chlüchternerZeitung
mit Amtlichem Kreisblatt". — Wochenbeilage: Illustriertes Lonntagsblatt.
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Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Areisblatt" vierteljährlich ^50 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum [2 Pfg
.M 98 Samstag, den 8. Dezember 1917. 68. Jahrgang.
ArnEchss.
An sämtliche Gemeindrkassen des Kreises.
Die Kriegsfamilien - Unterstützungen sind abermals erhöht worden.
Es müssen mehr gezahlt werd:» für den Kopf und Monat einschließlich 1 Mark Nachzahlung für November: im Monat Dezember = 6 Mk. im Monat Januar 1918 = b M. gam'i(i,n’llitglicil. vom „ Februar an =1 Mk. O 8
Sollte sich der eine oder andere Rechner nicht gut zurccht finden mit der Ausrechnung, so wolle er sofort und spätestens bis zum 12. ds. Mts. die Ouittungs- anhänger für 1917 hierher senden.
Die Herren Bürgermeister werden gebeten, dieses sofort ihrer Kasse mitzuteilen.
Kreiskommunalkasse Schlüchtern. Pfalzgraf.
Kriegswirffchaftsstelle.
Ich ersuche die Herren Beiräte in ihrem Bezirk durch Umfrage bei den Wirtschaftsausschüssen sofort feststellen zu wollen, ob die zur Winteraussaat bestimmten Flächen restlos ausgestellt worden sind, oder ob größere Flüchen wegen Mangel an Saatgut, Arbeitskräften oder Spannkräften nicht ausgestellt werden konnten. Bericht erbitte ich mir bestimmt bis zum 13. ds. Mts. ein- zureichen.
Schlüchtern, den 6 Dezember 1917.
Der Vorsitzende der Kriegswirtschaftsstelle.
Auf die Veröffentlichung im Krei blatt Nr 93 vom 16. 11. 17 über die Teeblätter - Sammlung sind mir nur wenige Zuschriften zugegangen von Herren, welche die Auszahlung des Geldes für t!- gesammelten Blättn fordern, da ^ic enmurer wirErto i f elvjt dem Roten Kreuz abliefern wollen, oder da sie ihn für ihre Schüler, die in der Freizeit die Blätter gesammelt haben sollen, beanspruchen. Eine Angabe über die einzelnen abgelieferten Mengen kann ich leider fast kaum machen, da mir keine Wage zur Verfügung stand, und da in meiner Abwesenheit die Blätter meistens zu den anderen geschüttet wurden. - Ich bitte nun nochmals alle Herren, die eine Bezahlung beanspruchen, um Mitteilung-bis zum 15. Dez-mber ds. Js. Ich darf annehmen, daß alle diejenigen Herren, die mir keine Mitteilung zukommen lassen, auf Bezahlung verzichten, wie dies schon mehrere Schulen in dankenswerter Weise getan haben.
Keller, Oberlehrer. * p
Wird veröffentlicht.
Schlüchtern, den 6. Dezember 1917.:
Der Vorsitzende des Kreis-Ausschusses, von Trott zu Solz.
Wildhandel betreffend.
Die Bestimmungen über den Verkehr mit Wild scheinen noch nicht genügend bekannt zu sein, da sehr oft berechtigte Beschwerden über unrichtige Anwendung derselben erstattet werden. Ich sehe mich, deshalb ver anlaßt, die Herren Jagdpächter und Jagdberechtigten nochmals auf die im Kreisblatt Nr. 61 und 81 abgedruckten gesetzlichen Bestimmungen hinzuweisen und sie zur genauesten Befolgung aufzufordern.
Insbesondere mache ich darauf aufmerksam, daß es nicht statthaft ist, Wild an auswärtige Wildhändler abzugeben. Hierzu sind lediglich die im Kreise Schlüchtern zugelassenen Wildhändler zuständig.
Es sind dies: Herr Metzgermeister Wilhelm Harnisch- feger in Salmünfter, Herr Metzgermeister Friedrich Lohmann in Sterbfritz. J.-Nr. 6138 K. A
Schlüchtern, den 6. Dezember 1917.
Der Vorsitzende des Kreis-Ausschusses, von Trott zu Solz
In eiserner Hoffnungsfestigkeit.
Jeden Tag, fast möchte man sagen jeden Augenblick verschiebt sich jetzt das Bild der Weltlage Kommt vom Osten das. Licht des Friedens? Das wird in der Hauptsache davon abhängen, ob die Bolschewisten sich tatsächlich in der Macht behaupten und im Stande sind, geordnete Verhältnisse in Rußland wieder herbeizuführen. Leider ist e/ ja nicht möglich, jetzt schon den richtigen Einblick zu bekommen, die Nachrichten aus dem Osten kreuzen sich, ja widersprechen sich. Eins aber scheint festzustehen, der neue Mann in Rußland, Trotzki, ver^ folgt sein Ziel mit bemerkenswerter Energie und läßt sich durch Ententedrohungen an denen es wahrhaftig gefehlt Hai, nicht wLt^^ ... .inmal etugeschlagene» Wege "abdrängen. Er geht gradewegs auf den Frieden los und läßt kein Mittel unbenutzt, was zur Erreichung diesis Zieles dienen kann. Er setzt die Veröffentlichung der geheimen Dokumente fort, von denen jedes wie ein Keulenschlag auf die Ententehäupter saust, und legt vor der Welt die wahnwitzigen imperialistischen Absichten der Gesellschaft mit beschränkter Haftpflicht England und Genossen schonungslos bloß. Moralisch wurde eine Völkergeselffchaft wohl nie schärfer und niederschmetternder gerichtet, als die Entente durch die Enthüllungen ihrer schwarzen Pläne. Die Mittelmächte aber heben sich aus dem Schlamm, dieser Perfidien vor aller Welt von jeder Verleumdung gereinigt empor, selbst der voreingenommenste Neutrale muß ja jetzt wohl erkennen, daß wir nur das Schwert zogen in Abwehr gegen Meuchelmörder.
Rußland hat uns den Frieden angeboten und wir haben nicht abgelehnt. Rußland hat der Welt den Frieden angeboten, aber die schuldverstrickte Entente schweigt dazu. Gerade die, die sonst den größten Mund
hatten, fühlen, daß.sie jetzt auf den Mund geschlagen sind. Sie reden nicht, weil ffie nicht reden können, weil selbst die Lügenvirtiuosität der Wucht der Enthüllungen gegenüber versagt. Die Demokraten der Entente rücken von den russischen Demokraten ab, wollen nichts von ihnen wissen, und allein Wilson will ganz leise nach Trotzki hin einlenken. Er fühlt wohl, daß Almerikas Hilfe nie die russische Kraft ersetzen kann. Schon jammert man in London und Paris was geschehen wird, wenn Rußland die deutschen Kriegsgefangenen auStauscht, Italien aufhören muß und Rumänien fortfällt, von Griechenland garnicht zu sprechen. Fast fühlt man im Westen schon die Hiebe, die dann auf den Schuldigsten der Schuldigen niedersausen werden. Und was wird erst werden, wenn sich auch Amerika sachte drückt. Eine Geige nach der andern, die am englischen Hochmutshimmel hing, fällt runter. Schon jetzt wissen sie, daß der faktisch schon bestehende Waffenstillstand im Osten uns viele Kräfte freimacht. Sie sehen den Tod nahen, da sie die Schuld bezahlen müssen, die so ungeheuer leichtfertig, um es recht milde auszudrücken gemacht haben.
Wird der Friede bald kommen? Hindenburg und Ludendorff haben sich deutlich zu der Frage geäußert. Er wird kommen, und zwar in einer für uns günstigen Form; doch ob er bald kommt, ist eine andere Frage. Unsere West- und Südfeinde sind allzu schuldverstrickt, als daß sie im Augenblick, so gerne sie es auch wollten, Frieden schließen könnten, und außerdem werden wir, gerade gegen die Westfeinde, nur dann Frieden machen, wenn die Friedensgarantien sicher sindi Schon sind die russischen Unterhändler auf deutschem Boden, schon sind die Tische aufgestellt, an denen die Mittelmächte mit den Russen über ds »Frieden verhandeln. Schon herrscht ein automatischer Waffenstillstand im Osten, doch dem Westen werden wir nach Hindenburgs Wort keinen längeren Waffenstillstand gewähren können. Die Arbeit unserer U-Boote darf nicht ruhen. So stehen wir vielleicht an der Schwelle eines Friedens und würden ihm gern jubelnd Tor und Tür, Herz und Hand öffnen, wenn er uns das bringt, was die Opf:r aufwiegt, die uns die Hinterlist der Feinde auferlegten. Sie glaubten uns zermalmen zu können, jetzt stehen sie zitternd in Erwartung der neuen Schläge durch die Faust dessen, den sie in ein unehrenhaftes Grab schaufeln wollten.
Was wird? Wir wissen es nicht, keiner weiß es genau. Aber das eine wissen wir jetzt schon ganz genau und wissen auch unsere Feinde, die Rechnung wird von denen abgeschlossen werden, gegen bk sie aufgestellt war, nicht von denen, die sie im Größenwahn aufstellten. Und es ist eine nicht kleine Rechnung, ja die größte, die wohl seit Weltbeginn aufgestellt ivurde. Die Gerechtigkeit wird siegen, und w» die war von Anfang bis zu Ende, das haben die Geheimakten bewiesen. Moralisch gerichtet und in seiner ganzen Kraft gebrochen, so steht heute die
In eiserner Zeit. I
Kriegsroma» von Charlotte Wildert. 88 • Was war da vorgefallen? Die kurze Zeit, feit bem ße m der Bibliothek die scharfe, Hartnäckige Anseiuan- dersetzuug mit ihm hatte, hatte ihn furchtbar verändert. Saum, daß sie das sonst so durchgeistigte, lebensfrohe Gesicht wiedererkaimte. „Franz?" Bebend, wie im tiefen Mitleid kam es von ihren Lippen.
EmAufstöhuen aus einer vom Schmerz durchwühlten Brust und bann (ant ber stolze Graf von Brixdorf vor seiner Tante in die Knie, faßte bebend ihre zarten, Mhleu Hände und preßte sie auf feine heiße, glühende Stirn. „Saute — Mutter 1“
Nichts anderes, als immer wieder diese Worte, kam stockeiw, abgerissen von [einem Munde.
„Franz, um GotteS willen, was ist? Was ist ge« scheheu? O Kind! Franz, erzähle mir doch alles, alles, soge es mir wie Deiner Mutter; sieh, wenn es irgend 111 meiner Kraft liegt, Dir zu helfen, so soll es geschehen, "»d sollte es die größten Opfer kosten; ich will Dich glücklich scheu, mein Kind, es schneidet mir ins Herz, wenn Du Dich unglücklich und unzufrieden fühlst! Aber, mmiz, dieses Weib, diese Liane Startell wird Dir nie, 'Ue Glück und Zufriedenheit bringen. O, glaube es mir °vch; ich täusche mich nicht I"
„Tante! O Gott! Nein, Du täuschest Dich nicht — v Gott — dieses Weib — diese Frau, die Dir Schlange “tutest, sie — sie — hat — mich verwundet mit ihrem tödlichen Biß! O Gott, Mutter — Mutter!"
Der alten Dame standen Tränen, die ans einem t'chühlendeu, edlen Herzen gestiegen, in den Augen. Tief ?/">hrt hob sie den Kopf ihres Neffen zit sich empor; ! M tief und forschend in die Augen sehend, sprach sie „Armes Kind, komm, schütte mir doch Dem ge- , kaltes Herz aus. Es wird Dir dann leichter, wenn ich
Dir helfe den milben Schmerz zu tragen, Dich halte, Dick stütze, Dich aufrichte, wie — Deine Mutter!"
Franz von Brixdorf preßte audächtig einen Kuß auf die Hand der ehrmnrdige» Dame, sah voll und klar zu ihr auf und erzählte rhr alles — nichts — nichts verschwieg er. Als er geendet, beugte sich fein Haupt tief auf die Brust, aus bem Auge der Gräfin aber rann langsam eine Träne über die'bleichen Wangen und fiel hinab auf die heiße Hand Franz von Brixdorfs. Erschrocken sah er auf. „Mutter! Dir weinst? Um mich? O Gott, Du sollst sie nicht umsonst geweint haben, diese Tränen! O, Mutter— Du!" .
Und er hob seine zitternde Hand empor, mit seinen Lippen die Träne, die ein treu, edelliebendes Herz um ihn geweint, fortküssend. „O, keine Tränen mehr, geliebte Mutter, es soll noch alles wieder gut werden I Diese Erfahrung, die die erste, aber auch' bitterste in meinem Leben war, hat mich zum altbereit Menschen umgewandelt. Ganz werde ich diesen Schlag, den das Schicksal mir mitten in meinem Glückstaumel versetzt hat, nie vergessen. Aber unter Deiner sorgenden, liebenden Leitung werbe ich daran znAickdenkeu, wie an ein Wundermärchen mit einem grausamen, harten Schluß, das der bitteren, grauen Wahrheit weichen mußte."
Die Gräfin sah mit feinem, warmen Empfinden, daß die Wunde, die ihm das Leben geschlagen, doch noch zu blutig, zu schmerzend war, n»d daß es doch noch einer langen Spanne Zeit bedurfte, bis diese Wunde geheilt, ganz geheilt war.
Wie lindernden Balsam auf die brennende Wnude, so sprach sie zärtliche, mütterliche Worte zu ihm, und Franz von Brixdorf lauschte ihnen, wie er als Kind auf dem Schoße [einer Mutter gelauscht hatte, den Worte», die so lauter und rein, so voll von Liebe nud Güte in sein Herz drangen, die den wilden Sturm säuftigten, der zerstörend darin tobte. Und immer wieder küßte er in überschwellendem Dankesgefühl die schlanken Hände der Gräfin, die innig mit den feinen verschlungen wa*
teil. So saßen sie lauge beisammen, die beiden Mensche», die der Strrrnr des Lebens zu Matter und Kmd vereint. —--
Mit großen Augen starrte Phili von Gordis auf die schmale, elegante Karte, die ihm der Diener auf einem silbernen Tablett überreichte. „Franz von Brixdorf" stand ganz einfach in schivarzeiiBnchstaben auf deut weißeuP^pier.
„Ich lasse ben£etru bitten!"
'Was wollte Brixdorf bei ihm? Waren sie nicht Feinde ? Was hatte er ihm zu sageit? Sollte etwa Liane Startell seinen Brief ihm gezeigt haben?
Mit kurzem Ruck öffnete sich die Tür und Graf Brixdorf trat rasch über die Schwelle. Beide Hände streckte er Gordis entgegen, die dieser sogleich erfaßte uub herzhaft schüttelte.
„Mein Freund?" Fragend, bebend kam es von Brixdorfs Munde.
„Ja, Franz, Dein Freund bin ich uodj, noch nie Hab- ich aufgehört, es zit sein!"
„Phili! Verzeih mir, ich war — war — o Gott, ich war — war —"
„Ein Esel!" Lachend fiel Gordis »rit diesem freilich etwas drastischen Ausdruck in die stockende Rede des Freundes. „Na, mnßt's mir halt llicht krumm nehmen, Frauzel, aber ich glaube, es ist tatsächlich so, wir waren alle Beide zwei rechte Esel. Na, es kommt alles vor im Leben, aber es >»acht ilns Erdenkinder^'nicht bmuuter; im Gegenteil, es belehrt uns. Das Leben ist so ein recht launiger Schulmeister, nur daß die Prügel bei ihn» weit schinerzlicher trifft uub bessere Wirkung hat, da doch wir Menschen aus jeder dieser Launen uns eine nützliche Moral ziehen können. Nil», Franzel, ist's»ickt so ?"
„Doch, Phili, Du hast recht. Dir bist ein alter Philosoph, Du faßt dieses Jaminerleben auf der Erde ganz richtig auf. Glück dem, der diese Natur besitzt; ick bin es nicht, doch eine Moral, und zwar eure gründliche, werde ich mir auch aus dieser Prügel, wie Du übri- ge,ls sehr richtig bemerktest, ziehen." 235,18*