kriegführenden allmählich an Verhandlungstisch zögen. Auch Graf Hertling war er Ansicht, daß einige der 14 Punkte, die Wilson als Webeusbafis ausgestellt haste, für Deutschland nicht ^diskutabel seien. Mit erfreulicher Deutlichkeit wurde > allerdings in Berlin wie in Wien betont, daß an eine

Herausgabe Elsaß-Lothringrns seitens Deutschlands an Frankreich nie zu denken sei. Zu diesem Standpunkt, der allerdings für jeden Deutschen so selbstverständlich sein sollte, wie das Amen in der Kirche, bekannten sich auch die deutschen Sozialdemokraten durch den Mund Scheidemanns, so daß man wohl behaupten darf, das deutsche Volk war nie geschlossener einig als in der Frage, daß Eisaß Lothringen unwiederbringlich deutscher Besitz zu sein und zu bleiben hat.

Das Eingehen auf das Wilsonsche Programm und seine Benutzung als Grundlage zur Aeußerung eigener Ansichten war übrigens nur möglich unter absichtlicher Uebergehung gewisser Forderungen des amerikanischen Präsidenten, die für uns immer undiskutabel bleiben, wie z B. die Widerherstellung Belgiens und Frankreichs auf deutsche Kosten. Auch die ganze belgische Frage werden wir nie in. Wilsons Sinne zu lösen vermögen, und Graf Hertling unterließ es auch wohlweislich, sich da irgendwie festzulegen. Wir sind nach wie vor friedens­bereit, haben dafür mehr als einen Beweis gegeben, aber wir haben doch noch einiges mehr zu verlangen, als Wilson uns bis jetzt zubilligt, wenn der Krieg für uns nicht recht gefährliche Folgen haben soll. So faßte Graf Hertling die Sachlage auf, der Wilsons Programm als die einzig jetzt vorliegende einigermaßen fest um- rissene Kriegsziel Entente-Basis bestieg, um von ihr aus weiter verhandeln zu können. Zu den allgemeinen Punkten von Wilsons Programm werden wir uns leicht und gern bekennen können, in den Einzelheiten aber weist es doch wohl noch so manchen Schönheitsfehler auf, daß wir es unrevidiert natürlich nie annehmen könnten. Aber klu§ und weitblickend war es von den Staatsmännern, das Manifest des mächtigsten Autokraten der Welt aufzunehmen und zu benutzen so wird er sich um eine klare Gegenerklärung nicht gut drücken können und sich nicht gerade beleidigt fühlen, daß er auf einmal wirklich in den Mittelpunkt der sich an- bahnenden Fricdensverhandlungen gerückt ist. Der Friede marschiert, das sichere Gefühl darf man haben, wie weit aber noch sein Weg bis zum Endziel ist, ist schwer zu sagen.

Selbst mit Rußland löst sich nicht alles so glatt, wie man zuerst wohl gedacht hatte. DieBeherrscher" des russischen Chaos sind nicht gerade bequeme Tisch­genossen, wie man aus der Rede des Staatssekretärs Kühlmann entnehmen konnte, sie machen sehr viel Quersprünge und verfolgen mancherlei andere Ziele als einen baldigen Frieden im Osten. Ziele, die wir aber mit Energie und Bestimmtheit weit von uns fernzu­halten haben, wenn wir nicht aus Siegern Besiegte werden wollen. Zum Glück war aber das Chaos nie stark, und die Rede des Generals Hoffmann fuhr den Bolschewisten wie ein etwas rauher Kamm durch die stark geschwollenen Haarbüschel Der Friede mit der Ufraine ist wohl fast als vollendete Tatsache anzusehen und die BoUchewisten werden sich bald zur Nachfolge bequemen, besonders nachdem ihnen Gras Czernin deutlich erklärt hat, daß wir warten können und gar keinen Grund haben, uns auszudrängeln.

Ganz bestimmt zeigt heute die Welt ein anderes Gesicht als vor Jahresfrist. Ein uns bedeutend günstigeres. Unsere Staatsmänner haben nochmals ihre Hand ausgestreckt, Graf Czernin sogar recht weit, aber der. deutsche Endsieg liegt doppelt verankert Ver­stehen unsere Feinde die eine Sprache nichts so beherrschen wir auch noch eine andere. Graf Hertling sagte: Dem Ziele sind wir alle nahe." Davon sind wir fest überzeugt so oder so.

Petersburger Schreckeustage.

Schweizer Grenze, 26. Jan. (Eig. Meld) Der Corr. della Sera" meldet aus Petersburg: Die Ge nichte über bevorstehende neue Unruhen verdichten sich immer mehr. Man glaubt, das die revolutionären Sozialisten, mit den vorgenommenen Einrichtungen nicht zufrieden einen größeren Aufstand beabsichtigen, der indes nicht Aussicht auf Erfolg hat. Man muß im Gegenteil mit neuen Kundgebungen der Anhänger Lenins und Ausschreitungen der anarchistischen Gruppen rechnen, die auch gegenüber den alliierten Botschaften eine drohende Haltung einnehmen

Die zunehmende Hungersnot gestaltet die Lage noch ernster. Die notwendigen Lebensrnittel fehlen und nnb nur zu unerschwinglichen Preisen erhältlich. Die Brot­ration ist aus 100 Gramm pro Kopf herabgesetzt. Etwa 200 Bürger wurden neuerdings verhaftet.

Italien und Pahland.

Das Mailänder Gericht hat auf Antrag mehrerer Mailänder Banken die Beschlagnahme von Gütern und Eigentum der russischen revolutionären Regierung, dar unter Vorräte und Maschinen im Werte von < 0 Millionen Lire und 2 Millionen Lire für Schäven und Zinsverlust,

verfügt. Da die russische Regierung keinen anerkannten Vertreter hat, so wurde die Gerichtsverfügung öffentlich bekanntgemacht.

Carson zurückgetreten.

Carson galt als der starke Mann der englischen Re­gierung, Llopd George erst als der zweitstärkste. Jetzt wird amtlich aus London mitgeteilt, daß Earson als Mitglied des Kriegskabinetts zurückgetreten ist. Was mag das zu bedeuten haben? Hat man in England den allzu starken Ton satt? Wollenes abwarten.

Irlands Unabhängigkeit.

Die LondonerTimes" müssen aus Irland melden : Die Partei der Sinnfeiner stellt das Verlangen, bfe Unabhängigkeit Irlands einer Volksabstimmung zu unterziehen, an der alle Jrländer über 18 Jahre teilnehmen sollen. An .den Mauern Dublins wurden Plakate angebracht, in denen erklärt wird, die Sinn- feinerpartei werde alle Völker, die an den Friedens­verhandlungen teilnehmen, ersuchen, Irland die Unab­hängigkeit zu gewähren.

Irland, das Helgoland des Atlantischen Ozeans.

Es muß immer wieder betont werden, England will Freiheit und Selbstbestimmungsrecht für alle Völker, nur nicht für die, die es nun einmal mit feiner Fremd­herrschaft beglückt hat. So bentt Albion z. B. gar nicht daran, den Iren das an Freiheit zu geben, was sie beanspruchen, und Wilson, der ebenfalls angeblich für Völkerfreiheit kämpft, hält das auch für ganz richtig. England ist eben der Ansicht, daß es Irland haben muß, und diesmuß" ist ihm bann sofort ein Gesetz, das das Recht des andern Volkes aushebt.

Wie groß aber die Bedeutung Irlands für England ist, davon gibt ein Artikel des Britischen Flottenvereins besten Beweis, in dem vor allem auf die strategische Wichtigkeit Irlands für die Engländer hingewiesen wird.

Diesen Artikel glossiert ein JrenblaN und schreibt, England ist in Aengsten, daß es dasHelgoland des Atlantischen Ozeans" verlieren könnte. England weiß, daß ihm Irland ungleich wichtiger ist als seine sämt­lichen überseeischen Besitzungen zusammengenommen, denn der Besitz Irlands hat es instand gesetzt, Europa zu beherrschen und den Westhandel zu kontrollieren. Nie­mand weiß besser sals England, was Verhauen und Loughsmillp als Tauchbootstützpunkte für Deutschland bedeuten wurde, und nun fürchtet es, das Irland seinen Händen entschlüpfen könnte. Auf Grund der Freiheit der Meere müssen die Dardanellen internationalisiert werden, weil das Schwarze Meer so groß und der Türke so aggresiv ist. Aber so klein und unbedeutend ist der Atlantische Ozean und England so harmlos, daß diese Formel seine Herrschaft festigen und es rm Besitz seinesHelgoland" lassen muß. Gute alte Britania, fährt der Ire sarkastisch fort, eine Formel verfehlst du nie richtig anzuwenden, nämlich, was dein ist, ist meine, was mein ist, gehört mir allein. In diesem sinne wirst du ohne Fehl der Völkerliga beitreten, die Doktrin der Freiheit der Meere unterschreiben und jede andere Partner - schaft annehmen, für die du so vertrauensselige ^oren als Teilnehmer findest. Ob Wilson zur Zahl derselben gehört, dürftest du bereits herausgesunden haben. Natür­lich wissen wir alle, daß du, die du nicht jenen deutmen Hunnen gleichst, dein Helgoland lediglich zu haben wünschest, um das Weltmeer frei zu erhalten, wie du es in der Vergangenheit frei gehalten hast. Natürlich hast du ja niemals in den Handel und die Entwicklung eines 'Nachbarn eingegriffen und nie einen möglichen Rivalen niedergeschlagen, ehe er sein Haupt erhob. lllamr- lich sind deine Nelsons nicht wie jene Tirpltze. Sollte man aber nicht trotzdem dieses Helgoland des Attantuchen Meeres als beständige Versuchung für deine -rügend fürchten müssen? Du weißt, daß selbst die Gerechten fallen. Außerdem bedenke, wie viel ruhiger die --taals- männer Europas, Graf Hertling und Kompagnie, ichlasen werden, von Wilson und Amerika gar nicht zu reden; bedenke, was für einen vollständigen Feiertag die Strategen haben werden, um wie viel sicherer die Lemokratic sein wird, um wie viel fomfortablet wir uns alle bennden werden, wenn dieses Alpdrücken verursachende Helgoland das Recht der Selbstbestimmung erhalt, als unabhängiger Staat unter internationalen Garantien konstituiert m. keine Versuchung, keine Gefahr mehr für irgend femand bildet, seine Häfen weder englisch, noch deunch oder holländisch sind, sondern wie es sein sollte, sem eigen.

Das sind treffende, bittere Worte. Werden sie Llond George oder Wilson überzeugen- Sicher nicht 1 Werden sie den Neutralen die Augen öffnen? Man möchte es hoffend Gut aber ist e4, wenn solche Stimmen eifrig verbreitet werden, denn selbst der dickfelligste Lügner wird vorsichtiger im Heucheln und in der Lüge, wenn er immer wieder überführt wird.