Schlilthtenm Zeitung
mit amtlichem Rreisblatt. Monatsbeilage: landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. <n». lvochenbeilage: Illustriertes Sonntagsblatt. T-Iefo» Rr. SS.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Areisblatt" vierteljährlich 1,20 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 12 pfg.
M 50. Mittwoch, den 21. Juni 1916. 67. Jahrgang.
Die im 67. Jahrgang erscheinende Schlüchtenrer Zeitung mit amtlichem Kreisblatt ist mithin die älteste und verbreiteste Zeitung im Kreise Schlüchtern und weit noch über denselben hinaus und finden Inserate in derselben wirksame Verbreitung.
n « daher in der Zustellung ««serer Zeitung durch die Post beim bevorstehenden Quartalswechsel vermeiden will, der
rlllr I11 rPnPPPd)olle dieselbe so bald wie möglich bei dem betreffenden Postamts bestellen. Nur diejenigen auswärtigen IIIII 111| | III III Illlll II llli Postabonnenten, welche bis spätestens 30. Juni unsere Zeitung wieder bestellt haben, können verlangen, uiuu vului haß ihnen unsere Zeitung vom 1. Juli 1916 ab pünktlich von der Post geliefert wird. Wer später bestellt, muß nach den amtlichen Bestimmungen für Nachlieferung der ersten Nummern des neuen Quartals eine besondere Gebühr von 10 Pfg. bezahlen. — Jede Post- Anstalt und jeder Landbriefträger ist verpflichtet, Abonnements-Bestellungen anzunehmen.
Zu recht zahlreichen Bestellungen auf das mit dem 1. Juli 1916 beginnende neue Vierteljahr ladet freundlichst ein
die EMditio« der „Schliichter»er Zeit«»»".
Amtlicher.
Nr. 3002 K. G. Die fast völlige Verhinderung der Hanf- und Baumwolleinsuhr hat zur Ermittlung eines Geheiulverfahrens geführt, die Fasern der lang- stengelichen Brennessel (artica dioica) zu Geweben zu verarbeiten. Da die Zeit des Einsammelns dieser Brennesseln nur eine kurze ist, müssen möglichst viel Hände damit sich befassen. Bei der Sammlung ist zu beachten, daß nur die Stengel für den genannten Zweck Wert haben, während die Blätter ein gutes Schweine- futter abgeben. Für den Zentner getrocknete Stengel werden 5 Mk. gezahlt, es ist also für Kinder und ältere Leute hier eine wenn auch geringe Verdienstmöglichkeit neben dem vaterländischen Zweck geboten. Das Nähere über die Brennessel Sammlung pp. wird noch bekannt gegeben, einstweilen aber wolle mit der Sammlung selbst begonnen werden.
Schlüchtern, den 20. Juni 1916.
___________ D. V. d. K. A.
I. Nr. 6654. Die Herren Bürgermeister des Kreises ersuche ich, innerhalb 8 Tagen anzuzeigen, wieviel Prozent des Staatssteuersolls für das Rech- nulMjahr 1916 an Gemeindeumlagen (emschl. Kreissteuer) und an KirchevUMlagen erhoben werden. Schlüchtern, den 15. Juni 1916.
Der komm. Königl. Landrat. I. V. Schultheis.
Kanbetsüammer zu Kanau.
Bekanntmach««-
Von der Zentral-Eiukaufsgesellschaft Berlin ist der Vertrieb der importierten holländischen Salzheringe der eigens für diesen Zweck errichteten Heringsgesell» schaft deS Westens, G. m. v H in Este«, Lindenallee 29—41 übertragen worden.
Diejenigen Firmen, welche in Friedenszeiten in der Regel mindestens 33 Tonnen Salzheringe auf einmal bezogen haben, kommen als Abnehmer in Betracht. Wir machen die Firmen unseres Bezirkes hierauf aufmerksam mit dem Bemerken, daß sie, um bei der
Verteilung berücksichtigt werden zu können ihre Adresse der genannte« Gesellschaft und uns binnen 8 Tage«, aufgeben muffen.
Spätere Anmeldungen können nicht berücksichtigt werden.
Hanau, 17. Juni 1916.
Die Handelskammer zu Kanau.
Canthal.
Der Syndikus.
Dr. phil. Grambow.
Keneratoöerst v. Wottke f
WTB.Betlin, 18. Juni.
General v. Moltke, Chef des Stellver tretenden Generalstabes der Armee, ist heute 1 Uhr 30 Minuten nachmittags gelegentlich einer im Reichstage statistndenten Trauer- feier für den Feldmarschall von der Goltz einem Herzschlage erlegen.
Die Deutsch-Asiatische Gesellschaft veranstaltete mittags im Kuppelsaale des Reichstages für den Ger- ^- feldmarschaU von der Goltz-Pascha eine Gedächtnisfeier. Der Feier wohnten unter anderen Staatssekretär Helffe- rich, Staatssekretär von Jagow, Eisenbahnminister von Breitenbach, Kultusminister von Trott zu Solz, der Oberbefehlshaber in Den Marken, Generaloberst von Kessel und Reichstagspräsident Dr. Kämpf, sowie viele Abgeordnete usw. bei. Die Feier wurde eingeleitet durch einen Trauermarsch von der Musikkapelle des Reserve-Jnfanterie-Regiments Nr. 93. Alsdann sang der Königliche Domchor. Darauf eröffnete der Vizepräsident der Deutsch-Asiatischen Gesellschaft Admiral z. D. v. Truppei, die Feier durch eine Begrüßungsansprache Sodann hielten Wirkl. Geheimrat Dr. Fischer und Dr. Vosberg-Rekow Gedächtnisreden. Nach einem abermaligen Chorgesang sprach seinem eigenen Wunsche gemäß der stellvertretende Chef des GeneralstabeS, Generaloberst v. Moltke, ein Jugendfreund des Generalfeldmarschalls Freiherr n von der Goltz. Er feierte namens
der Armee die Verdienste des Verblichenen. Als darauf der türkische Botschafter Hakki Pascha in seiner Ansprache besonders die Verdienste von der Goltz um die Ausgestaltung der freundschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei hervorhob, fiel plötzlich Generaloberst v. Moltke in eine Ohnmacht. Mehrere anwesende Aerzte bemühten sich um ihn. Admiral z. D. V. Truppel erklärte sogleich die Feier für geschloffen, wonach die Anwesenden möglichst schnell den Saal verließen. Inzwischen war Generaloberst von Moltke verschieden. Die Leiche wurde alsbald nach dem Gebäude des Generalstabs überführt, wo sie aufgebahrt wird.
Dom Kriegsschauplatz.
Amtlicher Tagesbericht.
WTB. Großes Hauptquartier, 19. Juni. (Amtl.)
Westlicher Kriegsschauplatz:
Südlich der belgisch französischen Grenze bis zur Somme hielt die lebhafte Gefechtstätigkeit an.
Ein französischer Handgranatenangriff bei Chavonne (östlich von Vailly) wurde abgewiesen.
Lue. deutsche Gprssgimg auf Ver ehr „Ls 8^“ Morte" (Argonnen) hatte guten Erfolg.
Im Maasgebiet lebten die Feuerkämpfe erst gegen Abend merklich auf. Nachts erreichten sie am „Zoten Mann" und westlich davon, sowie im Frontabschnitt vom Thiaumont-Walde bis zur Feste Vaux große Heftigkeit. Wie nachträglich gemeldet wird, ist in der Nacht vom 18. Juni am Thiaumont-Walde ein feindlicher Vorstoß abgewiesen worden, weitere Angriffsversuche wurden durch Feuer vereitelt. In den Kämpfen der letzten beiden Tage sind hier rund hundert Franzosen gefangen genommen. Mehrfache nächtliche Angriffs- Unternehmungen des Gegners im Fumin-Walde wurden im Handgranatenkampf jedesmal glatt abgeschlagen.
Je ein englischer Doppeldecker ist bei Lens und nördlich von AcraS nach Luftkampf abgestürzt, beider Insassen sind tot; ein französisches Flugzeug wurde westlich der Argonnen abgeschoffen.
Ein deutsches Fliegergeschwader hat die Bahnhofs-
Im Schatten der Ueterpauksfestung.
Roman von Hermann Gerhardt. 15
In peinlicher Verlegenheit suchte Margarete nach einem Wort, um Katias Verlegenheit zu verdecken.
„So sind wir EvaStöchter nun einmal alle," sagte sie, „ich selbst sonnte mir als Kind nie genug tun, mich mit allerhand Flitterwerk herauSzuputzen und kam mir darin wunderschön vor! Und im Grunde ist es, meiner Ansicht nach, nicht einmal als Fehler bei einer Frau zu bezeichnen, wenn sie auf ihr AeußereS hält und sich zur besten Geltuna zu bringen sucht."
„Da stimme ich Ihnen vollkommen bei," (gab 8i« «Hess lächelnd zur Antwort; „ich kenne kaum einen schöneren Anblick, alS eine mit vollendetem Geschmack gekleidete Frau! Aber eben dieser gute Geschmack bedingt eS auch, daß ihr Anzug stets der Gelegenheit und Umgebung angepaßt sei."
Hierauf fand Margarete keine Erwiderung; denn sie mußte ja dem Präfekten recht geben; aber ihr Blick streifte voll Mitleid das kleine Handgelenk, das in seinem übermäßigen Schmuck förmlich herauSfordemd in KatiaS Schoß lag.
Endlich hielt der Wagen vor dem schmiedeeisernen Portale. Beim Betreten der Eingangshalle wollte Ka- tia sich schleunigst entfernen, doch derWater rief sie zurück.
„Du wirst Fräulein Rittberg nach ihrem Zimmer begleiten," sagte er, „und sehen, daß eS ihr an nichts fehlt." Und während die beiden Mädchen die Trep- P«n Hinaufstiegen, sah er der schlanken graziösen Gestalt Margaretens mit einem bewundernden Blick nach.
«Hier ist Ihr Zimmer, Fräulein," murmelte Katia wii erstickter Stimme. Offenbar vermochte sie nur durch äußerste Willensanstrengung die Tränen zurückzuhalten. > »Armes Kindl" bemitleidete sie Margarete; »ich sehe,
Sie fühlen sich nicht wohl, bemühen Sie sich doch nicht weiter, Sie bedürfen wirklich der Ruhe!"
„Ja, ja, mir ist nicht wohl; entschuldigen Sie mich bitte." Damit eilte Katia davon.
Margarete aber hielt Umschau in ihrem neuen Reiche. Hier war in der Tat alles vorhanden, was man sich nur irgend wünschen konnte. Komfort und Eleganz hielten sich die Wage. Dennoch, als Margarete sich auf den weichen Diwan streckte und für einen Moment die Augen schloß, verfiel sie in ernstes Sinnen. Die Persönlichkeit deS Präfekten war eS, die ihr zu denken gab. Seine kaum verschleierte Bewunderung, die kühnen Blicke und schmeichelhaften Redewendungen erweckten in ihr ein unklares Gefühl der Beunruhigung. Wie so ganz anders hatten sich bisher die Väter und Brüder ihrer Zöglinge gegen sie benommen; deren kor- rette, kühle Höflichkeit hatte niemals die Kluft zu Überdrücken versucht, die zwischen ihnen und der Erzieherin bestand. .
Dann aber gewann ein anderes Gefühl die Oberhand ; und mit einem glücklichen Lächeln sagte sich Margarete, daß sie ja den Bruder zur Seite habe, der ihr, komm« eS, wi« «S wolle, mit Rat und Tat beistehen würde.
9. Kapitel.
Katia war am Abend nicht mehr zum Vorschein gekommen ; sie hatte sich bei ihrem Vater wegen heftiger Kopfschmerzen entschuldigen lassen. —
Am anderen Morgen lag sie, matt und niedergeschlagen, auf der Chaiselongue in ihrem Schlafzimmer, alS eS an die Tür pochte. Widerwillig rief sie „Herein" und schloß dann sofort die Augen, um die Ein- tretende, in der sie Margarete vermutet«, nicht sehen zu müssen.
Als aber dann der erwartete Wortschwall ausblieb und sie statt dessen nur eine kühle, weiche Hand auf ihrer Stirn fühlte, blickte sie verwundert auf und in ein sreundlich-ernsteS Antlitz, das sich voll wirklicher Teilnahme über sie beugte. Da schlug ihre StimtiMS
um. Sie, die sich oorgenommen, Fräulein Rittberg ihre Abneigung merken zu lassen, fühlte sich plötzlich beschämt; sie wurde rot und stotterte: „Ich fürcht», ich habe Ihnen einen sehr unliebsamen Eindruck gemacht 1 Aber ich fühlte mich wirklich schlecht."
„Davon bin ich überzeugt," entgegnete Margarete, „Ihr Kopf ist immer noch heiß, und Ihren Augen sieht man eS an, daß Sie leidend waren. Sie sollen auch jetzt nicht sprechen, sondern ruhig liegen bleiben, und sich ein bischen von mir pflegen lassen!"
Und Katia fügte sich ohne Widerrede. Margarete aber verstand sich in der Tat meisterhaft aufs Pflegen; sie hatte, was man eine „linde Hand" nennen könnt«. Nachdem sie KatiaS Schläfen mit Gau de Cologn« eingerieben und ihr behutsam daS lange, dichte Haar gebürstet, fühlte sich daS junge Mädchen körperlich schon um vieler besser.
In ihrer impulsiven Art ergriff sie denn auch mit beiden Händen Margarete- Rechte und dankt« ihr warm; ja, sie ließ sich sogar überreden, sich den Geschwister« anzuschließen, welche die berühmte Gemäldesammlung der „Eremitage" in Augenschein nehmen wollten. Und gleich, nachdem Margarete sie verlassen, ging ste mit neu «rwachter Energie voran, sich ohne jede fremde Hilfe anzukleiden.
Im Vestibül trafen dann die drei jungen Leute zusammen. AlS sie aus dem Hause traten, stieg gerade der Präfekt von seinem Pferde. Er hatte einen seiner gefürchteten Besuche in der Peter-PaulS-Festung gemacht; und nach kurzer Begrüßung, bei welcher er sich nach dem Ziel ihrer Wanderung erkundigt, machte sich daS Kleeblatt, ganz entgegen dem in Petersburg Herr» schenken Gebrauch, zu Fuß auf den Weg. Aber daS Wetter war so hell und sonnig; ein leichter Wind bewegte die Kronen der Bäume, in deren wohltuendem Schatten sie dahinschritten, und eine so ungetrübte Harmonie, eine so glücklich« Stimmung herrschte zwt» lchm des Wnlj-y —6-------------— 231.18*