! Schlüchterner Mung
mit amtlichem Rreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. 65. Wochenbeilage: Illustriertes Sonntagsblatt. Telefon Nr. 63.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — preis mit „Areisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 12 pfg.
> M 83. Mittwoch, den 15. Oktober 1913, 64. Jahrgang.
Aufruf
zur Feiev der 18. GkLsbev im Aeelfe Schlüehtevn.
Unser ganzes Volk rüstet ft® die hundertste Wiederkehr der Siegestage von Leipzig am 18. und 19. Oktober dieses Jahres durch ernste Feier festlich zu begehen. Das sind die Tage, an denen der Allmächtige vor hundert Jahren unsern Vätern die Kraft schenkte, die Ketten des fremden Eroberers zu zerschlagen. Es ist die Zeit, in der über unserer deutschen Heimat nach siebenjähriger entmutigender Knechtschaft die Sonne der Freiheit wieder aufging, da man wieder aufzuatmen wagte und das Hoffen auf eine deutsche Zukunft Wirklichkeit zu werden begann. Als man sich vor 99 Jahren zur ersten Feier des Tages von Leipzig rüstete, gab der kerndeutsche Ernst Moritz Arndt den Rat, am Abend des 18. Oktobers auf allen Höhen im deutschen Land sich um flammende Feuer, die uralten germanischen Freudenzeichen und Freiheitsboten in die Ferne, zu sammeln und dadurch zu verkünden, daß „jetzt bei allen deutschen Menschen nur e i n Gefühl und Gedanke sei." „Und im Lichtkreis der Flammen sollen die Alten dem Jungvolk erzählen Don dem Großen, das einst geschehen, auf daß das Gedenken daran sich von Geschlecht zu Geschlecht forterbe." So geschah es im Jahre 1814. So hat man's auch 1863 gehalten. Die Zeugen dieser letzten Feier sollten diesmal vorangehen beim Zug zum Freudenfeuer und zum Götteshause. Wir wollen alles beiseite setzen, was leider noch so oft trennt, und uns sammeln als ein Volk zur Feier, die dem Vaterlande gilt!
Wir bitten deshalb alle Diejenigen, in deren Herzen Liebe zum Vaterlande lebt, nach Kräften zu helfen, daß die Feier des • Siegestages in unserer engeren Heimat würdig ausgestaltet werde und bleibende Frucht deraus erwachse!
Der Vorstand des Der Vorstand
^reis-JCriegerverbandes. des Jdeimatbundes.
An die Einwohnerschaft der Stadt Schinchtern!
Vereine und Körperschaften unserer Stadt haben sich einmütig zusammengefunden in dem Wunsche, die Feier des 18. und 19. Oktobers, ihrer Bedeutung angemessen, würdig zu gestalten. Die Feier wird am Samstag, den 18. Oktober, mittags 12 Uhr durch alle Glocken der Stadt eingeläutet. Es wäre sehr zu wünschen, daß die äußeren Vorbereitungen, als Reinigen der Straßen, Beflaggen der Häuser u. dgl. bereits vormittags ausgeführt würden, ferner, daß die jGeschäfle und Werkstätten etwa von 3 Uhr ab sich schlössen, um dem Tage ein festliches Gepräge zu geben. Im Laufe des Nachmittags wird die vom Kriegervereine s gestiftete Gedächtnistafel an die Veteranen von 1813/14 am Kriegerdenkmal in Gegenwart der Behörden, sämtlicher Schulen, des Königl. Lehrerseminars und der Vereine enthüllt. Anschließend daran ordnet sich der Zug zum Drasenberg, wo auf historischer Stätte das Freudenfeuer abgebrannt werden soll. Während der Feier im Flammen- schein — die Festrede wird Herr Landrat Valentiner halten — erklingen wieder sämtliche Glocken im Umkreise. Der Männergesangverein hat in dankenswerter Weise seine Mitwirkung zugesagt. Auf dem Rückwege wird ein Fackelzug zur Stadt und durch die Hauptstraßen derselben führen. Die Hausbesitzer werden gebeten, ihre Häuser festlich zu beleuchten. Am Vormittag des 19. Oktober findet ein Festgottesdienst statt, an welchem sich die Vereine unserer Stadt^geschlossen beteiligen werden, und abends um < Uhr wird eine Familienfeier, für welche umfassende Vorbereitungen getroffen werden, in der evangelischen Kirche veranstaltet. Rechter Bürger- sinn aber helfe, daß alles wohlgelingt!
Meröotene Wfade.
Kriminalroman von Otto Viehofer. 75
Und nun fiel die Baronin ein: weich und zart und einschmeichelnd. Alles Liebesgestammel, immer abwechselnd : Er und Sie, und Sie und Er.
Doch halt, der Abschied kam, die Stimme „Pontos" zitterte wieder aus dem Apparat: „Und nun, mein Kind, lebe wohl und träume süß — lebe wohl bis Dich wiederum mein starker, schlitzender Arm umschlingt — bis morgen abend."
Ah, und da die besorgte, einschmeichelnde Stintme der Baronin: „Und Du auch, mein Herzensschatz. Komme All nach Hause, stoße in der Finsternis Deinen Fuß nicht an einen Stein unterwegs." 5
Hub da wieder der Graf: „O, fürchte nichts, mein Lieb, ch falle nicht sogleich, ich knalle lieber, anstatt daß ich mfle. Und sollte es ein fletschender Hund sein, der mich belästigte unterwegs, ich schösse ihn auf der Stelle nieder. Ber, mir trage ich stets den Schießprügel — den Schießprügel meiner Väter, das weißt Du ja."
Knallende Küsse aus dem Apparat, das Geräusch auf Fensterbriistung beim Hinausklettern des Grafen, — Schluß. Mäuschenstill war unter dem Kissen wieder der «prechapparat.
Und in sich hinein lachte der Detektiv. Also doch, doch es gekommen, was er ersehnt hatte: „Ponto" hatte mnen Schießprügel verraten, den Schießprügel seiner U -V/ H"> nun nahte es, nun nahte es, mit Riesen- Kfttten fam es heran. Hinter der Parkmauer würde es ^entscheiden in finsterer Nacht, gleich morgen — mor-
Banmeranschen, Männertritt, und Blitz und Knall und G„ff. dann, und dann!--
ywbett Balthasar hob den Sprechapparat aus dem nahm, mit Hilfe seiner elektrischen Taschenlampe, neu, Ä^^^ne Platte heraus und verbarg diese in fei» " m Koffer. Den Apparat selbst stellte er vorläufig in
den Garderobenschrank und schloß dann Schränk und Koffer ab.
Und nun, war es schon genug für heute? — Halt, nein, ein wenig stöbern mußte er noch — stöbern neuerdings in den Schubfächern derFrau Baronin. Denn möglich ivar es doch, daß sie zu guter Letzt auch da noch etwas hineingepackt hatte, nicht Fetzen, wohl aber unverletzte, wappengeschmückte Bogen. Briefchen, die ebenfalls ihre distinguierte Tasche solange geborgen hatte. Also hin- em nochmal um Mitternacht in den Salon der Baronin.
So, da flammte in seiner Hand fdfou, wieder die Taschenlampe. Ei, wie das nun den stillen, läuferbelegten Korridor entlang ging, husch, husch auf leisen Sohlen, kein Tapsen und kein Gebumse.
Die Tür zum Salon, so, da hatte er sie schon zugezogen hinter sich, — und stand bereits vor dem ver- chlossenen Schreibtisch seiner Herrin. — Knick knack in )em kleinen Schlößchen — die Schublade stand offen. Heraus guckte das Kunterbunt von Papieren und Papier- chen da, und dazwischen fuhr die Hand des Detektivs. Griff und Blick, und Blick und Griff. Vorn in das Hauptfach und links und rechts und hinten in die Nebenfächer hinein. Gründlich bis auf den Boden, aber gleich wieder ordnend, so wie es gewesen war.
Nein, nichts? Nur all die Briefe und Zettelchen und Schleifchen, die er bereits kannte?—Wahrhaftig, nichts
Also war eS umsonst, das Schleichen um die Geisterstunde. Nur der Korb hatte es in sich gehabt - der zierliche Korb da unten. — Knick knack, zu war der Kasten wieder — und auch schon die Tür. Husch, husch den Korridor entlang, die Tür leise auf und wieder zu — so, da war der Diener wieder auf seinem Zimmer.
Das Bett winkte nun, denn morgen mußte er früh heraus aus den Federn. —
24. Kapitel. „
Der folgende Tag war verstrichen, und über dem Tram- pitzer Schloßpark lagerte die finstere Nacht. Wie schwarze
Riesengestalten tauchten aus dem Boden die uralten Bäume, und zwischen dem mächtigen Gestämme hockte auf den grünenden Rasenflächen breit und gespenstisch das niedere Gebüsch, sich biegend, neigend und windend. Und der laue Frühlingswind raunte seinLied dazu, rüttelte und zupfte unablässig an den Knospen im Gezweig, als wollte er sie noch vor morgen erwecken. Das koste und wob, und reckte und streckte sich da, es drängte macht- voll vorwärts in dem dunklen All, mit Riesenschritten dem Licht entgegen — dem Frühling.
Und da: bumm — bumm — bumm — vom Schloßturmherab, langsam und mitehernem Schlag zwölf Mal. Die Geisterstunde war vorüber, und der neue Tag angebrochen. Wie die Schläge sich wälzten in den dunklen Park hinein, machtvoll und klingend. Und nun — und nun verklangen sie schon: summ — summ —wellenförmig, immer schwächer und schwächer werdend — und zuletzt nur wieder das Raunen des Windes im Geäst. —
Außerhalb des Parkes stand, in unmittelbarer Nähe der beiden bekannten großen Bäume und in einem dichten Busch versteckt, dicht an der Mauer ein Mann mit total abgerissener, verschmierter und beschmutzterKleidung. Sein mächtiger, blonder, vom Schnupftabak stark besudelter Schnurrbart hing ihn: wirr über die Lippen hinweg, und seinem Atem entströmten wahre Wolken von Fuselgeruch. Die Mütze hatte er tief ins Gesicht gezogen, und in seiner Rechten hielt er einen faustgroßen, runden Stein.
Der Strolch, der hier stand, war kein anderer als der Detektiv Herbert Balthasar. Den „Ponto" erwartete er, und zwar mit recht gemischten Gefühlen. Würde sein Plan denn auch wirklich gelingen? Groß und stark und mutig war der Graf, und — und bewaffnet. Denselben Schießprügel trug der bei sich, um den es heute gehen sollte — den Schießprügel seiner Väter, vollgepfropft mit tödlichem Blei. 197,18*
Auf Tod und Leben ging es heute für einen unschuldig Schmachtenden, für Wenzel Koczmierskö Teufel, da müßte er, Herbert Balthasar, höllisch aus dem Posten fein,