Mt Amtlichem Kreis btari". — Wochenbeilage: Illustriertes Sonntagsblatt.
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M 93 Mittwoch, de r 21 November 1917. 68. Jahrgang.
IM Herzt. Mttm des Mmatßun-es.
In den mit Tausenden Vgn Verwundeten belegten Frankfurter Lazaretten ist ein starker Mangel von frischem Obst vorhanden, das für unsere Verwundeten einen besonderen Genuß bedeutet, der um so wichtiger ist, als die Ernährung durch die Knappheit an Lebensmitteln nicht so reichlich wie früher sein kann. In unserem Kreise war der Obstsegen überreich. Er hat Keller und — Taschen gefüllt. Alle diejenigen, welchen die harte Zeit das Herz noch nicht verhärtete, bitten wir um ein paar Aepfel oder haltbare Winterbirnen. Die Verteilung erfolgt durch Lazarett-Vertrauensmänner, sodaß jeder Mißbrauch ausgeschlossen ist. Wir bitten dringend, der Bitte, die von Frankfurt aus an un§ erging, Erhörung zu gewähren und Schülerinnen, die mit einem Ausweis des Heimatbundes am Tage nach dem Buß- und Bettage, der früher bei uns auch der Erntedanktag war, nicht unbeschenckt gehen zu lasten.
Zum andern bitten wir die Schulkinder unseres Kreises, vor Weihnachten noch die Sammlung von Dörrobst, Brotaufstrich und andern Lebensmittel für ärmste Kranke, Alte, Verlassene der Großstädte in unserer Nähe, die unter den Entbehrungen dieser Notzeit besonders hart leiden, wiederholen zu wollen. Es muß sein! Die Not ist bei den Genannten, von denen gar mancher im Menschenmeer der Großstadt gar leicht überfehen wirb, jetzt und im kommenden Winter besonders vielgestaltig, sadaß wir auch diese Bitte wagen, aller Müdigkeit im Geben zum Trotz, weil auch die Liebe in dieser Zeit keinen Rasttag haben kann und darf. Wir denken an solche, die feine „Beziehungen" haben und keine Wucherpreise zahlen können. Wir bitten, der Unlust zum Geben nicht dadurch Vorschub zu leisten, daß man aus die Außenseite mancher Großstadtverhältnisse sieht, welche das Gegenteil von Not vorträgt. Wir missen, daß es viele gibt, die bitter leiden, für eine Gabe mit Tränen der Freude danken und durch sie in ihrem Glauben an den unversiegbaren Quell wahrer Barmherzigkeit gestärkt werden. Jhuen wollen wir helfen! Wir bitten die Herrn Lehrer, diese Sammlung in gleicher Weise wie im Januar gütigst vermitteln zu wollen. Es kann jeder Geber wohltun, ohne sich weh zu tun.
Auch die Sammlung des Frischobstes, die sofort erfolgen müßte, bitten wir in der schon erprobten Weise bewirken zu wollen. Für Schlüchtern und nähere Umgebung nimmt Frau Prorektor Nielsen jederzeit die Gaben in Empfang. In den weiter entfernten Orten wolle man nach erfolgter Sammlung dem Schriftführer des Heimatbundes Mitteilung machen, um Anschrift der Empfangs stelle unb Freifrachtscheine entgegenzunehmen.
„Gut sein will ich und glücklich machen, will verwandeln Leid in Dank und Lachen, laß mich Sonnenschein
vielen Menschen sein, daß ein Segen wallte, wo ich geh' und schalte."
Der Hermatbund.
Aum Wuß- und Wettage.
„Tut Buße! "" mahnt uns Gottes Wort, Tu Buße, deutsches Volk, auch Du!
O wirf die fremden Götzen fort. Dann kommt Erquickung dir und Ruh.
Dann kommt vom Angesicht des Herrn Dir die ersehnte Friedenszeit.
Dann geht dir auf der Morgenstern Nach diesem jahrelangen Lei).
Dann wird aus so viel Tränensaat Die Freudenerute dir erstehn — Tu Buße — dann Gott selbst dir naht
Und läßt dich seine Gnade ersehn. F. St.
Bußtag.
Wir feiern nun schon zum vierten Male den Bußtag mitten in den Schrecken des gewaltigen Weltkrieges. Als wir ihn zum ersten Male währeno des Krieges begingen, war in uns allen der Eindruck noch frisch und stark, daß über unser Volk, ja über die ganze Kulturwelt ein Gericht hereingebrochen sei, durch das Gott der Herr die Menschen läutern und seine Gerechtigkeit offenbaren wolle. Inzwischen haben wir uns an den Kriegszustand, wie Schmerzliches er uns auch bringen möge, doch im gewissen Sinne gewöhnt. Unsere Gedanken werden wesentlich von den einzelnen Ereignissen und Wechselfällen des Krieges in Anspruch genommen. Wir haben gelernt/ ihn nach der Seite zu verstehen, nach der er Leistung menschlicher Kraft und menschlichen Scharfsinns, Ergebnis und Mittel verwickelter politischer Beziehungen ist, und unsere Ausmerksamkeit wird fast täglich auf eine neue Wendung in dieser Rücksicht hingelenkt. Darüber kann dann die Betrachtung des Krieges unter höherem Gesichtspunkte leicht in Vergessenheit geraten. Der Wunsch, es möge bald Frieden gebe i, sann leicht dazu führen, daß man mehr auf die augenblicklichen Leiden und Vorteile sieht, die der Krieg mit sich gebracht hat, als auf die große weltgeschichtliche Entscheidung, die er in sich schließt. Da treten die selbstsüchtigen und persönlichen Interessen und Wünsche wieder in den Vordergrund, und die Erkenntnis, weshalb eigentlich dieser Krieg hat geführt werden müssen umd was durch ihn hat erreicht werden sollen, die den Gemütern verdunkelt.
Da soll uns der Bußtag wieder an die bleibenden Grundlagen der göttlichen Weltregierung erinnern, bie *n dem gegenwärtigen Geschehn klarer als gewöhnlich intage treten. Ueber das mannigfaltige bunte Gewebe von Ursache und Wirkung, Berechnung und Erfolg, Absicht und Gelingen hinweg, das doch schließlich nur Hilfsmittel für das Werk der Vorsehung ist, herrschen und leiten den Gang der Dinge die ewigen göttlichen Gedanken, die einesteils mit heiliger Gerechtigkeit die unveränderliche Wahrheit und Ordnung in den mensch "chen Dingen aufrecht halten, andererseits in gnadenvollem
Erbarmen das himmlische Licht und das vollkommene Heil den Menschen immer näher bringen und das Reich Gottes auf Erden weiter ausbreiten wollen. Diese göttlichen Gedanken kann kein Menschenwitz wegschaffen keine Menschenkraft aufhalten: was er sich vorgenommen und was er haben will, das muß doch endlich kommen zu seinem Zweck und Ziel. Deshalb kann niemand ooi Gott bestehen, der sich nicht unter diese göttlichen Gedanken beugt und ihnen seine Dienste leiht. Es sei ein einzelner Mensch, es sei ein ganzes Volk, das sich ihnen in den Weg stellt, sie brechen alles nieder, was sich wider sie setzen will.
Wir haben in diesen Kriegsjahren schon eine Reihe Völker und Königreiche dahinfallen sehen. Niemand kann es leugnen, daß bloß mit menschlichen Maßnahmen solche weltgeschichtlichen Umgestalltungen sich nicht durchsetzen lassen und keinerlei Dauer haben können. Es handelt sich hier nicht um Fragen menschlichen, son ern um die Entscheidungen des göttlichen Rechtes, die nach dem Geist und Leben in dem Innern der Völker sich richten. Darum' sagt der Prophet, daß der Herr die Bosheit der Völker Heimsucht, aber wenn ein Volk sich von seiner Bosheit bekehrt, auch das Unglück von i^m wendet. Dieses Wort sollen wir nicht bloß zur Beurteilung anderer Völker uns dienen lassen, sondern ernstlich für uns selbst zu Herzen nehmen. Die Sünde ist und bleibt der Leute Verderben, und jedes Volk es sei noch so begabt und hoch entwickelt, geht zugrunde, wenn es sich aus der Verbindung mit dem ewigen, gerechten und gnädigen Gott löst.
Die Feier des Reformationsfestes hat uns erst kürzlich an das erinnert, was die starken Wurzeln unserer Kraft sind Möge der Bußtag in allen deutschen Herzen .das Bewußtsein neu beleben, daß wir verloren find, wenn wir nicht Frieden haben mit unserem Gott, und daß uns nichts schaden kann, wenn wir im Dienste Gottes, der Menschheit und des Vaterlandes dem Guten nachkommen. Diese Kriegszeit hat neben vielem Erhebendem unb Großen auch viel betrübende Schäden und entstellende Flecken in unserem Volke bloßgelegt; möge der Ernst der Zeit immer mehr deutsche Hrzen dazu treiben, die Bosheit im eignen Innern und im Volksganzen zu bekämpfen und zu überwinden. Dann werden wir getrost rühmen dürfen: Der Herr wird seinem Volke Kraft geben; Der Herr wird sein Volk segnen mit Frieden.
Politische Uebersicht.
Clemeneeau französischer Ministerpräsident.
Ueberraschender Weise ist Clemeneeau der Erzfeind Potncaräs in Frankreich Ministerpräsident geworden und es ist ihm auch gelungen, ein Ministerium znsammen- zubringen. Warf) seiner Zusammensetzung aus Männern aller Parteien ist es als ein Koalitionsministerium anzusprechen, nur wirv ihm kaum eine längere Dauer
zuzugestehen sein, da die Sozialisten nicht mitmachen. Andererseits ist es interessant, daß Pams, der Rivale Poincaräs, ein Portefeuille erhielt. Wie sich der Tiger wie Clemeneeau in Frankreich genannt wird, mit der Affäre abfinden wird, wird die nächste Zeit erweisen. Auf seiner Flagge steht: Krieg bis aufs Messer!
Das Ende des Balkautranms.
Die zerschmetternde Niederlage der Jtalieger macht sich längst auf allen Kriegsplätzen geltend, auf denen Italiener kämpfen. Als die italienischen Truppen an der mazedonischen Front durch von bulgarischen Fliegern abgeworfene Zettel von der Niederlage der italienischen Aemeen in Oberitalien erfuhren, bemächtigte sich ihrer eine große Unruhe. Sie brachen in Rufe aus: Evviva la pace! unb verloren die Kampflust. Auf Befehl Sarrails wurden die italienischen Truppen von der ersten Linie zurückgezogen. Alle Anzeigen lassen darauf schließen daß die drei italienischen Divisionen an der mazedonischen Front nach Italien zurückgebracht werden. Die Rück- berusung hat ihre Ursache' darin, daß Italien seine Balkanträume aufgegeben hat. Die schwere Niederlage der Italiener hat das italienische Prestige völlig untergraben. Die griechischen Truppen weigerten sich, gemeinsam mit den Italienern zu kämpfen. So wird Italien für seinen Verrat bestraft und wird noch manchen seiner Verräterwünsche als Traun enden sehen.
Holland und die Brit u.
England „befreit" abwechselnd die kleinen Staaten. Jetzt ist Holland mal wieder an der Reihe, durch einen Druck des Daumens aufs Auge „befreit" zu werden. Aber in Holland sieht man dem Manöver nicht überall angenehm berührt zu. So meint vas Amsterdamer Handelsblad zu dem Weißbuch der englischen Regierung in dem die Gründe des Verbots der Durchfuhr von Kies usw dargelegt werden: Wir hätten es begrüßt, wenn die niederländische Regierung auch ihrerseits zu Vergeltungsmaßregeln übergegangen wäre, wenn die Regierung gezeigt hätte, daß Eimland sich keinen Vorteil verschafft, wenn es unsere Feindschaft und unseren Abscheu herausfordert. Unserer Meinung nach darf die Regierung nicht alles dafür aufopfern, daß unser Land nach dem Kriege dasjenige Land ist, daß durch deu Krieg am wenigsten gelitten hat. Es gibt noch etwas besseres, wofür unsere Regierung Sorge zu tragen hat, nämlich die Achtung, die wir vor uns selbst haben müssen." — Das Blatt nennt das Vorgehrn Englands gegen Holland glattweg einen „Mißbrauch der gepanzerten Faust."
Amerikanische Beklemmung.
Die amerikanische Presse sieht die italienische Niederlage für höchst ernst an. Der kriegSwütige New. Dorfir Herald klagt, daß nun Amerikas Aufgabe viel größer werde, als man angenommen habe (!), und daß es sich noch auf einen zwei- oder selbst dreijährigen Krieg ge-