ZchlüchternerMung
mit amtlichem Areisblatt. Alonatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. es. IVocfyeHBeilage: Illustriertes Sonntagsblatt.^ Telefon Nr. es.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Areisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 12 pfg.
32 30. Samstag, den 12. April 1913. 64. Jahrgang.
Amtliches.
J.-Nr. 1457 K. A. Der Gesamtvorstand der Landesversicherungsanstalt Hessen-Nassau hat beschlossen, die Bewilligung von Geldern zu Arbeiterwohnungszwecken davon abhängig zu machen, daß diejenigen Stellen, die in Zukunft Darlehen zum Bau von Arbeiterwohnungen nachsuchen, vorher ein Gutachten der zuständigen Bauberatungsstelle einholen und dem Vorstände vorlegen.
Die Bau- und Lagepläne müssen der zuständigen Bauberatungsstelle vor Beginn des Baues vorgelegt werden.
Bauberatungsstellen sind errichtet in Cassel, Frankfurt a. M. und Wiesbaden.
Schlüchtern, den 7. April 1913.
Der Vorsitzende des Kreisausschusses:
V a l e n t i n e r.
J.-Nr. 1920. K. A. Am^Sonnabend den 3 Mai er. Vormittags 10 Uhrfsindet in Schlüchtern eine
Vrtllenkövrtng statt.
Schlüchtern, den 3. April 1913.
Der Landrat: ValeMiner.
Die Kanslerrede.
Eine so außerordentlich große Heeresverstärkung, wie sie die Militärvorlage enthält, zu begründen, wenn keine unmittelbare Gefahr droht, ist gewiß eine schwierige Aufgabe. Die gegenwärtige diplomatische Lage ist noch nicht völlig geklärt, infolgedessen mußte sich der Kanzler in Bezug auf sie eine gewisse Zurückhaltung auserlegen. Sie als unbedingt befriedigend hinzustellen, ging nicht an, und sie schwarz zu malen, wäre leicht schädlich gewesen. Herr v. Bethmann- Hollweg mußte es vermeiden, unnötige Beunruhigung zu erregen, mußte sogar Vertrauen in den Fortbestand der Einigkeit der Großmächte bekunden und doch gleichzeitig die Umstände klar hervorheben, die eine spätere Kriegsgefahr enthalten und das zwischen zdie slawische Welt und die chauvinistischen Franzosen eingekeilte deutsche Reich nötigen, auf seiner Hut d. h. bis zum letzten Mann gerüsttt zu sein.
In solcher Situation hilft nur Offenheit, und Herr von Bethmann hat denn auch mit rückhaltlosem Freimut auseinandergesetzt, woher die Gefahr in der Zu
Aeröotene Ufade.
Kriminalroman von Otto Viehofer. 18
„Kommen Sie mit!" lud sie mit weicher, mitfühlender Stimme endlich den „Wanderburschen" ein und ging
wer? ȟ, oer war ja sogar sehr chmal, er, der verfolgende Ge-
voran dem Hofe zu.
Aber dort standen ein paar Knechte, die nicht so mel Mitgefühl hatten mitdem „Wanderburschen" als die Lie- fel. 'Sie schütteten sofort ihren Spott über ihn aus.
Aber er trug unter seinem zerlumpten Wams eine Rhinozeroshaut, es konnte ihn absolut nichts reizen. Nicht einmal das flinke, freundliche Mädel da, das ihm in der Heuecke im Kuhstall nun sein Lager anwies —
So, nun war der vermeintliche Handwerksbursche wohl geborgen für die Nacht. Warm war der Stall und weich und mollig das umfangreiche Heulager. Und zu seinen Ohren drang aus der Finsternis herüber das Gepuste und gemächliche Kauen der Rinder. War das hier nicht molliger als in manchem Schlafzimmer? Ganz gewiß! Der Geruch nach Kuhdünger? O, der war ja sogar sehr gesund! Aber tausend noch mal, er, der verfolgende Geheimpolizist, durfte nun nicht länger solchen poesievollen Gedanken nachjagen. An die hohle Wirklichkeit mußte er denken — an Wenzel Kocznlierski.
Behutsam tastete Spiegels Rechtenachder Brusttasche seines zerlumpten Jacketts und holte einekleiue elektrische Taschenlampe hervor; ein leichter Druck mit dem Finger — und der dunkle Stall war mit einmal taghell erleuchtet.
Das hatten die Kühe nicht vermutet, sie horten plötzlich zu kauen auf und glotzten mit großen Augen dumm nach der Henecke hinüber, ja, einzelne, die sich schon me- der gelegt hatten, sprangen erschreckt wieder anf. .
In demselben Moment aber war's auch sch"" wieder stockfinster geworden im Stall. Nur ja kein auffallendes Geräusch hier verursachen, dachte der Geheimpolizist, sonst sonnten einem die Knechte aufs Dach steigen. Er hatte &l&UemM M ÜLM hW HMM MK
kunft droht: Panslawisten rechts, revanchesüchtige Illusionäre links und der friedliche Michel in der Mitte. Die Wirkung seiner Rede wird dadurch erhöht, daß er in ganz Europa das Ansehen eines Staatsmannes besitzt, auf dessen Wort man sich unbedingt verlassen kann. Deshalb werden auch Sätze wie der: „Wir machen diese Vorlage nicht, weil wir Krieg, sondern weil wir Frieden haben und weil wir, wenn Krieg kommt, Sieger bleiben wollen" überall richtig verstanden werden.
Wir glauben, daß durch diese eine ruhige, selbsichere Festigkeit atmende Rede der Respekt vor der deutschen Macht erhöht und damit die Gefahr für die freie, ungehemmte Entfaltung unserer natonalen Kräfte beträchtlich heruntergedrückt werden wird. Dies umsomehr, wenn der Reichstag über alle Schwierigkeiten in der Deckungsfrage hinweg möglichst schnell die allgemeine Wehrpflicht, der das deutsche Volk schon so viel verdankt, der gestiegenen Bevölkerungszahl entsprechend zur vollen Tatsache werden läßt.
Ein großer Tag.
Würdig und klar, eindrucksvoll und überzeugend, ohne verletzende Schärfe und doch in unzweideutigem Kraftbewußtfein, so hat der deutsche Reichskanzler Herr v. Bethmann Hollweg die Einbringung der Heeres- Vorlage im Reichstage begründet, formell und sachlich mit feinstem Verständnis sich anpassend der Größe des Augenblicks. Kaum kann ein Zweifel darüber herrschen, daß es ein weltgeschichtlicher Zeitpunkt war, als der Reichskanzler sich erhob, um die größte Militärvorlage, die das deutsche Reich bisher erlebt hat, der Beratung der Volksvertreter anzuvertrauen.
Wirkungsvoll stellte er an die Spitze seiner Rede die alles entscheidende Frage, ob wir in einer Zeit, da tun Mensch weiß, ob und wann uns ein Krieg be- schieden sein wird, leichten Sinnes darauf verzichten können, urgesunde Wehrkraft des Volkes in Zehntausenden jungfrischer Männer brach liegen zu lassen, während ein Zukunftskrieg wohl jeden Mann zur Abwehr fordern würde. Klar und ohne Beschönigung, aber auch ohne jede Verschleierung legte er dann unser Verhältnis zum Auslande, zum Dreibünde, zu Rußland, England und Frankreich dar. Warm und entschieden betonte er die Bündnistreue, die das Deutsche Reich auch in Zukunft den Dreibundmächten zu halten entschlossen sei. Mit wenigen Sätzen, aber mit genügender Deutlichkeit umschrieb er die bleibende Bedeutung dieses Bundes nicht nur für die Verbündeten, sondern für Europa und das Reich. Was er über Rußland sagte, war recht freundlich. Man wird davon in Rußland gebührend Kenntnis nehmen müssen. Der feste Entschluß klang durch, die Beziehungen zu Rußland nicht verwässern zu lassen,
dieses Stalles vertraut zu machen. Und das hatte er riskieren können, weil der Stall hofwärts keine Fenster auf- wies, durch die das Licht etwa verräterisch in den Hof gedrungen wäre.
Spiegel zog nun seinen Ueberzieher aus und hing ihn an einen rostigen Nagel in der Ecke, den ihm das Licht vorhin gewiesen hatte. Dann tastete er in der Hüft- gegend unter das Jackett. Ja, die Browningpistole war noch da, sie stak noch fest und handgerecht in dem an einem Riemen befindlichen Futteral. Und geladen war sie auch. Sechsmal. —
Mit sicherem Gefühl hatte sich der Geheimpolizist niedergelegt, aber nicht etwa, um gleich einznschlafen, sondern um neue Pläne zu schmieden zur Verfolgung des Polen. Wieder war ein Tag zu Rüste gegangen und der Bursche lief noch immer freiumher. Freilich, der Nebel heute war ein großesHindernisgewesen,dahatteder Kerl leicht durchschlüpfen können, nicht nur ihm, sondern auch den beiden andern. Ach, wollte der Bursche ihm doch nur in die Finger laufen, wie würde er den zunächst einseifen. Schnaps mürbe er ihm geben und auch Brot und Speck, in Hülle und Fülle barg's ja sein Ueberzieher. Und dann so allmählich herausholen, ein Wörtchen nach dem andern, bis — ja, bis der sich selbst den Strick gedreht. — War's denn nicht möglich, daß der Kerlsich gerade hier verlanfen konnte? Aber gewiß doch. Viel weiter als er konnte der Pole im Gelände noch nicht vor- qedruuqen sein, denn dazu war der viel zu steif und ab- gearbeitet. Na, und zum Nächtigen im Freien war es heute zu kalt, selbst in einem Strohschober. Also warme Unterkunft suchte der auf alle Fälle. Bei Gott, er wollte seinen kriminalistischen Instinkt durchaus nicht überschätzen, aber es war ihm so, als befände er sich m unmittelbarer Nähe des Gesuchten, als fühlte er den schon. Der Kontakt zwischen ihm und dem Polen schien bereits heraestellt zu sein. Welch ein sonderbares Gefühl, em Gefühl das gewiß auch jeden Spürhund durchrieselte, fo= bald « sich auf richtiger Fährte befand. ____________. ,
sondern nach Möglichkeit zu bessern. Daß unsere Beziehungen zu Frankreich, d. h. zu der französischen Regierung, jetzt gut sind, begrüßte der Kanzler mit Genugtuung. Außerordentlich geschickt, unter Vermeidung alles Verletzenden, unter voller Anerkennung des französischen Volkes und der französischen Armee gab er ein treffendes Bild der Lage. Der Reichskanzler hütete sich, Frankreich als Störenfried zu bezeichnen, aber er erinnerte an Bismarcks Wort, daß Frankreich für unseren Frieden gefährlich würde, wenn es Grund hätte, zu glauben, daß es uns überlegen sei, sei es wegen der eigenen militärischen Stärke, sei es auf Grund bestehender Bündnisse. Wenn man.in Frankreich noch bereit ist, die Stimme der Vernunft zu hören, wird man zugeben müssen, daß die Phrase von der Angriffslust der Deutschen auf das arme Frankreich Unsinn ist und daß Frankreich vom deutschen Reichskanzler in ritterlichster Form ein ehrlich gemeintes, gutes, nachbarliches Verhältnis angeboten wurde, auf das es vertrauensvoll eingehen kann. Auf unsere Beziehungen zu England übergehend, erklärte der Kanzler, daß wir gerade mit England in der Beruhigung der Welt und der Erhaltung des Friedens zusammen gearbeitet haben, und daß mancher Groll dadurch gedämpft, manche Hoffnung wieder keimfähig geworden ist. Vorschläge, wie sie Mister Churchill mit seinem Plane eines Feierjahrcs für den Schiffsbau machte, seien aber nicht ohne weiteres annahmefähig; man müsse vielmehr abwarten, bis „konkrete Vorschläge für alle Großmächte" vorliegen.
Wenn der Reichskanzler also im großen und ganzen die Beziehungen des Deutschen Reiches zu den Mächten als zurzeit gut und erfreulich bezeichnete, so betonte er doch mit Kecht, daß die künftige Entwicklung nicht vorauszusehrn sei, und daß es auch im Interesse unserer Freundschaft zu anderen Mächten liege, wenn Deutschland seine Rüstung stark erhalte und stark mache. Es war ein unbedingt wahres Wort, daß politische Freundschaften gewissermaßen doch politische Geschäfte seien, und daß solche Geschäfte mit einem starken Partner besser und erfolgreicher abgeschlossen zu werden pflegten, als mit einem schwachen. Der Kanzler schloß mit einer ernsten Mahnung, für die ungewisse Zukunft zu rüsten, so weit es tatsächlich in den Kräften des Volkes stehe, denn nur dann könne man ihr mit gutem Gewissen entgegen gehen. Die Weltgeschichte kenne kein Volk, das zugrunde gegangen wäre, weil es sich in seiner Wehrhaftmachung erschöpft hätte, wohl aber sehr viele, die verkommen sind, weil sie über Wohlleben und Luxus ihre Wehrhaftigkeit vernachlässigt haben. Für die Verteidigung von Haus und Hof müsse das Volk bis auf den letzten Mann bereit stehen!
Unwillkürlich griff Spiegel wieder nach seiner Brow- ningpistole, um sich nochmals zu überzeugen, ob die auch wirklich handgerecht sei.
Da, draußen im Hofe wurden plötzlich Stimmen laut, zwei Männer- und eine Mädchenstimme.
Wie von der Natter gestochen war der Geheimpo- lizist auf seinem Lager hochgefahren und horchte gespannt auf. Teufel noch mal, hörte er denn recht, war es wirklich polnischer Dialekt, der da dem Stalle näher und näher kam, oder litt er nur an Halluzinationinfolge seiner Einbildungskraft. Nochmals gespannt die Ohren, aufgesperrt sperrangelweit! — Wahrhaftiger Gott, sein Gefühl vorhin hatte ihn nicht getäuscht: deutlich hörte er einen Polen sprechen, und die Mädchenstimme erkannte er als die Liesels wieder. Die andere Männerstimme war ein tiefer Baß, augenscheinlich vom Fusel schon stark in Mitleidenschaft gezogen.
„Nun, Spiegel, sei auf der Hut," murmelte der Geheimpolizist leise vor sich hin; dann lag er plötzlich tief drin im Heu und den Kuhstall durchrasselte ein lautes Schnarchen. —
„Hier, hier in der Ecke müssen Sie sich schlafen legen, da liegt schon einer drin," befahl Liesel, als die Stalltür klappernd aufgegangen war und das blakende Licht ihrer Lampe die Heuecke spärlich beleuchtete.
„Wat, da liegt schon eener drin, wat is denn dat for eener?" knarrte da im Berliner Dialektmürrisch die Baßstimme. „He, Männeken, schnarche nur nich so, dreh Dir lieber mal um unn zeig Dir uns!"
„Oa, laß sich schlafen den Kamerad, laß sich schlafen, nich stören ihn!" beschwichtigte gutmütig der Pole.
Und der im Heu da drinnen ließ sich vorerst auch gar nicht stören, weiter rasselte fein Schnarchen durch den Stall, unterbrochen wohl einmal von einem tiefen Atmen und Pusten.
„Na, denn gute Nacht auch!" sagte endlich Liefe!, und schlug die Stalltür von draußen wieder zu, und drinnen wars wieder stockfinster. 197,18^