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kann. Eine weitere Steigerung des Papierpreises muß zur Folge haben, daß viele Zeitungen gezwungen wer­den, ihr Erscheinen einzustellen. Hierin besteht eine schwere Gefahr für unser ganzes politisches und natio­nales Leben, da gerade viele in ihrem Wirkungskreise bodenständige Heimatblätter vor dem Zusammenbruch ereilt würden. Die Versammlung ermächtigt daher den Vorstand, den Herrn Reichskanzler unter Hinweis auf die hohe Bedeutung der Presse für eine siegreiche Durch­führung des Krieges dringend zu bitten, unverzüglich alle Maßnahmen veranlassen zu wollen, die geeignet sind, durch ein Eingreifen der Staatsgewalt die drohende Katastrophe vom deutschen Zeitungsgewerbe abzuwenden.

- * Späterer Schulbeginn. Die Kgl. Regierung zu Kassel hat an sämtliche Kreisschulinspektoren Oberbürger- meister und Landräte eine Verfügung erlassen, laut der Kreisschulinspektoren ermächtigt werden, falls erhebliche und berechtigte Klagen über gesundheitliche Schädigung der schulpflichtigen Kinder durch zu frühen Beginn des Unterrichts erhoben werden, die Schuldeputation oder den Schulvorstand darüber Beschluß fassen zu lasten, ob die örtlichen Verhältnisse es erfordern, daß der Unter­richt während des Sommerhalbjahres 1916 statt um 7 erst um 8 Uhr beginnt. Solchen Beschlüsten kann ohne besondere Anzeige an die Regierung sofort stattgegeben werden.

* H a n a u. Vor dem Schwurgericht wird sich am ersten Verhandlungstag, Montag, den 19. Juni, die Ehefrau Elisabeth Michel geb. Freund, von hier wegen Kindestötung zu verantworten haben. Die Tagung wird nur einige Tage in Anspruch nehmen. Die Strafsache gegen den Zigeuner Herm. Ebender gelangt erst in der Herbstperiode zuc Aburteilung.

* Hanau. Der zweite, am Dienstag, den 20. Juni beim Schwurgericht zur Aburteilung stehende Fall, betrifft eine Anklage wegen Urkundenfälschung, die dem Landwirt und Gemeindeschöffen Ludwig Gott­lieb und drei Genossen aus Lichenroth (Kreis Geln- Hausen) zur Last gelegt wird.

—* Hk. Eine Denkschrift über die steuerliche Be­lastung Deutschlands während der Kriegsjabre, bear­beitet im Reichsschatzamt und am 30 v. Mls. dem Reichstag überreicht, kann durch Vermittlung der Handelskammer zu Hanau bezogen werden ; Bestellungen sind unverzüglich an diese zu richten. Der Preis wird sich voraussichtlich auf 1 bis 2 Mk. stellen.

—* Hk. Ausnutzung der verkehrsschwacheren Zeit im Eisenbahn-Güterverkehr. Die Gestellung der be­deckten Wagen ist in letzter Zeit recht befriedigend gewesen, sodaß nennenswerte Ausfälle nicht entstanden sind. Die Gestellungsverhältnisse der offenen Wagen unterliegen zwar noch gewissen Schwankungen; doch darf angenommen werden, daß auch bei ihnen größere Verlegenheiten bis auf weiteres nicht eintreten werden. Es empfiehlt sich daher für Wir Verkehr-r^ihende«, insbesondere auch in Handel und Industrie, die ruh'- geren Verkehrsmonate dazu zu benutzen, sich nach Mög­lichkeit mit Vorräten einzudecken, damit sie sich beim Wiedereinsetzen des starken Verkehrs oder bei nötig werdenden Verkehrsbeschränkungen Verlegenheiten er­sparen.

Swanowna.

(Schluß)

Geschichte aus Russisch-Polen.

Am Nachmittag befand sie sich dem himmelblauge­tünchten Kirchlein, das da oben aus der andern Seite des Njemen in der allernächsten Nähe ihrer Heimat stand, gegenüber. Ein Freudestrahl durchzuckte ihre jugendliche Brust. — Aber keine Menschenseele war mehr am dies­seitigen Ufer. Den Müller, der früher hier gewohnt und dessen Haus noch ziemlich unversehrt stand, hatte der Krieg wie alle anderen vertrieben. Wie sollte sie nun über den Fluß kommen? Indem sie überlegte, stieg wieder die Angst in ihr auf. Jetzt allein hier, nahe vor ihrer Heimat Cochanovo nicht weiter zu können! Die Tränen kamen ihr. Sie schluchzte nicht und jammerte nicht, aus chren Augen quollen nur die Tränen und rieselten ihr über die Wangen. Dann lief sie suchend flußaufwärts. Wenn sie einen Kahn, einen Nachen fände, sie wollte es versuchen, allein über den Fluß zu kommen. Aber sie fand nichts.

Nun ging sie wieder zurück, um flußabwärts zu suchen. Und ihr Suchen wurde belohnt. An einem Flußknie war von der reißenden Strömung, die der Njemen hier hatte, ein Nachen angetrieben worden. In allem Elend wurde sie einen Augenblick froh. Aber an dieser Stelle konnte sie unmöglich über den schnellen Strom kommen. Mit dem Ausgebote aller Kräste griff sie nach der Eisenkette des Kahns und ohne daraus zu achten, daß sie bis über die Knöchel in kaltem Wasser watete, ritz und zog sie am Lkahn, und unter den un­säglichsten Mühen brächte sie ihn ein Stück flußaufwärts. Und mit dem Ruder, das sie in dem Müllerhause ge­sunden hatte, kletterte sie in das Fahrzeug hinein. Sie fühlte eine fast übermenschliche Kraft. Und nur der eine Gedanke, um jeden Preis das andere User gewinnen, lietz sie völlig die ungeheure Gefahr vergessen, die die Strömung am Flußknie dort unten in sich barg. Sie stieß den Kahn ab und ruderte langsam in dem ruhigeren Wasser am Rande ein Stück hinauf. Dann hielt sie inne, sah nach der Strömung, und ruhte ein Weilchen, um dann den Kamps aufzunehmen. Im spitzen Winkel zum Ufer steuerte der Nachen gegen den Fluß an. Jwanowna stand an der linken Kahnseite und ruderte mit aller Kraft s o, daß die Spitze des Fahrzeugs nicht von der Strömung erfaßt und gedreht wurde. Nun gings auf die Mitte zu, der Fluß trieb den Kahn zurück — langsam, — unmerk- lich. Jwanowna achtete nicht daraus, sie arbeitete keuchend. Nun — noch ein paar Meter, dann war sie in der Mitte und — immer weiter flußabwärts glitt der bahn. Einen Augenblick sah sie sich um, und wie ein

Blitz zuckte es ihr durchs Hirn: Die schreckliche Strömung unten am Knie! — Nun hatte sie die Mitte erreicht, und der Kahn begann sich zu drehen. — Noch ein paar Ruder stöße, dann hatte sie das Schlimmste überwunden. Schnell warf sie das Ruder auf die andere Seite. — Aber es war zu spät — . . ehe sie das Wasser von rechts her zurückstoßen konnte — hatte sich der Kahn ganz gewendet, und — nun glitt er willenlos, die Spitze flußabwärts gerichtet, in der Mitte des Flusses dahin. Verzweifelt sah sie die Gefahr dort unten näher kommen. Das Ruder wieder herum! Und mit aller Kraft aufs andere Ufer los! Sonst trieb sie sicher in das Furchtbare hinein, das sie dort unten immer entsetzlicher und näher angähnte. Mit ateniloscr Hast kämpfte sie gegen die gurgelnden Wasser an, aber sie zwang das Element nicht. Ihr schwaches Fahrzeug trieb mit ihr hinein in den nassen Tod. Das Ufer, das sie erreichen wollte, sah sie weit, weit wie durch einen Schleier. Hilflos hielt sie sich nur mit Mühe aufrecht im Kahn, er schwankte--, nun . . mußte er kentern — ! Ein heftiger Stoß . . ., sie fühlte einen furchtbaren Schmerz im Rücken. Dann schwanden ihr die Sinne. — —

Die dunkeln Wasser aber zogen glucksend weiter, und die schwarze Stromtiefe gähnte gleichzeitig wie immer zum Himmel empor. Sie kümmerte nicht: die Todes­angst und Herzensnot einer liebenden Menschenseele! —

Nach wenigen Minuten — ein knirschender Ruck. — Jwanowna erwachte und fand sich liegend im Kahn, und trotz ihrer heftigen Schmerzen richtete sie ihren Ober­körper empor. Wie im Nebel sah sie das ersehnte User, das dicht vor ihren Augen lag, und drüben hinter ihr lag die grausige Stromschnelle. Der leichte Kahn war aus der Strömung geraten und gerade an dem versarrdcten, inneren Flußknic ans User getrieben worden.

Sie kannte sich kaum vor Freude. Und nicht achtend auf ihre Schmerzen, entstieg sie dem Kahn und schritt dann einsam und keuchend zur Höhe, wo Cochanovo schon im Abenddämmer lag. Es war ein leidvolles Wieder- sehn, aber alles wurde betäubt von dem einen Gedanken: Nur Alexei noch einmal sehen, dann mochte werden was wollte.

Die Nacht verbrachte sie im Stroh einer väterlichen Scheune. Die aufregenden Ereignisse des Tages gingen ihr durch den Sinn, und sie konnte lange keine Ruhe finden.

Gegen Abend des nächsten Tages erreichte sie endlich ihr Ziel: die Heersttaße. Es war der 3 te Tag ihrer Wanderung. Ihre vollen schwarzen Haare hingen in wirren Locken um Stirn und Schläfen. Ihre lebhaften dunkeln Augen lagen in tiefen Höhlen, und von ihrem ovalen Gesicht war die Frische gewicken. Um Jahre schien sie gealtert zu sein seit der Trennung von Alexei und durch die Ansttengungen der letzten Tage.

In dem Marktflecken an der Heerstraße, den sie am Abend erreichte, erfuhr sie, daß im Laufe dieses Nach­mittags ein Transport russischer Kriegsgefangener durch­gezogen sei. Man wußte, daß sie einige Stunden weit in den teilweise zerstörten Unterständen der Feldbefesti- gungen nächtigen würden, und daß das 51. Infanterie- Regiment unter ihnen sei.

In. dem^Make, wie chie Kräfte ibres schwachen Körpers zu Ende gingen, stieg von jeher neuen Etappe aus dem Wege zu ihrem geliebten Alexei die Hoffnung und die Zuversicht, ihn wiederzusehen. Sie ~ glaubte felsenstark an die vielen guten Vorbedeutungen, die chr Gott gesandt. Und nun so nahe vor dem Ziel war sie beinah überzeugt, daß sie innerhalb der nächsten 24 Stun­den bei Alexei sei.

Sie gönnte sich nur kurze Ruhe. Aber das Fieber hatte sie gepackt, und wirre Gedanken scheuchten den Schlaf. Sie durfte auch nicht ruhen, denn mit dem Morgengrauen mußte sie bei dem Transportführer sein und ihn nach — Alexei Korsakoff fragen. Was würde er sagen? Würde Alexei unter den Gefangenen sein? Würde man sie zu ihm lassen? Sie zitterte vor Erregung bei diesem Gedanken. Ihre Glieder zuckten nervös, und wenn sie hustete, fühlte sie die Schmerzen im Rücken. An jener Stelle, da sie sich beim Fallen im Kahn gestoßen hatte.---

„Dieses junge Weib hat einen übermenschlich weiten Weg hinter sich", sagte der Dolmetscher zu dem deutschen Transportführer, indem er nach Jwanowna hinüber­blickte. Und wie sie da vor den beiden stand mit ihrem erschöpften, aber noch immer lieblichen Körper, streifte

Helden im feldgrauen Kleide,

Das schwarz-weiße Band auf der Brust, Helden, im Kampf und im Leide Erprobt und des Sieges bewußt, —

Helden mit schleppenden Schritten, Auf Krücken, den Alm im Verband, Helden, halbblind, die gelitten Für's heilige Vaterland, —

Helden, die Mütter, die Frauen, Sie alle im schwarzen Gewand, Helden mit Augen, die schauen Vergangenes Sehnsuchtsland, —

Helden, die alle gerungen, Geopfert, gekämpft und gestrebt, Helden, gefeiert, besungen, Helden, die Großes erlebt!--

Und doch gibt's noch andere Helden, Von staunender Meng' nicht begafft, Nicht Blätter noch Chroniken melden Die Arbeit, die sie geschafft.

*) Aus der nächsten Nr. des Gundhelm-Huttener Heimatblattes.

sie der interessierte Blick des Transporfführers.

„Sie ist ihrem Verlobten auf der Fährte, vermutet ihn unter diesen Gefangenen und bittet in Untertänigkeit die Nämenliste nachsehen zu wollen, ob ein gewisser Alexei Korsakoff vorn 51. Infanterie-Regiment unter ihnen ist".

Der Transportführer verschlang mit einem Blick Jtvanownas schlanke Gestalt.

Dann ließ er die Liste nachsehen.

In angstvoller Erwartung richtete Jwanowna die Augen auf den zurückkommenden Dolmetscher. Es war ihr, als müsse sie jeden Augenblick zusammensinken. Sie stierte ihm entgiftet entgegen.

„Alexei Korsakoff ist — — hier", sagte er ruhig. Ein Schrei der Freude entrang sich ihrer gepreßten Brust, dann flehte sie den Transportführer an, zu ihm zu dürfen. Der hatte lange kein so schönes schwaches Weib gesehen. Sie war in seiner Gewalt. Noch einmal sah er ihr lange und gespannt in die dunkeln, tränenfeuchten Augen.

Er wartete. Aber dann rührte ihn dieser flehende und doch so tapfere Blick Jwanownas, und er winkte ihr, zu folgen. Jetzt erst merkte sie so recht, wieviel sie sich zugemutet hatte. Jeder Schritt fiel ihr schwer. Der Rücken schmerzte, und wenn sie hustete, wollte ihr schwindlig werden. Wie eine alte Frau wankte sie — — ihm entgegen.

Der Transportführer machte halt. Sie blickte auf, und dort in geringer Entfernung — nein — — ja — ihr Alexei ....

„Jwanowna!"

„Alexei!" Es war e i n Schrei —• und die beiden lagen sich in den Armen. Alexei wußte nicht, wie ihm war. Er sah sie nur immer ungläubig an und herzte und küßte sie. — Aber Jwanowna war still. Sie konnte nichts reden, es war zu viel auf einmal. Kaum daß sie Alexei's heiße Küße erwidern konnte. . . dann lag sie bewußtlos in seinen Armen.

Es war ein schöner taufrischer Herbstmorgen, an dem die beiden Liebenden sich wiedergesehen. Und nun lag Jwanowna da, noch immer nicht zum Bewußtsein er­wacht. Der begleitende Feldunterarzt stellte nur fest, daß--es zu Ende ging mit der lieben zarten Jwa­nowna. Die furchtbaren Seelenqualen, der Husten, das schwache Herz und der Sturz in den Kahn — das war zu viel gewesen.

Und so lag sie denn da, seine Braut, die ihn wieder- zusehen kein Opfer gescheut hatte, — tot, und Alexei kniete tränenlos und starr vor namenloser Trauer vor ihr, unverwandt den Blick auf ihre milden Züge geheftet.

Er brauchte sich nicht mehr zu entschließen, er wußte es genau, wie er seine süße tote Jwanowna ansah, was er tun würde. Seine zukünftige Heimat Cochanovo war zerstört, und die sein liebes Weib hatte werden sollen, gestorben. So hatte er vom Leben nichts mehr zu er­hoffen. --- — . . . . Er schloß mit ihm ab.

Und gegen Mittag begruben die Gefangenen ihre bei­den Landsleute: den Alexei und die Jwanowna, und auch von den deutschen Kriegskameraden hat mancher, der die Beiden gesehen, ihnen eine Träne nachgeweint.

Dann zierten sie das gemeinsame Grab mit Kreuzlein und Rasengrün, und weiter ging's in den Herbsttag und "näch^MmMalld' hinein 1 '

Kirchlicher Anzeiger für Schlüchtern.

Evangelische Gemeinde.

Mittwoch, den 14. Juni 1916.

Abends 8 Uhr: Bittgottesdienst.

beiden. * *)

---SS—--

Helden im Arbeiterkleide,

Kein schwarz-weißes Band auf der Brust, Helden in Arbeit und Leide, Helden, sich selbst unbewußt:

Greise mit schleppenden Schritten Führen den Pflug durch das Land, Helden, halbblind, die gelitten, Säen mit zitternder Hand.

Helden, die Väter, die Frauen Im schlichten Werktagsgewand, Helden mit Augen, die schauen Zukünftiges Sehnsuchtsland. —

Helden, die alle gerungen, Geopfert, gekämpft und gestrebt, Helden, die keiner besungen, Die im engen Kreis nur gelebt. —

Helden, denen die Sorgen Das Mal auf die Stirne gebrannt, Die kämpften am Abend und Morgen: Die Helden des Alltags genannt.

Marie H o s f m a