Zchluchterner Zeitung
mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. 65. Wochenbeilage: Illustriertes Sonntagsblatt. Telefon Nr. 65.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — preis mit „Areisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 12 pfg.
M 77.
Mittwoch, den 24. September 1913.
64. Jahrgang.
Die im 64. Jahrgang erscheinende Schlüchterner ZritNNg mit amtlichem Kreisblatt ist mithin die älteste und verbreiteste Zeitung im Kreise Schlüchtern und weit noch über denselben hinaus und finden Inserate in derselben wirksame Verbreitung.
Wer eile WMW..................
ITT " TT-n + n’nk-nnfihn-n n daher in der Zustellung unserer Zeitung durch die Post beim bevorstehenden Quartalswechsel vermeiden will, der OP P| P | I| $ PP||PPPm| [j I wolle dieselbe so bald wie möglich bei dem betreffenden Postamte bestellen. Nur diejenigen avswärtigen h| si || IIHIIll |]| ||h || |j || | Postabonnenten, welche bis spätestens 28. September unsere Zeitung wieder bestellt haben, können verlangen,
U daß ihnen unsere Zeitung vom 1. Oktober ab pünktlich von der Post geliefert wird. Wer später bestellt, muß nach den amtlichen Bestimmungen für Nachlieferung der ersten Nummern des neuen Quartals eine besondere Gebühr von 10 Pfg. bezahlen. — Jede Postanstalt und jeder Landbriefträger ist verpflichtet, Abonnements-Bestellungen anzunehmen.
' Zu recht zahlreichen Bestellungen auf das mit dem 1. Oktober 1913 beginnende neue Vierteljahr ladet freundlichst ein
Oktober 1913 beginnende neue Vierteljahr ladet freundlichst ein
die Expedition der „Schlüchterner Zeitung".
Deutsches Reich.
— Ueber Vorarbeiten einer Novelle zum Kom- munalabgabengesetz schreibt die „Norddeutsche Allgem. Zeitung":„In der Lagespresse wird mitgeteilt, daß vom Ministerium des Innern und vom Finanzministerium der Entwurf einer Novelle zum Kommunalabgabengesetz aufgestellt worden sei, und es werden hieran Mitteilungen über den Inhalt des Entwurfs geknüpft. Es handelt sich bei diesem „Entwurf", der sich selber als solchen noch nicht bezeichnet, lediglich um eine Vorarbeit. Keinesweges ist beabsichtigt, alle darin gemachten Vorschläge in dieser Form zum Inhalt des demnächst aufzustellenden Entwurfs zu machen. Die Vorarbeit hatte vielmehr lediglich den Zweck, den Provinzialbehörden, Gemeinden und Gemeindeorganisationen einen Anhalt dafür zu geben, in welcher Richtung eine Reform des Kom- munalabgabengesetzes von der Staatsregierung in Aussicht genommen, und zu welchen Punkten ihre Aeußerung erwünscht sei. An der Aufstellung des Gesetzentwurfs wird zurzeit unter Benutzung der inzwischen eingegangenen Gutachten gearbeitet.
— Die Steuerbewilligungstaktik der Sozialdemo- traten wurde auf dem Jenaer Parteitage ausgiebig erörtert. Im Gegensatz zu einer ziemlich milde gehaltenen Resolution der Referenten Wurm und Südrkum verlangten Rosa Luxemburg und Klara Zetkin unbedingte Ablehnung aller Steuervorlagen, die der Stärkung des Militarismus dienen können. Der Genosse Wurm begründete die Resolution und suchte auch die bisherige Haltung der Reichstagsfraktion zu verteidigen. Hierin wurde er unterstützt durch den Genossen Dr. Südekum, der dringend davor warnte, den Klasseukampf durch besinnungsloses Verneinen zu einer öden Schablone werden zu lassen. Der Grundsatz, die Stenern nach Möglichkeit allein von den Nichtsozialdemokraten tragen zu lassen, kommt auch in dieser, vom Parteitage schließlich angenommenen Resolution zum Ausdruck. Wegen
der Frist zu den bevorstehenden Vorstandswahlen kam es zu einer sehr lebhaften Geschäftsordnungsdebatte.
— Die Liebesgabe des Gustav Adolfvereins wurde in der soeben abgehaltenen Hauptversammlung bes Vereins vergeben. Gestiftet wurden diesmal für die siegenden Gemeinde 24 065 Mk. für die beiden unterliegenden zusammen 18 492 Mk. Die Bedürfnislage der drei in Betracht kommenden Gemeinden, nämlich Guhringen in Westpreußen, Huckarde in Westfalen und die Diaspora von Leoben im oberen Murtale (Steiermark), schilderte Superintendent Beyer - Hannover - Linden in fast einstündigem Vor- trog. Die Abstimmung der Abgeordneten der Hauptvereine und des Zentralvorstandes entschied zu gunsten von Guhringen für die große Liebesgabe, auf die 140 von 307 abgegebenen Stimmen fielen. Die erstunterliegende Gemeinde Leoben erhielt 9946 Mark die zweitunterliegende, Huckarde, 8546 Mark. Namens der siegreichen Gemeinde sprach Generalsuperintendent Reinhard - Danzig den Dank aus. Als nächster Tagesort wurde Freiburg i. Br. bestimmt.
— Die Verschiebung der Bevölkerung zwischen Stadt und Land hat das Kaiserliche Statistische Amt festgestellt, indem es die Ergebnisse der letzten Volkszählung verwertete, um einen Vergleich zwischen der Einwohnerzahl aller Gemeinden von mindestens 2000 Einwohnern am 1. Dezember 1910 und am gleichen Tage des Jahres 1905 zu ziehen. Die Einwohner der Gemeinden mit mehr als 2000 Einwohnern, die städtische Bevölkerung, ist in den fünf Jahren seit der vorletzten Volkszählung um 1,96 Proz., diejenige der ländlichen Bevölkerung um 0,51 Proz. gewachsen. Es entfallten gegenwärtig auf die städtische Bevölkerung 60,02 und auf die ländliche Bevölkerung 39,98 Proz. der Gesamtbevölkerung. Die städtische Bevölkerung hat mithin seit der vorletzten Volkszählung viermal so stark zugenommen wie die ländliche. Dieses Wachstum ist im wesentlichen durch den
starken Zuzug zu erklären, den die städtischen Gemeinden aus den ländlichen erfahren haben. In Preußen beträgt die Gesamtzunahme der Bevölkerung 1 Proz., die Zunahme der städtischen Bevölkerung 1,2 Proz.; aber immerhin macht die ländliche Bevölkerung noch 55 Proz. der Gesamtheit aus. Innerhalb der einzelnen Provinzen ist die Verschiebung sehr verschieden.
Ausland.
— Der Friede zwischen Bulgarien und der Türkei ist nun endgültig abgeschlossen. Wie aus Konstantinopel amtlich mitgeteilt wird, haben die türkischen und die bulgarischen Unterhändler das Protokoll über die endgültige Erenzfestsetzung unterzeichnet und darauf andere Fragen, wie die der Nationalitäten, besprochen. Ein Unterausschuß wird die weniger wichtigen Fragen prüfen. Ein Sondervertrag wird über den Austausch der Gefangenen zustandekommen. Der Abschluß des Friedens wurde mit einem Salut von 101 Schüssen begrüßt, um der Bevölkerung das freudige Ereignis mitzuteilen. Bulgarien hat in allen Hauptpunkten nachgegeben, es ist jedoch auch von der Türkei auf fünf kleinere Bezirke, nämlich Vassilikon, Tirnovadjtk, Mustafa Pascha, Ortaköi und Sufli, verzichtet worden. Alle diese Bezirke sind augenblicklich von türkischen Truppen besetzt, aber ihre Bevölkerung besteht in der Hauptsache aus Bulgaren. Im letzten Augenblick machten die Bulgaren ein besonderes Angebot, um Demotika für sich zu behalten. Der Vorschlag wurde jedoch abgelehnt. Die türkischen Vorschläge mit Bezug auf die Nationalität die von den Bulgaren angenommen wurden, sichern den in den abgetretenen Bezirken wohnenden Mohammedanern noch eine vierjährige türkische Staatsangehörigkeit zu, nach welcher Zeit sie bulgarische Bürger werden. Außerdem garantieren sie freie Religionsausübung, be- bestätigen die alten Privilegien der Mohammedaner ob diese nun kommunal oder individuell sind, gewähren allen denen Amnestie, die gegen die Bulgaren die Waffen
Mröotene Ffade.
Kriminalroman von Otto Viehofer. 69
Und nun sie zum Schluß gelangte, war auch ihre Kraft zu Ende, der Schmerz war auf einmal elementar hervorgebrochen.
„Rächen Sie, meine Herren, den Tod meines gelreb- tm Gatten," stieß sie vor dem Richtertisch fast kreischend hervor, das schmerzerfüllte, schöne Antlitz in dem seidenen Taschentuche bergend, „rächen Sie meinen lieben, gutenMann, aufdaß ich endlich einmal zurRuhekomme!"
Noch mehr wollte der schöne Mund hervorbringen, aber ein heftiges Schluchzen erstickte in ihrer Kehle jedes weitere Wort.
Herzzerreißend ging das Schluchzen zu der Geschworenenbank, hin zum Staatsanwalt, und dann hinüber zu der erregten Menge im Zuhörerraum. ,
„Fallbeil dem Doppelmörder, dem Polens schrie es wild von dort zurück. Graf Peter von Bruckhoff war es wieder gewesen. v , ;/
Aufgefahren von seinem Sitz war der Vorsitzendeund sein zorniges Auge funkelte nach dem Schreier hinüber, aber da, seine schon in Bewegung gesetzte Zunge stockte plötzlich — halb ohnmächtig war Baronin von Paltzow vor den Richtertisch gesunken.
' Ein Wirrwarr entstand, Staatsanwalt, Verteidiger und Gerichtsdiener waren Hinzugesprungen, und schon war die Baronin aus dem Saal geführt, hinüber in Den Erfrischungsraum. ,
i Und da kam nun der Vorsitzende zu seinem Recht.
... «Ich ersuche Sie, mein Herr, unverzüglich, den Zu- Yürerraum zu verlassen, denn Sie haben sich hier bereits rum zweiten Male ungebührlich benommen!" herrschte « den Grafen Peter von Bruckhoff an.
Der verließ den Saal, und da inzwischen Staatsan- walt und Verteidiger zurückgekehrt waren und ihre Plätze
wieder eingenommen hatten, konnte der Vorsitzende in der Verhandlung wieder fortfahren.
Die nächsten Zeugen waren nun der Reihe nach: Kriminalkommissär von Behlow, die Kriminalschntzleute Wölfert und Spiegel und dann der bei der Festnahme des Angeklagten mitwirkende Schenkwirt mit seinen beiden Knechten.
Und zum Schlüsse drangen durch den Saal nun noch die markigen Worte des Kreisarztes Striebelsowiezweier Schießsachverständiger. — ,
Voll war nun der Topf, der herkulische Pole auf der Anklagebank zitterte, all sein Kampfesmut war mit einem Mal dahin, all seine Kraft gebrochen. Heulend fuhr der Sturm draußen die mächtigen Bogenfenster entlang, rüttelte hier und rüttelte da, und die schweren Regentropfen prasselten gegen die Scheiben wie tausend spitze Klingen. War es die Gerechtigkeit, die da Einlaß begehrte in diesen düstern Raum?"
Der Staatsanwalt hatte sich erhoben: „Meine Herren Geschworenen! Vor uns steht eine jener Erdenkreaturen, die auf ihren Schultern ein menschliches Antlitz tragen, im Körper aber die scheußlichste Bestie beherbergen. Es ist der Angeklagte einer von denen, die nicht Halt machen vor dem gottähnlichen Angesicht ihrer Mitmenschen, denen nicht heilig ist das Blut ihres Nächsten. Und da erwächst uns, als die berufenen Beschützer unserer Mitmenschen, als die Vertreter der strafenden Gerechtigkeit die Pflicht,unsere wehrlosenMitmenschenzuschützen vor solch gefährlichen Kreaturen, es erwächst uns die hei- liae Pflicht, auszurotten die Bestie in Menschengestalt. Und da rufe ich Ihnen, meine Herren Geschworenen, zu: Fort vom Erdboden mit dieser Kreatur! Hinwegnntdem Anaeklaaten aus den Reihen der menschlichen Gesell- sckaft, denn er nur allein ist es gewesen, der heimtückisch den Baron Egon von Paltzow und seinen Kutscher ermordete. Wer sollte es denn auch anders gewesen sein. Vergegenwärtigen wir uns noch einmal in aller Kurze — ich sage in aller Kürze, denn der Dielen Worte bedarf
es hier nicht, die Gegenstände auf dein Tische da sprechen genug— also, vergegenwärtigen wir uns noch einmal in aller Kürze das ganze Bild: Der Angeklagte war von Hause aus eine rohe, wutschnaubende und rachsüchtige Natur. Er trat in den Dienst des Barons von Paltzow und, kaum anderthalb Tage dort, geriet er mit seinem Herrn in Konflikt, — und der Anhalt zu dem grausigen Drama war gegeben. Aber nicht gleich kühlte er seine Rache, fonbern er wartete damit bis zum nächsten stock- sinstern Abend, von welchem er wußte, daß sein Herr nach der Stadt fahren würde. Er hatte besonderes Glück, denn Sturm und Regen kamen ihm noch zu Hilfe, sie löschten am Wagen des Barons die Lichter aus, und warteten nur darauf, dem Gekrach der beiden Schüsse mit Gebraus und Geprassel den Garaus zu machen. Da be* gab der Angeklagte sich denn, die Holzschuheunterm Arm, einfach nach dem Tatort und wartete ruhig seinen Herrn ab. Als dann der Wagen herangekommen, fiel er den Pferden in die Zügel, hielt sie dann von hinten her daran fest, zwei Schüsse krachten, und seine Rache war gekühlt. Nicht nur seine Rache war gekühlt, sondern auch der Zeuge solch ruchloser Tat, der Kutscher, war ins Jenseits befördert. Nun kam derHohn: derAngeklagtepreßte die noch besonders Derftiimmelte Leiche des Kutschers in den Wagenkasten, wendete das Fuhrwerk um, nahm die Leiche des Barons über die Schulter und hieb dann auf die Pferde ein, so daß sie mit der traurigen Last direkt dem Schlosse zurasen mußten. Wo er dann die Leiche des Barons sowie den Revolver gelassen hat, das mögen die Götter wissen, keine Spur klärt uns darüber auf.' Und das ist ja auch gar nicht von Belang, Hauptsache ist, wir fanden die Spuren des Täters, — wir fandendie Abdrücke seiner großen Holzschuhe. Und das Blut an seinen Kleidern? Nasenbluten? Das glaube, wer da will/ Spritzer sind es gewesen von dem schäumenden Leben der zwei Unglücklichen im Wagen. Blutspritzer von seinem gütigen Herrn und dessen bravem Kutscher, und nichts anders." 197,187