lhWernerMtMlg
mit „Amtlichem Kreisblatt". — Wochenbeilage: Illustriertes Sountagsb! ttt.
Telefon 65. :: Postscheckkonto Frankfurt a. M 11403 :: Telefon 65.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Areisblatt" vierteljährlich 1,50 Mk - Anzeigen kosten die kleine Zeile oder beren Raum 12 pfg.
„M 19 Mittwoch, den 7. März 1917. * 68 Jahrgang.
Amtliche»
Wie bringen unsere Feinde die Kriegskosten auf?
Von Pros Dr. Willi Prio», Berlin. (Schluß.^
4. England.
England ist nicht nur wirtschaftlich, sondern auch ßnanziell der Kopf der Entente. Und es ist zweifellos bewunderungswürdig, was England in dieser Rolle Falles leistet. Man denke nur an die Durchführung des Handelskrieges (Schwarze Listen, Kontrolle der Neu- Müleu), an die Versorgung des eigenen Landes wie der Verbündeten mit Lebensmitteln, Rohstoffen, Kriegsmaterialien, an die Herstellung von Munition, an die Dispositionen über ben Frachtraum — kurz Leistungen, die durchaus Bewunderung verdienen und zum Glück für uns Menschen, Kräfte, Nerven absorbieren, die der eigentlichen Kriegführung entzogen werden. Dazu kommt endlich die Aufbringung der finanziellen Mittel, die Bezahlung der Einkäufe im Ausland — auch für die Verbündeten. Aber wie die wirtschaftlichen Maßnahmen ^mf Schwierigkeiten stoßen (Frachtraumnot, Getreideversorgung, Arbeitermangel und Hemmung der AuS- ffü$t\ so machen auch die finanziellen Lasten nicht geringe Kopfschmerzen — dem reichen England.
Die gesamten Kriegskosten Englands betrugen Ende 1916 etwa 70 Milliarden Mark. Davon sind wiederum — die gleiche Erscheinung in allen Ententeländern — nur etwa 18 Milliarden Mark durch feste Anleihen aufgebracht worden. Ein weiterer Betrug von etwa 25 Milliarden Mark entfällt auf kurzfristige Schatz rMyrrgr-^p^K..Ü ,is.....§,,. iiiwru m 4 -wordeiiT' 'nsto ffli! | knapp ein Drittel der gesamten Kosten konnte — wenn | man die durch Steuern aufgebrachten Beträge berück- < fichtigt — bisher auf dem Anleihewege gedeckt werden, i Wie sehr sich England verrechnet hat, geht daraus her- j vor, daß der englische Finanzminister die erste Anleihe £ mit 3 '/u Prozent Zinsen, die 2. mit 4 7, Prozent ausstattete, während er für die 3. Anleihe 5 Prozent und einen Kurs von 95 Prozent bewilligen mußte. In der Zwischenzeit gewährte er auf die obengenannten Schatzwechsel 5 bis 5 7« Prozent und auf die fünfjährigen Schatzscheine sogar 6 Prozent Zinsen. Das ist das reiche England, das vor dem Kriege 2 '/, pro- ' zentige Konsols ausgeben konnte! Bei der jetzt erst als abgeschlossen geltenden 3. Anleihe rechnete man in .England auf ein Ergebnis von 50 Milliarden Mark, wobei man annahm, daß ein großer Teil der älteren Anleihen und Schatzwechsel zum Umtausch eingereicht mürbe. Durch allerhand Vergünstigungen machte man diesen Unttaufch verlockend. Denn der englische Finanz- minister weiß nur zu gut, daß auch in England — wie in Frankreich — Schatzanweisungen vom Publikum vorgezogen werden, weil sie kein Kursrisiko enthalten. Der ‘ Kursrückgang der älteren Anleihen (3 7, proz. Anleihe । von 95 Prozent auf 85 Prozent, 4 78 proz. Anleihe von 100 Prozent auf 96 Prozent) war keine Ermunterung für die Kapitalisten, ihr Geld in der 3. festen Anleihe anzulegen Es fehlt auch hier das Vertrauen zur Kursb- ständigkeit der Anleihen, ja zur Sache der Entente überhaupt, und die deutschen ll - Boote werden dafür sorgen, daß die,Hoffnung auf den „entscheidenden Sieg" in England immer mehr schwindet.
Während der Drucklegung dieser Zeilen wird bekannt, daß der englische Finanzminister das Anleihe - Ergebnis auf 12—14 Milliarden Mark berechnet. Der englische Funkspruch vom 21. v. M. spricht von einem glänzenden Ergebnis, das zeige, daß England finanziell noch nicht erschöpft sei. Dieser Kommentar klingt ungewöhnlich; er macht sogar stutzig. . In der Tat ist das Ergebnis alles andere als glänzend. Es ist mehr wie kläglich. Denn man darf — wenn man die 12—14 Milliarden richtig einschätzen will — nicht außer acht lassen, daß sich die Gesamtsumme der festen Anleihen in Eng land nunmehr erst auf rund 30 Milliarden Mark stellt bei einem Anleihebedarf von rund 70 Milliarden Mark. Das reiche England steht also trotz der jüngsten Anleihe noch weit hinter Deutschland bezüglich der Konsolidierung bei Anleihen zurück.
Auffallend gering ist der Betrag von 12—14 Mit liarden Mark auch deshalb, weil allein 20 Milliarden Mark kurzfristiger Schatzwechsel ein llmtauschrecht be-- saßen. Also mir die Hälfte der Schatzwechsel ist
umgetauscht worden. Nichts spricht deutlicher für die Zurückhaltung des Publikums als diese Tatsache.
Immerhin: wenn England aus dem Anleihewege auch nicht genügende Mittel auftreiben kann, so bleibt ihm doch die Quelle des kurzfristigen Kredits, aus der der englische Finanzminister weiter schöpfen kann. Nur bleibt bei diesem Verfahren die Gefahr bestehen, daß dereinst die Umwandlung der gewaltigen Summen schwebender Schuloen in feste Anleihen großen Schwierigkeiten begegnen wird, wenn die Kriegsnotwendigkeiten nicht mehr vorliegen — oder sogar, was wir hoffen, das Ende des Krieges nicht so ausfällt, wie es sich die englischen Machthaber ausmalen. Daher kam ihnen auch in finanzieller Beziehung das deutsche Friedensangebot so ungelegen, wie nur möglich. Die sofort nach Ablehnung des deutschen Angebots erfolgte Auflegung der 3. Anleihe zeigt, daß England zum zweiten Male nicht der Gefahr ausgesetzt sein möchte, dem Ende des Krieges mit 40 Milliarden Mark kurzfristiger Schulden bepackt entgegenzugehen......
Der Schwerpunkt der englischen Verlegenheiten liegt jedoch — ebenso wie bei Frankreich — in den Zahlungsverpflichtungen aus Ausland, nur mit dem Unterschiede, daß sich England nicht an eine andere Geldinstanz so anlehnen kann, wie dies die übrigen Ententeländer an England tun — wenigstens einstweilen noch nicht.
England muß für Kriegslieferungen aller Art, für Lebensmittel und Rohstoffe gewaltige Summen "ans Ausland, vor allem an Amerika zahlen. Die Abtragung dieser Schulden mit der Ausfuhr von englischen Waren ist nur zu einem geringeren Teil möglich, da der englische Ausfuhrhandel durch die Einstellung der englischen Volkswirtschaft auf die Kriegsbedürfnisse stark einge- schrankt ist und der verbleibende Rest der A smhr in Tret Hauptsache nach W 'WTTOm ^nnn
Der - sichtbare Einfuhrüberschuß betrug im Jahre 1916 etwa 7 Milliarden Mark. Die Beschaffung von Zahlungsmitteln für die amerikanischen Lieferungen er: folgt und ist erfolgt durch Wertkäuse und Verpfändung ausländischer Wertpapiere, (die das englische Schatzamt mit allen erdenklichen Reizmitteln an sich zu ziehen versucht), durch Eröffnung von Krediten und Aufnahme von Anleihen im Ausland (zu beschämenden Bedingungen u. a. in gimmta: 6 Prozent Zinsen und Hinterlegung von Wertpapieren in Höhe von 120 Prozent der Dar- lehnSsumme), durch Versendung von Gold, das sich England von seinen Bundesgenossen, sogar von Japan und Rußland zusammengeborgt hat. Im ganzen hat allein Amerika während des Krieges etwa 6 Milliarden Mark amerikanischer und anderer Wertpapiere zurückgekauft, etwa 8 Milliarden Mark Kredite aller Art an die Ententeländer gewahrt und endlich etwa 4 Milliarden Mark Gold erhalten. Unter Aufwendung dieser gewaltigen Anstrengungen ist es England gelungen, seinen Zahlungsverpflichtungen jeweils mit knapper Not gerecht zu werden und die Parität seines Wechselkurses einigermaßen aufrecht zu erhalten. Mit dieser Stabilität der Wechselkurse prahlt England in aller Welt, und auch bei uns lassen sich viele Leute durch den günstigen Stand des englischen Wechselkurses blenden, insofern als sie von diesem auf die „glänzende" Finanzlage Englands schließen. Sie überfein eben, daß hinter der künstlichen Hochhaltüng des englischen Wechselkurses ein gewaltiger Ausverkauf von Wertpapieren, die^Gewährung riesiger Kredite steht, die vorläufig in der Schwebe sind und eines Tages abgetragen, d. h. zurttckbezahlt werden müssen. Dieser Tag ohne den entscheidende» Sieg — wirb für England ein schwarzer Tag werden. Bis dahin sieht sich England Tag für Tag vor die große Sorge gestellt, täglich etwa 50 Millionen Mark für die Auslandszahlungen zu schaffen, bezw. die Lieferanten zur Gewährung von Krediten geneigt zu machen.
Der Abbruch der amerikanischen Beziehungen zu Deutschland wird wohl im ersten Augenblick in England wie eine Befreiung von finanziellen Sorgen gewirkt haben. Eine große Enttäuschung wird daher die weitere Meldung bereitet haben, die besagt, daß Amerika — für den Fall, daß es mit Deutschland zum Kriege kom- me>> sollte — daß Amerika seinen Krieg mit Deutsch- land allein zu führen beabsichtige. Das bedeutet in finanzieller Beziehung, daß Amerika nicht gemeinsame Kasse mit seinen Verbündeten machen will. Man könnte sich auch wirklich nichts Törichteres denken,^als daß das offizielle Amercka nun einfach als neuer Teilhaber in das bestehende Entente-Schuldverhälrnis von 200 Milliarden Mark eintreten würde.
Sie werden auf Granit beißen!
Man kann den Engländewn nicht nachsagen, daß sie bescheiden gewesen wären. Sie haben herausgeholt, nicht nur aus ihrem eigenen Lande, sondern besonders auch aus den Kolonien, aus ihren Bundesgenossen und aus den Erdteilen schwarzer und gelber Völker, was nur herauszuholen war. Und alles, alles war bisher vergeblich. Deutschlands und seiner Kampfgenossen Macht war nicht zu brechen. Liegt in diesem Millionen- ansturm der ganzen kriegsfühigcn Mannschaft Europas gegen die im Herzen dieses Erdteils gelagerten Völker schon ein Armutszeugnis, weil er keinen Erfolg hatte, so war das Buhlen um die Ueberseewelt noch viel jämmerlicher, weil das Mißverhältnis zwischen Wollen und Können hierdurch noch viel schreiender zum Ausdruck kommt.
England fängt an zu begreifen, daß seine wirkliche Macht nicht mehr die gleiche ist wie früher, seitdem es Dinge in dieser Welt gibt, die auch dieser Insel und ihren Bewohnern das Gefühl kalter Sicherheit und das Privilegium der Unangreifbarkeit zu rauben vermögen. Wann hätte ein Palmerston, der das stolze Wort gesprochen hat, daß ohne Englands Erlaubnis kein Kanonenschuß auf dem weiten Meer gelöst werden dürfe, es für nötig befunden, das Land der einstigen-Rebellen jenseits des Atlantischen Ozeans um Hilfe zur Rettung anzurufen! So weit sind also heute die Engländer gekommen. Denn sie halten tatsächlich Amerikas Unterstützung für unentbehrlich und haben sie auch durch gewisse Umstände zu erlangen vermocht: der Alleinbesitz des Kabels machte sie zu Herren der öffentlichen Meinung im Lande der öffentlichen Meinung; ihre ungeheure Verschuldung an die Vereinigten Staaten, 6 7, Milli- aroek Murr, müchir sie zu „Schuldnern Nil "ostb..-..;; Leben". Daß Amerika in der U-Boot-Frage aus ihre Seite hinüberschwenkte, verdanken sie vielfach dem Umstände, daß an dem Obsiegen dieser neuen Waffe, die eine gänzliche Umwertung in der Frage der Seeherrschaft herbeizuführen berufen ist, die Amerikaner ebensowenig ein Interesse hatten, wie an dem Obsiegen der Kriegspartei, die jene Waffe zur vollen technischen Aus- nützung bringt. Wir kommen nicht über den Gedanken hinweg, daß jeder Staat, Großbritannien sowohl wie die Vereinigten Staaten, falls er in der gleichen Lage wäre ' wie Deutschland, diese Waffe ebenso unter Nutzbarmachung aller Vorteile ihrer Eigenart gebrauchen würde.
Halten etwa völkerrechtliche oder gar moralische Bedenken England davon ab, Minenfelder von der größten Ausdehnung und voller Gefahren für die neutrale Schiffahrt zu legen? Hat nicht England mit dem Erlaß vom 3. November 1914 das gesamte Gebiet der Nordsee für gesperrt und infolge, der gelegten MG die gesamte Handelsschiffahrt für gefährdet erklär- ? Und macht es irgendeinen Unterschied, ob ei mim1 schiff mit Nichtkämpfern durch einen Torpedo : < :.. eine Mine zugrunde geht? Würden endlich Ame kaner, die in ihrem Kampf mit England 1,8 i 8^ ben Kaperkrieg in ähnlichem Verhältnis führten wu wir heute, Anstand genommen haben, ihre „privateers* in derselben Weise zu gebrauchen, wenn diese die Tauch- bootmöglichkeiten und den Torpedo besessen hätten e Wir wagen, hieran sehr zu zweifeln! Das Tauchboot hat sich' das Recht seiner Eigenart eben noch nicht erkämpft. So einleuchtend es sein mag, daß eine neue Waffe nicht den Regeln bisher gültiger Kaulpfisweise unterworfen werden kann, ebenso verständlich ist eS ja, wenn der Gegner ihre Anwendung mit dem Vorwurf der „Nichtachtung der Gesetze der Zivilisation" belegt — weil gerade er dadurch benachteiligt ist. Die kleinen Seestaaten mögen schon lange in der U Boot-Waffe ihren Schutz gegen eine Vergewaltigung durch eine übermächtige Flotte erblickt und im stillen bei sich beschlossen haben, diese ebenso zu gebrauchen, wie wir sie es lehrten, wenn der Notstand an sie herantreten sollte. Amerika, das auch eine mächtige Flotte besitzt, vor allem aber ein Gebiet, das wegen seiner Ausdehnung und wirtschaftlichen Grundlagen niemals in Ernährungs- schwierigkeiten geraten kann, kann des 11 Koot-SchutzeS eher sakralen. Auch das gehört zur Erklärung feiner Stellungnahme. Auf einer derartig gesicherten Grundlage Menschlichkeit zu predigen, ist wohl nicht der Gipfel wahrer Menschlichkeit, die für alle fühlen muß, nicht nur für jene Nichtkämpfer, die sich auf eigenes Risiko in die Gefahrzone begeben, sondern beispielsweise auch