mit amtlichem Kreisblatt. Alonatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. 6$. Wochenbeilage: Illustriertes Sonntagsblatt. Telefon Nr. «5.
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M 46.
Samstag, den 7. Juni 1913.
64. Jahrgang.
Deutsches Reich.
— Der Reichstag führte am Sonnabend die Besprechung der sozialdemotratischen Interpellation über die Ausnahmegesetze für Elsaß-Lohtringen zu Ende. Ueber die Berechtigung solcher Gesetze gingen die Ansichten der einzelnen Parteiredner weit auseinander, dagegen herrschte fast Einstimmigkeit in einer scharfen Ablehnung der nationalistischen Richtung in Elsaß- Lothringen. Mit ruhiger Sachlichkeit und in geschickter Beweisführung begründete Unterstaatssekretär Mandel die Notwendigkeit für die elsaß-lothringische Regierung, durch die Anträge auf Abänderung des Preß- und des Vereinsgesetzes die deutschfeindlichen Strömungen namentlich im Mittelstände zu bekämpfen. Mit bemerkenswerter Schärfe wandte er sich gegen die Bestrebungen des Nationalismus, die Jugend dem Deutschtum abspenstig zu machen. Nach Erledigung der Interpellation vertagte sich das Haus bis Montag, den 9. Juni.
— Die Errichtung eines Kolonialkriegerdenkmals fördern in Uebereinstimmung mit den Wünschen weiter Kreise des deutschen Volkes die Reichsverwaltung und ^' der Reichstag. Das zu Ehren der auf außereuropäischem Boden im Kampfe gefallenen Deutschen zu errichtende Denkmal soll in Berlin aufgestellt werden und sich ' nicht durch Größe, sondern durch Einfachheit und schlichte Form auszeichnen. Die Kosten sind vorläufig mit etwa 300 OOO Mark in Anschlag gebracht worden, von denen 60 000 Mk. schon im Reichshaushalt bereitstehen. Behufs Lösung der Platzfrage hat das Reich mit dem Berliner Magistrat verhandelt. Dieser beschloß, den Baltenplatz für das Denkmal zur Verfügung zu stellen. Der erforderliche Baugrund soll unentgeltlich hergegeben werden; nach Fertigstellung des Denkmals, will der Magistrat seine Unterhaltung auf städtische Kosten übernehmen.
— Ueber die Beteiligung Deutschlands an der Weltausstellung in San Franzisko fand unter dem Vorsitz des Staatssekretärs des Innern eine Aussprache mit Vertretern des deutschen Wirtschaftslebens statt. Die Besprechung führte jedoch zu keinem endgültigen Ergebnis, da auch die ausstellungsbereiten Gewerbezweige ihre Stellungnahme davon abhängig machten, ob die derzeitige Tarifrevision in den Vereinigten Staaten und namentlich auch die Regelung des Zollverwaltungsverfahrens zu einem für Deutschland günstigen Abschluß führen würde, sowie ob und in welchem Umfang andere große Länder eine Beteiligung an der Ausstellung beabsichtigen.
— Als Einjährig-Freiwillige der Fliegertruppe werden nach neuerer Bestimmung Flieger, die am 1.
Oktober 1912 und 1. April 1913 bei einer anderen Waffe als der Luftschiffertruppe als Einjährig-Freiwillige eingetreten sind, auf Wunsch nach mindestens halbjähriger Dienstzeit durch die Generalkommandos nach Benehmen mit der General-Inspektion des Militär- Verkehrswesens zur Fliegertruppe versetzt. Der Militärverwaltung dürfen jedoch hierdurch keine Kosten entstehen. Ferner ist angeordnet, daß die Mannschaften des Beurlaubtenstandes, die im Besitze des internationalen Pilotenzeugnisses sind und dem Beurlaubtenstande der Fliegertruppen noch nicht angehören, in diesen nachträglich übergeführt werden. In die Militärpapiere dieser Leute wird der Vermerk „als Flugzeugführer ausgebildet" ausgenommen.
Kurland,
— Der Frieden in der Türkei beginnt bereits seinen mildernden Einfluß auf das Verkehrsleben geltend zu machen. Die Regierung hat beschlossen, in den nächsten Tagen mit der Entfernung der Seeminen in den Dardanellen und in Smyrna zu beginnen, sowie den Privatverkehr auf den Orientbahnen bis zur Grenze zu gestatten. Man glaubt, daß der allgemeine Verkehr bis Sofia binnen zehn Tagen wiederhergestellt sein wird.
— Ueber Deutschlands Beziehungen zum Fall Redl war die Ansicht laut geworden, es sei möglich oder wahrscheinlich, daß der österreichische Oberst Redl auch Geheimnisse des deutschen Generalstabes verraten haben könnte. Nun wird halbamtlich mitgeteilt, daß die Beziehungen zu der Nachbarmonarchie zwar die denkbar günstigsten sind und zu gegenseitigen Besuchen geführt haben, aber einen Austausch der militärischen Geheimnisse nicht zur Folge gehabt haben. Es liege auf Hr Hand, daß derartiges Material, welches selbst im eigenen Generalstab nur einigen wenigen Persönlichkeiten bekannt ist, nicht zur KennMis einer, wenn auch befreundeten, so doch fremden Macht gebracht wird. Die Nachricht, Oberst Redl sei zur Zeit der bosnischen Krise in Berlin gewesen und habe dort mit dem Chef des Generalstabes der Armee konferiert, sei völlig aus der Luft gegriffen. Es liege daher kein Grund zu der Befürchtung vor, daß durch den Landesverrat des österreichischen Offiziers die deutsche Heeresverwaltung in Mitleidenschaft gezogen worden ist.
— Zur Heeresverstärkung Frankreichs hat die Gattin des Archäologen Dieulafoy im März dem Kriegsminister den Plan unterbreitet, im Kriegsfalle einen Teil des durch Offiziere und Unteroffiziere versehenen Verwaltungsdienstes durch Frauen versorgen zu lassen; Frau Dieulaoy hat inzwischen von mehr als 800 Frauen Zustimmungsschreiben erhalten. Sie
glaubt, daß die Verwirklichung ihres Planes gestattet wird, wodurch 2672 Offiziere und 5000 Unteroffiziere, die sonst vom Verwaltungsdienst in Anspruch genommen würden, als Kombattanten verwendet werden könnten.
Lokales und Provinzielles.
Schlüchter», 6. Juni 1913.
—* Zahlenmäßiger Erfolg der evangelischen Welt- mission in einem Arbeitsjahr. Bekanntlich wird die evangelische Mission unter den Heiden im Allgemeinen nicht von den einzelnen großen Kirchen, sondern von Missionsgesellschaftm und Vereinen betrieben. Daher ist es sehr schwer zu erfahren, wie groß der Gesamt- erfolg der evangelischen Heidenmission in einem Jahre ist. Dieser mühevollen Aufgabe, das Gesamtresultat zu ermitteln, hat sich eine englische Misfionszeitschrift unterzogen. Zu diesem Zwecke mußte sie bei nicht weniger als 300 Missionsgesellschaftm bezw. Vereinen Erkundigungen einziehen. Das Resultat ist überraschend. Im letzten Jahre wurden 212635 Heiden getauft, es waren vorhanden 430339 Taufbewerber, es bestehen . 32320 Schulen mit 1541286 Schülern, 2475 höhere Lehranstalten mit 128861 Zöglingen. — Angesichts dieses Gesamterfolges interessiert es uns nun noch ganz besonders zu erfahren, welchen Anteil daran unsere deutsche-evangelische Heidenmission hat. Nach dem Jahrbuch der Sächsischen Missionskonferenz wurden im letzten Jahre 27098 Heiden getauft und 197490 Zöglinge in 3673 Schulen unterrichtet. Solche Zahlen verdienen bekannt gemacht zu werden denen zum Zeugnis ihres verhängnisvollen Irrtums, die das Evangelium als eine für die Welt erledigte Sache behandeln, denen aber zur Freude und zur Stärkung, die es lieb haben u"d seinen Sieg erleben möchten. Es sei aber noch hinzugefügt, was eigentlich Fwstverständlich ist, daß der Erfolg noch weit größer ist, als er in Zahlen angegeben werden kann.
—* Aus Bad Salzschlirf wird uns geschrieben: Eine überaus freudig aufgenommene Abwechslung wurde am 31. Mai d. I. den hiesigen Badegästen zuteil — der Besuch einer Klasse des Kgl. Lehrer» Seminars zu Schlüchtern. Es war eine Wonne, diese jugendfrischen Gestalten zu sehen, wie sie, zwar nach echter Touristenart von Reisestaub bedeckt, aber stramm und unter dem Gesänge fröhilcher Wanderlieder in unser Städtchen einzogen. Wahrlich, das Herz mußte einem jeden aufgehen, der sich hier mit eigenen Augen überzeugen konnte, welche gewaltige Energie unserer deutschen Jugend innewohnt. Denn daß man den jungen Leuten angesehen hätte, daß sie einen 50 km Marsch in heißer Sonnenglut hinter sich hatten, ist
Ieröoiene Afade.
Kriminalroman von Otto Viehofer. 36
„Wie — was," war der Kreisarzt überrascht aus seinem Sessel gefahren, „aufprivatem Wege? Und die Staatspolizei? Die hat doch schon längst den Mörder, und die wird auch, wie ich hörte, die Leiche des Herrn Barons, sowie auch den fraglichen Revolver, bald aus Tageslicht gefördert haben."
„Verzeihung, Herr Geheiinrat, mein Gewissen sagte mir daheim, daß der Pole, den man gefangen hat, nicht der wahre Doppelmörder sei. Und diese meine Gewissensstimme hat zu meiner Freude bereits einige Unterstützung gefunden durch Hypothesen, die ich in der Lage war am Orte des Verbrechens selber anzustellen. Und was —"
„Der Pole ist es nicht gewesen, sagen Sie, ja, wer denn sonst?" unterbrach ihn der Kreisarzt.
»Unter dem Siegel strengster Verschwiegenheit will ichs Ihnen sagen, Herr Geheimrat: jedenfalls ein anderer Gutsarbeiter deS Herrn Barons ist's gewesen," führte der Detektiv den alten Herrn absichtlich irre.
„Ja, aber erlauben Sie mal, mein Herr — erlauben Sie mal, wenn Sie weiter nichts haben als nur Hypothesen? Tatsachen, wahre Tatsachen bringen, das
es doch, worum Sie sich verdient machen könnten!"
„Ich bitte vorerstum Geduld, Herr Geheimrat, meine Hypothesen werden mich auch noch auf Tatsachen drängen. Und was mich zu Ihnen führt, das ist die Bitte uin eine kleine Information, selbstverständlich ebenfalls unter dem Siegel strengster Verschwiegenheit."
„Aber, verehrter Herr, die kann doch am allerbesten ^n «™$ im ^ch^sse weilende Kriminalkommissär ge«
„Sehr verehrter Herr Geheiinrat! Ich will meinen Weg vorläufig vollkommen allein gehen, ich will ihn K^cn, M» jeden Fingerzeig ygy Polizei und Unter« J
suchungsrichter, ja, ohne daß ich vorerst auch nur den Schloßhof betrete. Erst wenn mein Werk gediehen, will ich an die Herren herantreten. Und die von Ihnen, Herr Geheimrat, erbetene Auskunft betrifft ja auch nur die Schußwunde des ermordeten Kutschers."
„Nur allein aus Ihrem Munde möchte ich vernehmen, wie die beschaffen gewesen, auf welche Waffe und auf welche Vorgänge bei der Ermordung die schließen läßt."
„Nun, da Sie einmal dem Schutze der Behörden anempfohlen sind, so will und kann ich als beamteter Arzt eine Auskunft in dieser Sache Ihnen nicht länger vorenthalten, und immerhin — Sie stehen ja auch im Dienste der Gerechtigkeit.
„3$ gebe Ihnen denn Aufschluß in ein paar kurzen Worten: Die Kugel, die den Kutscher tötete, stammte aus einem ganz gewöhnlichen Fünfmillimeterrevolver, eben wie ihn nur die niederen Volkskreise zu tragen pflegen. Sie war von rechts rückwärts in einer Entfernung von höchstens einem Schritt abgefeuert worden, und durchfuhr den Schädel in der Richtung von unten nach oben, also daß sie an der linken oberen Stirnseite heraus- trat. Der Täter hat somit sein Opfer aus allernächster Nähe überfallen; ein Kampf hat nicht stattgefunden. — So, das ist alles, was die Obduktion ergeben hat, und was ich in der Lage bin Ihnen zu sagen."
Da stand nun der Detektiv, nicht um Haaresbreite war der Kreisarzt abgegangen von seiner Amtshandlung, nicht ein einziges Wörtchen über Familienangelegenheiten des Barons war dazwischen gefallen. Ja, so klug war er schon vorhin gewesen, das hatten ihm ja längst die Zeitungen erzählt. Aber der Herr Geheimrat ließ ja mit sich reden, aufgetaut war er schon vollkommen, vielleicht gab es da noch ein wenig nachzuholen. Nur schmeicheln mußte er dem alten Herrn, ihm sehr höflich entgegenkommen, und das Gespräch künstlich hinüberleiten auf die Verhältnisse im Schloß.
Sinnend vor sich hinblickend, wie wenn er die Auskunft des Kreisarztes durchdachte, hatte der Detektiv da- gestanden, und nun hob er den Kopf und sagte: „Das dürfte für mich auch genügen, Herr Geheimrat, und ich bin Ihnen für Ihr freundliches Entgegenkommen außerordentlich dankbar. Die erhaltene Information werde ich daheim sofort verarbeiten, werde mir meinen Vers daraus machen."
„Sie sagen daheim, Herr Balthasar, doch nicht etwa erst in Berlin?"
„O nein, Herr Geheimrat, mit „daheim" bezeichne ich nicht nur meine feste Wohnung, sondern meistens auch das Stübchen am Orte meiner jeweiligen Mission. Auch solcher Ort ist mir stets heilig, weiß ich doch, daß ich mich an ihm opfere für die Gerechtigkeit, daß ich mit meinem ganzen Sein einstehe für meinen Nächsten, dessen heiligste Rechte plötzlich ruchlos und aufs tiefste ver- letztwurden."
„Und wo befindet sich denn jetzt Ihr Stübchen?" fragte interessiert der Kreisarzt.
„Im Gasthaus Kohlmann, Herr Geheimrat, etwa vierhundert Meter vom Schlosse entfernt."
„Nun, dann wohnen Sie ja ziemlich in derNähe derjenigen Frau, deren heiligste Rechte so ruchlos verletzt worden sind."
„Jawohl, Herr Geheimrat, das ist nicht nur im Interesse meiner Mission von Wichtigkeit, sondern das ist mir auch stets innerstes Bedürfnis. Gleichsam schützen möchte ich den einmal Geschlagenen, also hier die Frau Baronin schützen vor einer weiteren Verletzung ihres heiligsten Rechts, obwohl ich, wiederum im Interesse meiner Mission, trotz ihrer Nähe vorläufig nicht vor sie hintreten darf." ,
Der Kreisarzt machte ein paar Schritte tm Zimmer, und diesen Moment benutzte der Detektiv, um die Wir-,, kung seiner Worte scharf an ihm zu beobachten. 197,18*/