Schlüchterner Mung
mit amtlichem Rreisblatt. Alonatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. 63. Wochenbeilage: Illustriertes Sonntagsblatt. Telefon Nr. 65.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Areisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 12 pfg.
E/N 73. Mittwoch, den 10. September 1913. 64. Jahrgang.
Amtliches.
Bekanntmachung.
J.-Nr. 10024. Ueber den Schweinebestand des Emil Danz in Soden ist die Sperre wegen Schweineseuche verhängt worden.
Schlüchtern, den 8. September 1913.
Der Königliche Landrat: I. V.: Heuser.
Die Manövergäste des Kaisers.
An den Kaisermanövern nehmen in diesem Jahre wieder eine Reihe von hervorragenden Persönlichkeiten teil, deren Anwesenheit von Bedeutung ist. Zunächst ist der König von Griechenland zu nennen, den die erste Reise nach der siegreichen Durchführung zweier Kriege auf deutschen Boden führt. Sein Aufenthalt in Deutschland ist im wesentlichen der Erholung gewidmet. Daß König Konstantin bei diesem Anlaß auch zu den Kaisermanövern geladen worden ist, entspricht nicht nur den nahen verwandtschaftlichen Beziehungen, in denen er zu unserem Kaiserhause steht, sondern auch seinem engen Verhältnis zu unserer Armee und den Sympathien Deutschlands für das Wacker voranschreitende Griechenvolk. Unter der Führung seines Königs ist Griechenland zu einem beachtenswerten Faktor in der europäischen Politik geworden. Daß Griechenland auf die Pflege herzlicher Beziehungen zu Deutschland Wert legt, kann uns für unsere Stellung am Balkan nur erwünscht sein.
Der zweite Gast aus königlichem Hause ist der Herzog der Abruzzen Wegen seiner hervorragenden Forscherleistungen, unter denen wir nur seine erfolgreiche Nordpolexpedition nennen, ist er seit langem bei uns hoch angesehen. Im Tripoliskriege hat er sich durch tatkräftige Teilnahme an den Unternehmungen zur See ausgezeichnet. In seiner Anwesenheit bei den Kaisermanövern findet unser herzliches Bundesverhältnis zu Italien einen sichtbaren Ausdruck. Unsere Dreibundgenossen sind außerdem noch durch den italienischen und den österreich-ungarischen Generalstabschef vertreten. Daß unsere Armee vor den Augen aller dieser erfahrenen Beobachter gut bestehen wird, daran ist kein Zweifel. Nach wie vor ist sie die erste Armee des Kontinents. Es wird sich auch in diesem Jahre wieder zeigen, daß alles geschieht, um sie auf ihrer Höhe und in ihrem Ansehen zu erhalten.
Deutsches Reich.
— Die Uebersiedlung des Kronprinzen nach Breslau bedeutet für eingeweihte Kreise keine Uebercaschung Es stand schon seit geraumer Zeit fest, daß der Kronprinz ein Infanterieregiment als Oberst führen solle.
Mröotene Made.
Kriminalroman von Otto Viehofer. 65
Na, das war ja nur Nebensache, die Hauptsache war doch, er hatte seinen Zweck erreicht: man hatte ihm die Mär von dem Wäschepaket geglaubt, und sie würde sofort im Schloß die Runde machen.
Nicht einer oder eine von dem ganzen Gesinde ahnte dann, daß das angekommene Paket nicht Wäsche, sondern — eine Sprechmaschine mit bem ganzen Drum und Dran enthalten hatte.
Aber gut war es, daß auch die Frau Baronin um« gehend wußte von diesem Wäschepaket — ja, umgehend, denn sie konnte sich, falls sie den Briefträger mit dem umfangreichen Paket hatte kommen sehen, Gedanken machen. Und da wollte er selber Anlaß nehmen, ihr das Nötige beizubringen. Also einen Vorwand genommen, und hinein zu ihr. Kam die Zofe dann hinterher und überbrachte ihrer Herrin nochmals die Mär von der Wäsche, nun, um so besser war es.
Herbert Balthasar verließ sein Zimmer, und klopfte an die Tür zum Boudoir der Baronin.
„Herein!"
Die Baronin war in ein Buch vertieft gewesen, und nun schaute sie zum Diener auf.
Der verneigte sich tief: „Verzeihung, gnädigste Frau Baronin, ich wollte nur fragen, ob ich die Livree meines Vorgängers in meinem Zimmer noch hängen lassen, oder ob ich sie irgendwo anders hinschaffen soll. Wurden die Frau Baronin befehlen, die Sachen an einen andern v't zu bringen, so hätte ich jetzt gerade die beste Zert dazu.
Ja, hängt die Livree denn nicht in Ihrem Garderoben- schrauk, Kaspar?" wunderte sich Baronin von Paltzow.
„Verzeihung, nein, Frau Baconin.Jch fülle denSchrank ganz allein mit meinen eigenen Sachen aus, zumal, da ich heute noch ein Paket Wäsche erhalten habe."
; „ «Und das berichten Sie mir erst heute?"
Die Wahl, die zwischen Königsberg und Breslau schwankte, war schon vor Monaten zu Gunsten Breslaus entschieden worden. Die Uebersiedlung von Langfuhr nach Breslau dürfte erst zu Beginn des neuen Jahres erfolgen. Wie lange der Kronprinz in Breslau verbleiben wird, steht noch nicht fest, voraussichtlich jedoch nicht länger als 2 Jahre. Später siedelt der Kronprinz nach Potsdam über und wird im Gardekorps die Führung einer Brigade übernehmen.
— Die Ende Juni vom Erfurter Kriegsgericht wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt, Beleidigung und militärischen Aufruhrs zu schweren Strafen, zum Teil zu Zuchthausstrafen, verurteilten Reservisten und Landwehrmänner haben, soweit sie Berufung gegen das Urteil und die Höhe der erkannten Strafen ein« legte», erreicht, daß durch das Oberkriegsgericht nach zweitägiger Verhandlung, wieder in Erfurt, ihre Strafen wesentlich herabgesetzt worden sind. Teilweise ist ihnen die vom Reichstag beschlossene und danach durch den Bundesrat zum Gesetz erhobene Abänderung des Militärstrafgesetzbuches, der neu eingefügte § 110a, der für minder schwere Fälle von militärischem Aufruhr nunmehr mildernde Umstände zuläßt, zugute gekommen; bei einem wurde das Urteil der Vorinstanz berichtigt, der ihm zur Last gelegte militärische Aufruhr fallen gelassen.
— Die Arbeitsnachweise der Werften sind, nachdem die Holzarbeiter in Bremen beschlossen haben, die Arbeit durch Vermittlung der Arbeitsnachweise wieder aufzunehmen, in sämtlichen Ausstandsorten wieder geöffnet worden. Der Werstarbeiterstreik dürste damit nunmehr endgültig sein Ende erreicht haben.
— Gegen Brandt und zwei ehemalige Direktoren der Firma Krupp ist wegen Beamtenbestechung und Verleitung zum Verrat militärischer Geheimnisse Anklage erhoben. Die Verhandlung findet voraussichtlich Ende Oktober vor der ersten Strafkammer des Landgerichts Berlin I statt.
— Ueber Jugendpflegebestrebungen äußert sich .der Reichskanzler in einem Dankschreiben pür eine Denkschrift, die der Zentralausschuß zur Förderung der Volks- und Jugendspiele in Deutschland, dessen Vorsitzender der Abg. Dr. von Schenkendorff ist, an die Regierungen der Bundesstaaten versandt hatte. Er sagt u. a.: „Mit Recht setzen Sie voraus, daß ich das Wirken Ihrer Vereinigung, wie alle der Jugendpflege gewidmeten Bestrebungen nach ihrem großen Werte für die Wohlfahrt des deutschen Volkes zu schätzen weiß und eine der ernstesten Aufgaben für Staat und Gesellschaft darin sehe, der schulentlassenen Jugend in den allen Einflüssen zugänglichen Jahren der Entwicklung besondere Sorge zuzuwenden, vornehmlich dort,
„Verzeihung, gnädigste FrauBaronin, ichharrteimmer eines diesbezüglichen Befehls, und da der nicht kam, so nahm ich mir eben jetzt die Freiheit."
„Es ist gut, Kaspar, schaffen Sie die Livree einstweilen nach dem Boden!"
„Sehr wohl, Frau Baronin."
Leise zog der Diener die Tür hinter sich zu. Also das war getan, die Baronin wußte nun von seinem Wäschepaket. Nun konnte die geschwätzige Zofe hinterher kommen unb diese Lüge noch besiegeln.
Wohl oder übel mußte Herbert Balthasar nun an die Hinterlassenschaft seines Vorgängers gehen. Er holte sich, da mit einer Lampe den Boden zu betreten verboten war, aus der Küche eine kleine Laterne unb stapfte dann mit der Livree die Treppe hinan.--
Spät Abends, als er seinen Dienst bereits beendet hatte, saß Herbert Balthasar auf seinem Zimmer vor dem Sprechapparat. Den Mechanismus sah er sich noch einmal an. Also das war alles richtig so: hier die sich drehende Walze, um sie herum die schwarze Schallplatte, und da der Stift, der das Anfgenommene in die Platte hineinschrieb. Vor der Besprechung der Platte wurde die Aufnahmemembrane da aufgesetzt, und zur Wiedergabe des 1 Gesprächs hier diese Rückgabemembrane. Und Ein- schalte- sowohl wie Umschaltehebel funktionierten tabel= los. — Ja, und nun die Drähte da für die elektrische Bedienung dieses ominösen Kastens. Nicht zu unterscheiden waren die von denen seines Klingelzuges. Wahrlich, sein Plan würde großartig gelingen, wenn nur erst der Tag der Aufführung gekommen wäre. Immer noch neun lange Tage trennten ihn davon, denn heute war der 12. März, und am 21. März erst hatte die Baronin Termin.-- ,
22. Kapitel.
Frühlingsanfang verzeichnetederKalender heute. Mit Sturmgeheul und klatschenden Regenschauern hatte sich die Nacht verabschiedet gehabt, und nun, in der neunten Vormittagsstunde, tobten die Elemente nur noch
wo das Erwerbsleben die Jugend des Rückhalts be» raubt, den ihr in einfacheren Verhältnissen das elterliche Haus zu geben vermochte. Gerne benutze ich die Gelegenheit, um Ihnen für die seit langen Jahren der deutschen Jugend in vorbildlicher Hingabe gewidmete Arbeit meine besondere Anerkennung auszusprechen."
— Eine Vermehrung der meteorologischen Stationen wird an zuständiger Stelle angestrebt. Es finden gegenwärtig zwischen den beteiligten Ressorts unter Hinzuziehung von Sachverständigen Verhandlungen statt, die sich mit der Frage der Schaffung eines ganzen Netzes meteorologischer Stationen zur Erforschung der oberen Luftschichten und mit dem Ausbau bestehender Stationen befassen. Denn es hat sich gezeigt, daß die bestehenden Stationen nicht annähernd ausreichen, was namentlich auch für die Nachrichtenerteilung an Luftfahrzeuge von Bedeutung ist. Bei den Verhandlungen spielt vor allem auch die Zuteilung von Funkenstationen mit großer Reichweite zu den einzelnen Luftwarten eine große Rolle.
— Von der Tagesordnung des sozialdemokratischen Parteitags in Jena gibt der „Vorwärts folgendes bekannt: Eine Reihe von Anträgen bringt Vorschläge zur Erweiterung und Ergänzung der Agitation, u. a. Einsetzung einer Stutienkommission für die Agrarfrage. Ein Antrag Spandau wünscht die „Aufklärung der weiblichen Jugend über den künftigen Beruf als Mütter und Erzieherinnen ihrer Kinder im sozialistischen Sinne". Unter den Anträgen, die sich auf parlamentarische Fragen erstrecken, befinden sich mehrere, die die Haltung der Reichstagsfraktion beim Wehrbeitrag und beim Besitzsteuergesetz billigen. Ein Antrag Halle forderr oagegen, daß „die Anwendung einer besseren Taktik" in Zukunft die Fraktion vor ähnlichen Entgleisungen bewahre. Einige Anträge befassen sich mit Fragen der Organisation und mit Presse und Literatur. Die leidige Frage der Maifeier hat abermals mehrere Anträge gezeitigt. Der 3. pfälzische Kreis beantragt, daß der Parteitag nicht jährlich, sondern nur alle zwei Jahre stattfinden soll.
— Nach einer Meldung des „Matin" wünscht Bulgarien eine Anleihe von 800 Millionen Frank aufzunehmen. Frankreich, so meint der „Matin", würde geneigt sein, Bulgarien eine Anleihe von ungefähr 200 Millionen zu bewilligen, doch wären von diesem Betrag die den Bulgaren bereits geliehenen 80 bis 100 Millionen Frank abzuziehen. Auf jeden Fall seien die französischen Finanzleute entschlossen, weder den Bulgaren noch den Türken Mittel zu liefern, um die
mehr als während der Finsternis. In schaurig-schönem Spiele tollten am Firmament die Wolken. Bald rollten sie sich zusammen zu schwarzblauen Riesenknäueln, bald türmten sie sich zackig und graubraun zu gigantischem Fels, und bald formten sie sich zu tausend Fratzen, um dann wieder als lichte Fetzen davonzujagen. Und Sturm und Regen hielten mit ihnen Schritt: einmal daherdon- nernd mit schwerem Tropfengeprassel, so daß es stöhnte und krachte in dem sich reckenden und streckenden Geäst und das andere Mal wieder hohl und klagend und winselnd mit verhaltenem Sickern.
Berlin hatte heute seinen großen Tag: der Pole Wenzel Koczmierski stand vor den Geschworenen, und trotz des scheußlichen Wetters war nicht nur der Zuhörer, raum im Schwurgerichtssaal überfüllt, sondern auch dran- ßen vor dem großen Kriminalgerichtsgebäude in Moabit stand eme schwarze Menge, die von Schutzleuten in Ordnung gehalten werden mußte.
Nicht nur allein der Angeklagte war es, der da das Publikum interessierte, sondern auch eines seiner Opfer, der ermordete Baron. Ein in Berlin wohlbekannter Baron war es gewesen, der da sein Leben hatte lassen müssen, ein Aristokrat, jung und schön, reich und beliebt. Heimtückisch war er in Nacht und Finsternis hingemordet worden, und sein Leichnam verschollen geblieben bis auf den heutigen Tag, trotz emsigster Arbeit der Behörden und der ausgeworfenen hohen Belohnung. Ja, da war nicht nur Berlin gekommen, um das schaurige Drama vor sich abrollen zu sehen, sondern auch viele Provin- zialen waren herbeigeeilt, und unter denen vor allen, was ja fast selbstverständlich war, die Anverwandten und Bekannten des Ermordeten, letztere füllten denn auch vornehmlich den Zuhörerraum.
Im Schwurgerichtssaale lag es nun grau und trübe, Sturm und Regen peitschten von draußen die Fensterscheiben, und das düstere Bild wurde noch verstärkt durch die schwarzen Roben der Richter und die dunkle Korona im Zuhörerraum. 197,18*