Schlüchterner Zeitung
mit amtlichem Areisblatt. Alonatsbeilage: ^andwirtscl?aftlicher Ratgeber.
Telefon Nr.«». Wochenbeilage: Illustriertes Sonntagsblatt. Telefon Nr. «5.
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15. Mittwoch, den 19. Februar 1913. 64. Jahrgang.
Die Landwirtschaftskammer.
hat in ihrer Sitzung vom 21. Dezember v. Js. einen bedeutsamen Beschluß auf Antrag des Herrn Deichmann, Lembach einstimmig gefaßt, der für die hessische Pferdezucht von großer Bedeutung sein dürfte.
Herr Deichmann-Lembach hat schon in der vorjährigen Versammlung festgestellt, daß der preußische Staat 1866 sich verpflichtet hat, nach dem Gesetz vom 14. November 1827 für eine genügende Aufstellung von Hengsten im Regierungs-Bezirk Cassel Sorge tragen zu wollen. Die Pferdezucht in Hessen hat in den letzten zwanzig Jahren so große Fortschritte gemacht, daß der jetzige Hengstbestand in Dillenburg nicht mehr ausreicht. Die Pferdezuchtkommission der Landwirtschaftskammer, deren Vorsitzender Herr Deichmann-Lembach siit langen Jahren ist, hat den Antrag auf Vermehrung von mindestens 20 kaltblütigen Hengsten gestellt. Die Verpflichtung im Gesetz von 1827, den staatlichen Hengstbestand dem Bedarf der Pferdezucht Kurhessens anzu- passen, scheint dem Herrn Landwirtschafts-Minister unbekannt gewesen zu sein. Der Herr Minister möchte daher das Gesetz von 1827 aufgehoben wissen; dies hat Herr Deichmann-Lembach aufgegriffen in der letzten Sitzung der Landwirtschaftskammer und hat folgenden Antrag mit Hülfe der Pferdezuchtkommission und des Vorstandes der Landwirtschaftskammer gestellt.
Die hessische Landwirtschaft erblickt in der Kur- hessischen Verordnung betreffend Landgestütswesen vom 14. November 1827, unter welcher sich die hessische Pferdezucht durchaus günstig entwickeln konnte, einen wertvollen Besitz, dessen Aufgabe sie schmerzlich empfindet.
Unter Berücksichtigung der veränderten wirtschaftlichen und züchterischen Verhältnisse will die 19. Vollversammlung der Landwirtschaftskammer des Reg.-Bez. Cassel sich gleich wohl mit der Aufhebung der Verordnung einverstanden erklären, wenn eine dauernde Verbesserung der Pferdezucht durch Neuordnung sicher gestellt wird.
Diese Sicherstellung erblickt die Voll-Versammlung in der Erfüllung folgender Bedingungen, daß der Staat:
1. in der Zahl der dem Reg.-Bez. Cassel z. Zt. zur Verfügung stehenden Beschäler keine Verringerung eintreten läßt,
2. bereit ist, im Einvernehmen mit der Landwirtschaftskammer ausreichende Mittel für Zucht- material, Erhaltungsprämien für Vereins- oder genossenschaftliche Hengste und für deren Haltung und Prämiierung bereitzustellen,
3. im Falle der Erfolglosigkeit der Bemühungen von Vereins- oder Genossenschaftshengsthaltungen auf
Roman von M. von Bünau.
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In kurzen, etwas abgerissenen Sätzen teilte sie ihrem Vater die schwere Erkrankung ihres Mannes, die uot- ' ■ ewordene Amputation mit. Natürlich würde sie
wendig gewordene Ampuranon mir. ycuimuai ivuiue jie ihren Mann nie verlassen, sondern sich bemühen, ihm
sein Um
sein Unglück tragen zu helfen.
Sie fühlte große Erleichterung, als der Brief abgeschickt war. ,
Lange Zeit zum Nachdenken gab es heute nicht. Sie fuhr mit ihren und ihres Marines Sachen voran ins Krankenhaus. Den Kranken holten Krankenträger mit einer Bahre ab. Die alte Frau Borchers saß stumm, wie zusammengedrückt von all dem Entsetzlichen, das so plötzlich über sie hereinbrach, in einer Zimmerecke. Sie konnte nichts fassen, sich nicht aufraffen. Sie ließ alles über sich ergehen.
Stumm mit gefalteten Händen, sah sie zu, wie der Zug mit dem Kranken langsam zum Hause hinaus, die Straße hinunterging. Erst als alles um die Ecke ihren Blicken entschwunden war, brach ste in ein wimmerndes Schluchzen aus.
„Die Operation ist gut gelungen. Wenn das Gift nicht schon zu weit in den Körper gedrungen ist, hoffen wir, das Leben zu erhalten," sagte der Sanitätsrat einige Stunden später zu Dina.
Sie sah mit nassen Augen auf ihren noch bewußtlos daliegenden Mann.
Ein Assistenzarzt beugte sich über Borchers Bett und erwartete das zurückkehrende Bewußtsein des Kranken.
„Wird er viel leiden?" fragte Dina tonlos.
„Zuerst wohl. Wird es ärger, geben wirMorphium." Borchers schlug endlich die Augen auf. Die Aerzte Sogen sich zurück. Nur Dina blieb neben dem Bett stehen. JW Ho
da."
„Das tut sie nicht, Richard. Aber Du darfst nicht aus Sterben denken. Du wirst gesund werden, um meinet-
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tunlichste Vermehrung der staatlichen Hengsthaltung, wie im § 2 des Gesetzes vom 14. November 1827 vorgesehen, Bedacht nimmt,
4. das Landgestüt baldigst an einen geeigneten Ort im Reg.Bez. Cassel zurückverlegt,
5. durch Erlaß einer Körordnung eine zuchtdienliche Kontrolle der Privat-Hengsthaltung Gewähr leistet,
6. die in Aussicht genommene Erhöhung der Deck- und Füllengelder zur Förderung der hiesigen Pferdezucht verwendet.
Vor allen Dingen müssen wir alten Kurhessen Herrn Deichmann-Lembach dankbar sein, daß er am Schlüsse seines Antrages verlangt, daß unser altes Kurhessisches Gestüt wieder an einen geeigneten Ort des Reg.-Bez. Cassel zurückverlegt wird.
Alle Kurhessen müssen dahin wirken, daß dieser Antrag zur Ausführung kommt, welcher Parteirichtung sie auch angehören mögen.
Sowohl sämtliche Landwirte, Kreisvereine als auch sämtliche Städte des ehemaligen Kurhessens müssen diesen Antrag auf Zurückverlegung unseres alten Kur- Hessischen Lndgestüts, das 1870 ohne jeden Grund uns genommen und nach Dillenburg verlegt ist, energisch unterstützen, g
Für alle alten Kurhessen muß es Ehrensache sein, nicht eher zu ruhen und zu rasten, bis dieser Wunsch in Erfüllung gegangen ist.
Deutsches Mich.
— Wie der „Deutsche Telegraf" erfährt, soll die Hochzeit der Prinzessin Viktoria Luise mit dem Prinzen Ernst August von Cumberland bereits am 1st. Juni d. I., dem Tage des 25jährigen Regierungsjubiläums des Kaisers stattfinden.
— Der Reichstag beendete am Donnerstag den Justizetat. Die Stelle eines sechsten Reichsanwalts wurde im Hammelsprung mit den Stimmen des Zentrums, der Sozialdemokraten und der Polen abgelehnt. Gleichfalls im Hammelsprung lehnte das Haus die nationalliberale Resolution über das behördliche Vorkaufsrecht bei Zwangsversteigerungen ab. Angenommen wurde die Zentrumsresolution betr. den außergerichtlichen Zwangsvergleich und die nationalliberale Resolution über Angabe der Anfechtungsfrist auf behördlichen Ver. fügungen. Beim Postetat wandte sich Reichsschatzsekretär Kühn grundsätzlich dagegen, daß von der Budgerkommisson beschlossene Zulagen ohne weiteres durch den Etat ohne Aenderung des Besoldungsgesetzes in Kraft gesetzt werden könnten. Der Reichstag könne nicht einseitig neue Positionen in den Etat einstellen oder Etatspositionen erhöhen. Bisher habe er sich immer auf Resolutionen beschränkt. Im übrigen würden die Wünsche des
! ausströmte, erregte ihr ein quälendes widerliches Gefühl, i Sie bog den Kopf zurück, so daß ihr blasses Gesicht im ’ Schatten blieb.
Borchers sagte nichts. Seine Augen hingen unver- an der
Borchers sagte nichts. Seme Augen hingen wandt an den flimmernden Sonnenkringeln, die weißgetünchten Decke zitterten. Durch das geöffnete Fenster wehte weiche, heiße Luft herein. Ein Vogel zwitscherte in dem kleinen Anstaltsgarten, der das Kranken
Haus umgab.
Dinas geübter Blick merkte bald, daß Borchers litt. „Soll ich den Sanitätsrat rufen? Sie wollten Dir ein« Einspritzung machen, wenn die Schmerzen zu heftig werden," bat sie.
Er schüttelte abwehrend den Kopf. „Schade, daß ich die Operation nicht mita.nsehen konnte," meinte er nach einer Weile langsam. „Wie interessant muß die gewesen sein."
„O Richard, wie kannst Du daran denken."
„Kind, daß andere aus meinem Unglück lernen werden, ist gut und tröstlich. Alles, was geschieht, geschieht notwendig. Nichts ist zwecklos. Nach diesem Fall werden die jungen Kollegen vorsichtiger bei den Sektionsn sein."
„Das tröstet mich gar nicht. Du sollst nicht so viel leiden, es ist zu hart. Du hast Dich immer bemüht, anderen zu helfen, ich weiß es jetzt, daß ich ungerecht und Du nur vernünftig warst, Richard. Wir wollen aber jetzt nicht mehr davon^sprechen, denn es regt Dich auf."
„Nein, wir wollen reden, so lange ich noch klar denken kann." Borchers sah in Dinas Gesicht. „Ich habe für meine Mutter sorgen wollen, Dina, aber noch sind kaum ein paar tausend Mark zusammen, die ivirst Du jetzt brauchen. Wenn ich sterben sollte, steht die alte Frau hilflos
Reichstags im Bundesrat sachlich geprüft werden. Abg. Dr. Hegenscheidt (Rp.) bedauerte die Streichung der Ostmarkenzulagen. — Am Freitag wurden lediglich Wünsche der Postbeamten vorgetragen. Abg. Dr. Oertel (kons.) erkannte die Vorzüglichkeit der Reichspostver- waltung besonders an und erklärte, auch die Konservativen ständen den Beamtenwünschen sympathisch gegenüber, aber die Parteien sollten nicht durch zu große Bewilligungsfreudigkeit für die Beamten die Einkünfte der Post schmälern. Abg. Kopsch (sortsch. Vp.) brächte zahlreiche Wünsche der Handelswelt auf Reformen im Postbetriebe vor.
— Das preußische Abgeordnetenhaus setzte am Donnerstag die Beratung des Bauetats fort. Zu einer längeren Debatte kam es über die Mainkanalisation. An dieser Kanalisation ist Holland wegen seiner Schifffahrtsverbindungen mit Mainstädten hervorragend in« teressiert; Abg. v. Pappenheim (kons.) befürwortete deshalb, mit dieser Kanalisation auf Holland einen Druck auszuüben und Holland in der Frage der Schiff- fahttsabgaben auf dem Rhein gefügiger zu machen. Die weitere Debatte drehte sich um die Frage des Berliner Opernhauses. Beim Etat der Zölle und indirekten Steuern bekämpfte Abg. Dr Pachnicke (fortsch. Vp.) den Vorschlag des Grafen Schwerin-Löwitz, im Reiche von einer Besitzsteuer abzusehen und die Kosten für die neue Militärvorlage aus den Erträgen der von den Einzelstaaten überwiesenen Stempelsteuern zu decken.
— Am Freitag bezeichnete beim Etat der direkten Steuern Frhr. v. Zedlitz (srkons.) die wachsenden Einnahmen aus der Einkommensteuer als einen glänzenden Beweis für die Richtigkeit unserer Wirtschaftspolitik und verlangte die Verabschiedung der Steuernovelle noch in dieser Saison, um das Abgeordnetenhaus vor dem Vorwurf zu schützen, daß es bei der Steuerfrage versagt habe. Finanzminister Dr. Lentze erwiderte, daß die Steuernovelle noch nicht verabschiedet sei, liege^an dem Beschluß des Abgeordnetenhauses auf Abbau der Steuerzuschläge, der für die Regierung unannehmbar sei. Abg. Dr. Pachnicke (fortsch. Vp.) verlangte, daß die Steuerveranlagung aus der Hand des ohnehin überlasteten Landrats in die Hände hauptamtlich angestellter Steuerkommissare gelegt werde. Abg. Freiherr v. Richthofen (kons.) erklärte, gerade der Landrat sei wegen seiner Verbindung mit Land und Leuten der geeignetste Veranlagungskommissar.
Umland.
— Im Balkankrieg haben die Türken auch jetzt kein Glück. Es stellt sich nunmehr klar heraus, daß an den Siegesnachrichten aus Konstantinopel nichts Wahres gewesen ist, wonach die ganze europäische Küste
und Stolz. Dina, quäl Dich nicht, um nichts. Geh wieder in Dein Elternhaus. Du bist hier in fremder Luft gewesen. Vergiß all das Elend, sei ganz froh. Vielleicht geht Dir noch einmal ein neues Leben auf. Dann denke immer, daß ich mich freuen würde, Dich glücklich zu wis* fen."
Seine Augen, in denen ein ergreifender Ausdruck stummer Qual lag, schienen wie durch Glas hindurch in ih« rem Herzen lesen zu können.
„Sag das nicht, Richard. Ich bete für Dein Beben,'*/ schrie sie in verzweifelter Reue auf.
Er antwortete nicht. Er lag ganz still, nur die Lippen bewegte er leise.
Was ärztliche Kunst und Sorgfalt, die treueste Pflege vermochten, das geschah, um das fliehende Leben zu erhalten. Dina wich Tag und Nacht nicht vom Bett ihres Mannes.
Aber es war alles umsonst. Die Aerzte hatten vom ersten Augenblick an kaum Hoffnung gehabt.
Die alte Frau Borchers ließ man erst kommen, als kein noch so lauter Jammer den bewußtlosen Kranken mehr beunruhigen konnte.
Dina beugte sich über das Bett. „Ja, es war zu Ende. Er war still und ergeben gestorben, ohne Klage wie ein Held, als ein Opfer seines gefahrvollen, treu geübten Berufs. Sie streichelte die erkaltende Hand, die sie sanft auf die Decke zurücklegte.
„Komm, Mutter," sagte sie leise. „Wir wollen zusam- MSN beten." ~ .
Die alte Frau stand von ihrem Stuhl aus. Sre trat auf ihr Kleid, stolperte und sank in die Knie Auf ihren Knien kam sie aus Bett herangerutscht. Als sie tn daS Gesicht des Toten sah, verlor sie den letzten Rest von Selbstbeherrschung. Ihr Schmerz machte sich in lauten Klagen, ja Anklagen Lust. . .
Leise ging die Tür auf. Der SamtgtsM öffnete sty l Ä««Ä _ , ^Ä