ZchlüchternerMung
mit amtlichem Rreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. es. Wochenbeilage: Illustriertes Sonntagsblatt. Telefon Nr. es.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — preis mit „Areisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 12 pfg.
Samstag, den 18. Januar 1913.
64. Jahrgang.
Zur Feier des Geburtstages Seiner Majestät des Kaisers findet
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im Gasthose zum Stern ein Festessen statt.
Es wird zu demselben höflichst eingeladen und um zahlreiche Beteiligung gebeten.
Das trockene Gedeck kostet 3 Mark. Die Liste zum Einzeichnen liegt im Gasthof zum Stern offen.
Schlächtern, den 14. Januar 1913.
Für den Magistrat: im Albrecht, Bürgermeister.
Für die Stadtverordnetenversammlung : H e n r i ch s, Stadtverordnetenvorsteher.
Amtliches.
J.-Nr. 9. K. A. Der Herr Minister für Landwirtschaft, Domänen und Forsten hat zur Erleichterung der Ausbildung tüchtiger Baumwärter an der Obstanstalt der Landwirtschaftskammer in Oberzrvehern auch für 1913 einen 'Sta.atSzulchttß nlä Beihilfe rm d-n Kost M der Ausbildung geeigneter Personen, die später im öffentlichen Obstbau tätig sein sollen, bewilligt.
Die Höhe des Zuschusses für eine Person beträgt durchschnittlich 90 bis 125 Mark, je nach den Kosten, welche den Teilnehmern für Aufenthalt und Reise erwachsen.
Unter Bezugnahme auf meine Kreisblattbekanntmachung vom 1. Februar 1911 — J.-Nr. 7709/10 — Kreisblatt Nr. 5 mache ich Gemeinden und Interessenten auf diese Gelegenheit erneut aufmerksam und ersuche, etwaige Gesuche um Zulassung zu einem AusbildungsKursus spätestens bis zum 20. Januar d. Js. an mich einzureichen. Ich bemerke dabei, daß wahrscheinlich auch in 1913 der Kreisausschuß zu den Baumwärter-Aus- bildungskosten einen namhaften Zuschuß gewähren wird.
Eigene Wege.
Roman von M. von Bünau. 41
„Müde bin ich gar nicht. Es ist zu schön heute. Wie lange habe ich nicht getanzt!" antworteteDina heiter.
Ihr schmaler Fuß klopfte den Takt zur Musik. Er verstand den bittenden Blick ihrer Augen. Mit einer leichten Verbeugung legte er den Arm um sie.
„Dina!" sagte Bredow plötzlich leise.
Er hörte auf zu tanzen, gab sie aber nicht frei, sondern zog ihren Arm durch seinen und führte sie zu der ein paar Zimmer vom Tanzsaal entfernt liegenden, überdeckten Veranda, auf der zwischen Oleander und Lorbeerkübeln die Buketts zum heutigen Kotillon auf pyramidenförmigen Drahtgestellen prangten.
Ein paar Sekunden standen sie sich stumm gegen über.
„Werden wir morgen wieder reiten?" fragte Dina endlich. Die Stille zwischen ihnen wurde drückend. Sie zupfte gedankenlos an den hartgrünen Blättern des Oleanders.
Bredow schwieg.
Sie wiederholte ihre Frage. Es klang fast wie eine schüchterne Bitte.
„Wohin soll das führen?" sagte er endlich finster. „Wohin treiben wir? Dina, wir wissen beide, was das Ende sein muß."
Sie wich einen Schritt von ihm zurück. Ueber ihre erblaßten Lippen kam kein Laut.
„Sehen Sie mich nicht so entsetzt an!" fuhr er fort. „Sie sind kein Kind mehr . . und ich .. habe Sie geliebt seit jener Stunde, da Sie mich zuerst als Todwunden im Arnr gehalten. Doch wurden Sie Borchers Frau."
Sie sah in sein schönes, düsteres Gesicht. Eine wilde Angst schnürte ihr das Herz zusammen.
Bredow fuhr fort: „So geht es nicht weiter. Wir können uns nicht mehr sehen wie bisher. Die Ritte müssen unterbleiben. Irgend ein Vorwand ist schnell erdacht.
Die näheren Bedingungen über die Ausbildungskurse selbst können bei mir eingesehen werden.
Schlüchtern, den 6. Januar 1913.
Der Vorsitzende des Kreisausschusses:
J. V.: Ebbinghaus.
Derchches Reich.
— Der Reichstag setzte am Sonnabend die Beratung über die Abänderung der Konkurrenzklausel fort. Der Abg. Dr. Thoma (natl) trat dafür ein, daß die Konkurrenzklausel nur dann Anwendung finden solle, wenn der Gehilfe wirklich einen Einblick in die Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse seines Prinzipals erhalten habe. Abg. Dr. v. Veit (kons.) hielt eine völlige Aufhebung der Konkurrenzklausel nicht für angängig, stand aber der Vorlage im allgemeinen sympathisch gegenüber und empfahl ihre Ueberweisung an eine Kommission, was auch, nachdem noch die Abgeordneten Weinhausen (fortsch. Vp.), Warmuth (Rp), Behrens (wirtsch. Vg.), Dr. Quarck (Soz.), Marquart (natl.)
Wir dürfen den Menschen keine Veranlassung zum Lästern, Borchers keinen Grund sich zu beklagen geben. Und Sie müssen nun versuchen, aus Ihrer seelischen Verwirrung sich zu befreien.
„Vielleicht ist es das beste, wenn Sie für kurze Zeit in Ihr Elternhaus zurückkehren, wohin Ihnen Ihr Gatte mit einem Urlaub folgen könnte. In der Ihnen vertrauten Atmosphäre werden Sie wiederfinden, was Sie jetzt zu verlieren drohen."
Damit führte er die Schweigende wieder in den Saal zurück.
Im Saal ging Dina direkt auf den erhöhten Sitz der Ballmütter los und setzte sich zu aller Erstaunen zu ihnen. Sie behauptete, zu müde zu sein, um den Kotillon tanzen zu können. Mit starren Augen, ohne etwas wahrzunehmen, sah sie auf die vorübertanzenden Paare.
Sie sah, in ihre Gedanken vertieft, ihrem Mann ganz geistesabwesend ins Gesicht, als er plötzlich neben ihr stand und ihre Schulter mit der Hand berührte, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen.
Sie hatte sein Kommen, trotzdem er durch den langen Saal direkt auf sie zusteuerte, gar nicht gesehen.
„Dina, wäre es Dir ein großes Opfer, jetzt mit mir nach Hause zu fahren?" bat Borchers.
„Jetzt schon nach Hause? Weshalb?" fragte sie erstaunt.
„Ich bin zu einem Kranken gerufen worden und möchte Dich nicht gerne hier allein lassen."
„Jetzt noch zu einem Kranken? Warum kann ich denn nicht später nachfahren? Dubleibstjadochnichtzu Hause, wenn Du jetzt noch zu einem Kranken gehen mußt."
„Ich bitte Dich, komm mit. Ich habe meine guten Gründe." Borchers Ton klang so ernst, daß Dina ihn erschrocken ansah. Siestand auf und nahm seinen Arm.
„Wir wollen kein Aufsehen erregen, sondern leise verschwinden," bat er.
Dina zögerte.
.Kommt" drängte Borchers. Sein Benehmen erschien
und Dr. Waldstein (fortsch. Vp.) zu Worte gekommen waren, geschah. — Am Montag wurde zunächst die Novelle über das Verfahren gegen Jugendliche in erster Lesung erledigt, welche die gegenwärtigen Bestimmungen des Strafgesetzbuches im Interesse der Heranwachsenden Jugend zu erweitern und zu verbessern sucht, vor allem und vermehrter Fürsorgeerziehung. In seiner Einführungsrede betonte Staatssekretär Dr. Lisco, erschreckend wirke immer noch die Zahl von 150 350 Jugendlichen im Alter von 12 bis 18 Jahren, die im Jahre 1910 wegen begangener Verbrechen vor den Sirafrichter kamen. Der Gesetzentwurf, der bei allen Parteien sympathische Aufnahme fand, wurde einer besonderen Kommission überliefert. Dann begann die zweite Lesung des Etats des Innern/, bei der Staatssekretär Dr. Delbrück Angriffe des Abg. Fischer (Soz.) in einer kurzen Erklärung zurückwies, in der er betonte, daß die Note, die er selber als preußischer Minister an das preußische Ministerium gerichtet habe, nur durch einen groben Vertrauensbruch in die Hände des „Genossen" gelangt sein könne. Er legte im Interesse aller dagegen Ver-
ihr rätselhaft. Vielleicht hatte man ihm irgend einen Klatsch zugetragen. Er war eifersüchtig, wollte ihr weiteres Taiizen mit Bredow verhindern, vielleicht ihr zu Hause Vorwürfe machen.
Doch seinen Vorwürfen konnte sie eher begegnen wie seinen Bitten.
Daß sie so fügsam mit fortging, wunderte und rührte Borchers. Er nahm ihre Hand, als sie im Wagen saßen, und behielt sie zwischen seinen Fingern. Er wußte, wie schwer die Nachricht, die er ihr mitteilen mußte, sie treffen würde.
Zu Hause angelangt, schickte er das verschlafene Mädchen hinaus und zündete selbst die Lampe in Dinas Stube an. Sie stand halb von ihm abgewandt und streifte ihre langen Handschuhe ab.
„Dina, ich habe Dich belogen," sagte Borchers. Er setzte die Lampe auf den Schreibtisch. Das Licht fiel hell auf ihr schönes, nach der Erhitzung des Tangens jetzt sehr blasses Gesicht.
„Du hast mich belogen? Wieso? Sie hörte und begriff kaum, was er sprach, denn ihre Gedanken waren ganz wo anders.
„Man holtmich nichtzu einem Kranken, aber..
„Aber Du wolltest, ich sollte nicht mehr tanzen? Matt lästerte wahrscheinlich über mich? Der Herr Sanitätsrat hatDir etwas eingeredet?" fuhr Dina auf.
„Ich würde es niemand erlauben, etwas über Dich zu sagen. Das könntest Du wohl wissen. Auch daß ich Dir jedes Vergnügen von Herzen gönne, weißt Du."
„Ja, das ist wahr," gab sie reuig zu.
„Man brächte mir ein Telegramm ins Spielzimmer, das unser Fortgehen nötig machte."
„Was stand denn in dem Telegramm?" Dina löste die Mohnblumen aus ihrem Haar.
Er zog ein Stück Papier aus der Tasche und strich es glatt. Es war das zusammengefaltete Telegramm. „Es ist eine Nachricht aus Zandow," sagte er bewegt. 190,18*