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SchlüchternerZeitung

mit amtlichem Rreisblatt. Alonatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Telefon Nr. «5. Wochenbeilage: Illustriertes Sonntagsblatt. Telefon Nr. «5.

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitAreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 12 pfg.

X 93.

Mittwoch, den 19. November 1913.

64. Jahrgang.

Amtliches.

J.'Nr. 12868. In Sterbfritz ist die Schweine' seuche festgestellt worden.

Schlüchtern, den 17. November 1913.

Der Königliche Landrat: J. V.: Schultheis.

J.-Nr. 5704. Nach § 82 der Kreisordnung bringe ich hiermit die Beschlüsse des am 8. November 1913 stattgehabten Kreistags zur öffentlichen Kenntnis:

1. Als Ersatz für den Herrn Fabrikanten Wilhelm Bratfisch zu Salmünster wurde Herr Karl Bratfisch da­selbst zum Vertrauensmann bei der Auswahl der Schöffen und Geschworenen gewählt.

2. Zum SchiedSmannsstellvertreter für den ver­einigten Bezirk Mottgers (Gutsbezirk Oberförsterei) wurde der Schmied Johs. Sperzel zu Mottgers gewählt.

3. In die Flurschaden-Abschätzungskommisston wur­den gewählt:

1. Gastwirt Kohlhepp zu Schwarzenfels,

2. Gutsinspektor Preiß, Vollmerz,

3. Bauer und Beigeordneter Konrad Gärtner zu Sterbfritz,

4. Rentner Karl Walther zu Soden,

5. Bürgermeister Zirkel zu Züntersbach,

6. Landwirt Fritz Weitzel zu Steinau.

4. Zur Nachprüfung der Gemeindemeliorationen wurde eine 3 gliedrige Kommission und in diese folgende Herren gewählt:

a) als Mitglieder:

Inspektor Preis, Vollmerz,

Gastwirt Kohlhepp, Schwarzenfels,

Rentner Karl Walther, Soden.

b) als Stellvertreter:

Bürgermeister Siemon, Gundhelm, Bürgermeister Zirkel, Züntersbach,

Bürgermeister Gärtner, Elm.

5. Zu Mitgliedern der Landwirtschaftskammer wur­den gewählt:

Landrat Valentiner, Schlüchtern,

Gast- und Landwirt Kohlhepp zu Schwarzenfels.

6. Unter Aufhebung des Beschlusses vom 5. April 1913 wurde beschlossen, eine allgemeine Ortskrankenkasse unter dem Namen Kreis­krankenkasse Schlüchtern vom 1. Januar 1914 ab zu errichten.

Die vorgelegten Satzungen wurden genehmigt.

7. Für den Kreisbaubeamten wurde eine Gehalts­ordnung genehmigt, ebenso eine Ordnung über die Inanspruchnahme des Kreisbaubeamten und die dafür zu entrichtenden Vergütungen.

8. Der Landwegebauetat für 1914 wurde genehmigt und auf den Betrag von 42 000 Mk. festgesetzt.

9. Der Verkauf der Gebäude und eines Teils der Grundstücke der alten Kreisbaumschule wurde genehmigt. Ferner ermächtigte der Kreistag den Kreis-Ausschuß, die übrige Fläche der alten Baumschule zu verkaufen und den Zuschlag selbständig zu erteilen.

10. Die Ausnahme einer Anleihe von 11000 Mk. zur vorläufigen Deckung der Kaufgelder für das Ge­lände der neuen Kreisbaumschule wurde beschlossen.

11. Die vorübergehende Bereitstellung der z. Zt. noch nicht flüssigen Baugelder zum Neubau des Weges SterbfritzNeuengronau durch den Kreis wurde be­schlossen.

12. Einstimmig beschloß der Kreistag unter dem Namen Kaiser-Wilhelm - Jubiläums > Stiftung einen Freibettenfonds zu gründen und als Grund­stock hiervon 15 000 Mk. aus dem Kapitalbestande sofort und weitere 2500 Mk. aus etwaigen Ueber- schüssen der nächsten 2 Jahre bereit zu stellen. Die Verwendung der Zinsen dieses Fonds soll für Arme und Kranke erst dann erfolgen, wenn der Fonds unter Hinzurechnung privater Beiträge die Höhe von 30 000 Mark erreicht hat. Mit der Ausführung des Beschlusses wurde das Kreisarmenamt beauftragt. Hieran an­schließend gab der Vorsitzende bekannt, daß dem Fre<- bettenfonds von privater Seite bereits große Summen zugewendet oder in Aussicht gestellt worden^seien, so- daß der Fonds schon heute die Summe von 27 350 Mk. erreicht hat und bis zur Höhe von 32 350 Mk. gesichert ist. Nähere Angaben erfolgen in einer besonderen Notiz.

Schlüchtern, den 14. November 1913.

Der Landrat: Valentiner.

Bekanntmachung.

Das unterzeichnete Bezirkskommando stellt noch in diesem Herbst einen zweijährigen Freiwilligen (Schreiber) ein.

Geeignete Bewerber wollen umgehend Lebenslauf Zeugnisse und Meldeschein hierher einreichen.

Königliches Bezirkskommando Hanau.

Zum Buß- und Bettag.

Was rufen die Glocken mit ernstem Klang?

Was geht wie ein Seufzen durchs Land so bang? Was nagt in der Brust uns mit quälendem Schmerz ? Was zieht auf die Kniee uns niederwärts?

Die blutrote Sünde, die drückende Schuld, Damit wir verscherzten des Höchsten Huld!

Ja, bergehoch liegt es und meerestief da, Was durch dich, o mein Volk, in Verblendung geschah ; Ein jeder von uns hat die Schuld noch vermehrt, Das Feuer geschürt, das die Seele verzehrt.

Da ist auch nicht einer, der Gutes tu'! Wo finden wir Rettung, wo finden wir Ruh?

O kommt, zu dem einzigen Retter zu gehn, Miteinander um seine Vergebung zu flehn. Wir straucheln alle; doch fielen wir tief, Da ist keiner, den Gottes Erbarmen nicht rief. Mit der Vaterliebe verlangendem Ton: Meine Tochter, kehr wieder, kehr wieder, mein Sohn!"

So eile, mein Volk, trage Sünde und Weh

Nach Golgatha und Gethsemane, Da lasse dein sündenbeflecktes Kleid Und hüll dich in Christi Gerechtigkeit Und komme und diene dem Herrn aufs neu, Der sich deiner erbarmte in ewiger Treu!

Bußtag.

Ein Tag stiller, ernster Einkehr ist der Bußtag. Das Wort Buße hat freilich für den modernen Men­schen einen fremden Klarg und erscheint gar vielen als ein überlebter und darum überflüssiger Ton. Es werden jetzt ganz andere Melodien ausposaunt und willig ausgenommen; alles, was nach modernem Welt­bilde, neuer Moral, neuer Religion und dergleichen klingt, das findet Beachtung, und mit mehr oder weniger Leidenschaft wird die biblische Vorstellung vom sündigen Menschenherzen als Anachronismus und finsterer Kirchen- Wahn bekämpft.

Aber dennoch lassen sich die alten Werte nicht so ohne weiteres ausschalten. Das gesteigerte, oft so rosige Weltgefühl der modernen Zeit ist oft nur die Folie für einen weitgehenden Pessimismus., Die be­kannte Rede vom Sichausleben und Sichhinwegsetzen über die sittlichen Schranken hat schon greuliche Vor­kommnisse gezeitigt, und mit am traurigsten berührt den wahren Freund des Volkes jene Verrohung, die bereits in der werdenden Jugend sich breit macht, jene nur allzu häufige Autoritäts- und Zuchtlosigkeit, die von keiner noch so beschönigenden Zeitbetrachtung in Abrede gestellt werden kann.

Wie Schuppen mag es da einem von den Augen fallen, wenn das Christentum mit unerbittlicher Energie auf den furchtbaren Ernst von Sünde und^Schuld hin» weist. Keine Weltbetrachtung, die ein sittlichreligiöses Moment entfalten will, kann auf den Vergeltungs­gedanken ganz verzichten. Man braucht ihn nicht äußerlich zu fassen, man darf und soll sehr wohl eine innere, geistige Vergeltung betonen, die das Böse früher oder später mit seelischen Schmerzen umwebt. Die Tatsache des Gewissens bleibt auch dann bestehen, wenn man es zu unterdrücken bemüht ist.

Mröotene Wfade.

Kriminalroman von Otto Viehofer. 86

Leise auflachen mußte Herbert Balthasar, als seine Ge­danken mit den Ausführungen Johanns geendet hatten. Ach Gott, dieser Optimist, was hatte der doch für eine Ahnung von Prozeßführung und von den Maßnahmen einer Behörde. Und die Baronin, wie die ihm geglaubt und zuletzt selber eingeftimmt hatte in dessen Fröhlich­keit. Na, denn nur zu, besser war es ja auch, daß die Vöglein zusammen im Nest sich freuten, als daß sie unruhig hin- und Herflatterten.

Nochmals lachte Herbert Balthasar leise auf. Das also war bei der Baronin die Triebfeder gewesen, den Jo­hann zu sich zu bitten, und nicht das Interesse an dessen neuer Heimat, seinem Häuschen und seiner Frau.

Herbert Balthasars Züge waren plötzlich ernst gewor­den, er stand vom Stichle auf und machte ein paar lauge Schritte im Zimmer. Teufel noch mal, den Brief mußte er noch lesen, den die Baronin heute am Spat- nachmittage empfangen hatte. Nicht durch seine $änoe war der gegangen, sondern die Zofe hatte ihn dem Brief­träger abgenommen und der Baronin präsentiert. Aber «konnte es sich denken, werdageschrieben hatte:Ponto doch nur, denn der hatte sich seit jenem Abend bei sei­nem Liebchen noch nicht wieder blicken lassen. Ueberwun- ben hatte der jedenfalls endlich das Abenteuer, und da lud er sich nun selber ein. Und das wäre gut, wenn Ponto" nun wieder anfangen wollte zu kommen, denn

Herbert Balthasar, erwartete ihn schon lange. Er er­wartete ihn schmerzlich seit heute abend. Denn der Topf war endlich voll, und nur noch einen Fingerzeig sollte lhrvPonto" geben nur noch einen einzigen Fingerzeig. ~ JMg abgewartet hatte der Detektiv bis alles im Schlosse schlief, und nun war es elf Uhr, und da schlich «sich, die elektrische Taschenlampe in der Hand, wieder si°ch dem Salon der Baronin, öffnete den Schreibtisch.

und stehe da, der Brief, der am Nachmittag gekommen war, lag wirklich schon darin.

Herbert Balthasar hatte ihn an sich genommen, war wieder auf sein Zimmer zurückgeschlichen, und da las er nun, den Oberkörper wieder in seinen Garderobenschrank geschoben und die Tür hinter sich herangezogen, mit Hilfe der Taschenlampe folgendes:Schloß Bruckhoff, den 13. April 19 . Meine einzige Ena! Endlich, endlich bin ich wieder Herr meiner von jenem verruchten Vagabunden so zerschundenen Glieder, und ich könnte Dich heute schon in meine gesunden Arme schließen, an mein schmachten­des Herz pressen. Leider aber trat zwischen uns beide wiederum etwas Unvorhergesehenes, zwar nichts Böses, wohl aber etwas, das alle meine diesbezüglichen Hoff­nungen heut zunichte machte, und das mich sehr verdrießt: ich muß wirtschaftlicher Dinge wegen sofort auf acht Tage verreisen. Auf volle acht Tage, und dazu noch nach dem Pommerschen. O, mein Lieb, welch lange Zeit für mich angesichts dessen, daß nun bereits drei volle Wochen ver­flossen sind, seit ich zuletzt an Deiner Seite war. Aber ich werde versuchen, mich auch noch über diese Tage hin- wegzutrösten, indem ich ja, wenn auch nicht in wahrer Leibhaftigkeit, so doch im Bilde, im Geiste Dich mit- nehme auf dieser Fahrt. Ja, Dein liebliches Bild wird mir folgen auf Schritt und Tritt, wohin ich auch mei­nen Fuß nur immer setzen werde. Und wenn ich dann am 20. d. Mts. vormittags zurückkehre, so werde ich noch am selben Nachmittag auf Windes-Flügeln eilen zu der, der mein ganzes Sein, mein ganzes Wesen gehört. Ja, merke Dir es nur ganz genau, mein Kind: der 20. ist es an dem ich komme zu Dir. Und da wollen wir dann, wie ich Dir ja seinerzeitschongeschrieben, das Versäumte nachholen. Vor Mitternacht weiche ich da nicht von Dei­ner Seite, das steht fest bei mir. Und nochmals: offen komme ich und offen werde ich gehen. Halte nur recht unbefangen die Dienerschaft bereit für den Empfang und das Geleite Deines von der Freundschaft beseelten Guts­nachbarn. Siehst Du, mein Engel, so wandeln wir beide

auf geradem Wege, unb die Lästerzungen können uns bann nicht allzusehr behelligen. Und nun adieu, und sei geküßt von Deinem Ponto.

N.B. Von der Revisionsanmeldung im Mordprozeß Koczmierski hast Du wohl gelesen. Wir sprechen darüber, wenn ich bei Dir bin. D. O."

So, da hatte Herbert Balthasar nun den ersehnten Fingerzeig. Fein war das alles ausgeführt, in dem Brief, und es bedurfte nur noch der Einteilung seinerseits. Acht Tage würden wohl genügen.Ja, sie genügten voll- kommen. Also der Tanz begann der Tanz begann!

Und der Brief in Herbert Balthasars Händen? Nein, der barg, trotz der beiden Sätze unterN.B.", ab­solut nichts Wertvolles für ihn, also konnte der unge­schoren wieder hineingepackt werden in den Kasten der gnädigsten Frau Baronin, er mußte sich gesellen zu dem andern, zu dem photographierten, dessen Schnörkel sich im Schubfach noch immer spreizten.

Hin und zurück huschte es wieder im Korridor, und dann verhing der Detektiv sein Fenster, zündete auf dem Tisch die Lampe an, und schrieb an seinen BerlinerFreund, den Ingenieur, folgenden Brief:Schloß Trampitz, den 13. April 19.. Mein lieber Erich, vertrautester Freund! Endlich ist die Sache hier soweit gediehen, daß man mit Spaten und Schaufel indie Totengrufthinabsteigen kann, und da bitte ich Dich, sofort nach Empfang dieses Brie- fesmireine regelrechte Todesanzeigezu senden. Ich scherze nicht, mein Freund: eine Todesanzeige sollst Du mir schicken mit Trauerrand und allemDrum und Dran.Jn- halt: Lieber Vetter Kaspar! Heute früh 3 Uhr verschiedPlötz» lich infolge eines Herzschlages unsere gute Tante Minna. Die Beerdigung findet am17.d.Mts., nachmittags4Uhr auf dem Friedhof der Heiligengeistgemeinde statt. Wir erwarten Dich bestimmt! Es grüßt Dich traurig im Auf­trage aller Dein Vetter Leo. Die fingierte Tante Minna wohnte selbstverständlich in Bremen, aber da ich dort eben keinen Vertrauten habe, so kann die Todesanzeige auch ruhig ausWerlin können." 197,18*