Zchlüchterner Aitma
mit amtlichem Rreisblatt. Alonatsbeilage: Landwirtschaftlicher Rataeber.
Telefon Nr. 65. Wochenbeilage: Illustriertes Sonntagsblatt. Telefon Nr. 65.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Rreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 12 pfg.
M 63.
Mittwoch, den 6. August 1913.
64. Jahrgang.
Amtliches.
Gerste-, Hafer- und Wicken-Ernte-Verk^uf!
1. Donnerstag, den 7. A u g u st N a rh- m itt a g s 6 Uhr wird die Gerste- und Wicken- Ernte von etwa 5Cafseler Acker bei dem hiesigen Krankenhaus-Neubau,
2, Freitag, den 8. A u g u st Nachmittags 7 N h r die Haferernte von 4 Casseler Acker in der alten Kreisbaumschule — Herolz — öffentlich meistbietend an Ort und Stelle verkanft.
Schlüchtern, den 1. August 1913.
Der Vorsitzende des Kreis-Ausschusses: Berta.
I -Nr. 595 K.-A. Fortgesetzte Klagen und Beschwerden der Wegebauverwaltung veranlassen mich, die zum Schutze der Straßen und Wege erlassene Kreispolizeiverordnung vom 12. Februar 1851 und die Be- zjrkspolizeiverordnung vom 22. April 1892 erneut in Erinnerung zu bringen. Hiernach ist das Weiden von Vieh in den Straßengräben und auf den Banketten und Böschungen gänzlich verboten. Ferner aber müssen beim Austrieb zur Weide die Tiere zusammengekoppelt und so geführt werden, daß sie die Bankette nicht betreten. Die Landwirte des Kreises ersuche ich, die Vorschriften gewissenhafter als seither zu beachten. Uebertretungen müßte ich in Zukunft bestrafen.
Schlüchtern, den 24. April 1913.
Der Königliche Landrat: Valentiner.
Die fortgesetzten Diebstähle von Obst an den Straßen veranlassen mich, zur Warnung darauf hinzuweisen, daß die Diebe im Falle der Ueberführung die strengste Strafe zu gewärtigen haben. Der Schaden, der durch diese Frevel dem Kreise und den Gemeinden und damit jedem Steuerzahler- zugefügt wird, ist groß, denn wegen der drohenden Obstdiebstähle wird für das Obst an den Straßen bei der Versteigerung nur ein äußerst geringer Preis bezahlt. Sache jedes anständigen Menschen muß es sein, derartige Diebstähle, wo er kann, zur Anzeige zu bringen. Die Herren Bürgermeister und Gendarmeriewachtmeister verpflichte ich zur besonderen Wachsamkeit.
Schlüchtern, den 2. August 1913.
Der Königliche Landrat: Valentiner.
J. Nr. 8563. Nach Beschluß des Bundesrats findet am 1. Dezember 1913 eine allgemeine Vieh- z ä h l u n g statt, mit der in Preußen die gleichfalls vom Bundesrate angeordnete Ob st baum Zahlung verbunden ist.
Die Obstbaumzählung erstreckt sich auf tragfähige und noch nicht tragfähige Aepfel-, Birn-, Pflaumen- (Zwelscheu) , Kirsch-Aprikosen-, Pfirsich- und Wa'nuß- bäume. Reiner sollen die in den Gehöften und den anstoßenden Hausgärten und die außerhalb der Gehöfte und der anstoßenden Hausgärten, aber innerhalb der Gemeindeflur, im freien Felde, an Wegen, Straßen, Böschungen, Eisenbahnen, Deichen usw. stehenden Obst- bäume getrennt ermittelt werden.
Als Zählkarten kommen zur Verwendung:
1. Die Zählkarte A über den Viehstand in den Haushaltungen und die Obftbäume in den Gehöften und den anstoßenden Hausgärten.
2. Die Zählkarte A 1 über Obstbäume, die außerhalb des Gehöftes und des anstoßenden Hausgartens stehen?
Um den Bedarf an Zählkarten A 1 schon jetzt feststellen zu können, ersuche ich die Herren Bürgermeister, mir binnen 5 Tagen anzuzeigen, wieviel Obstbaumbesitzer in der Gemeinde vorhanden sind, welche Obstbäume außerhalb der Gehöfte und der anstoßenden HauSgärten. in der Gemeindeflur (im freien Felde, an Straßen und Wegen pp) besitzen.
Schlüchtern, den 4. August 1913.
Der Königliche Landrat: I. V.: Schultheis.
I. 14609. Der auf Donnerstag, den 7. August d. Js. in hiesiger Stadt angesetzte Viehmarkt wird unter den seither bekannt gegebenen Bestimmungen ab= gehalten. Mit dem Auftrieb darf um 6 Uhr morgens begonnen werden.
Nach § 1 der Polizeiverordnung vom 25. April 1904 ist das Handeln mit Vieh und das Plustern von Vieh zwecks Handelns int Stadtbezirke außerhalb des Viehmarktplatzes vor und während der Dauer des Marktes verboten.
Auf Grund des § 47 der viehseuchenpolizeilichen Anordnung vom 1. Mai 1912 wird bestimmt, daß nach 10 Uhr vormittags Tiere nicht mehr zum Markt gebracht werden dürfen.
Besonders mache ich noch darauf aufmerksam, daß durch den 2. Zugang (vor der Lindenstraße) zum Viehmarktplatz nur voruntersuchtes Vieh aufgetrieben werden darf.
Fulda, den 29. Juli 1913.
Der Landrat: I. V.:
gez. Halbleib, Kreisdeputierter.
Bukarest und London.
Der bisherige Verlauf der Bukarester Konferenz läßt noch keinen sicheren Schluß auf das Endergebnis zu. Erledigt scheint der rumänisch-bulgarische Grenz-
streit zu fein, Rumänien erlangt außer der Grenze Turlukai-Baltschick die Schleifung der bulgarischen Festungen bei Rustschuk und Schumla an der Donau. Das war aber auch der leichteste Teil der Aufgabe. Das schwierigste Stück bildet der griechische Anspruch auf den Hafen Kawala mit Hinterland. Dieses Gebiet ist nächst Saloniki wegen der dort heimischen Tabakproduktion das wertvollste des alten MacedonienH Nach der gegenwärtigen Kriegslage können die Bulgaren trotz eines halb geglückten Vorstoßes, den sie kurz vor dem Waffenstillstand bei Dschumaja zur Unterbrechung der Verbindung zwischen den serbischen und griechischen Truppen gemacht haben, keinen Anspruch mehr auf Kawala erheben. Indessen sind insbesondere die Großmächte, die Bulgarien nicht zu klein werden lassen wollen, namentlich Rußland, Oesterreich-Ungarn und auch Italien bemüht, ihm Kawala, das die Griechen erst im Beutekrieg eroberten, wieder zu verschaffen. Ob dies gelingt, ist noch fraglich; einstweilen hat der griechische Ministerpräsident Venstelos in Bukarest erklärt, daß, wenn nicht Bulgarien alsbald auf Kawala verzichte, Griechenland den Krieg fortsetzen werde.
Man spricht davon, daß Griechenland für einen Verzicht aus Kawala bei Regelung der Jnselfrage entschädigt werden könnte. Diese Regelung ist Sache der Großmächte lind steht in Zusammenhang mit der Abgrenzung Albaniens im Süden. Die Botschafterkonferenz ist damit noch nicht fertig geworden, und zwar hauptsächlich deshalb, weil auch hier Griechenland Konzessionen machen soll, die durch Zugeständnisse in der Jnselfrage kompensiert werden könnten. Wahrscheinlich wird auf Verlangen Oesterreich-Ungarns und Italiens Koritza zu Albanien geschlagen werden. Was die Inseln betrifft, so kann als sicher angenommen werden, daß die beiden den Dardanellen vorgelagerten Inseln Tenedos und Jmbros der Türkei verbleiben. Unklar ist noch, was aus den von Italien besetzten Inseln an der kleinasiatischen Küste wird. Italien ist nach dem Lausanner Frieden berechtigt, sie als Pfand zu behalten, bis alle türkischen Streitkräfte aus Tripo- litanien zurückgezogen sind. Ein Verzicht Italiens auf die Besetzung würde den Abschluß der Londoner Bot- schaftelkonfecenz insofern erleichtern, als dann gleichzeitig, noch bevor die Konferenz auseinander geht, endgültig über die Südgrenze Albaniens und die Insel- frage entschieden werden könnte.
Sir Edward Grey drängt in die Ferien, und Europa ist gründlich balkaninüde. Selbst der dunkele Punkt Adrianopel hat nur eine flüchtige Unruhe verursacht. Das Ende wird auch hier ein Kompromiß sein, bei dem die Türkei jedenfalls eine konkave Ausgestaltung der Grenze Enos—Midia erlangen wird.
mss
Mröotene Made.
Kriminalroman von Otto Mehofer. 55
Der Detektiv war aufgestanden, trocknete mit einem mitgebrachten Löschblatt die Schrift, und dann nahm er das eine Formular an sich, und das andere schob er dem Diener wieder hin.
„So, junger Freund," sagte er zn ihm, „der Vertrag ist perfekt, nun ist nichts mehr zu rütteln daran. Morgen in acht Tagen treten Sie Ihren neuen Dienst an. Sollte Ihnen jedoch schon früher etwas Unangenehmes passieren, nun, dann können Sie auch auf der Stelle eintreten bei Seiner Exzellenz dem Herrn Grafen. Aber eines noch, junger Mann: lieben Sie strengste Verschwiegenheit über diesen unsern Handel, sagen Sie auch nicht dem Kutscher Franz etwas davon! Deirn erstens wäre es mir sehr peinlich, wenn man erführe, daß ich im Interesse meines Renommees aus eigenerTasche geopfert habe, und zweitens könnte das auch für Sie recht unangenehme Folgen haben.
„Man würde Ihnen solch guten Wurf mißgönnen, und infolgedessen die paar Tage Sie noch an allen Ecken und Enden anfeinden und verklatschen, was dann wiederum zur Folge hätte, daß Ihre Herrin — abgesehen von einer in diesem Falle für Sie unerheblichen plötzlichen Entlassung — Ihnen das Abgangszeugnis verderben wiirde. Fahren Sie heute ruhig heim und tun, als ob nichts gewesen wäre zivischen uns bet« heu. Die Kündigung rechtfertigen Sie dann mit irgend einem anderen Grunde, es finden sich deren ja so viele, wenn man nur will. Wollen Sie mir das versprechen, bann schlagen Sie ein!"
Der Detektiv hatte dem Diener seine offene Rechte tntgegengestreckt, und er schlugwortlos em, daß es knallte.
Aber die Hände lösten sich nicht sogleich, der Rotbärtige hielt die des andern noch fest: „Ich danke Ihnen, und nun lassen Sie sich es in Ihrer neuen Stellung gut tzeheni^Adieu!" _ _____
„Ich danke auch vielmals, mein Herr, und wenn ich je wieder in die Lage kommen sollte, eines Vermittlers zu bedürfen, so werbe ich mich mit Vergnügen wieder an Ihre werte Adresse wenden! — Adieu !"
„Das würde mich sehr freuen, junger Freund!" sagte der Detektiv, im Innern dachte er aber: Da kannst Du mich lange suchen.
Seine Hand hatte sich endlich gelöst, und er war schon draußen. Tipp tapp ging's auf dem schmalen Trottoir, als ob der Detektiv vor dem roten Löwen da oben im Schilde plötzlich eine höllische Angst bekommen hatte. Gleich um die nächste Straßenecke war er verschwunden.
Es war auch die höchste Zeit gewesen, denn soeben trat der Kutscher Franz ins Lokal, über dem Arm die neuen Stulpenstiefel, und in der Hand die Riesentüte mit dem Zylinder. Gleich auf den Diener am Tisch trat er zu, hob die Stiefel in die Höhe, und mit strahlendem Gesicht sagte er: „Da, sehen Sie sich die mal an, Konrad, pikfein, was? Und der in der Tüte ist ebenso. Wenn mich die Frau Baronin jetzt nicht gleich auf ein Jahr mietet, dann weiß ich nicht!"
Der Diener betrachtete mit scheinbaren! Interesse die Stiefel, drehte sie einmal hier herum und einmal dort herum: „Ja, pikfein sind sie, Franz, schmuck werden Sie darin aussehen, und wenn Sie dazu noch die neue Angströhre aufsetzen, werden Sie unserer Herrin sicherlich gefallen!"
Des anderen Auge war mit einem Male auf das noch halbgefüllte Glas auf dem Tische gefallen, verwun- dertsah er seinen Gefährten an: „Nanu, Konrad, Sie haben noch nicht einmal Ihr Glas leer getrunken? Ganz schal ist das Bier geworden, was haben Sie denn geträumt in der ganzen langen Zeit?"
Nun war der Diener aufgefahren: „Herrgott, ja doch, ja, mein Bier, schal ist das Zeug schon geworden, ganz vergessen hatte ich's beim Zeitunglesen!"
Diese Ausrede war ihm gut gekommen, denn auf dem Tische, an welchem ergeseffen, lagen zufällig mehrere Zei-^
taugen ausgebreitet. Er hatte nun das halb geleerte Glas erfaßt, schüttelte es scheinbar übermütig, und dann wieder zum Kutscher: „Nee, nee, da ist nichts mehr zu wollen, feine Hefe mehr vorhanden. Frisches Gläschen wollen wir trinken, Franz, nicht wahr?"
„Gewiß doch, Kourad, gewiß, wenn Sie es spendieren?"
„Immer zu, wenn nur erst ein dienstbarer Geist sich wieder sehen ließe!"
Er klopfte mehrmals mit dem Glase auf den Tisch, so daß dessen Inhalt hoch aufschwippte, und mit einem, Male war der Bursche von vorhin wieder da und füllte die Gläser.
Der Kutscher hatte sich am Tische breit gemacht, aber der Diener setzte sich nicht mehr nieder, er'leerte stehend in einem Zuge sein Glas.
„So," sagte er dann, „nun ist's auch für mich Seit!“ J Draußen war er schon.
Franz ging inzwischen, um nach dem Pferde zu sehen, rückte den Wagen zurecht, und als er drinnen dann das, dritte Glas geleert hatte, war auch Konrad wieder da. '
Den neu bestellten schwarzen Schleier hatte er für, die Frau Baronin abgeholt, und außerdem noch andere kleine Sachen. Noch einmal ließ er die Gläser füllen, und dann fuhr das gelbe Wägelchen wieder nach Schloß Tram- pitz zu. /
Unterwegs war der Diener plötzlich wortkarg geworden, und er hatte eine ernste, sorgenvolle Miene aufgesteckt. -
Da drehte sich der Kutscher auf dem Bock verwundert nach ihm um: „Nanu, Konrad, was ist denn auf, einmal mit Ihnen los, Sie waren doch vorhin noch so ausgelassen?"
„Ach, ausgelassen," gab der Diener scheinbar verdrossen zurück, „ausgelassen! Galgenhumor war's, weiter, nichts, denn ich will in acht Tagen meinen Dienst hier verlassen, und da bedrückt mich die Sorge um eine neue Stellest'________^ ;____T^MeW