Schlüchterner Zeitung
mit amtlichem Rreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. «3. IVochenbeilage: Illustriertes Sonntagsblatt. Telefon Nr. SS.
(Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Areisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 12 pfg.
X 72. Samstag, den 6. September 1913. 64. Jahrgang.
Amtliches.
J.-Nr. 9921. Diejenigen Herren Bürgermeister, welche mit der Erledigung meiner Kreisblatt-Verfügung vom 3. Juni d. I. — J.-Nr. 6292 — Kreisblatt Nr. 23, die Anzeige über die Einsendung der aufgestellten Schöffen- und Geschworenenlisten an die zuständigen Amtsgerichte betreffend, noch im Rückstände sind, werden an deren umgehende Ausführung erinnert. Schlächtern, den 2. September 1913.
Der Königliche Landrat. J. V.: Heuser.
Der Vorsitzende des Ortskuratoriums der landw. Winterschule.
Gelnhausen, den 25. August 1913.
Landwirtschaft!. Winterschule zu Gelnhausen.
Der Unterricht für das kommende Winterhalbjahr beginnt Donnerstag, den 6. November d. I., vormittags um 9 Uhr.
Aufnahme als Schüler finden junge Leute im Alter von 15 bis 20 Jahren. Aeltere Landwirte können als Hospitanten ausgenommen werden. Bei der Aufnahme ist das Schulzeugnis, die Geburtsurkunde und ein Leumundszeugnis von der Ortspolizeibehörde vor- zulegen.
Das Schulgeld beträgt 30 Mark für Schüler und Hospitanten. Der vollständige Lehrkursus umfaßt 2 Winterhalbjahre. Im dazwischen liegenden Sommer- Halbjahr auf Wunsch Stellennachweis auf gut geleiteten Wirtschaften.
Kost und Wohnung finden die Schüler bei guten Bürgersfamilien in hiesiger Stadt für ca. 45 Mark pro Monat. Die Wahl der Schülerwohnungen darf nur mit Genehmigung des Direktors geschehen, welcher auch bei der Auswahl behilflich sowie zu jeder weiteren Auskunft bereit ist.
Anmeldungen sind möglichst zeitig an denDirektor der Anstalt Herrn Wagner hierselbst zu machen.
gez.: Graf von Wartensleben.
Die Herbstparade.
Berlin, 2. September. Heute, am Sedantage, begann vormittags um 8 Uhr die große Parade des Gardekorps auf dem Tempelhofer F^de. Das Wetter war ausgezeichnet. Große Menschenmengen hielten die Anmarichstraßen besetzt und sammelten sich zu dichten Massen an der Tempelhofer Chaussee. Die großen Tribünen waren gefüllt. Unter den Insassen der auf das Feld zugelassenen Equipagen bemerkte man zahlreiche Angehörige des diplomatischen Korps und der Hofgesellschaft, u. a. auch den indischen Rajah von Narsinjarh mit seiner Begleitung, mit buntseidenen
Mröotene Ufade.
Kriminalroman von Otto Viehofer. 64
Herbert Balthasar ging auf sein Zimmer, setzte sich an den Tisch und schrieb folgenden Brief: „Lieber Erich! Sei bitte so gütig und kaufe für mich in einer dortigen Fabrik: erstens, einen trichterlosen Phonographen kleinsten Formats, zweitens ein Dutzend dazu passender, un- besprochener Schallplatten und drittens zwei Paar Kupferdrähte von je einem Meter Länge und derselben Beschaffenheit, wie man sie verwendet bei Anbringung eines elektrischen Klingelzuges. Diese Dinge übersende mir dann bitte, umgehend. Lege aber ja Wert darauf, daß, trotz seiner Kleinheit, der Apparat unbedingt zuverlässig ist, also daß er auf den leisesten Schall reagiert, und daß die beiden Hebel gut funktionieren. Wichtig ist ferner, daß die Maschine das Aufgenommene nicht allzu laut wieder- gibt — hörst Du, nicht zu laut. Das Fehlen des Trichters und die eigene Kleinheit verbürgen das nicht immer. Nun, Du bist ja Mann vom Fach, wirst schon das Richtige treffen. .
Den Preis lege nur, bitte, aus, nach meiner Rückkehr erstatte ich ihn Dir sofort zurück. WasdieVerpackung anbetrifft, so statte das Paket nur recht rundlich aus, so daß es an Härte und Ecken verliert, Du weißt ja, warum. Alles übrige später mündlich. Und nun gib ja acht, daß Du Dich nicht in meiner Adresse irrst, denn ich bin mit Dank und vielen Grüßen immer noch: Dein Kaspar Messet, Diener auf Schloß Trampitz im Kreise M . . . ."
Der Brief war an den vertrautesten Freund des Detektivs gerichtet, an einen Berliner Ingenieur.
Herbert Balthasar verschloß den Brief, adressierte^klebte die Marke auf, und steckte ihn dann in seine Tasche; in den an der äußeren Schloßmauer befindlichen Bnes- kasten wollte er ihn heute abend stecken.
Rrrrrr! rasselte im Zimmer plötzlich die elektrische Mngel: die Baronin hatte gerufen.
Turbanen als Kopfbedeckung. Auch waren die hier eingetroffenen Offiziere eines Washingtoner Milizregiments mit ihrer Fahne aufgestellt. Am Steuerhäuschen versammelten sich die Suite und die fremden Attachas. Es trafen ferner ein die anwesenden Prinzen des königlichen Hauses, Herzog Albrecht und Herzog Philipp Albrecht von Württemberg, die Prinzen Alfons und Franz von Bayern, die schwedische Sondermission (Flotteninspekteur Vizeadmiral W. Dyrßen, Flaggen- stabs-Chefkommandeur von Krusenstjerna, Kommandeur- kapitän erster Klasse Freiherr von Leuhusen, erster Flaggenadjutant Kapitän Lindstörm, Leutnant von Bahr und Unterleutnant Tholander), sodann der argentinische Generalstabschef General Ramon Ruiz und der italienische Generalstabschef Generalleutnant Pollio.
Die Kaiserin traf in einem offenen sechsspännigen Wagen ein, in Begleitung der Prinzessin August Wilhelm, ferner war erschienen Prinzessin Friedrich Leopold. Die Truppen des Gardekorps standen in zwei Treffen; am rechte» Flügel des ersten Treffens stand die Leibgendarmerie und die Hauptkadettenanstalt. Das Regiment der Gardes du Corps nahm an der Parade nicht teil. Die Feldzeichen der Berliner Garnison waren von einer Kompagnie des zweiten Garderegiments zu Fuß und einer Schwadron der Gardekürassiere nach dem Paradefeld gebracht worden.
Die Parade kommandierte Kommandierender General Generaladjutant General der Infanterie v. Plettenberg (Chef des Stabes Generalmajor v. Boigts-Rhetz).
Kurz nach 8 Uhr erschien der Kaiser in der Uniform des ersten Garderegiments zu Fuß. Nachdem er den Frontrapport entgegengenommen hatte, begann das Abreiten der Fronten, wobei das zweite Treffen vom linken Flügel gesehen wurde. Währenddessen erschienen mehrere Flugzeuge und der Zeppelinkreuzer „Hansa" über dem Felde, später überflogen auch einige Freiballons die Parade. Um 874 Uhr nahm der Kaiser in der Nähe der einsamen Pappel Aufstellung, worauf der Vorbeimarsch begann. Die Infanterie ging in Regimentskolonne vorbei, die berittenen Truppen im Schritt. Der Kaiser führte der Kaiserin das erste Garde-Regiment vor, ebenso das erste Garde Feldartillerie-Regiment ; nach 10 Uhr war die Parade beendet; der Kaiser hielt Besprechung ab. Dann führte er die Feldzeichen unter dem Jubel des Publikums nach dem königlichen Schloß zurück.
Als der Kaiser an der Spitze der Feldzeichen nach dem Königlichen Schlosse zurückkehrte, war er begleitet von dem Kommandierenden General des Gardekorps v. Plettenberg, dem italienischen Generalstabschef Pollio und dem Fürsten Fürstenberg, ferner den Prinzen Eitel Friedrich, August Wilhelm und Oskar. Prinz
Der Diener eilte hinaus, um ihren Kaffeetisch abzu- räuinen, —
21. Kapitel.
„Wissen Sie, Auguste," sagte vier Tage später in der Gesindestube die Zofe zum Stubenmädchen, „wissen Sie, hat der Kaspar aber vorhin ein Paket bekommen! So groß war es beinahe wie ein Kohlenkasten."
„Nanu, der Kaspar!" wunderte sich Auguste. „Woher ist denn das gekommen, und was mag da wohl drin gewesen sein?"
„Ja, das soll einer wissen, gesagthat er es mir nicht."
„Na, da hätt' ich doch den Briefträger gefragt, der wußte das doch sicher ganz genau."
„I, da werd' ich mich schön hüten," erwiderte Anna, „der Mann darf das ja gar nicht sagen. Einen Anschnauzer hätte ich mir da höchstens geholt, aber keine Auskunft über das Paket."
„Ach, Anna, tun Sie man nicht so, der Briefträger ist ja gar nicht so schlimm, geschäkert hat er doch schon so manches Mal mitJhnen. Hat doch auch ein Herz unter seinem rotbesetzten Rock. Nicht?"
Entrüstet fuhr die Zofe herum: „Ach, lassen Sie mich doch zufrieden mit dem Mann. Wenn ich Ihnen etwas erzähle, müssen Sie doch nicht gleich so anzüglich werden."
Die Tür war aufgegangen, und in der Gesindestnbe stand — Kaspar, in der einen Hand die von Herrn Tip- pelmann erhaltenen Taschentücher, und in der andern ein viertel Dutzend ebenfalls nagelneuer Hemden, die gerade sein mächtiger Koffer geborgen hatte. Mit strahlendem Gesicht wandte er sich den beiden Mädchen zu: „Da, sehen Sie mal, was mir meine liebe Tante in Bremen heute geschickt hat: ein ganzes Paket neuer Wäsche. Sie sind ja beide wohl sachverständig darin; prüfen Sie einmal, ob die Probe hier gut ist."
Geschmeichelt durch das ihnen zugemutete Verständnis, sahen Anna und Auguste den Diener an, und dann nahmen sie aus seinen Händen das schneeige Linnen und , fingen an zu prüfen: die Zofe die Hemden, und ^as
Joachim war als Fahnenoffizier eingetrelen. Der Kaiser nahm, nachdem die Feldzeichen abgebracht worden waren, auf dem Schloßhofe eine größere Anzahl militärischer Meldungen entgegen, darunter diejenige des neu ernannten amerikanischen Militärattaches Major Langhorne, sowie die Rapporte der Leibregimenter. Er nahm ferner ans den Händen einer Deputation des Offizerkorps des Ersten Gardefeldartillerie-Regiments anläßlich seines 25jährigen Ehefjubiläums eine Erinnerungsgabe entgegen und hielt eine Besprechung mit den Schiedsrichtern für das bevorstehende Kaisermanöver ab, an deren Spitze Generalfeldmarschall Freiherr von der Goltz steht. Im Sternsaal des Königlichen Schlosses empfing der Kaiser darauf die schwedische Sondermission, welche ihm anläßlich seines 25jährigen Jubiläums als schwedischer Admiral einen Ehrensäbel überreichte.
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— Der bayerische Ministerpräsident Freiherr von Hertling hat seinen siebenzigsten Geburtstag gefeiert. Der Prinz-Regent hat Freiherr» von Hertling durch den Generaladjutanten Freiherrn von Könitz seine Glückwünsche aussprechen und eine künstlerisch ausge- sührte Porzellanvase überreichen lassen, die auf der Vorderseite eine in Farben ausgeführte Darstellung der Befreiungshalle bei Kelheim mit der sie umgebenden Landschaft trägt. Der Reichskanzler Dr. von Bethmann Hollweg hat aus Schloß Hohenfinow nachstehendes Glückwunschtelegramm an Freiherrn von Hertling ge« richtet: „Euere Exzellenz bitte ich am heutigen 70. Geburtstage meine aufrichtigsten, zugleich namens der Reichsregierung und der preußischen Regierung dargevcacyten Glückwünsche für Ihr ferneres Wohlergehen entgegenzunehmen. Mögen Enerer Exzellenz noch viele Jahre erfolgreichen Wirkens zum Wohle Bayern und des deutschen Vaterlandes beschieden sein. Euerer Exzellenz.aufrichtig ergebener von Bethmann Hollweg."
— Der Hamburgische Landesverband für Jugendpflege veranstaltete kürzlich eine Huldigungsfahrt nach Friedrichsruh, an der sich über 5000 Mitglieder der Hamburger Jugendvereine und mehrere Tausende von Erwachsenen beteiligten. Nachdem Generalfeldmarschall Freiherr von der Goltz und der Vorsitzende des Landesverbandes Oberst Grünig Lorbeerkränze am Sarkophag Bismarcks niedergelegt hatten, zogen die Teilnehmer zur Bismarcksäule auf dem Hamberge. Oberst Grünig hielt die Festrede und Generalfeldmarschall Freiherr von der Goltz eine schwungvolle Ansprache, die mit einem Hoch auf den Kaiser endete. Nach der Ansprache defilierten die Mitglieder der Jugendvereine vor dem
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Stubenmädchen die Taschentücher. Hin und her wurden die einzelnen Stücke gedreht, von der einen Seite beguckt und von der andern.
„Ach, das sind ja wunderschöne Taschentücher," brach da Auguste mit ihrem Urteil plötzlich hervor, — „wirklich, wunderschön sind die! So weich und so zart, beinahe so wie die Frau Baronin ihre!"
„Und erst die Hemden — die Hemden!" kam es nun auch von Anna. „Gediegen sind die, wirklich gediegen — pickfeine Leinwand ist das. Eija, so etwas läßt sich schon tragen."
Sie hatte dem Stubenmädchen die Hemden zugeschoben und griff selbst nun nach den Taschentüchern.
Wieder Drehen und Kehren beiderseits, Gucken und Denken. — Ja, sie hatten recht gehabt: beide bestätigten sie endlich gegenseitig ihr Urteil.
Nun war es wieder an Kaspar.
„Ja, sehen Sie," freute er sich, „ich habe es mir gedacht, daß meine Tante mir nur durchaus gute Sachen schickt, sie macht es nämlich nie anders. Ich danke Ihnen beiden auch schön für das sachverständige Urteil."
Er nahm Taschentücher und Hemden wieder an sich und wollte die Gesindestube verlassen, drehte sich aber an der Tür noch einmal um und kicherte: „Eine ganze Ausstattung ist das, eine ganze Ausstattung. Wirklich, da kann man bald ans Heiraten beulen, wenn nur erst eine käme."
Hochrot waren die beiden Mädchen geworden, und ihre Augen hingen schmachtend an der schlanken Gestalt des Dieners, der da soeben hinter der Tür verschwand.
Und Herbert Balthasar lachte in sich hinein auf seinem Zimmer. Ach nein, ach nein, diese verliebten Kätzchen, die hatten eine Ahnung von Wäsche. Priesen die den Schund, den Herr Tippelmann ihm da verehrt hatte, als ob es feinster Batist oder Seide war. Zwar was seine Hemden anbetraf, hatten sie ja recht; aber wären die ebenfalls Schund gewesen, ihr Urteil wäre dennoch nicht anders ausgefallen. — 197 ig»