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mit amtlichem Kreisblatt.

Telefon Nr. 65.

Mochenbeilage: Illustriertes Sonntagsblatt.

Alonatsbeilage: Landwirtschaftlicher Kataeber.

Telefon Nr. 65.

Erscheint Mittwoch und Samstag. preis mitAreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 12 pfg.

X 90.

Samstag, den 8. November 1913.

64. Jahrgang.

Das neue Herzogspaar.

Unter dem stürmischen Jubel der Bevölkerung hat der feierliche Einzug des Herzogs Ernst August und seiner erlauchten Gemahlin, unserer Kaisertochter, in Braunschweig stattgefunden.

Es will schon etwas heißen, wenn die an sich durch­aus nicht überschwenglichen, eher allzu ernsten und be­dächtigen Braunschweiger sich zu Heller Lust und Freude hinreißen lassen. Gerade deshalb aber ist diesem Ge. fühlsausbruch eine höchst glückliche Vorbedeutung zu- zuschreiben: es unterliegt nun keinem Zweifel mehr, daß die Herzen der Braunschweiger ihrem neuen Herzogspaare wirklich mit innigster Liebe und Ver­ehrung entgegenschlagen. Das läßt ein überaus segensreiches Zusammenwirken von Fürst und Volk für alle Zukunft sicher erscheinen. Beglückend und beglückt zugleich werden das Herzogspaar wie die Untertanen stets den Tag preisen, an dem die jahrzehntelange Zwifchenregieruna wieder in den ordnungsmäßigen Dauerzustand übe.^va konnte.

Dem Herzogspaare ist es-, .^ gönnen, daß nun die unruhigen Wocken r^r Vorbereitungen auf die Thron« besteigung worüber im«, und, wenn auch nur allmählich und nur in gewissen, durch die neuen Regierungs­pflichten gezogenen Grenzen, auch ihm wieder der gleichmäßige Frieden eines glücklichen Familienlebens zurückgegeben wir^., ..Ein Ueberblick über die Ereignisse ' der letzten Tage zeigt, wie fast jede Stunde des Her- zogspa'äres von offiziellen Pflichten und Feierlichkeiten ausgefüllt war.

Am Zonntagvormittag verabschiedete sich Herzog Ernst' August in Rathenow von seiner bisherigen Eskadron. Er reichte jedem Offizier, Unteroffizier und denMannschaften die Hand. In einer Ansprache hob er hervor, daß seine Erwartungen bei den Zietenhusaren bedeutend übertroffen worden wären, und er wünschte, daß es jedem Eskadronchef vergönnt sein möge, eine Schwadron wie die vierte zu führen. Nachmittags traf der Kaiser in Rathenow zu einem kurzen Besuche des Herzogs und der Herzogin in Braunschweig ein.

Am Moniagvormittag verließen der Herzog und die Herzogin Rathenow im Sonderzuge. Sie fuhren von der Villa durch die reichbeflaggte Bahnhofstraße zum Bahnhof. In den Straßen hatten die Zietenhusaren Ausstellung genommen, und eine große Menschenmenge brächte dem hohen Paare herzliche Abschiedsgrüße dar. Der Herzog und die Herzogin schritten die Front der Eskadron ab, verabschiedeten sich von allen Offizieren, vom Bürgermeister, Landrat usw. und reisten unter begeisterten Kundgebungen des Publikums ab.

Mittags traf das Herzogspaar auf dem Haupt­bahnhof in Braunschweig ein. Aus Anlaß des Ein­

DerboLene Made.

Kriminalroman von Otto Viehofer. 82

.Ganz recht so, Kaspar, und sehen Sie, das hat auch snich wieder auf ein paar Wochen hier hergezogen. Schön fltja die Schweiz, aber mirwiegtsiedieses einsame Schloß nicht auf, und es steht noch dahin, ob ich meinen an­fänglichen Entschluß, in ihr mein Leben zu beschließen, doch nicht wieder rückgängig mache und mich mit mei- ner Frau eines Tages ganz in der Nähe hier ansiedle. -nein, nein, kein Land der Erde wiegt mir diesen stillen Winkel auf, und nichts in der Welt, außer meiner Ma- ne wiegt unsere Frau Baronin auf. Ach nein, ach nein, W Frau, wenn ich denke, wie die mir meinen Fehl- , vergab, und wie sie mich nun wiederum ihrer Gnade tmhaftig werden läßt. Hat man Ihnen denn schon er- zahlt von meiner unbotmäßigen Kündigung damals?"

Herbert Balthasar hatte sich über seinen Freund sehr amüsiert, nichtsdestoweniger aber war sein Mieneuspiel meng dem Gespräch entsprechend gewesen, und nun spielte « den Neugierigen und log:Nein, man hat mir davon nichts erzähltman hat mir in diesem Schlosse über- Haupt noch nicht viel erzählt. Von meinen beiden Vor- bangern hier weiß ich nur soviel, daß der eine, ein noch v°«Z junger Mann, absolut nichts taugte, und daß der ? - e*n gewisser Johann Kersten, in jeder Beziehung Vorbild eines herrschaftlichen Dieners war. Wie war denn das mit der Kündigung?"

Johann fühlte sich wiederum sehr geschmeichelt und X fing er an, die Geschichte seiner ßünbigung zu er- Fast ahne Pause bewegten sich da seine dünnen ppsn, und die Hände fuhren dabei auf und ab, bald in den Koffer hinein und bald beladen in den sich x n .kleinen Garderobenschrank. Und der Detektiv °^- fpähend, horchend und kalkulierend.

«°! "°üch war Johann zu Ende und Kaspar sprang von Miem Stuhle auf und hatte ^mit der Versicherung, er

zugs war die ganze Stadt Braunschweig festlich ge­schmückt. Von allen öffentlichen und privaten Gebäuden wehten Flaggen in den deutschen, preußischen und braunschweigischen Farben. Tannengirlanden wanden sich von Haus zu Haus. Auf denPlätzen erhoben sich Ehrenpforten. Die Schaufenster zeigten inmitten prachtvoller Blumenarrangements die Büsten des neuen Landesherrn und der Herzogin. Schon seit den ersten Morgenstunden herrschte lebhaftes Treiben in der Stadt, besonders zahlreich war die Landbevölkerung herbeigekommen. Lange vor Ankunft der Herzoglichen Herrschaften umfäumte bereits eine dicht gedrängte Menge die Einzugsstraßen.

Die Mitglieder des Staatsniinisteriums waren den hohen Herrschaften bis an die Landesgrenze bei Velpke entgegengefahren. Auf dem Bahnhof in Braunschweig waren die Vertrerer der staatlichen Behörden, die Hof­staaten usw. zur Aufwartung erschienen. Der Herzog trug die Uniform des Braunschweigischen Husarenre­giments Nr. 17, die Herzogin eine weißseidene Robe mit blauseidenem Uebermantel. Im Gefolge des Herzogspaares befanden sich u. a. die drei Mitglieder des Staatsministeriums Hartwieg, Wolff und Radkau. Im Auftrage des Kaisers überreichte der Königlich preußische Gesandte von Humbracht der Herzogin einen prachtvollen Blumenstrauß. Der Herzog schritt auf dem Bahnhöfe die Front der Fahnenkompagnie ab und begrüßte die an der Spitze der Ehrenkompagnie stehenden Offiziere. Sodann bestiegen die hohen Herrschaften den sechsspännigen Galawagen, worauf unter dem begeisterten Jubel der Bevölkerung und unter dem Geläut sämtlicher Glocken der feierliche Einzug des Herzogspaares erfolgte.

An der Ehrenpforte auf dem Friedrich Wilhelms- Platz hatten die städtischen Körperschaften mit dem Oberbürgermeister an der Spitze sowie die Stadt­geistlichkeit und die Ehrenjungfrauen Aufstellung ge­nommen. Oberbürgermeister Retemeyer hielt eine Ansprache an das Hohe Paar, in der er der Freude darüber Ausdruck gab, daß Braunschweig sein ange« stammtet Herrscherhaus wieder in seinen Mauern be­grüßen könne. Die Herzen aller Braunschweiger schlügen dem Herzogspaar entgegen. Er hoffe, daß die Regierung des Herzogs dem Lande zum Segen gereichen möge. Er entbot der Herzogin einen Gruß, der Vermittlerin zwischen dem Welsen- und dem Hohen- zollernhause, und schloß mit einem stürmisch aufge­nommenen Hoch auf das Herzogspaar, wofür der Herzog in bewegten Worten dankte. Die Tochter des Bürgermeisters überreichte der Herzogin unter Auf­sagen eines Gedichtes einen herrlichen Blumenstrauß, wofür die Herzogin mit herzlichen Worten dankte.

werde jede freie Stunde dazu benutzen, mit seinem väter­lichen Freunde Gedanken und Erfahrungen auszutau- schen, das Zimmer verlassen.

Aufdem Korridor schüttelte er wieder das Haupt. Nein, nein, auf diesem Wege würde der alte Fuchs sich nicht verlaufen. Nichts gewinnen würde er, Herbert Baltha­sar, weder bei dessen haarscharf abgegrenzten Erzählun­gen, noch bei dem sich daraus ergebenden Frage- und Antwortspiel. Ja, vielmehr mußte er streng auf derHut sein, daß er zuletzt sich nicht noch selber eine Falle stellte, daß der andere nicht den Köder roch. Nur allein die Stiefel Johanns würden vielleicht etwas erzählen, die Stiefel, oder auch der Zufall.

Der Diener war schon im Parterre, und da kam ihm mit vollbesetztem Tablett und verliebtem Lächeln das Stubenmädchen entgegen.

Er erwiderte das Lächeln, und während er dann im Speisezimmer der Baronin verschwand, um dort den Tisch zu decken, stieg das Stubenmädchen die Treppe hinan und brächte Johann das Mittagessen.

Der hatte sie mit dem klappernden Geschirr schon heraufkommen hören und mit einem Satz war er an der Tür und öffnete.

Dienernd und lachend kam er dem Mädchen zuvor: Ah, guten Tag, Auguste, ja, ja, schauen Sie nur, schauen Sie nur, der alte Johann ist wirklich wieder da der leibhaftige alte Johann."

Auguste hatte beim Eintritt wirklich ein wenig er­staunt an dem ehemaligen Diener herabgesehen, dann lachend dessen Gruß erwidert, und nun sie das Essen auf den Tisch gestellt hatte, gingen ihre Blicke abermals an Johann entlang, ab und auf und auf und ab, halb wohlgefällig und halb neidisch.

Und dann auf einmal:Wie fein Sie jetzt aussehen, Johann, ganz, ganz anders als früher! Ach ja, schön muß es doch sein, wenn man so als Rentier leben kann."

Meinen Sie?" sagte Johann Kersten geschmeichelt.

Unter den sich immer wiederholenden andauernden stürmischen Ovationen des Publikums, die das Herzogs­paar auf das herzlichste erwiderte, setzte sich darauf der Zug dann vom Friedrich Wilhelmsplatz wiederum in Bewegung, um die Fahrt nach dem Schlöffe fortzusetzen. Auf dem ganzen Einzugswege hatten Vereine, Innungen, Schulen usw. Aufstellung genommen. Auf dem Hagen- markte wurde Las Herzogspaar von etwa 2000 Schul­kindern der Bürgerschulen begrüßt, die denFestgruß" sangen. Vom Hagenmarkt aus bis zum Schloß bildeten die Truppen der Garnison Spalier. Bei der Ankunft der hohen Herrschaften auf dem Schloß hatte sich das bis dahin trübe, regnerische Wetter aufgeklärt.

Auf dem Schloßhof hatte eine zweite Ehren- kompagnie des Braunschweigischen Infanterieregiments Nr. 92 Aufstellung genommen. Bei der Einfahrt des Herzoglichen Zuges in den Schloßhof präsentierte die Ehrenkompagnie, die Regimentsmusik spielte den Prä- sentiermarsch, hieran anschließend die Nationalhymne. Unter dem mit einem prachtvollen Baldachin ge­schmückten Portal des Schlosses begrüßten die dort versammelten Hofstaaten die hohen Herrschaften. Der Herzog trat sodann vor das Portal und nahm den Vorbeimarsch der Ehrenkompagnie ab. Unter großem Vortritt wurden die höchsten Herrschaften sodann in den Ballsaal geleitet, wo die Vorstellung der Hofstaaten erfolgte. Hieran schloß sich im Thronsaal die Ver­lesung der Thronrede, der die Mitglieder des Staats­ministeriums und der Landesversammlung .beiwohnten.

Der Einzug des neuen Herzogpaares ist unter einer so innigen Anteilnahme der ganzen Bevölkerung erfolgt, wie sie herzlicher gar nicht gedacht werden kann. Möge Herzog Ernst August und Herzogin Viktoria Luise sich einer langen glücklichen Regierung zu erfreuen haben zum Segen des Landes, dessen Herrscherhaus in ihnen neu begründet ist.

Junges Reich.

Ein Gnadenerlaß des Herzogs Ernst August hat den Einzug des neuen Herzogspaares von Braun­schweig in würdigster Weise eingeleitet. Der Erlaß wurde in einer Sonderausgabe der amtlichenBraun­schweigischen Anzeigen" veröffentlicht. Alle Freiheits­strafen bis zu 6 Wochen sowie alle Geldstrafen bis zu 150 Mk. werden erlassen. Außerdem sind Straf­erlässe in einzelnen Fällen vorgesehen.

Das Patent des Herzogs Ernst August zu Braunschweig und Lüneburg, mit dem er von Rathe­now aus die Uebernahme der Regierung verkündete, stellt zunächst die Tatsache des Regierungsantritts fest. Sodann stattet der Herzog den bisherigen Regenten, dem hochseligen Prinzen Albrecht von Preußen und

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Und dann ein wenig kleinmütig aber spitz fortfahrend: Das ist so, wie man es nimmt, Auguste, der eine ge­fällt sich in dem Rock, und der andere in dem. So wie es jeder gewohnt ist. Sie sehen ja, mich hat es sogar wieder hergezogen nach der Stätte meiner einstigen Arbeit nach der Stätte, an der ich einherstolzierte in bnnt-- betreßtem Dienergewande."

Das wollte Auguste durchaus nicht einleuchten, ja im Gegenteil, ihr Neid wurde nur immer reger, und sie sagte zu dem sich nun an den Tisch setzenden Johann:Ach, das glaube ich nicht, was Sie da sagen, Johann! Sie kleidet der Rentierrock doch wirklich gut, und wo Sie schon so fein sind, da möchte ich erst einmal Ihre Frau, unsere ehemalige Marie, sehen. Und dick muß die sein, beim Nichtstun jetzt, viel dicker als wie sie bei uns war. Nicht wahr, Johann, Ihrer Frau geht es doch sehr gut ?"

O ja, meiner Frau geht es schon ganz vortrefflich,"/ entgegnete Johann kurz und kauend.

Und Auguste wieder:Ach nein, ach nein, hat die Marie Glück gehabt, so einen reichen Mann zu heiraten. Wirklich, das passiert einem armen Mädchen nicht alle Tage." '

Sie faltete herabhängend die zarten Hände und hef­tete den Blick traumverloren auf den Fußboden.

Aber warum heiraten Sie denn nicht auch, Auguste?" schreckte sie Johann aus ihrem Traum empor.

Und Auguste lachte mit einem Mal wehmütig auf: Ach, Johann, das ist bald gesagt. Kommt denn einer, der mich haben möchte? Nein, es kommt keiner, der zweite fehlt noch immer, und zweie müssen es doch schon sein zum Heiraten."

Aber der ist doch schon da, der zweite, fassen Sie nur zu, Auguste."

Was sagen Sie, Johann, der zweite ist schon da? Wer denn?" 197 18*

Na, tun Sie nur nicht so, Auguste, den Kaspar meine ich. Ein schmucker, junger Mann ist doch der."