Telefon Nr. 63. Wochenbeilage: Illustriertes Sonntagsblatt. Telefon Nr. 63.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Areisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 12 Pfg.
M 6.
Mittwoch, den 19. Januar 1916
67. Jahrgang.
J.-Nr. 1773 R. K. Der in voriger Nummer für Mittwoch Abend angekündigte Vortrag des Herrn Professors Ehringhaus über Kriegsbeschädigten Aürsorge findet nicht statt.
Wahrscheinlich wird der Vorrrag im Monat Februar gehalten werden.
Schlächtern, den 17. Januar 1916. Namens der beiden Rote Kreuz-Vereine.
Matentiner, Landrat.
Kreisaröeitsnachweis Schlächtern.
Für ein größeres Gut in Rheinhessen werden für die Monate März bis November
6 Mädchen oder Krauen als Feldarbeiterinnen gesucht.
Angebote mit Lohnansprüchen sind alsbald hierher zu machen.
Hin Keöurtstags-Hrtaß des Kaisers.
Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht folgenden Erlaß des Kaisers:
Zum zweiten Male werde Ich Meinen Geburtstag im Waffenlärm des Krieges begehen. Trotz der heldenmütigen Taten und ruhmvollen Erfolge der Deutschen und verbündeten Streitkräfte ist der schwere Daseinskampf noch nicht beendet, den Neid und Haß feindlicher Großmächte uns aufgezwungen haben. Noch müssen Herz, Sinn und Kraft des deutschen Volkes im Felde und daheim auf das eine große Ziel gerichtet sein, den endgültigen Sieg und einen Frieden zu erringen, der das Vaterland gegen eine Wiederholung feindlicher Ueberfälle nach menschlichem Ermessen dauernd zu sichern verbürgt. Ich bitte daher auch in diesem Jahre, anläßlich Meines Geburtstages von den sonst zu Meiner Freude üblichen festlichen Veranstaltungen und glückwünschenden Kundgebungen abzusehen und es bei stillem Gedenken und treuer Fürbitte bewenden zu lassen. Wer seiner freundlichen Gesinnung an diesem Tage noch einen besonderen Ausdruck zu geben sich gedrungen fühlt, möge es durch Gaben der Liebe zur Linderung der durch den Krieg geschlagenen Wunden oder durch erhöhte Teilnahme an der Kriegsfürsorge tun. Meines wärmsten Dankes können alle gewiß sein. Gott der Herr aber! sei xzuch ferner mit un8l und unseren Waffen. Er weihe die schweren Opfer, die freudig auf dem Altare des Vaterlandes dargebracht werden, zu einem weiteren Grundstein für den festen Bau des
Reiches und die glückliche Zukunft des Deutschen Volkes. Ich ersuche Sie, diesen Erlaß zur öffentlichen Kenntnis zu bringen.
Großes Hauptquartier, den 12. Januar 1916.
Wilhelm I. R.
An den Reichskanzler.
Dom Rriegsschauplatz.
Der Kaiser.
WTB. Berlin^ 16, Januar. (Amtlich.)
Seine Majestät der Kaiser hat sich nach völliger Wiederherstellung seiner Gesundheit heute nachmittag auf den Kriegsschauplatz begeben.
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Amtlicher Tagesbericht.
WTB. Großes Hauptquartier, 16. Januar. 1916
Westlicher Kriegsschauplatz.
Ein feindlicher Monitor feuerte wirkungslos in die Gegend von Westende.
Die Engländer schössen in das Stadtinnere von Lille; bisher ist nur geringer Sachschaden durch einen Brand festgestellt.
An der Front stellenweise lebhafte Feuerkämpse und Sprengtätigkeit.'
Südöstlicher Kriegsschauplatz.
Die Lage ist im allgemeinen unverändert.
Oberste Heeresleitung.
*
Amtlicher Tagesbericht.
(WTB.) Großes Hauptquartier, 17. Januar (Anul).
Westlicher Kriegsschauplatz.
Keine wesentliche Ereignisse. In der Stadt Lens wurden durch das seindtrche ätiütertefeMtte ftchszeh» Bewohner getötet und verwundet.
Oestlicher Kriegsschauplatz.
Schneestürme b hindern auf dem größten Teil der Front die Gefechtstätigkeit. Es fanden nur an einzelnen Stellen Patrouillenkämpfe statt.
Balkan-Kriegsschauplatz.
Nichts Neues.
Oberste Heeresleitung.
*
Budapest, 17. Jan. (WTB. Nichtamtlich.) Graf Tisza teilte im Abgcordneteuhause mit, Montenegro habe um Einleitung von Friedensverhandlungen gebeten. (Große Bewegung). Montenegro habe unbedingte Waffennic- d erlcgung angenommen. (Langanhaltender Beifall.) Nach Durchführung der Kapitulation werden die Friedensverhandlungen beginnen.
Der grotze Augenblick.
Die Siegesbotschaft im deutschen Reichstag.
(WTB). Berlin, 17. Jan. (Nichtamtlich).
Während der Verhandlung im Reichstag machte Präsident Dr. Kämpf dem Hause die Mitteilung von der Kapitulation Montenegros. Das Haus unterbrach den Präsidenten wiederholt mit brausendem Beifall. Am Schlüsse erfolgte anhaltendes Händeklatschen im Hause und auf den Tribünen.
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Graf Tisza verkündet die Waffenstreckung Montenegros.
WTB. Budapest, 17. Jan. (Nichtamtl.)
Im Abgeordi etenhause erhob sich nach der Annahme eines Paragraphen der Vorlage über die Finanzzentrale, Ministerpräsident Graf Tisza und sagte: Ich bitte um Erlaubnis, die Verhandlung auf den Augenblick mit der Mitteilung unterbrechen zu dürfen, daß der König und die Regierung von Montenegro um Einleitung von Friedensverhandlungen gebeten haben. (Große Bewegung). Als Antwort darauf verlangten wir als Vorbedingung der Friedensverhandlungen unbedingte Waffenstreckung. (Eljenruse). Eben jetzt erhalte ich die Nachricht, daß Montenegro unbedingte Waffennie- derlegung annahm (Langanhaltender Beifall. Eljen- ruf; im ganzen Hause). Infolgedessen werden nach der Durchführung der Kapitulation die Friedensverhand- lungen beginnen können. (Eljenruse). Ohne die Bedeutung dieses Ereignisses zu überschätzen, glaube ich dasselbe jedenfalls als wichtiges, erfreuliches Ereignis bezeichnen zu können, in dem die Monarchie und die ungarische die Nation erste Frucht des bisherigen Ausharrens und des Heldenmutes erntet. (Langanhaltender Beifall. Eljenruie des ganzen Hauses). Die Sitzung WM'^Mf'TMs'Mtiiuieu inrruonrwm.—---------- ♦ *
Die Stimmung in Griechenland.
In Sofia eingelaufenen Nachrichten zufolge wächst die Erregung in Griechenland über das selbstherrliche Vorgehen der Entente und ihre Mißachtung der griechischen Neutralität und Souveränität ständig. Die Erbitterung ist so gestiegen, daß der Gedanke, Bulgarien, den Gegner von 1913, in Saloniki einmarschieren zu sehen, seine Schrecken für die Griechen verloren hat und daß die Mehrheit des Volkes die Verbündeten beim Einmarsch in ^griechisches Gebiet als Befreier begrüßen würde. Die Stimmung, welche noch vor wenigen Monaten durchaus ententesrcundlich war, ist in ihr Gegenteil umgeschlt gen. Die Regierung", hätte dem Rechnung getragen, wenn die Entente nicht durch militärischen und wirtschaftlichen Druck das kleine Land hinderte, seine Interessen und seine Ehre zu verteidigen.
Krauenlieöe.
Roman von Clara Aulepp-StübS.
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Im Dümmer des unfreundlichen Märzabends saß die Frau dann in ihres Mannes Zimmer und wartete. Es war merkwürdig, daß sie gerade in Giovannis Abwesenheit so gern dieses Gemach aufsuchte. Den leichten Zigarettendnft, Gio rauchte keine Zigarren, das ganze Aroina des Zimmers empfand sie wie eine leise Liebkosung ihres Mannes.
Sie schmiegte sich in einen der großen, weiten Ledersessel, die um den Tisch gruppiert waren und ließ die Hände müßig im Schoße ruhen. Traumverloren glitt fhr Blicküberdas geschmackvolle Interieur. Unangenehm m ihrem Empfinden berührt, blieb er bann an einem kleinen Tisch haften, dessen Platte von einem Tablett mit mehreren Flaschen und Gläsern bedeckt war. Das Tischchen stand in einer Ecke zwischen Bücherschrank nnd Chaiselongue.
Hatte Gio Besuch gehabt? Doch jedenfalls! —Aber dann war ihr ja gar nichts bekannt. — Müßte denn heute, während sie bei ihrer Mutter weilte und ihr beim Packen einiger Garderobe half, jemand dagewesen sem? — Gewiß, so würde es schon sein und Gio es nur vergessen haben, zu erwähnen.
. Sie sah aber jetzt nichts weiter, als diese bis auf einen kleinen Rest geleerten Weinflaschen. Sie starrte intensiv nur immer dorthin, wo der letzte Tagesschein das Helle Viereck der (Stiletten scharf hervortreten ließ, ms wollte er ihr die drohende Gefahr zeigen, sie warnen — —
.^Zuletzt vermochte sie es nicht anehr zu sehen, sie schloß die Augen, Stach einer Weile stand sie auf. Es mar nun ganz dunkel im Zimmer, auch die, Etiketten »onttte man nicht mehr erkennen. Lotti tastete sich nach Türe. Ihre Glieder waren schwer wie Blei.
Als sie ins Eßzimmer eintrat und die ganze trauliche
Behaglichkeit des schönen Raumes empfand, würgte es sie in der Kehle. Doch sie bezwäng sich, warf nur einen Blick auf die Uhr.
Schon sieben I — Um fünf Uhr würben die Bureaus gewöhnlich geschlossen. Doch Giovanni würde heute länger arbeiten!
Unruhig ging sie ins Wohnzimmer, zog diegeschlosse- nen Vorhänge znrück und lugte durch die.Spitzensto- res. — Alles dunkel drüben 1 — Bedrückt blieb sie am Feilster stehen. Ob ihr Mann gleich mit dem Beamten- fahrdampfer nach Villa Arnheim hinüber gefahren war um uach seinem Vater zu sehen?
Sie legte die Hand an die Stirn, dann nickte sie mit dem Kopf. „Die Sorge um den Vater wird ihm keine Ruhe gelassen Reiben; er hat sich vielleicht auch erst im letzten Augenblick entschlossen, sonst würde er mir Botschaft haben zukommen lassen," versuchte sie sich zu beruhigen.
Sie stieg selbst in die Küche hinunter, sah nach, daß Martha das Essen, so gut es ging, wann und bereit hielt. Dann begab sie sich wieder ins Wohnzimmer zurück. Sie setzte sich mit einer Handarbeit aufs Sofa.
Der feine, weiße Flanell, durch welchen sie den blauseideuen Faden zog, ruhte ihr mit einem Mal so schwer in der Hand, der Arm tat ihr weh, die Hand sank auf die Tischplatte, die aubere legte sie darüber, dann neigte sich der Kopf wie von einer geheimen Last niedergedrückt, unb Frau Lotti weinte, weinte.--
Wie lange sie so gesessen hatte, sie wußte es nicht Durch ein Klopfen an der Tür wurde sie aufgestört.
Es war das Stubenmädchen. Sie fragte, ob die gnädige Frau nicht etwas essen möchte.
„Nein, nein, ich warte!“ wehrte diese hastig ab.
„Der Herr ißt aber gewiß in der Villa Aruheim, es ist doch schon zehn," erlaubte Emma sich in bescheide- neul Ton zu bemerken.
»Schon zehn? Sluijt möglich! Dann allerdings wirb
mein Mann schon gespeist haben. Vielleicht ist es mit meinem Schwiegervater schlimmer geworden."
Lotti sprach möglichst ruhig, aber das Mädchen merkte doch die verborgene Qual im Tone der Stimme.
„Gnädige Frau sollten sich aber nicht so ängstigen und etwas essen," meinte sie gutmütig.
„Nein, nein, ich kann nicht! bringen Sie mir nur eine Tasse Tee, sonst nichts weiter.“
Das Mädchen ging. U
Lotti packte mechanisch die Arbeit in den Nähkorü.
Ihre Gedanken gingen ihrem Mann nach, sie freisten immer nur um seine Person, marterten und folterten sie. Ganz müde schleppte sie sich ins Eßzimmer und trank einige Schluck von bem Tee, den Emma eben brächte. Sie hatte sich auf ihren gewohnten Platz gesetzt und zerbröckelte nun langsam ein Cakes zwischen den Fingern.
Das Mädchen wollte die Bestecke oom Tisch nehmen,
„Lassen Sie doch das!" fuhr sie auf.
Da entfernte sie sich still; ihr tat ihre Herrin leid.
Diese stützte den Kopf in die Hand. Ein sicher, heb» licher Duft zog über den Tisch. Da hob sie den tröst» losen Blick. Er fiel auf die Rose in Giovannis Serviette.
Die nahn; sie heraus, sog träumerisch den Duft ein. Die Blume war am Verwelken und Gio hatte ihr gesagt: „Eine sterbende Blume wirkt berauschend, wie ein GlaS edelsten Weines!" ,
Hub wieder und wieder presste d;e Frau ;hr Gesicht & auf die Blume, derweilen die Zeiger der Uhr langsam, aber stetig vorwärts rückten.
ZehnMinnten vor zwölf! „Gleich Mitternacht," murmelte sie, nachdem ihr Muge das Zifferblatt gestreift.
Sie erhob sich, öffnete ein Fenster und schaute hinaus.
Ganz fern auf dem Wasser sah sie ein Lichtpünktchen sich bewegen. Obes das Arnheimsche Motorboot war? Im angestrengteren Schalten vergrößerten sich ihre Augen. Endlich — ein tiefer Atemzug hob ihre Brust, ja — es war das Arnheimsche Boot. 219,18*,