Telefon Nr. 65. Wochenbeilage: Illustriertes Sonntagsblatt. Telefon Nr. «5.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — preis mit „Areisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 12 pfg.
«M 2. Mittwoch, den 5. Januar 1916. 67. Jahrgang.
#ortwa^ vend werden Beftellungett auf die „Schlüchterner Zeitung"
mit amtlichem „Kreisblatt"
von allen Postanstalten, Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegengenommen.
Inserate
finden in der Schlilchteraer Zeitung den meisten Erfolg
da sie die größte Auflage der im Kreise Schlüch- ern erscheinenden Zeitungen besitzt.
Amtliches.
J.-Nr. 6294 K. A. Neuerer höherer Anordnung zufolge, sind die Anmeldungen der Gemeinden zur Erstattung ihrer Aufwendungen fürKriegswohlfartspflegekreiswerseeinzu- reichen. Indem ich hiervon Kenntnis gebe, er- fucheich die Stadt-u. Landgemeinden,etwaige Ausgaben auf dem Gebiet der Krieg^swohl- fahrtspstege regelmäßig für den abgelaufenen Monat zum 5. des nächstfolgenden Monats ittäcr Eonutzung des ^TäsfeisJ&r. mulars bei mir anzumelden.
Nachträgliche Anmeldungen für die zurückliegende Zeit können nicht mehr berücksichtigt werden.
Schlüchtern, den 27. Dezember 1915.
Der Vorsitzende des Kreis-Ausschusses.
Walentiner.
Kaiser Wilhelm an sein Keer.
Der Kaiser hat aus Anlaß des Jahreswechsels folgenden Erlaß gegeben:
An das deutsche Heer, die Marine und die Schutztruppen.
Kameraden! Ein Jahr schweren Ringens ist abgelaufen. Wo immer die Ueberzahl der Feinde gegen unsere Linien an stürmte, ist sie an euerer Treue und Tapferkeit zerschellt. Ueberall wo ich euch zum Schlagen
ansetzte, habt ihr den Sieg glorreich errungen. — Dankbar erinnern wir uns heute vor allem der Brüder, die ihr Blut freudig dahingaben, um Sicherheit für unsere Lieben in der Heimat und unvergänglichen Ruhm für das Vaterland zu erstreiten. — Was sie begonnen, werden wir mit Gottes gnädiger Hilfe vollenden. — Noch strecken die Feinde von West und Ost, von Nord und Süd in ohnmächtiger Wut ihre Hände nach allem aus, was un - das Leben lebenswert macht. Die Hoffnung, uns im ehrlichen Kampf überwinden zu können, haben sie längst begraben müssen, nur auf das Gewicht ihrer Masse, auf die Anshunge- rung unseres ganzen Volkes und auf die Wirkungen ihres ebenso frevelhaften wie heimtückischen Ver- leumdungsseldzuges auf die Welt glauben sie noch bauen zu dürfen. — Ihre Pläne werden nicht gelingen. An dem Geist und dem Willen, der Heer und Heimat unerschütterlich eint, werden sie elend zuschanden werden; dem Geist der Pflichterfüllung für das Vaterland bis zum letzten Atemzug und dem Willen zum Siege. — So schreiten wir denn in das neue Jahr. Vorwärts mit Gott zum Schutz der Heimat und für Deutschlands Größe!
Großes Hauptquartier, 31. Dezember 1915.
____Wilhelm.______
Dom Kriegsschauplatz.
Amtlicher Tagesbericht.
(WTB.) Großes Hauptquartier, 3. Januar (Amtl.)
Westlicher Kriegsschauplatz.
Eine große Sprengung nördlich der Straße La Basis—Bethune hatte vollen' Erfolg. Kampf- und Deckungsgräben des Feindes, sowie ein Verbindungsweg wurden zerstückelt. Der überlevende Leck Ver Besatzung, der sich durch die Flucht zu retten versuchte, wurde von unserer Infanterie und von Maschinengewehren wirksam gefaßt. Ein anschließender, auf breiter Front ausgeführter Feuerüberfall überraschte die feindlichen Graberbesatzungen, die teilweise ihr Heil in eiliger Flucht suchten. Auf der übrigen Front keine Ereignisse von besonderer Bedeutung. Bei der Beschießung von Lutterbach im Elsaß durch die Franzosen wurden am Neujahrstage beim Verlassen der Kirche ein junges Mädchen getötet, eine Frau und drei Kinder verwundet.
Oestlicher Kriegsschauplatz.
Die Russen setzten an verschiedenen Stellen mit dem gl ichen Mißerfolge wie an den vorhergehenden Tagen ihre Unternehmungen mit Patrouillen und Jagdkommandos fort.
Balkan-Kriegsschauplatz.
Nichts neues. Oberste Heeresleitung.
Amtlicher Tagesbericht.
Ein Erfolg am Karlmannsweilerkopf.
WTB. Großes Hauptquartier, 2. Januar. 1916.
Westlicher Kriegsschauplatz.
In der Nacht zum 1. Januar wurden Versuche stärkerer englischer Abteilungen, in unsere Stellung bei Frelinghem (nordöstlich von Armentisres einzudringen, vereitelt.
Nordwestlich von Hulluch besetzten unsere Truppen nach erfolgreicher Sprengung den Trichter.
Bei der Eroberung eines feindlichen Grabens südlich des Hartmannsweilerkopfes fielen über 200 Gefangene in unsere Hände.
Oestlicher Kriegsschauplatz.
An verschiedenen Stellen der Front wurden vorgehende schwächere russische Abteilungen abgewiesen. Nördlich des Dryswjaty-Sees war es seiner von ihnen gelungen, vorübergehend bis in unsere Stellung vor- zudringen.
Balkan-Kriegsschauplatz: Die Lage ist unverändert.
Oberste Heeresleitung.
♦ Gescheiterte Durchbruchsversuche der Ruffen.
Hejterreichisch ungarischer Tagesbericht.
WTB. Wien, 3. Januar.
Amtlich wird verlautbart:
Russischer Kriegsschauplatz:
—~ -" ^"^McMm Front wurde auch gestern, den ganzen Tag über erbittert gekämpft. DerFem^ setzte alles daran, im Raume von Toporoutz unsere Linien zu sprengen. Alle Durchbruchsversuche scheiterten am tapferen Widerstand unserer braven Truppen. Die Zahl der eingebrachten Gefangenen beträgt drei Offiziere und 850 Mann. An der Serethmündung, an der unteren Strypa, am Korminbach und am Styr wurden einzelne russische Vorstöße abgewiesen. Zahlreiche Stellen der Nordostfront standen unter feindlichem Geschützfeuer.
Italienischer Kriegsschauplatz:
Keine wesentliche Ereignisse.
Südöstlicher Kriegsschauplatz.
Bei Mojkovac wurde eine montenegrinische Abteilung die sich an das Nordufer der Tara vorwagte, in die Flucht gejagt. Die Lage ist unverändert.
Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabs: von Höser, Feldmarschalleutnant.
Iirauenkiebe.
Roman von Clara Anlepp-Stübs. 37
An der Schläfe stand ihr der Schweiß, — sie dachte an das Kind, das sie unterm Herzen trug. — Sie sah es neben sich, sah es spielen, lieblich und hold. Gütiger Vater, — dann sah sie den Mann, ihren Mann, der auf das Kind zuschritt — nein, er schritt nicht, er torkelte; er packte es--Das junge Weib hob wie abwehrend die Hände, ein halb unterdrückter Schrei rang sich von ihren Lippen. Sie hastete vorwärts, eilig, als müßte sie sich überzeugen, daß dieses Gräßliche nur ein Bild ihrer erregten Phantasie sei, die Folgen des vorher Gesehenen bei der unglücklichen Liese Larsen.
Als sie nach Hause kam, trat ihr die Muttter entgegen. „Kind, bei dem Wetter warst Dnans?O, wie naß Du bist! Schnell das Cape ab und sich umziehen! Mein Himmel, Lotti, wo warst Du nur, Du zitterst ja am ganzen Körper!"
„Laß gut sein, Mntti! Später, jetzt muß ich mich erst setzen, ich' sann nicht mehr — ich bin so schwach."
Frau Doktor Falk war aufs höchste bestürzt.
„Liebe Mutti!" Die junge Frau zog zärtlich die Mutterhand an die Lippen. Sie war so schwach, so hilflos! Sie wehrte Frau Doktor nicht, als sie ihr das Kleid auszog und den weichen, rosa Morgenrock über ihre Schultern streifte, sie ließ sich alles gefallen. Eine grenzenlose Mattigkeit, eine Müdigkeit fesselte ihr die Glieder,, deren sie sich nicht erwehren konnte. Sie ließ sich willig zum Ruhebett führen.
„Wo ist Gio? fragte sie dann."
„Papa ist da! sie sind beide im Arbeitszimmer!'
„So!" Lotti schloß die Angeu. Und lind und weich, wie es eben nur Mutterhände vermögen, strich Frau Doktor über ihres Kindes blasses, abgespanntes Gesicht.
, Da mußte Lotti an jenen Gewitterabend denken, als
sie und Giovanni der kleinen Beamtenfrau halfen, die Kinder nach Haus zu bringen. Und dann im kleinen Zimmer die inhaltsreiche halbe Stunde; — wie süß die Fran ihr Kind in den Schlaf gewiegt — Lotti meinte, den sanften Gesang noch genau zu hören. Und sie hatten sich nach dem Takt gewiegt, leise hin und her, her und hin. — Und nun suchten ihre Gedanken wieder ihr Kind. Sie sah das spitzenverhaugene Bettchen neben sich; sie hatte es in den Armen, wiegte es. — Ob Gio wohl auch dann bei ihr sein würde und so lieb und gut fein? O, ja, er hatte sich doch so sehr gefreut, als sie es ihm vor wenigen Tagen gesagt. Und er war so selig gewesen und so stolz. Sie liebten sich ja und jetzt nur noch mehr, nein, nicht mehr, aber noch inniger, tiefer, als zu Anfang ihrer Ehe.
Sie schlief ein, und als sie erwachte, sah sie ihres Gatten Gesicht über sich. Er schaute sie zärtlich an.
„Lotti, Liebes, was ist? Bist Du krank?"
„Nein, nur ein bißchen schwach," sie richtete sich auf, „aber das ist schon wieder vorüber!“'
Er setzte sich zu ihr und legte den Arm um ihreSchul- lern.
„Papa ist da," und als sie nickte, fragte er: „Willst Du nicht hinüber kommen, er bleibt znm Essen!"
„Gern, aber ich muß mich dann erst ankleiden, so kann ich mich vor Papa nicht sehen lassen."
„Wie schade, Du siehst reizend aus, Lieb! So hold —* Er küßte sie heiß.
„Geh' jetzt, Papa dürfen wir nicht lange warten lassen, Du weißt, er kann das nicht vertragen!"
„Ach, Mntti ist ja drüben, laß mich doch bei Dir bleiben," schmeichelte er. „Ich helfe Dir, bitte, ja?"
Er sah sie treuherzig an, so lieb, daß sie nachgab. Endlich war sie fertig und sah in dem einfachen, tau» hellblauen Tuchkleid sehr schick und elegant aus.
Der Kommerzienrat schaute etwas erstaunt in das rosige Gesicht seiner Schwiegertochter. Er hatte sie doch
vor kaum zwei Stunden ins Haus treten sehen — totenblaß und erschöpft, geradezu zum Umsinken schwach war sie ihm erschienen, und nun diese rosige, lächelnde Frau hier vor ihm — er traute der Sache nicht recht, das konnte ja auch Komödie sein! —Das ganze Leben war ja überhaupt eine Komödie!
Hellmut Arnheim lächelte grimmig in sich hinein, dann fragte er: „Wo warst Du denn Nachmittags? Bei diesem Wetter ist e§ doch kein Vergnügen, auszugehen!" ‘
Man hatte sich ins Eßzimmer begeben und stand noch herum, während das Stubenmädchen die Suppenterrine aufs Büfett stellte. In ihrer Gegenwart wollte Lotti den Besuch bei Liese Larsen nicht erwähnen, so erwiderte sie denn bloß: „Das werde ich Dir dann 'mal erzählen, Papa," und bat mit einer Handbewegung nach dein gedeckten Tisch zu, Platz zu nehmen.
Als Emma die Suppe serviert und daS Zimmer verlassen hatte, sagte Lotti zu dem Kommerzienrat: „Ich war beim Schiffer Larsen," und ohne auf das allgemeine Staunen zu achten, fuhr sie fort: „Die Frau und Kinder arbeiten sich ja halbtot für wenige Pfennige — ich begreife gar nicht, wie so etwas möglich ist," und nun erzählte sie, was ihr Frau Larsen berichtet.
Die anderen hatten stillschweigend ihre Suppe aus- gelöffelt, Lotti ihren gefüllten Teller voll Widerwillen äml,'&^ nein, das geht nicht, Du mufft essen! Laß das Erzählen doch bis nachher," bat Frau Dok- tor und schob ihr den Teller wieder zu.
„Ja, lassen wir das bis nachher," stimmte auch der Kommerzienrat bei. Wozu sich das Essen verderben? Man hatte der Plage tagsüber gerade genug.
Giovanni schenkte sich ein Glas Wein ein. Er sah jetzt ganz ärgerlich aus. Wozu brauchte Lotti in diese armselige Fischerhütte zu gehen? — Er leerte fein Glas in einem Zuge, schenkte sich von neuem ein.
Das Mädchen kam und wechselt« die Teller. 219^8^