ZchUchterner Zeitung
mit amtlichem Kreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. <»5. Wochenbeilage: Illustriertes Sonntagsblatt. Telefon Nr. 65.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — preis mit „Areisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 12 pfg.
M 96.
Samstag, den 29. November 1913.
Advent.
Der Herr ist nah'! Die Ewigkeit Erschließt schon ihre Hallen;
Die Engel machen sich bereit, Nach Bethlehem zu wallen, Sie stimmen ihre Harfen schon, Der Welt mit süßem Freudenton Den Weihnachtsgruß zu bringen.
Der Herr ist nah! O eile, Herz, Ihn festlich zu emvfangen.
Vergiß der Erde Lust und Schmerz Und schlage voll Verlangen Zu ihm empor, der dein gedacht, Als er in unsre Sündennacht Gekommen von den Sternen!
Der Herr ist nah'! Horch, klopfend steht
Er schon vor deinen Türen;
Mit sanfter Stimm' er dich anfleht, Du wollst herein ihn führen.
O öffne ihm, dem werten Gast, Und gönn' ihm die gesuchte Rast, Laß ihn nicht weiter ziehen!
Der Herr ist nah'! Er stieg herab, Doch nicht mit Pracht und Prangen; Die Himmelskrone legt er ab, Arm kommt er hergegangen. Sein Reich ist nicht von dieser Welt, Doch bleibt ein König er und Held, Der uns kann selig machen.
Deutsches Reich.
— Das Kaiserpaar weilt zum Jagdaufenihalt auf Schloß Primkenau in Schlesien.
— Der Reichstag hat seine Verhandlungen nach fast fünfmonatiger Pause wieder ausgenommen. Außer kein Etat für 1914 werden ihn noch vor Weihnachten miige kleinere Vorlagen beschäftigen, die allerdings zumteil, wie das englische Handelsprovisorium, von nicht zu unterschätzender Wichtigkeit sind. Ferner stehen mehrere Interpellationen auf der Tagesordnung.
— Die Erhöhung der hessischen Zivilliste wurde Don der hessischen Kammer in der vom Ausschusse vorgeschlagenen Fassung angenommen. Danach beträgt die Zivilliste des Großherzogs mit Zuziehung der Ordenskosten 1 410 000 Mark.
— Die mit der Eisenbahnverwaltung vereinbarten Grundsätze über die Eisenbahnbeförderung der Weih- nachtsurlauber kommen auch in diesem Jahre zur Anwendung. Militärsonderzüge für Urlauber werden,
Mröotene Made.
Krimmalroman von Otto Viehofer. 92
Der Bureaudiener mußte zunächst nicht, ob er lachen oder ernst bleiben sollte, da er aber sah, daß weder sein hoher Vorgesetzter noch der Detektiv eine Miene verzog, so tat er das letztere, und antwortete mit zusammen- geschlagenen Absätzen: „Jawohl, Herr Staatsaumalt, ich habe verstanden: einen Schweinskopf soll ich holen."
»Ja," fuhr der Staatsanwalt fort, „und den bringen Sie dann ebenfalls nach Keller Nummer drei. Die Rechnung lassen Sie nur ruhig auf meinen Namen aus- Meit, ich werde sie dann später bei der Staatskasse li- I Plidieren. — So, und nun vergessen Sie nichts."
»Nein, Herr Staatsanivalt," klang es kurz und eifrig Mit, eine militärische Kehrtwendung folgte, und der «ureaudiener war schon wieder draußen.
Staatsanivalt Hobrecht übernahm wieder den Re- *er zur Hand, öffnete iveit die Tür zu einem Neben- ivnmer, rief dort den sitzenden Schreibern ein paar Worte und dann lud er Herbert Balthasar ein, mit ihm gleichfalls nach Keller Nummer drei zu gehen.
Kaum, daß die beiden in dem großen, Hellen Raum ^gelaugt waren, da stand auch schon Krimiualkommu- von Behlow vor ihnen und meldete sich bei seinem Vorgesetzten zur Stelle.
War das Antlitz des Staatsanwaltsbishek schon ernst gewesen, so hatte sich jetzt seine Stirn vollends zusam- wmgezogen, und sein Blick umfaßte drohend die Gestalt Kommissars.
»Setzen Sie sich einmal diesen Revolver , an, Herr Kommissar kam es mit einem Mal vorwurfsvoll von ueii Lippen, - „und dann diesen Herrn, beide kom- S,,0.™ Schloß Trampitz. Wissen Sie vielleicht, waS . Ä Herr Kommissar, was ich damit meine?
k Ächfaht — genau wie sein Vvrgesetzter vorhU£|ewer
soweit angängig, als Vorzüge der fahrplanmäßigen Schnellzüge, aber mit tunlichst großem Abstande, vor diesen abgelassen. In Verspätungsfällen haben die Urlauberzüge den Vorrang von den Personenzügen, soweit dadurch keine festliegenden Anschlüsse des Fernverkehrs in Frage. gestellt werden. Die Urlauber sind verpflichtet, nur die für sie bestimmten Sonder- züge zu benutzen. Die Benutzung von Schnell- und Eilzügen auf Militärfahrkarte ist an den Hauptverkehrstagen im allgemeinen ausgeschlossen. Ausnahmen sind nur in besonderen Einzelfällen zulässig.
— Das Urteil im Erfurter Reservistenprozeß ist nunmeher rechtskräftig geworden, nachdem der Gerichts- Herr, der Kommandierende General des 11. Armeekorps in Kassel seine Revision gegen das Urteil des Oberkriegsgerichts kurz vor dem Termin zurückgenommen hat. Bekanntlich hatte das Kriegsgericht die Angeklagten See und Genossen zu langjährigen Zuchthausstrafen verurteilt, die das Oberkriegsgericht auf Gefängnisstrafen ermäßigte.
— Ueber sozialdemokratische Niederlagen bei Gemeindewahlen ist aus der letzten Zeit erfreulicherweise mehrfach zu berichten. Bei der Stadtverordnetenwahl in Wermelskirchen wurden in der dritten, bisher ganz sozialdemokratisch vertretenen Abteilung drei bürgerliche Stadtverordnete mit 100 Stimmen Mehrheit gewählt. Auch bei den Gemeinderatswahlen zu Ilmenau, wo die Sozialdemokratie bisher die absolute Mehrheit innehatte, sind ihr 8 Sitze verloren gegangen. Desgleichen brachten die Stadtverordnetenwahlen in Bünde i. W. insofern eine große Überraschung, als in der dritten Abteilung die Sozialdemokraten eine völlige Niederlage erlitten. Während im Jahre 1911 in der dritten Abteilung die beiden sozialdemokratischen Kandidaten mit 274 Stimmen über die bürgerlichen Kandidaten gesiegt hatten, die nur 183 bezw. 146 Stimmen erhielten, vereinigten diesmal die bürgerlichen Kandidaten 232 Stimmen auf sich, während der Sozialdemokrat es nur auf 107 Stimmen brächte. Alle diese Wahlergebnisse dürfen als bemerkenswerte Anzeichen dafür begrüßt werden, daß die Wählerschaft nicht mehr blindlings in die Netze der Sozialdemokratie fällt, sondern in vernüftiger Selbstbesinnung Front gegen die Umsturzpartei nimmt. _____________
MstMlS.
— Die Verteidigung der Deutschen in Mexiko gegen etwaige Uebergriffe der Aufständischen ist durch ein Rundschreiben unter den dortigen Deutschen organisiert worden. Deutsche, die in der Armee gedient haben, stehen an der Spitze der Organisation. Waffen und Munition sind reichlich vorhanden, darunter
— war der Kommissar plötzlich geworden, und er hatte das Gefühl, als ob unter seinen Füßen mit einem Mal der Boden wankte. Ja, er wußte ganz genau, was der Staatsanwalt da eben gemeint. Herrgott, Herrgott.
„Also Sie wissen es, Herr Kriminalkommissär von Behlow," donnerte plötzlich der Staatsanwalt in den Gedankengang des Kommissars hinein, „Sie wissen, um was es sich handelt. Ihre Pflicht haben Sie nicht getan, Ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit, wie wohl Ihnen der Ruf eines allerersten Kriminalisten voranging. Sehen Sie, so mußte es erst kommen, daß ein Privatdetektiv uns übertrumpft, daß er uns die wahren Mörder bringt. Daß er zugleich mit ihnen die Waffe bringt, mit der sie ihre Opfer dahinrafften, und die wir so vergeblich suchten. Jawohl, ich sage die Mörder, denn ihrer drei sind es gewesen, mein Herr Kommissar — drei Mann hoch, und doch blieben sie verborgen den Augen des berufenen Spähers und seiner Helfer. Sprechen Sie, Herr, wie gedenken Sie denn nun Ihr Amt noch weiterhin zu führen mit solcher Schuld?"
Kriminalkommissär von Behlowhatte sich wieder vollständig in der Gewalt. „Verzeihung, Herr Staatsanivalt," erwiderte er ruhig und sicher, „ich bin mir absolut keiner Schuld bewußt. Ja, im Gegenteil, ich und meine Helfer taten nach bestem Gewissen unsere Pflicht, wir opferten der traurigen Sache alles, aber auch alles, was in unseren Kräften stand. Und was uns nur fehlte, das war das Glück Ja, das Glück, das sich an Herrn Balthasars Versen heftete blieb mir und meinen Beamten versagt. Und hat denn dieser Herr" - er zeigte nunmehr ein we- nia erregt nach dem Detektiv — „hat denn dieser Herr trotz seines Glückes restlos seine Frage gelöst ? Nein, dazu war auch er nicht imstande, denn er brächte uns wohl die Mörder und deren Mordinstrumeut, aber doch nicht, wie ich den Ausführungen des Herrn Staatsanwalts entnahm, die Leiche des Barons. Nein, die brächte er uns nicht, denn sonst hättenSle, Herr^Staatsamvalt, bei der
zwei Maschinengewehre. Die österreichisch-ungarische Gesandschaft hat die österreisch-ungarischen Staatsangehörigen dringend aufgefordert, mit der deutschen und den anderen europäischen Kolonien zu Organisierung ihrer Verteidigung zusammenzuarbeiten.
—“ Zur österreichischen Auswanderungsangelegenheit erklärte Sektionschef Riedel, seit dem Bestehen der Auswanderung nach Nordamerika könne die Zahl der Ende 1912 in der Union befindlichen Personen aus der Monarchie auf rund 2,86 Millionen, in Kanada auf rund 0,17 Millionen geschätzt werden. Wie verlautet, hat das Ministerium des Innern verfügt, daß der seit dem 17. Oktober suspendierte Betrieb der Canadian Pacific in beschränktem Umfange wieder auf genommen werden kann.
— Der türkisch-serbische Friedensvertrag wurde von den türkischen und serbischen Unterhändlern in seinen Grundlagen paraphiert. Nach Annahme dieser Grundlagen durch die beiden Regierungen werden die amtlichen Verhandlungen beginnen.
— Der türkisch-griechische Friedensvertag wurde nunmehr vom Sultan ratifiziert und ist damit endgiltig geworden.
— Der Jahrestag der Einnahme Salonikis wurde durch die Griechen glanzvoll gefeiert unter Teilnahme des Kronprinzen, der von Athen auf der Königsjacht angekommen war. Den Mittelpunkt der Feier bildete die Neuweihe der seinerzeit von den Türken in eine Moschee verwandelten Demetriuskathedrale.
— Der französisch deutsche Zollkongreß in Paris hat den Beschluß gefaßt, das französische Handels- komitee und den deutsch französischen Wirtschaftsverein zu erfüll .t, ihre Ermittlungen über die einschlägigen Zollfragen fortzusetzen und bei dieser Arbeit die Erneuerung des Handelsvertrages, der 1917 ablaufe, im Auge zu behalten. Die Untersuchung der Zollfragen werde auf deutscher und französischer Seite einzig mit dem Zweck fortgesetzt werden, den beiden Regierungen seinerzeit für die amtliche Zollkonferenz genaues Material überreichen zu können. Es sei nicht beabsichtigt, in die Rechte der beiden Regierungen einzugreifen, sondern der deutsche wie der französische Ausschuß wünschten nur, Interpreten der beträchtlichen Interessen zu sein, die bei der Angelegenheit in Frage kämen._________
Lokales und Provinzielles.
Schlüchtern, den 28. November 1913.
—* Der Provinziallandtag unserer Provinz wird nach einem Beschlusse des jetzt verhandelnden Landes- ausschusses auf den 2. März 1914 einberusen.
* Elm. Über den Distelrasentunnel verlautet, daß die gemauerte Strecke des Tunnels in einer Länge von
Anklage wider mich auch dieseTatsache in die Wagschale geworfen."
Staatsanwalt Hobrecht war plötzlich zusammengezuckt. Nein, daran hatte er noch gar nicht gedacht — an die Leiche des Barons. Woran hatte er denn überhaupt gedacht vorhin? Nein, dieser Wirrwarr in seinem Schä-, del heute — dieser Wirrwarr.
Er richtete sein Auge fragend auf den Detektiv.
Den aber war es bei den letzten Worten des Kommissars wie ein Wonnestrahl durchfahren. Er war einen halben Schritt vorgetreten und sagte nun kühl lächelnd, zum Kommissar: „Sie irren, Herr Kommissar, wenn Sie^ behaupten, ich hätte meine Aufgabe nicht restlos gelöst, denn hören Sie: Auch das unwürdige Grab des Herrnf Barons ist mir bekannt, und ich werde es Ihnen, wenn , wir so weit sind, verraten. Ich betone extra: wenn wir^ soweit sind, eher nicht. Denn nichts soll, wie ich ja schon dem Herrn Staatsanwaltgegenüber hervorgehoben habe, vorher die Prüfung meines mitgebrachten Beweismaterials beeinträchtigen — gar nichts."
Staatsanwalt und Kommissar standen nun da, als waren sie plötzlich versteinert. Nur beider Blicke trafen sich des öfteren. Aber sie schienen sich zu versöhnen, diese Blicke, denn der da vor ihnen stand, erschien den beiden mit einem Male als ein Uebermensch. Ja, wenn das so war, dann hatte der Detektiv wirklich etwas UebermenschlicheS geleistet. Dann schwebte er in höheren Sphären, und seine, Stirne durchzuckten Götterfunken. Und das entlastete sie, beide, Staatsanwalt wie Kommissar, denn sie fühlten sich nur als Menschen — als Menschen, stehend mit den Fü-, ßen auf fader Erde. — /
Die schwere Kellertür hatte sich aufgetan, und herein kamen der Sekretär Binder, unterm Arm die vomStaats- anwalt herbefohlenen^Sachen, undderBureaudienerKam- mer mit dem geforderten Schweinskopf.
„Stellen Sie" den Schweinskopf hier auf diesen Tisch, Kammer, Und zwar so, daß der Hinterkopf den Fenstern zugekehrk stst," befahl der Staatsanwalt.^ . > 197,18*