Telefon Nr. 65. Vochenbeilage: Illustriertes Sonntagsblatt. Telefon Nr. 65.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Areisblatt" vierteljährlich 1,20 Nk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 12 Pfg.
^L 35. Samstag, den 29. April 1916. 67. Jahrgang.
Wer über das gesetzlich uüiiffige Matz hinaus Hafer, MengKorn, Mifchstruhr worin sich Hafer befindet, oder Gerste verfüttert, versündigt sich am Katerlande!
Amtliches.
3„!Rr. 1727 K. G.
Ziegenlammer-Aufzucht. Der Herr Land- ivirtjchastsminister hat der Landwirtschastskammer eine größere Summe zur Vermehrung der Ziegeuhalmag zur Verfügung gestellt, welche in erster Linie zur Berteilung als Aufzuchtsprämie verwandt werden soll. Die Prämie ist auf 5 Mark festgesetzt und wird für jedes weibliche Ziegenlamm bezahlt, welches über den eigenen Bedarf zur Zucht aufgestellt und bis zum Alter von 3 Monaten als Zuchttier zum Verkauf innerhalb des Regierungsbezirks Gaffel gestellt wird. Die näheren Bedingn gen können hier eingesehen werden. Die Ziegenzucht« veranlasse ich, die Zahl der vorhandenen oder noch kommenden weiblichen Ziegenlämmer sofort dem Herrn Bürgermeister anzuzeigen und dabei anzu- geben, wieviele davon für den eigenen Bedarf und wieviel gegen Zahlung der obengenannten Prämie aus» gezogen werden sollen. D:e Herren Bürgermeister wollen die Anzeigen gesammelt bis spätestens 7. Mai wir einsenden.
Schlüchtern, den 27. April 1916.
Der comm. Lcndrat. von Trott zu Solz.
J.-Nr. 2062 K K. " “
£ i^r vii ^eWertrag.
Am Mittwoch, den 3. Mai 1916 abends 7?« Uhr wird im Saale des Gasthauses zum Stern ihr Herr Professor Ehringhaus aus Casiel — stüher Pfarrer in Hobenzell — einen LichtbildervortragüberKriegsbeschädigtenfürsorge halten.
Hierzu lade ich freundlichst ein.
Schlüchtern, den 27. April 1916.
Der comm. Landrat. von Trott zu Solz.
Dom Rriegsschauplatz.
Amtlicher Tagesbericht.
WTB. Großes Hauptquartier, 27. April.
Westlicher Kriegsschauplatz:
Südöstlich von Ppern nahmen wir die englischen Stellungen unter kräftiges Feuer, dessen gute Wirkung
durch Patrouillen fcstgesttlft wurde. Südlich von St. Eloi wurde ein stärkerer seindlicher Hindgrariatenan- griff durch Feuer zum Scheitern gebracht.
Im Abschnitt von Givenchy-en-Gohelle—Neuville St. Vaast sprengten wir mit Erfolg mehrere Minen, entrissen in anschließenden Handgranatenkämpsen bei Givenchy dem Gegner ein Stück seines Grabens und wiesen Gegenangriffe ab.
Englische Vorstöße nördlich der Somme blieben erfolglos.
Im Maasgebiet ist es neben heftigen Artilleriekämpfen nur links des Flusses zu Jnfanterietätigkeit gekommen; mit Handgranaten vorgetzende französische Ab.eilungen wurden zurückgeschlagen.
Deutsche Patrouillenunternehmungen an mehreren Stellen der Front, so in Gegend nordöstlich von Armem tieres und zwischen Bailly und Craonne waren erfolgreich.
Im Luftkampf wurde je ein feindliches Flugzeug bei Souchez und südlich von Tahure durch Abwehrgeschütze ein drittes südlich von Parroy abgemessen. Die Bahnlinie im Noblette-Tal, südlich von Suippes, wurde durch ein deutsches Flugzeuggeschwader ausgiebig mit Bomben belegt.
*
Heute nacht kam ein Luftschiffangriff gegen die Hafen- und Bahnanlagen von Margate an der englischen Ostküste zur Ausführung.
Oestlicher Kriegsschauplatz:
Die Lage ist unverändert.
Eins unserer Luftschiffe w?rf auf die Werke, sowie die Hafen- und Bahnanlagen von Dünamünde Bomben.
Balkan-Kriegsschauplatz:
Nichts Neues.
Oberste Heeresleitung.
Die Spannung mit Amerika.
Aus die Note an die deutsche Regierung über neuere Erscheinungen im U Bootkrieg, hauptsächlich den Untergang des Passagier schiffe- Suff-r, hat Präsident Wilson eine Botschaft an den Kongreß folgen lasten, die den Bürgern der Vereinigten Staatenden Ernst der Situation vor Augen führen und eine möglichst einmütige Stimmung bewirken soll. Der Ton der Botschaft ist milder als der der Note. Wilson bemüht sich, mittelbar den Eindruck zu verwischen, daß er voreingenommen sei und mit zweierlei Maß messe. Er versichert, sich in allem, was er tat und sagte, von den Gefühlen echter Freundschaft haben leiten zu lasten, die das amenkanische Volk gegenüber dem deutschen hege und auch zu hegen fort« fahre. Zum Schluß empfiehlt er allen ernstdenkenden
Männern, sich in der Hoffnung zu vereinigen, daß die t eutsche Regierung, die in anderen Fällen als Verfechter der Menschlichkeit dagestanden habe, nun auch den von der amerikanischen Regierung erhobenen Forderungen in dem Geist begegnen werde, in dem sie gestellt worden sind.
Bei uns gibt es kaum einen Menschen, der nicht überzeugt wäre, daß die amerikanische Regierung bis« her blutwenig gegen die zahlreichen Völkerrechtsbrüche Englands unternommen und selbst die Gesetze der Menschlichkeit mit der wohlvollendeten Duldung der Waffen- und Munitionslieferungen an unsere Feinde schlecht wahrgenommen hat. Mancher unter uns wird auch geneigt sein, die Berufung auf die alte deutschamerikanische Freundschaft für eine Heuchelei zu halten, die nichts für die angebliche „bedächtige Erwägung der außerordentlichen Umstände dieses Krieges, der keinen Vorgänger in der Geschichte kennt", beweist, sondern nur einseitige Parteieinnahme für England verhehlen soll. Darauf weiter einzugehen, lohnt nicht. Wir haben uns von Gefühlen frei zu halten und nur den kühlen Verstand walten zu lassen. Wir stehen vor einer schweren Entscheidung. Die ganze Haltung WilsonS, die unzweifelhaft^von dem größeren Teil der öffentlichen Meinung trüben gebilligt wird, zwingt zudem Schluß, daß es Amerika auf einen Bruch mit Deutschland an« kommen läßt, wenn wir keine größere Sicherheit als bisher gegen die Vernichtung amerikanischer Menschen« leben auf Passagier- oder neutralen Frachtschiffen gewähren können oder zu gewähren bereit sind.
Der Kernpunkt unserer Entscheidung liegt in der Frage: Wie können wir unseren Sieg über die feindliche Koalition am schnellsten vollenden l Diesem ebensten Leitgedanken muß alles untergeordnet werden. Sind die Nachteile eines Bruches mit Amerika, bet, dieses unseren Feinden zugesellen würde, größer als die Vorteile des ganz uneingeschränkten U-Boorkriegs, der Englands Frachttraumnot ins Unerträgliche steigern könnte, so muffen wir uns mit Amerika zu vergleichen trachten, im umgekehrten Fall werden wir feinen Einspruch kalt zurückweisen. Was hier das Richtige ist, das können nur die für die Krirgssührung und politische Leitung verantwortliche Stellen wissen; denn nur ihnen steht die volle Kenntnis aller Umstände zu Gebote, die gegeneinander abgewogen werden müssen: bei einem Ausgleich : Schwächung des Gebrauchs eines äußerst wertvollen Kriegsmiltels gegen England, mithin auch Erleichterung des feindlichen Handelsverkehrs; beim Bruch mit Amerika: unmittelbare Unterstützung aller unser« Feinde mit Geld, Waffen aus Staat-werkstätten, Werbungen von Mannschaften in den Vereinigten Staaten, neue Kittung der innerlich brüchigen Entente, Mißmut unser« Bundesgenossen, Erschwerung unserer wirtschaftlichen Versorgung aus neutral» n Ländern. Viel hängt auch
Irauenkieöe.
Roman von Clara Aulepp-StübS. 60
Und die Frau saß still am Lager und wartete.
Endlich regte sich Giovanni. Leise trat der Arzt neben Lttti. DeS Kranken Ringer fuhren wie suchend über die Decke; Lotti hielt sie sachte fest.
Da bewegte der Sterbende die Lippen.
Der Arzt schob sonst seinen Arm unter daS Kiffen vrd stützte ihn.
Und nun leise, fast wie ein Hauch: «Leb wohl — üb muß — Dich — verlassen —“ Und mit einer schmerzvollen, letzten Anstrengung ein Schrei: .Warum?" und dabei die Augen wie anklagend nach oben gerichtet.
Ein Schauer durchrieselte Lotti. Sie legte sachte ihre Hand über diese Augen. Da zuckte es verklärend über die verzerrten Züge.
Und Lotti nun schmerzzitternd, herzzerreißend, mit ^brochen«, klangloser Stimme: .Grüße mir meine Mutti, Gio, Du kommst zu ihr und zu Gott, zu Gott!"
DaS letzte klang wie eine verzweifelte Mahnung und doch wieder so recht frauenhaft sorgend, im grauenvollsten Schmerz daS Wohl deS Geliebten nicht vergef- feud bis an die Pforten der Ewigkeit.
Und er ging hin — durch daS dunkle Tor, nun mit einem Lächeln um die blaffen Lippen imb einem letzten, heißen Liedes blick auf das junge Weid,da» dann iaf- imigSloS sich über den Toten man.--
Arme Lotti! — Dein Giovanni war eine jener heißen Naturen, deren glühende Seelen immer ganz gegen- bärtig sind in dem, was sie empfinden und wollen. Jedes Verlagen lostet ein Stück ihres Lebens.
Er besaß wohl die Seele des Künstlers, aber : die Kraft, die göttliche, alles überwindende KranJe: e EnttäufL .mg, jeder Schlag, der ihn traf, traf chu in den Her-punkt.
- Tu SStttn ^mrp" hatte ihm ein schönes Talent
in die Wiege gelegt. Es war ein Danaergeschenk! Dem Schicksal gefiel es, durch die zwingende Macht eitles für den Erben seines alten Hauses bangenden Vaters, dasselbe unter strengem Bann zu halten, ja, es zu unterdrücken?
Und er ließ sich zwingen! Und als er sich endlich los- rang, war es zu spät; seine Kraft war fort: das Schicksal warf ihn zerbrochen jur Seite.--
Eine Stunde später hu'chte eine schlanke, dunkle Gestalt die Treppe hinauf.
.Gleich rechts an der Treppe die erste Tür, da liegt er," raunte Emma ihr noch schnell zu.
.Und Frau Arnheim? Wo finde ich die?"
.Die darf mcht gestört werden? Sie liegt zu Bett. Der Doktor ist oben erst weggegangen!"
.Es ist gut!"
Maud Mertens stand atemlos oben vor der Tür. Sie sah sich scheu um. Eine fürchterliche Angst befiel sie; aber wie einem geheimnisvollen Zwang gehorchend, drückte sie focht auf die Klinke und trat ein.
Das große Schlafgemach war unverändert. nur dort auf dem einen Bett eine mit weißen Linnen zugedeckte Gestalt und vor den weit geöffneten Fenstern wogende Nebelschleier.
Maud konnte sich nicht bewegen. Sie stand da mit einem entsetzlichen Grauen vordem, waS das Linnen verbarg und waS ihre Augen nun sehen würden, und zugleich vermeinte sie den FäulmSgeruch deS Todes zu spüren.
Unschlüssig sah sie sich um; dann trat sie schwerarmend näh« an daS Lag« heran. Ihr Haupt senkte sich. Ein tiefer Schmerz, eine furchtbare Erbitterung wühlte ihr ganzes Innere auf. Mir zitternd« Hand schlug sie das Tuch zurück.
Ha, da starrte sie der Tod an mit gespenstischem kalten Augen und sie «schauene bis in ihre feinsten Nerven unter dem Atem von EiS, bet über üe hinfuhr. Sie schrie nicht auf, ne weinte nicht, aber sie fror, fror und erstarrte fast vor KLte.
Die Liebe zu diesem Mann hatte sie bis in ihr eigenstes, innerstes Sein erschüttert. Ihre echteste beste Sehnsucht galt ihm. Doch er hatte sie zurückgewiesen und sie mußte sie nun knebeln, knebeln mit fieberisch zuckenden Händen, die sich verlangend auSstrecklen: ,Ach. gib mir doch, gib mir doch," und die krank und leer zurückfielen.
Und von da an stand fiel abseits und mußte zufrieden fein, wenn ein paar Brosamen für sie absielen vom Tische der Reichen, und sie hatte sie ausgenommen diese Brosamen. —
Ach, sie waren ja das Band, das ihre angstvolle, zitternde Weibseele mit dem Geliebten verband!
Doch erschauernd hatte sie längst gefühlt, daß sie auf keine Dauer rechnen konnte, daß ein ander« komme» würde und es ihr aus den Händen winden. Und in ihr« verzweifelten Hilflosigkeit lebte sie jetzt nur noch, wenn sie ihn sah. Die Sinne wollten ihr oergeben, wenn sie an daS Ende dachte, das unausbleibliche, mit grausam«, dämonischer Macht nahende Ende.
Ihre Spannkraft fing an zu reißen. Ihre Aussprache gestern war durch euren Zustand ihres gepeinigten H«- zens h«beigeführt, daS unter dem Zwang und der Vorstellung, von deur Geliebte» mißachtet zu werden, Höllenqualen litt.
Und nun stand sie hi« — vor ihr der kalte, stumme Tote, und fror und fror. Es kam ihr vor, als würde alles um sie herum schwarz unb leer und sie stehe allein mitten in diesem Schwarzen, Leeren.
Eine unaussprechliche UnrfloügTett bemächtigte sich ihr«, ihre Sinne fingen an, starr zu werde», starr auch ihre Artgen, die noch immer an dem bleiche» Toten ant- lch gingen, starr die HarU», die daS Linnen fallen ließ, das sie bis jetzt frampfbafi fest gestatten. 219,18*
Und in dies« toten Starrheit ging sie hinaus, die Treppe hinunter aus dem Hause in dre waUendsi, wogenden Nebel hinein, die sich hinter ihr zu oszerrteu, grollten bestallen formten unb einen seltsam«, Neige» aufführten. — ES war wohl her Totentanz?--