SchlüchtemerMung
mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
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lvochenbeilage: Illustriertes Sonntagsblatt.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — preis mit „Areisblatt" vierteljährlich 1,20 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 12 Pfg.
M 67. Samstag, den 19. August 1916. 67. Jahrgang.
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Wer über das gesetzlich zulässige Maß hinaus Hafer, MengKorn, Mischfruchr worin sich Hafer befindet, oder Gerste verfüttert, versündigt sich am Vaterlande!
Amtliches
Betr. Bekleidungs-Bezugschein Ausfertigung
J.-Nr. 4295 K. G. Ich mache die Herren Bür- gertneister darauf aufmerksam, daß nur die linke untere Seite der Bezugsscheine B, da wo es heißt: „Prü- jungsstelle" von ihnen auszufüllen ist die Ausfertigung des unteren rechten Teils des Scheins erfolgt hier.
^ Der Bezugsschein selbst soll stets auf den Namen des Haushaltsvorstandes ausgestellt sein und nicht auf den Namen des Haushaltsmitgliedes für welches der Gegenstand benötigt wird.
Die Hausnummer ist stets anzugeben, möglichst auch der Stand des Käufers.
Auf der Zeile: „Gegenstand rc." soll stets angegeben werden, was verlangt wird, z. B. 4 in Stoff zu Bluse, 22 m Stoff zu Hemden. Allgemeine Angaben wie: 4 m Webwaren oder 22 m Baumwolle sind unzulässig.
Schlüchtern, den 14. August 1916.
Der Vorsitzende des Kreis-Ausschusses, von Trott zu Solz.
Betrifft Arbeitervermittlung.
Nach den seitherigen Grundsätzen des Mitteldeutschen Arbeits-Nachweisverbandes sollen für die Vermittlung 'von landwirtschaftlichem ständigen Personal Gebühren erhoben werden. Die Vermittlung von nichtständigem Personal dagegen ist gebührenfrei. Der Arbeitgeber sollte sich zum Ersatz der Reisekosten zum Arbeitsort verpflichten. Außerdem sollten bare Auslagen des Arbeitsnachweises bis zur Höchstgrenze von 5 Mark vom Arbeitgeber erstattet werden. Besetzt der Arbeitgeber die angemeldete Stelle ohne Inanspruchnahme des Arbeitsnachweises, so war er verpflichtet, sofort durch Postkarte davon Mitteilung zu machen. Bei Unter- lapung dieser Abmeldung und dadurch verschuldeter vergeblicher Zuweisung sollten die Kosten der Hin- und Rückfahrt dem Arbeitgeber in Rechnung gestellt werden. Ebenso würden für diesen Fall Portokosten zu ersetzen sein.
Das städtische Arbeitsamt in Hanau nimmt zunächst von der Einführung von Gebühren Abstand, hält aber an dem Ersatze der Zureisekosten zur Arbeitsstelle durch
die Arbeitgeber bei Mittellosigkeit des Arbeiters fest, sofern eine Einstellung erfolgt.
Schlüchtern, den 16. August 1916.
Der c. Landrat.
Anterrichtskurse
für kriegsvertetzte Schüler höherer Lehranfiatten.
Das Großherzoglich Heffische Ministerium des Innern in Darmstadt Abteilung für Schulangelegenheiten hat in den Städten Darmstadt, Gießen und Mainz Unterrichtskurse für kriegsverletzte Schüler höherer Lehranstalten eingerichtet.
Diese Kurse sollen durch unentgeltlichen Nachhilfe- und Vorbereitnngsunterricht solchen ehemaligen Schülern der Gymnasien, Realgymnasien und Oberealschulen, die seither unter der Fahne gestanden haben, aber verwundet oder krank aus dem Felde zurückgekehrt sind, die Möglichkeit gewähren, für Versetzungs- und Reifeprüfungen die erforderlichen Schulkenntnisse kostenlos zu erwerben.
Die Anmeldestelle für die Kursusteilnehmer sind nach freier Wahl der zu Unterrichtenden folgende:
Darmstädter Oberlehrerverein: Professor Dr. Roller-Darmstadt,
Gießener Oberlehrerverein: Professor Dr. Dittmar-Gießen,
Mainzer Oberlehrerverein: Professor Dr. Mayer-Mainz.
Eine bestimmte Dauer der Kurse läßt sich noch nicht festlegen, jedoch ist für die Versetzungsprüfungen mit ^Mnem Zeitraum von 3—4 Monaten und für die Reifeprüfung mit einem solchen vE 4—6 Monaten zu rechnen.
Die Unterrichtszeit vereinbaren die Kursteilnehmer mit ihren Lehrern.
Kriegspatenschaft.
Wie uns bekannt geworden ist, hat der Kreisaus» schuß dem am 12. August zusammentretenden Kreistag folgende Vorlage gemacht:
In allen Regierungsbezirken Preußens haben sich Kriegshilfsvereine gebildet, die im Wege freiwilliger Fürsorge sich die Hebung der wirtschaftlichen' und kulturellen Verhältnisse der durch den Krieg geschädigten ostpreußischen Städte und Landkreise zur Aufgabe gemacht haben. Nachdem die Stadt Caffel die Fürsorge für die Stadt Stallupönen übernommen hat, sind die
hessischen Landkreise gebeten worden, auch ihrerseits zu einem Verein zusammenzutreten, der sich des geschädigten Land kreises Stallupönen annehmen soll. Der Verein soll hierbei nur ergänzend eingreifen, unbeschadet der dem Reiche und dem Staate obliegenden Verpflichtung zum Ersatz der unmittelbaren Kriegsschäden.
Die Geschäfte des Vereins sollen einem Ausschuß übertragen werden, der aus dem Regierungspräsidenten als Vorsitzenden, einem Schatzmeister, einem Schriftführer und 2 Beisitzern besteht. Unter Mitwirküng und Zustimmung dieses Ausschuffes soll dem Regierungspräsidenten das Verfügungsrecht über die aufkommenden Mittel übertragen werden. Die Mittel des Vereins setzen sich aus den Beiträgen seiner Mitglieder zusammen. Man rechnet mit einem Gesamtbedarf von 150000 Mk., wovon 5340 Mk vom Kreise Schlüchtern bei Zugrundelegung seines Gesamteinkommensteuersolls beizusteuern sein würden. Es steht dem Kreise frei, ob er den von ihm erbetenen Betrag durch freiwillige Gaben oder Sammlungen ganz oder zum Teil aufbringen will, oder denselben aus öffentlichen Mitteln zu bewilligen.
Wenn wir schon überzeugt sind, daß trotz der staatlichen Hilfe in den durch den feindlichen Einfall heimgesuchten Gebieten unseres Vaterlands noch ein gutes Teil Hilfstätigkeit zu leisten übrig bleibt, uud daß daher auch auf einen öffentlichen Aufruf hin sich die Hände öffnen werden, so glauben wir doch, daß bei den großen Anforderungen an die Mildtätigkeit Einzelner auch die Allgemeinheit des Kreises ergänzungsweise wird herangezogen werden können.
Wir beantragen daher, der Kreistag wolle beschließen':
1. Den Kreisausschuß zu ermächtigen, den Beitritt des Kreises Schlüchtern zu dem gedachten Verein zu erklären und einen ^ctiTa^ vi/ü ältuxt zuzusagen.
2. in Ergänzung der etwa durch Einzelgaben aufgebrachten Mittel den Fehlbetrag in den Kreishaushaltsvoranschlag einzustellen und die Mittel dazu auf Anleihe zu übernehmen.
Wir geben hiervon Kenntnis und sprechen dabei gleichzeitig die Hoffnung aus, daß die bisher im Kreise so oft und reichlich geübte Opferwilligkeit sich auch in diesem Falle bewähren möge. An die wohlhabenderen Kreisinsassen richten wir daher heute die herzlichste Bitte, zur Aufbringung des vorgenannten Bettages möglichst beizuttagen, damit der Kreishausetat evtl. nur mit einem kleinen Betrag belastet zu werden braucht.
Zur Empfangnahme von Beiträgen zu obigem Zweck ist unser Schatzmeister, Rentmeister Barthelmes, jederzeit bereit. Es wird öffentlich quittiert werden.
Schlüchtern, den 7. August 1916.
Die beide« Vereine vom Roten Kreuz.
ZM Schalten der Ueterpauksfestung.
Roman von Hermann Gerhardt. 25
In der Eingangshalle stand Sascha, zum Empfang b« Herrschaft bereit. AlS sie aber ihrer jungen Herrin die Hand küßte, bemerkte diese sofort etwas Ungewohn- an ihrer alten Kinderfrau, in deren Zügen es so seltsam zuckte, und deren schwarze Augen sie nicht gerade lnizublicken vermochten. Was hatte das zu bedeuten? Sonst pflegte sie Katia nach jeder längeren Trennung Mit einem zärtlichen Wortschwall 511 überschütten, und heute stand sie und brächte kein Wort über die Lippen.
„Sascheuka, was fehlt Dir denn?" erkundigte sie besorgt, „und wo bleibt mein Papa?"
Da griff sich die Alte stöhnend ans Herz.
„ ..Ach, Dnschenka, der Batuschka, er ist im kleinen Salon, mit Frau Gräfin Tobiesen. Dnschenka, ach, Du- schenkal" jammerte sie. .
Für die Dauer eines Augenblicks stand Katia wie ^gewurzelt; dann, einen leisen Klageruf ausstoßend, schob sie Madame ohne weiteres zur Seite und flog Mehr als sie lief, die Treppe hinan, weiter, immer wei- ohne stillzustehen, bis sie vor Alexeis Mutter stand.
Das Gesicht in die Kissen des Diwans vergraben, mg diese in ihrem fassungslosen Schmerz, das reiche, ^och immer schöne Haar quoll ihr unordentlich unter "ein eleganten Hut hervor; vor ihr wanderte der Prälat rastlos auf und nieder. Beim Eintritt seiner Toch» 4er blieb er stehen und auch die Gräfin erhob ihr vom feinen entstelltes Gesicht; beide starrten das Mädchen an wie eine Erscheinung. Denn Katias Züge wa- sen wie versteinert und nur die großen, unheimlich Wuchtenden Augen lebten in bent todesblassen Antlitz. Scharf und klar fielen die Worte von den bleichen Lippen: iWlt Ihr Sohn ist tot und ich bin seine Mörderin!"
Mit ausgebreiteten Armen trat die Gräfin auf sie zu: „Mein armes Kind," begann sie. Aber Katia schnitt ihr das Wort ab.
„Rühren Sie mich nicht an!" schrie sie gellend. „Verstehen Sie denn nicht? Ich — ich habe Ihren Sohn gemordet! Schlagen Sie mich— töten Sie mich! Aber geben Sie mir teilten Kuß!"
Unfähig, zu begreifen, wandte die Gräfin sich an den Präfekten: „Biruleff! Ihr armes Kind hat den Verstand verloren! — Katia, mein Liebling!" begann sie von neuem, „mein tapferer Sohn ist ja den! Heldentod fürs Vaterland gestorben! An Skobeleffs Seite ist er gefallen."
In großer Besorgnis näherte sich der Vater; doch als er den Arm um sie legen wollte, da fiel sie mit lautem Aufschrei zu Boden.
Im nächsten Moment war auch schon Sascha zur Stelle; ihr folgten Madame und Margarete auf dem Fuße. Sie richteten die leblose, kleine Gestalt auf, und Margarete löste die krampfhaft geballten Hände. Als Katia bald darnach wieder zu sich kam, brach sie beim Anblick der Freundin in heiße Tränen aus, Hämmerte sich an sie und rief: „Nimm mich mit, ach, nimm mich mit, ich will sterben!"
Und Margarete schloß sie liebevoll in ihre Arme; ihre eigenen Tränen begannen zu fließen, während sie ihr tröstend zusprach. .
Aus Biruleffs Augen aber brach ein Strahl reiner Dankbarkeit, und er murmelte leise: „Gott lohne eS Ihnen!"
Margarete hatte ihre Schutzbefohlene zu Bett gebracht und hielt nun Wache an deren Lager. Doch erst als der Morgen graute, hatte Katias Schmerz sich ausgetobt, und fand sie erquideuben Schlummer.
Es war noch früh am Tage, als leise an die Tür von Katias Schlafgemach geklopft wurde, und da keine Antwort erfolgte, trat Biruleff ein. Ein Blick in das bleiche Antlitz der Tochter überzeugte ihn, daß sie schlief.
An einem anderen Antlitz aber, das ihr zur Seite auf demselben Kissen ruhte, blieb sein Blick langer haften. Margarete hielt Katia mit ihren Armen umschlungen und war in dieser Stellung vom Schlaf überwältigt worden.—
Eine Beivegung hinter ihm rief Biruleff in die Wirklichkeit zurück. Es war Sascha gewesen. Die Alt« liebte ihren Herrn nicht, denn sie kannte ihn genau; und der Ausdruck seines Gesichts, als er sich abwandt«, gab ihr zu denken.
Während Margarete später in ihrem Zimmer hastig eine Tasse Kaffee hinunterstürzte, kam ihr Bruder herein. Auch er sah auS, als habe er eine schlaflos» Nacht verbracht. Er stellte sich mit dem Rücken gegen das Licht.
„Wie geht eS ihr?" fragte er.
„Gottlob, jetzt schläft sie wenigstens. Ach, Werners In der Nacht glaubte ich schon, sie würde sich yi tobe weinen."
Er gab keine Antwort, sondern ging in sein Zimmer zurück, wo er seine ruhelose Wanderung wieder aufnahm.
Als Margarete dann zu Katia zurückkehrte, fand sie diese im Bett aufrecht sitzend mit leerem, hoffnungslosem Blick vor sich hinstarrend. Beim Eintritt bet Freundin löste sich ihre Erstarrung in einen Tränen« strom.
„Dich hat der liebe Gott mir geschickt," schluchzte st», „so wenig ich es auch verdiene. Wenn Du wüßtest, wir ich mich schuldig fühle!"
„Aber lieber Kind, so darfst Du nicht sprechens Weshalb willst Du Dir die Schuld beimessen an dem, waS doch Fügung Gottes ist?" 231,18*
„Ich war immer wie von einem bösen Geist b— festen I" jammerte daS junge Mädchen, „gerade, weil ich ihn lieben sollte, konnte ich eS nicht! So war ich immer. Wenn man von mir verlangte, ich sollte jemanden lieb haben, dann war # n^r ^n ungzögluH^