Zchluchterner Zeitung
mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
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lvochenbeilage: Illustriertes Sonntagsblatt.
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M 59. Samstag, den 22. Juli 1916. 67. Jahrgang.
Wer über das gesetzlich Miisfige Matz hinaus Hafer, MengKorn, Mischfruchr worin sich Hafer befindet, oder Gerste verfüttert, versündigt fich am Vaterlande!
Amtliches
J.-Nr. 7953. Die Herren Bürgermeister werden erneut auf die Verfügung vom 22. Februar 1912 J.-Nr. 1213 — Kreisblatt Nr. 9 — aufmerksam gemacht und ersucht, die Veränderungen (Zu- und Abgänge) zu der Nachweisung der nicht schulpflichtigen taubstummen und blinden Kinder alsbald hierher anzuzeigen.
Schlüchtern, den 20. Juli 1916.
Der comm. Königl. Landrat. I. V. Schultheis:
Die Herren Standesbeamten ersuche ich die ihnen zugegangenen Merkblätter für die Ernährung und Pflege des Säuglings bei Erstattung der Geburtsanzeigen zu verteilen.
Schlüchtern, den 15. Juli 1916.
_____________Der c. Landrat.
J.-Nr. 7760. Die Herren Bürgermeister des Kreises ersuche ich, nochmals innerhalb 8 Tagen anzuzeigen, wieviel Prozent des Staatssteuersolls für das Rechnungsjahr 1916 an Gemeindeumlagen (einschl. Kreissteuer) und an Kirchenumlagen erhoben werden.
Schlüchtern, den 17, Juli 1916.
Der komm. Königl. Landrat. I. V. Schultheis.
Der Bauer Jsidor Seipel zu Ulmbach ist zum Beigeordneten bestätigt und verpflichtet worden, ebenso sind die Bauern Valentin Schöppner, Emil'Hau und Jsidor Müller daselbst als Schöffen vereidigt worden.
Schlüchtern, den 19. Juli 1916.
________________________________Der c. Landrat.
J.-Nr. 6050. Auf Veranlassung des Königlichen stellvertretenden Generalkommandos 18. Armeekorps zu Frankfurt a. M. wird erneut darauf hingewiesen, daß Zurückstellungs-, Versetzungs- und Beurlaubungsgesuche für Heeresangehörige niemals unmittelbar dem stellv. Generalkommando, Truppenteil oder den Bezirkskommandos eingereicht werden dürfen, sondern
stets an den Zivitvorsitzenden der Krsah- Kommission (Landrat) zu richten sind, sofern nicht ausdrücklich für einzelne Aäk'e Ausnahmen zugelassen wurden.
In den Gesuchen ist der Name, Stand und Wohnort des Gesuchstellers und des Reklamierten, sowie dessen vollständige Feldadresse genau anzugeben. Zu den Ernte- urlaubsgesuchen müssen die vorgeschriebenen Formulare benutzt werden. Die Einsendung von Erinnerungen oder eines zweiten Gesuches, bevor auf das erste eine Entscheidung getroffen worden ist, ist zwecklos und verzögert oft nur den Gang der Verhandlungen. Bei der großen Anzahl von Urlaubsgesuchen ist es auch ausgeschlossen, daß alle Gesuche berücksichtigt werden können, die Herren Bürgermeister werden deshalb wiederholt dringend ersucht, nur wirklich begründete Gesuche zu befürworten.
Schlüchtern, den 7. Juni 1916.
Der comm. Königliche Landrat. von Trott zu Solz.
Lokales und KrovinfieUes.
Schlüchtern, den 21. Juli 1916.
— * Wir machen darauf aufmerksam, daß am 29. Juli in Sterbsritz eine Bullenkörung stalumdet.
—* Dem Unteroffizier Kaspar Fieres von Gund- helm wurde für sein tapferes Verhalten vor dem Feinde das „Eiserne Kreuz" 2. Klasse verliehen.
—* Am Montag trafen die für den Kreis Schlüchtern bestimmten erholungsbedürftigen Kinder aus Frankfurt a. M. ein. Da sich erfreulicherweise noch einige Familien zur unentgeltlichen Aufnahme gemeldet hatten, konnten 60 Kinder untergebracht werden. Hoffentlich verlassen die Kinder den Kreis Schlüchtern nach Ferien- ablauf recht gekräftigt und gut erholt.
— * (Gedenkgottesdienst zum Beginn des dritten Kriegsjahres.) Der Präsident des Evangelischen Ober- kirchenrates zu Berlin hat an die der ersten obersten preußischen Kirchenbehörde unterstellten Stellen folgenden Erlaß gerichtet: „Am 1. August tritt das deutsche Volk in das dritte Jahr des Krieges ein. Ungezähte Familien haben das schwere Opfer teurer Familienmit- glieder bringen müssen. Auf alle drückt die Schwierigkeit
der wirtschaftlichen Verhältnisse. Umsomehr erwächst den Dienern am göttlichen Wort die Aufgabe, die Herzen mit dem Vertrauen zu erfüllen, das uns in Treue bis ans Ende ausharren läßt. Die Wiederkehr des Tages, an dem vor zwei Jahren der Krieg über uns hereinbrach, gibt besonderen Anlaß, dieser Aufgaben eingedenk zu sein. Wir sprechen die Erwartung aus, daß allgemein in den Gottesdiensten an dem auf den 1. August folgenden Sonntag die Gemeinden auf den Ernst der Aufgabe, die ihnen bei der Länge des Krieges erwachsen, hingewiesen werden."
—* Anfragen über Vermißte. Um Nachrichten für Vermißte zu erhalten, wird sich vielfach an eine bestimmte Stelle in Madrid gewandt. Im allgemeinen werden aber deutsche Familien leichter zu ihrem Ziele gelangen, wenn sie an die für derartige Anfragen zuständigen deutschen Stellen herantreten. In dieser Beziehung wird indes bemerkt, daß die Anfragen nicht an das Zentralkomitee der deutschen Vereine vom Roten Kreuz zu richten sind, das für die Ermittelung von deutschen Vermißten nach den jetzigen Vereinbarungen nicht zuständig ist. Vielmehr ist den Angehörigen zu raten, daß sie sich an den für ihren Bezirk zuständigen Landes- und Provinzialverein oder die nächste Hilfe „für kriegsgefangene Deutsche", wie solche in zahlreichen Städten bestehen, wenden. Soweit derartige Einrichtungen nicht vorhanden oder nicht bekannt sind, erteilt für Norddeutschland der Hamburgische Landesverein vom Roten Kreuz, Ausschuß für deutsche Kriegsgefangene Hamburg, Ferdinandstr. 75, die gewünschte Auskunft.
—* Verfütterung von Quecken. Die Wurzeln der Quecken, eines der lästigsten und am schwersten aus. rottbaren Ackerunkräuter, liefern im erdfreien Zustande ein nährstoffreiches und gut bekömmliches Futter sowohl für Rindvieh, Schafe wie auch für Schweine, Pferde. Hauptbedingung für die Verfütterung ist allerdings, daß die Quecken vor dem Verfüttern gut von der anhaftenden Erde befreit werden, sei es nun durch Waschen oder durch Flegeldrusch oder durch Abklopfen und Durcharbeiten mit der Gabel. In solchem Zustande können sie hernach noch zerkleinert, sowie mit Stroh oder gegebenenfalls mit Heu vermischt werden, doch nehmen die Schweine und Rinder die gereinigten Oue- ckenwurzeln auch ohne Beifutter gern auf, vermutlich, weil selbige nennenswerte Mengen von Zucker- und Stärkearten enthalten. Bemerkt sei bei dieser Gelegenheit, schreiben die „Mitt. der Dt. Äandw. Gesellschaft", daß in der Normandie Queckenwurzeln als vorzügliches Pferdefuttermittel hoch geschätzt und an Stelle von Hafer verfüttert werden. Neuerdings hat nun Herr von Fehrentheil eine Zerkleinerungsmaschine ge-
Im Schatten der Ueterpautsfestung.
Roman von Hermann Gerhardt. 22
„Sie kennen unsere Bauern nicht, junger Mann! Bereit Sie sich mir mal die Physiognomien von einem Dutzend, meinetwegen von hundert dieser Kerls an: überall derselbe Ausdruck von Stupidität, Stumpfsinn und Dickköpfigkeit! Solchen Leuten ist mit Vernunfts- gründen nicht beizukommen; man muß ihnen seinen Willen fühlbar machen. Sind sie aber davon durchdrungen, daß Ungehorsam Priigel nach sich zieht, dann sind sie ganz traitabel. Rur muß man dieses Mittel mit der nötigen Vorsicht und unter vier Augen anweuden."
Werner war empört, aber er nahm sich zusammen.
„Meinen Sie nicht, Herr von Federowsky, daß diese Dauern, so wie Sie sie schildern, das notwendige Resultat der Verhältnisse sind, in denen man sie ge» waltsam festhält? Man hat sie geflissentlich in größter Unwissenheit erhalten, ihre Wohnungen sind derart, daß Ihnen dieselben für Ihr Vieh noch zu schlecht dünken würden, man traktiert sie mit Stockschlägen wie Lasttiere, und bann macht man sie verantwortlich für das, was sie sind!"
Federowsky zuckte ungebulbig die Achseln.
„Sie haben ja Schulen," knurrte er, „und was haben die geuützt? Die Jungen sind noch schlimmer als die Alten. Die Bildung hat nur den einen Erfolg gehabt, ihnen allerhand revolutionäre Ideen in den Kopf zu setzen."
„Sie beurteilen die Sache einseitig, vom egoifti» schen Standpunkte aus," warf Rittberg lebhaft ein. „Das Wohl der gesamten Ration liegt mir am Herzen, nicht das Sonderinteresse einer einzelnen Klasse! Die Aufhebung der Leibeigenschaft war eine edle Tat Alexanders II., die ihm -um ewigen Ruhme gereichen wird."
„Dennoch dürften noch Jahrbuuderte hiugehen, ehe die bösen Folgen der Unterdrückung und Gewaltherrschaft überwunden sind. Und auch jetzt ist man, dünkt mich, auf falschem Wege, mit diesem System der Beaufsichtigung und Spionage "
Federowsky legte seine Hand schwer auf des anderen Schulter.
„Junger Mann," sagte er eindringlich, „ich rate Ihnen, seien Sie vorsichtig. Ihr Glück, daß Sie Reichsdeutscher sind! Jli Rußland wird solche Sprache nicht geduldet."
Rittberg, den das Thema sehr erregt hatte, lachte laut auf: „Ein Ausländer läßt sich aber Ihren rafft» schen Knebel nicht anlegen!" rief er aus, „ein Mann muß doch frei und offen'seine Meinung äußern dürfen l Ich sage es gerade heraus, daß ich die lebhafteste Sympathie hege für die Aufgeklärten unter Ihren Lauds- leuteu, die sichs etivas kosten lassen, um der Freiheit zum Siege zu verhelfen. Wäre ich Russe, ich iväre wahrscheinlich auch —"
„Nihilist?" ivarf Federowski einund zog die Augenbrauen in die Höhe.
„Wenn Sie keinen besseren Ausdruck dafür haben, ja!" gab Rittberg mürrisch zurück.
Beide schwiegen eine Zeit lang, dann nahm Jede- roivsky wieder das Wort.
„Ihre Ansichten kaun ich ganz und gar nicht billigen, junger Mann, und wenn Sie meinen Rat befolgen, werden Sie sich fortan hüten, dergleichen auszu» sprechen; wenigstens so lauge, als Sie sich in Petersburg aufhalten!"
Einen Moment blickte Rittberg seinem Gegner fest in die Augen, während eine heftige Antwort ihm auf den Lippen schwebte. Dann aber tam ihm die Situation plötzlich so komisch vor, daß er in ein plötzliches Lachen ausbrach.
„Ich baute Ihnen für Ihren gutgemeinten Rat, Herr von Federowsky," sagte er, „wenn ich auch nicht ge
stimmt versprechen kann, daß ich ihn befolgen werde!" Damit verbeugte er sich und ging davon. Der Russe sah ihm wortlos vor Entrüstung nach.
„Frecher Bengel!" stieß er hervor, „wagt es, den Staat zu bedrohen! Wahrlich ein passender Lehrer und Erzieher der Jugend. Unbedingt muß der Präfekt hiervon in Kenntnis gesetzt werden!"
12. Kapitel.
Als der Präfekt am Schlüsse der Woche wieder in Petrskoff eintraf, schien er außerordentlich erfreut, Besuch svorzusindeu. Noch größere Freude aber trug sein Sekretär zur Schau. Ein' ewiges Lächeln auf den Lippen, die wohlgepflegten weißen Hände sanft aneinander reibend, Zustimmung und Zufriedenheit in jeder Linie seiner glatten Persönlichkeit, wandelte dieser zwischen den Gästen einher. Am meisten nahm ihn Fe- deroivsky für sich in Anspruch. Die beiden gingen rauchend auf und nieder, jedoch Litschkoff schien ganz in den Genuß seiner Zigarette vertieft und hörte äußer-, lich gleichmütig den aufgeregten Auseinandersetzungen des anderen zu, der den Rauch seiner Zigarre, obwohl es eine von den Präfekten kostbarsten Importen war, achtlos in die Lüfte blies.
Indessen hatte der Präfekt, lebhaft und unterneh- nutugslustig wie ein Schuljunge, den jungen Damen und Rittberg eine Bootfahrt vorgeschlagen. Es war ein unvergleichlich schöner Abend. Wie eine silberne Ampel leuchtete der Mond vom wolkenlosen Himmel; die Weiden, die die Ufer des Sees umsäumten, standen regungslos, von seinen Strahlen überrieselt, und so unbeweglich lag die weite Wasserfläche da, daß die sich darin spiegelnden Säume und Sträucher aus der Tiefe des Sees zum Licht emporzustreben schienen.
Mit Tüchern und Decken bepackt, stieg Birnleff die Stufen zur Anlegestelle hinunter; ihm folgten auf dein Fuß seine beiden Verehrerinnen, die Federowskyschen Töchter. _ 231,18^