Schüchterner Zeitung
mit amtlichem Kreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. ss. ^Wochenbeilage: Illustriertes Sonntagsblatt.Telefon Nr. «5.
Erscheint Ilkittwoch und Samstag. — Preis mit „Areisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 12 pfg.
M 100.
Samstag, den 13. Dezember 1913,
64. Jahrgang.
Amtliches
J.-Nr. 13359. Diejenigen Herren Bürgermeister, welche mit der Einsendung der Berichte über'die Revision der Drogenhandlungen noch im Rückstände sind, werden an deren alsbaldige Einsendung erinnert.
Schlüchtern, den 8. Dezember 1913.
Der Königliche Landrat. J. V.: Schultheis.
J.-Nr. 13584. Zu den Schuldverschreibungen der preußischen konsolidierten 372 vormals 4°/0 igen Staatsanleihe von 1884 und der 2'///° igen Köthen-Bern- burger Eisenbahn-Aktien werden vom 1. d. Mts. ab neue Zinsscheinbogen ausgegeben. Die Ausgabe geschieht durch Vermittelung:
1. der Königlichen Regierungs - Hauptkasse in Cassel,
2. der Königlichen Kreiskasse in Schlüchtern.
Den Vermittelungsstellen sind die Erneuerungsscheine (Talons) mit einem Verzeichnis einzuliefern. ■ Formulare hierzu werden von den genannten Kassen unentgeltlich abgegeben.
Schlüchtern, den 8. Dezember 1913.
Der Königliche Landrat. I. V.: Schultheis.
J.-Nr. 2981 L. II. Die Herren Bürgermeister und Gutsvorsteher werden ersucht, die landwirtschaft» lichen Unternehmerverzeichnisse ‘mveit die Auslegungsfrist abgclausen ist, ungesäumt hierher einzusenden.
Schlüchtern, 12. Dezember 1915.
Der Vorsitzende des Sektions-Vorstands : V a l e n t i n er.
Deutsches Reich.
— Der Reichstag beendete am Sonnabend die Besprechung der Interpellation wegen der Arbeitslosigkeit, wobei der Untersi-atssekretär im Reichsamt öe» Innern Dr. Richter Anlaß nahm, den Vorwurf zu entkräften, daß die für Kultur von Oedländereim ausgesetzten Mittel unberechtigterweise dem Verein für innere Kolonisation nicht voll zur Verfügung gestellt würden. Die Interpellation betreffend die Dienstbotenversicherung begründete Graf von Westarp (kons). der im einzelnen auf die erheblichen Schwierigkeiten hinwies, die sich namentlich auf dem Lande der Einführung des Gesetzes entgegenstellten. Der Staatssekretär des Innern Dr. Delbrück legte in längeren Ausführungen dar, daß die jetzigen Schwierigkeiten nicht in dem Gesetze selbst, sondern in den Ausführungs- bestiwmungen derer begründet seien, die das Gesetz durchzusühren haben; Zeit genug zur Abstellung aller Mängel sei aber in den verflossenen 27? Jahren gewesen, und es würde sicher in Bälde eine Besserung ohne gesetzlichen Zwang sich ermöglichen lassen. Die Besprechung fand einen vorschnellen Abschluß in der Feststellung der Beschlußunfähigkeit des Hauses.
Verbotene Ufade.
Kriminalroman von Otto Viehofer. 98
Und Herbert Balthasar fing denn auch gleich wieder in: „Meine Herren, es ist Ihnen die Möglichkeit gegeben, den Mörder und seine Helfer mit einem Schlage zu verhaften. Jawohl, zusammen in einem Nest können Sie die drei Vögel fangen, und zwar am zwanzigsten dieses Monats, also übermorgen, abends um neun Uhr. Denn um diese Stunde weilen der Graf soivohl wie der chemalige Diener Johannbei der Baronin von Paltzow jum Besuch.
So, das war die Ueberraschung, und nun zu Rat and TatI"
Der Detektiv zog mit einem Mal den mitgebrachten Schlüssel aus der Tasche, und wandte sich wieder speziell an den Kriminalkommissär: „Hier, Herr Kommissar, das ist der Schlüssel, der Ihnen die kleine Eingangspforte zum Trampitzer Schloßhof öffnen wird. Sind Sie erst im Hofe, so sorge ich dann schon dafür, daß Sie auch ins Schloß hinein kommen, ich öffne Ihnen eben Punkt neun Uhr persönlich die Eingangstür. Sie sind ja, Herr Kommissar, mit den dortigen örtlichen Verhältnissen aufs beste vertraut, und so werden Sie sich auch im Dunkeln zurechtfinden. Und was die beiden Ketten- bunde anbetrifft, so haben Sie sich ja mit ihnen bereits befreundet, also daß die auf Ihren leisesten Anruf auch Ihre Leute nicht anbellen werden. Und sollte das dennoch der Fall sein, so bin ich dann schon draußen und beruhige sie. Es bleibt nur noch übrig, daß wir bis auf die Sekunde unsere Uhren zur Uebereinstimmung bringen, damit wir uns nicht verfehlen.
Was nun die mitzubringenden Kriminalschutzleute betrifft, Herr Kommissar, so meine ich, daß zweiund- rwanzig Mann vollkommen genügen würden. Denn, wie Sie ja wissen, faßt Schloß Trampitz im Parterre nur Achtzehn Fenster, und so bleiben Ihnen, wenn diese be
— Eine amtliche Darstellung des Falles Zabern veröffentlicht die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung": Sie gibt auf Grund genauesten amtlichen Materials und der Reichstagsverhandlungen eine ausführliche Darstellung der Vorgänge in Zabern und ihrer Behandlung durch die zuständigen Behörden und Regierungsstellen. Zum Fall Zabern wird ferner gemeldet, daß bei der Audienz in Donaueschingen der Kaiser den Reichskanzler ausdrücklich seines vollen Vertrauens versichert habe. Nach der Audienz beim Kaiser hat außerdem eine Aussprache zwischen Kanzler und Statthalter stattgefunden, die ein für beide Teile durchaus befriedigendes Ergebnis gehabt hat.
— Nicht weniger als 17 sozialdemokratische Protestversammlungen wegen der Zaberner Affäre haben allein in Groß-Berlin am Sonntag stattgefunden. Das Thema lautete überall „Militäranarchie statt Verfassungsrecht". In den Versammlungen wurde eine gleichlautende Resolution angenommen, in der die „unerhörten Nebergriffe des militärischen Absolutismus gebrandmakt" werden. Die vom Reichstag erzwungenen verspäteten Maßnahmen zur Sühne der militärischen Gesetzlosigkeit seien völlig ungenügend. Der Reichstag wird ausgefordert, „mit unbeugsamer Entschlossenheit auf den Konsequenzen seines Mißtrauensvotums zu bestehn und von allen Mitteln und insbesondere von dem der Budgetververweigung Gebrauch zu machen, um den Rücktritt des Reichskanzlers und des Kriegsministers durchzusetzen." Daß der Ton in diesen Versammlungen sich ganz im Rahmen der üblichen Brand- und Hetzreden sozialdemokratischer Veranstaltungen hielt, versteht sich nach Vorstehendem ja von selbst.
— Ein Dementi der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" wiederlegt das Gerücht angeblicher Aeußerungen des Unterstaatssekretärs Wahnschaffe, der in Gesprächen mit Parlamentarieren u. a. gesagt haben sollte, daß der Oberst von Reutter und der Leutnant von Forstner aus dem 99. Infanterieregiment entfernt werden sollten, und daß der Kriegsminister im Reichstage nicht so gesprochen habe, wie er wollte und sollte. Aus der Reichskanzlei wird erklärt, daß der Unterstaats' sekretär über die Entfernung der Offiziere überhaupt nichts mitteilen konnte und nichts mitgeteilt hat, und daß er bezüglich der Rede mitgeteilt hat, und daß er bezüglich der Rede des Kriegsministers nur bedauert hat, daß sie nicht richtig verstanden worden sei. Ebenso falsch ist die Behauptung, der Unterstaatssekretär habe von einem rednerischen Mißgeschick des Reichskanzlers gesprochen, weil er vergessen habe, die Anordnungen Seiner Majestet an den kommandierenden General in Straßburg und die Entsendung
setzt sind, für die spezielle Verhaftung immer noch triet Mann übrig, wozu dann noch meine Wenigkeit kommt. Gut wäre es, wenn sich unter den Beamten Wölfert und Spiegel befänden, weil die mit den dortigen örtlichen Verhältnissen doch ebenfalls schon vertraut sind.—So, meine Herren, auch damit bin ich nun zu Ende." —
Aufgesprungen von ihren Sitzen waren Staatsanwalt und Kommissar, und sie schüttelten dem Detektiv vor Bewunderung und aus Dankbarkeit die beiden Hände.
„Mann," sagte der Staatsanwalt, „Sie haben der Gerechtigkeit die Bahn geebnet, wie es wirklich nur ein Uebermensch zustande bringen konnte. Ja, wahrhaftig, Sie sind ein Uebermensch, Herr Balthasar. Haben Sie Dank — haben Sie Dank. Und so wird's gemacht, wie Sie uns geraten haben. Ich schicke Ihnen eben über- morgen abend Punkt neun Uhr den Herrn Kommissar von Behlow mit zweiundzwanzig Mann, darunter Wölfert und Spiegel. Regulieren Sie denn, bitte, nun beide Ihre Uhren."
Die vier Hände hatten sich gelöst.
Aber als Herbert Balthasar seine Uhr aus der Tasche zog, da bekam er einen nicht geringen Schreck. Herrgott, es war ja die höchste Zeit zur Rückreise. Zehn Uhr zwanzig war's bereits, und [um zehn Uhr vierzig ging der Schnellzug.
Noch einmal Händeschütteln.noch ein paar letzte Worte der Verständigung, und der Detektiv lehnte schon in einer Droschke und fuhr dem Bahnhof zu. An seiner Seite auf dem gepolsterten, knallroten Sitze thronte der leere Koffer des TrampitzerKutschers. —
Nun ging es in wilder Fahrt über die sonnige, grüne Ebene hinweg. Funken sprühten, und die Rauchwolken quollen. Sie quollen und reckten und streckten sich. Sie zerrissen und formten sich wieder zu lichtgrauen Gestalten mit hundert greifenden Fängen. —
Punkt elf Uhr hielt auf dem Bahnhof in M. der Per- sonenzug aus Bremen.
des Generals Kühne nach Zabern zu erwähnen. Der Unterstaatssekretär konnte dies schon deswegen nicht gesagt haben, weil ja beide Tatsachen vom Kanzler in seinen Reden erwähnt worden sind.
— Eine Deutsche Evangelische Missionshilfe wurde in einer zahlreich besuchten Versammlung, die im Herrenhause zu Berlin unter dem Vorsitz des Präsidenten des Herrenhauses, Minister von Wedel, tagte, in Form einer Stiftung als eine Organisation zur dauernden Erhaltung des durch die Nationalspende geweckten Missionsinteresses gegründet. Dem Kaiser, der das Protektorat für die neue Stiftung über- nommen hat, wurde ein Huldigungstelegramm ge- sand. _________
Ausland.
— Prinz Karol von Rumänien, der älteste Sohn des Thronfolgers, wird mit Genehmigung des Kaisers zu seiner militärischen Ausbildung im Januar als Oberleutnant ins 1. Garderegiment z. F. eintreten. Für den Dienst des Prinzen im preußischen Heer sind zwei Jahre vorgesehen.
— Die Thronkandidatur des Prinzen Wilhelm zu Wied ist sicherem Vernehmen nach von den Großmächten einstimmig angenommen worden; die formalen Zustintmungserklärungen der Großmächte zur Anwartschaft des Prinzen auf den albanischen Thron wurden bereits in Berlin abgegeben und zur Kenntnis des Prinzen gebracht.
— Der Verzicht der Großmächte auf Gebietserwerb im Aegischen Meere ist nach Ansicht der italienischen Diplomatie nicht allein Englands Forderung, diese Anschauung decke sich vielmehr mit der Politik aller Großmächte, und insbesondere mit der Politik Italiens, das sich verschiedentlich zu derselben Anschauung bekannt habe.
— Eine Regierungsmehrheit in Bulgarien dürfte das Ergebnis der soeben erfolgten allgemeinen Wahlen für die Sobranje sein. Die Wahlen fanden statt auf Grund des Systeuis der Proportionalvertretung, das in Bulgarien zum ersten Male zur Anwendung gelangte. Es ereignete sich kein Zwischenfall.
— Das neue französische Ministerium ist nunmehr durch Doumergue gebildet worden, nachdem Ribot und Duquy die Kabinettsbildung abgelehnt hatten. Das Kabinett wird wahrscheinlich folgendermaßen zusammengesetzt sein: Präsidium und Aeußeres : Senator Doumergue; Inneres: Senator Bienvenu Martien; Finanzen: Deputierter Caillaux; Unterricht-Deputierter Renb Viviani; Oeffentliche Arbeiten: Deputierter Fernand David; Krieg: General Dubail; Marine: Deputierter Noulens; Kolonien: Deputierter Lebrun; Handel:
Und eine Minute später bremste daselbst auch der Schnellzug aus Berlin. Ihm entstieg vorsichtig der Detektiv Herbert Balthasar.
„So," sagte er auf der andern Seite des Bahnhofsgebäudes mit schmerzlicher Miene zum wartenden Stallburschen, „so, Fritz, da wären wir wieder angelangt aus Bremen. Nun fahren Sie nur zu, damit wir schnell nach Hause kommen, denn die Reise und der Schmerz haben mich sehr mitgenommen."
Fritz schnalzte mit der Bunge, der Braune zog eifrig an, und das Klippklapp der Hufe hallte auf der staubigen Landstraße.
32. Kapitel.
Nächtliche Finsternis lagerte über Schloß Trampitz. Der unbeständige April hatte einen plötzlichenWitterungs- rückschlag gebrächt, und ein schneidend kalter Wind um» heulte das Gemäuer. Er zauste an dem grünen Epheu- geranke, fegte raschelnd über den mächtigen Hof, rüttelte klappend hier und da an einer nicht fest schließenden Stalltüre, oder er klapperte mit den lockeren, langen Seiten- und Bodenbrettern der im Hofe stehenden.Wirtschaftswagen.
Aber die beiden Kettenhunde störte daS Geraschels, Gerüttels und Geklappers durchaus nicht, sie hatten sich vielmehr tief in ihreHolzhäuschen zurückgezogen und pflegten, die Köpfe zwischen die Pfoten geschoben, im warmen Stroh mollig der Ruhe.
Und sie kümmerte es auch nicht, als mit demGlocken- schlage neun die kleine Pforte zum Hof sich behutsam öffnete, und es im Hofe plötzlich anstng zu zischeln und lebendig zu werden.
Nein, Kriminalkommissär von Behlow brauchte nichts zu fürchten, die Hunde würden ihn nicht stören, denn der Wind verschlang jegliches Geflüster und jeglichen leisen Tritt. Und sollte ihnen dennoch etwas zu Ohren kommen, so hielten sie es eben wieder für den rüttelnden, fegenden, klappernden Wind. 197,18*