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tritt amtlichem "Kreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

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Wochenbeilage: Illustriertes Sonntagsblatt.

Erscheint Mittwoch und Samstag. preis mitAreisblatt" vierteljährlich 1,20 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 12 pfg.

M 104.

Mittwoch, den 27. Dezember 1916.

67. Jahrgang.

Anettiches.

Natioualstiftnna für die Hinterbliebenen der im Kriege Gefallenen.

Provinzialausschuß der Provinz Hessen-Nassau.

Die vornehmste Dankespflicht des deutschen Volkes gegen seine im Kriege gefallenen Söhne ist die Fürsorge für die Hinterbliebenen, insbesondere für die Witwen und Waisen der auf dem Felde der Ehre gestorbenen Helden. Die Nationalstiftung hat sich die Erfüllung dieser Pflicht zur Aufgabe gesetzt. Sie erstreckt ihre Tätigkeit bereits über das ganze Reich. Auch in unserer Provinz hat sie schon warmherzige Förderer gefunden. Um aber allen Anforderungen, die mit der Dauer des Krieges und der zunehmenden Zahl der Hinterbliebenen fortgesetzt wachsen, genügen zu können, ist die Mftung auf die Mitarbeit aller angewiesen. So wenden wir uns denn im Vertrauen auf die oft bewiesene Opfer- freudigkeit an die gesamte Bevölkerung unserer Provinz mit der herzlichen Bitte:

Gebt für die Witwen und Waisen; gebt für alle hilfsbedürftigen Hinterbliebenen der tapferen Söhne Hessen-Nassaus, die ihr Leben nicht nur für das Vaterland, sondern auch für Euch da- hingegeben haben, denen Ihr es allein zu danken habt, daß Ihr ungestört Eurem Erwerb, Eurem Beruf nachgehen könnt! Vergeht die teure» Toten nicht! Dankt ihnen ihre Treue durch treneMrsorge für ihre Hinterbliebenen! Spendet Geld und Wertpapiere, und spende ein jeder nach seinen Kräften gern im Gedanken, wie ge­ring doch solche Opfer au Geld und Gut sind gegenüber dem Opferte so vieler Oaufi^der stvsmr Brüder!"

Namens des Provinzialausschusses der Nationalstiftung. Der Vorsitzende.

Hengstenberg, Oberpräsident der Provinz Hessen-Nassau.

Wirklicher Geheimer Rat.

Für den Kreis Schlüchtern hat der Kreisausschuß die Aufgaben des Ortsausschusses der Nationalstiftung übernommen. Er wird bei Prüfung der Gesuche durch die Herren Pfarrer Kurz und Pater Pastor Schu­macher in Salmünster unterstützt werden. Wir sind überzeugt, daß wir bei dieser Fürsorgearbeit auf die tatkräftige Mithilfe aller Vereine, Körperschaften und Personen im Kreise rechnen dürfen, um die großen Auf­gaben der Hilfe und Fürsorge für alle Opfer des Krieges erfüllen zu können.

Wir fordern unsere Mitbürger auf, die National­stiftung für die Hinterbliebenen der im Kriege Gefallenen jeder nach seinem Vermögen mit reichen einmaligen und laufenden Spenden zu bedenken, nachdem sie jetzt ihre Tätigkeit auch im Kreise Schlüch­tern ausgenommen hat.

Spenden werden von der Kreiskommunalkasse, der Landeörenterei (Renimeister Barthelmes) in Schlüchtern und von den Sparkassen des Kreises entgegengenommen.

Spenden, die vor dem 1. Januar 1917 gegeben werden, unterliegen nicht der Kriegsgewinnsteuer.

Schlüchtern, den 29. Oktober 1916.

Namens des Kreisausschusses.

Der Vorsitzende: von Trott zu Solz.

Die Zurückstellung Wehrpflichtiger.

DieNorddeutsche Allg. Ztg." gibt eine Aufklärung des Magdeburger stellv. Generalkommandos über die Grundsätze für die zukünftige Zurückstellung Wehr­pflichtiger wieder nnd bemerkt dazu:

Alle in Betracht kommenden Stände und Berufe können versichert sein, daß die Behörden nach wie vor Reklamationen auf das eingehendste prüfen und, soweit militärische Interessen nicht empfindlich berührt werden, wohlwollend und gerecht berücksichtigen werden."

Die in Magdeburg aufgestellten und zweifellos all­gemein geltenden Grundsätze für die Zurückstellung lauten:

Zunächst ist es Grundsatz, daß in erster Linie alle kriegsverwendungsfähigen Personen zum Waffendienst herangezogen werden. Sodann benötigt das Feldheer aber zur Auffüllung der Armierungsbataillone alle in der Heimat Entbehrlichen, diea. v. f. A." geschrieben sind.

Dieg. v." unda. v." Leute werden ferner in den heimatlichen Ersatztrupp- nteilen zum Wach- und Sicherheitsdienst und für andere rein militärische Dienst­zweige benötigt, soweit sie nicht durch Hilfsdienstpflich­tige ersetzt werden können.

Neuerdings werden auch sehr zahlreicheg. v." und a. v." Leute ins Feld geschickt, um dort dicht hinter der Front die kriegsverwendungsfähigen Soldaten ab- zulösen, so z. B. als Schreiber bei den Kommando­behörden, als Offizierburschen usw., an den Feldküchen, bei der Bagage usw., außerdem gebraucht man sie in der Etappe zum Bnhnschutz und Wachtdienst.

An all diesen ist natürlich immer großer Bedarf, so daß dauernd solche Leute zur Einstellung kommen müssen.

Naturgemäß ist es bei der gewaltigen Inanspruch­nahme unserer für HeereSbedarf tätigen Industrie mit ihren Tausenden von Sonderbetrieben unvermeidlich,daß einzelne mit Spezialkenntnissen und -Fertigkeiten aus­

gestattete, überhaupt nicht zu ersetzende Personen nicht für den HeeeeSdienst freigemacht werden können, auch wenn sie kriegsverwendungsfähig sind. Diese Leute leisten dem Vaterlande an ihrer Arbeitsstelle ungleich wertvollere Dienste, als mit der Waffe auf dem Schlacht­felde. Ob solche kriegsverwendungsfähigen Personen nun tatsächlich unentbehrlich und unersetzbar sind, unter­liegt genauer Prüfung durch zu diesem Zwecke besonders ausgewählte Fachoffiziere, durch die Gewerbeinspektoren und andere amtliche Aufsichtsbehörden.

Daß ferner auch einzelne Personen in leitenden Stellen großer industrieller Unternehmungen, des Handels oder der Gewerbe, sowie der für die Zwecke der Volks­ernährung usw. errichteten amtlichen und privaten Ein­kaufs- und Verteilungsstellen nicht zum Heeresdienst herangezogen werden können, sowie auch solche leitenden Personen, wie Gutsbesitzer, Inspektoren usw. für die Landwirtschaft in vielen Fällen unentbehrlich sind, kann nicht bestritten werden. Würden alle diese Genannten ausnahmslos zur Einstellung kommen, so würde nicht nur die Herstellung der Munition, sondern auch über­haupt die ganze Ernährung des Volkes wie des Heeres in Frage gestellt werden.

Um einen einigermaßen geordneten Geschäftsbetrieb bei unseren Reichs-, den Staats- und Kommunalbehör- den zu gewährleisten, bedürfen auch diese einer großen Anzahl von Beamten, die manchmal kriegsverwendungs­fähig und trotzdem unentbehrlich sind.

Zurückstellungen auf Grund eigener häuslicher usw. Verhältnisse erfolgen allgemein nur noch in nachweisbar zwingendsten Fällen, wenn sie zur Vermeidung eines äußersten Notstandes erforderlich sind. Auch derartige Gesuche werden beim stellvertretenden Generalkommando auf das eingehendste geprüft.

Wie bereits vor einiger Zeit bekanntgegeben worden ist, sind Reklamationen aller nachweislich unabkömmlichen Personen bis Ende dieses Jahres durch die Zivilvor­sitzenden der Ersatzkommission dem stellvertretenden Generalkommando einzureichen. Ausgenommen sind die Betriebe der Kriegsindustrie, welche unmittelbar durch die Abteilurg 11b Fabrikcnabteilung bearbeitet uud ge­prüft werden. Nach dem 1. Januar 1917 werden Reklamationen, wenn sie erst, nachdem der Betreffende den Gestellungsbefehl in der Hand hat, eingereicht wer­den, bestimmungsgemäß grundsätzlich abgelehnt werden. Selbstverständlich werden Reklamationen, die von noch nicht einberufenen Leuten vorgelegt werden, nach wie vor geprüft.

Bemerkt wird noch, daß eine Znrückstellung von kriegsverwendungsfähigen Wehrpflichtigen zwecks Vor­bereitung und Ablegung von Prüfungen, also z. B. von den Schülern des Jahrganges 1898, nicht mehr erfolgt.

Im Schatten der Weterpauksfestung.

Roman von Hermann Gerhardt. 46

Er schrieb einen längeren Brief an Mischa, worin er t sagte, er und seine Schwester seien in dringenden An- f gelegenheiten ganz plötzlich in die Heimat abberufen I worden; er habe es daher für besser gehalten, seinen | Zöglingen den Schmerz des Abschiednehmens zu er- k sparen. Dann versicherte er. den Knaben seiner daneru- | den Anhänglichkeit, bat denselben, ihm fleißig 311 schrei- ? den, und gab an, wohin das Gepäck nachzusenden sei.

Auch an den Projekten richtete er einige förmliche | Zeilen, worin er unter dem Verwände dringlicher Fa- I milienangelegenheiten, die seine und seiner Schwester i sofortige Entlassung und um Entschuldigung dieses so s überstürzt erscheinenden Schrittes bat. Darauf schloß I er beide Briefe in sein Pult und überzählte seine Bar- I schüft. Es erwies sich, das seine und Margaretes Er- sparnisse eine ganz hübsche Summe ausmachten, so daß in dieser Hinsicht eine Besorgnis unnötig war. Nach­dem er die Banknoten in seiner Brieftasche verwahrt, ; seine Papiere geordnet und sich eine Zigarre angesteckt, warf er sich auf die Chaiselongue und versank in trübe Gedanken.

Katia war es, die ihn unablässig beschäftigte. Er malte sich aus, was sie empfinden würde, wenn sie erfuhr, daß ihre geliebte Margarete sie auf so uner- klärliche Weise im Stich gelassen habe! Wie wild, wie fassungslos war sie stets in ihrenSchmerzensansbrüchen! Würde auch er an ihrem Kummer einigen Anteil haben? Würde sie ihn vermissen, der ihr Bild wie ein Heiligtum in seinem Herzen trug? Ja, er liebte sie tief und I innig; noch nie war ihm dies so zum Bewußtsein ge- tonunen, wie jetzt, da er sie verlassen sollte. Farblos »Unb öde lag die Zukunft vor seinen Augen-

Als Werner aus beängftigenben Träumen erwachte, fand er sich noch auf der Chaiselongue liegend. Da es bereits dämmerte, hielt er es nicht der Miihe wert, noch ins Bett zu gehen. So ließ er sich Zeit beim Ankleideu, unb stand dann noch eine geraume Weile gedankenver­loren am Fenster, bis der Diener ihm seinen Morgenkaffee brächte.

Nachdem er gefrühstiickt, begab er sich zu Marga­rete. Er fand sie elend aussehend, aber ruhig und beherrscht. Sie plauderten zusammen bis neun Uhr, dann ging Werner, um die Pässe zil besorgen. Der erste, der ihm auf der Straße begegnete, war Litschkoff, der in seinem gewohnten Schlenderschritt auf ihn zukain.

Herrliches Wetter 1" begrüßte er Werner.Gehts nach dem Hospital?

Ungewandt, wie er war, verneinte Werner.

Nicht? Also ein Spaziergang!" fuhr der andere fort. x

Werner runzelte die Stirn.Ich gehe aus," ant­wortete er kurz, lüftete den Hut und ging vorüber. Der Sekretär sah ihm mit einem eigentümlichen Blicke nach.

Der. Vormittag war schon sehr vorgeschritten, als Rittberg nach Hause kam. ES hatte viel Aufenthalt und langweilige Formalitäten gegeben, aber nun lagen die kostbaren Legitimationspapiere auch wohlverwahrt in seiner Brieftasche.

In feinem Zimmer erwarteten die Knaben ihren Lehrer bereits zur Stunde.

Werden Sie uns über die Zeit behalten, Herr Ritt­berg?" war Manjas erstes Wort.Wir waren pünktlich auf die Minnte da, aber Sie"

Mach Dir keine Sorgen, mein Junge," unterbrach ihn Werner lächelnd.Mit dein Schlage zwölf seit Ihr erlöst."

Noch nie aber war dem Lehrer eine Stunde so endlos lang erschiene»^ Den Ko^s mit aflerhand fppgeichen

und schmerzlichen Gedanken erfüllt, fühlte er sich min­destens ebenso erleichtert, wie Manja, als sein Gewissen es ihm erlaubte, die Schulbücher zuzuklappen. Die be­vorstehende Trennung, selbst von biefem, seinem unfähi­geil und oberflächlichen Schüler, legte sich ihm in diesem Moment schwer aufs Herz.

Im Begriff zur Tür hinauszuschlüpfen, hörte Manja sich beim Namen rufen. Rittberg hatte von seiner Uhr­kette einen kleinen Kompaß gelöst.

Hier, mein Junge," sagte er,ich weiß. Du hast Dir das immer gewünscht. Ich schenke es Dir. Behalte es zum Andenken an mich."

Mit einem Seufzer des Entzückens griff Manja danach und betrachtete freudestrahlend den kleinen Gegenstand. Dann sprang er davon. Mischa, seine Bücher unterm' Arm, wollte sich eben langsam entfernen, als auch ihn sein Lehrer zurückrief.

Einen Augenblick, lieber Junge," sagte Rittberg und , bemühte sich, seiner Bewegung Herr zu werden,für; Dich habe ich auch etivas." Er nahm vom Bücherbrett eine wertvolle Liebhaberausgabe von Schillers Werken. Dies möchte ich Dir als Belohnung für Deinen Fleiß und Deine Aufmerksamkeit schenken! Vielleicht macht es Dir noch etwas größere Freude, wenn ich Dir sage, daß ich das Werk seit vielen Jahren selber im Besitz ge­habt habe."

Mischa war vor Freude ganz rot geworden.

Danke tausendmal, Herr Rittberg! Sie können sicher sein, daß ich Ihr schönes Geschenk zu schätzen weiß. Ich werbe mich ganz gewiß nie davon trennen!" Und er drückte einen dankbaren Kuß auf des Geber- Hand.

Werner wurden die Augen feucht, als er der schlan­ken Gestalt nachblickte. Das Herz war ihm schwer. Aller menschlichen Voraussicht nach war dies das letzte Mal, daß er den Jungen sah, an dem er mit ebenso großer Liebe hiyg kpfe sein Schüler an ihm.. ______ 231,1^.