chlüchternerZei
mit amtlichem Kreisblatt,
Telefon Nr. 65,
Wochenbeilage: Illustriertes Sonntagsblatt.
Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. 65,
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Areisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 12 Pfg.
Mittwoch, den 8. Januar 1913.
64. Jahrgang.
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werden Bestellungen auf die
Kchlüchtrrner Zeitung
mit amtlichem Kreisblatt
von allen Postanstalten, Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegengenommen.
Nnden in der Schlüchterner
■ Zeitung den meisten Erfolg,
da sie die größte Austage der im Kreise Schlüch- tern erscheinenden Zeitungen besitzt.
Deutsches Reich.
— Berlin. Der neue Staatssekretär im Auswärtigen Amt. Wie verlautet, ist der Botschafter in Rom, von Jagow, zum Staatssekretär des Auswärtigen A.ntes in Aussicht genommen.
— Generalfeldmarschall von Schlieffen f. General- fcldmarschall Graf von Schlieffen ist am Sonnabend nachmittag gegen 2 Nhr in seiner Berliner Wohnung verschieden.
— Der Schiffsverkehr im Kaiser-Wilhelm-Kanal hat im vergangenen Jahre eine Höhe erreicht, die bisher noch niemals erzielt worden ist. Die Zahl der durchgegangenen Schiffe betrug rund 55000 (gegen 54000 im Jahre 1911), der Netto-Raumgehalt 9450000 (8558000) Tonnen, und die Einnahmen stellten sich auf 4 080000 (3 939 000) M. Im Jahre 1902 wurden 30000 Schiffe mit 4431000 Tonnen Raumgehalt und 2150000 M. Einnahmen verzeichnet. Der Verkehr und entsprechend die Einnahmen haben sich also in dem verflossenen Jahrzehnt rundweg- ver- " doppelt.
— Die Bergarbeiterbewegung im Saargebiet darf als beendet angesehen werden. Auf allen fiskalischen Gruben des Saarreviers ist die Belegschaft vollständig und ruhig eingefahren. Die Ausstandsgefahr ist damit endgültig beseitigt. Am Neujahrstag fanden noch 31 von den christlichen Gewerkvereinen einberufene Bergarbeiterversammlungen statt. Teilweise tam darin zwar noch der Unwille über den letzten Beschluß der Revierkonferenz zum Ausdruck, doch fügten sich die Bergleute allgemein der getroffenen Entscheidung.
— Wie die Zeitschrift des Arbeiter-Abstinentenbundes mitleilt, hat dieser Bund kürzlich eine Rundfrage über die Wirkung des sozialdemokratischen Schnapsboykotts veranstaltet. Von 140 ausgesandten Fragebogen sind 110 zurückgekehrt. Nur 10 Orte haben die Frage, ob ein Anhalt dafür vorhanden sei, daß der Boykott den
Schnapsverbrauch vermindert habe, mit Ja, 45 dagegen mit Nein beantwortet. Die übrigen haben ungenauere Angaben gemacht. Daß der Schnapsboykott nicht besonders wirksam gewesen ist, geht auch aus dem Geschäftsbericht des Konsumvereins Leipzig-Plagwitz hervor, der im letzten Geschäftsjahr allein über 78000 Liter Nordhäuser verkauft hat.
— Der polnische Boykott C-^t sich verschärfen zu wollen. In der Einspruchsve'/ 5 'ung zu Urbanowo wurde auch die Boykottierun. "wägen polnischen Geschäftsleute gefordert, die i A>e Erzeugnisse
führen, welche aus polnischen . beziehen sind.
Polen, die Kleidungsstücke / mft tragen,
sollen gemieden werden. Sch .Schaffung
eines „nationalen Gerichts'- ) mit den
nationalen Sündern zu bes gewisser
Rymer hat in einer polnisch wnilung
zu Leipzig als Losung dei : Hier Pole . . . hier Deutscher! — v - nach ist
eher eine Verschärfung als eine Wnivernng des Boykot ts zu erwarten, weil die polnischen Hitzköpfe willige Gefolgschaft finden. Wir bezweifeln, daß die Polen mit dem bisherigen Ergebnisse ihrer Bemühungen zufrieden sein dürfen, und noch zweifelhafter ist für sie der end- giltige Ausgang der Boykottbewegung.
— Da die Tarifverträge in der Memeler Holzindustrie mit dem Jahre 1912 abgelaufen sind und die Verhandlungen zwecks Ausstellung der neuen Tarife noch nicht zu Ende geführt werde» konnten, wurde in der gesamten Memeler Holzindustrie mit Ausnahme von zwei Plätzen mit weiterlaufenden Tarifverträgen, die Betriebseinstellung verkündet.
Ausland.
— Um den Zuzug Mittelloser nach den Schutzgebieten zu verhindern, wird vom 1. Januar ab von jedem Einwanderer, der ohne sichere Lebensstellung nach Südwestafrika reist, die Hinterlegung von 300 M. verlangt; ohne dies erhält der Reisende keinen Fahrschein. Der Betrag wird bei der Landung von den Agenturen der Dampferlinie zurückerstattet, wenn die Behörden damit einverstanden sind. Für Ostafrika ist die Regelung folgende: die Europäer müssen, wenn sie keine feste Anstellung haben, eine Barschaft von 600, die Farbigen eine solche von 200 M. nachweisen. Von diesen Beträgen sind 400 M. von Europäern und 150 M. von Farbigen bei der Linie zu hinterlegen, um als Deckung der Rückfahrkosten zu dienen, falls die Behörde die Landung nicht gestattet oder die Heimsendung an- ordnet. Die Rückzahlung kann nur erfolgen, nachdem das Gouvernement seine Zustimmung erteilt hat. Diese Bestimmungen finden auch Anwendung auf solche Per
sonen, mit Ausnahme von Ehefrauen und Kindern, deren Angehörige in Ostafrika ansässig sind.
— Das englische Unterhaus beriet neuerdings wieder über die Homerule Bill. Ein unionistischer Zusatzantrag, wonach das Gesetz für Ulster keine Geltung haben sollte, wurde nach lebhafter Debatte mit 294 gegen 197 Stimmen abgelehnt. Im Verlaufe der Debatte erklärte Bonar Law, wenn die Vorlage dem Lande unterbreitet und von diesem gebilligt würde, würde er den Widerstand Ulsters in keiner Weise ermutigen. Wenn aber der Versuch gemacht würde, dieses Gesetz den Leuten von Ulster aufzuzwingen, solange sie der Ansicht seien, daß die Bill sich gegen die Wünsche Großbritaniens richte, dann würde er sie in ihrem Widerstand unterstützen.
Als Demonstration gegen das neue spanische liberale Kabinett haben unter Vorantritt ihres Führers Maura fast alle konservativen Deputierten und zahlreiche Senatoren ihre Mandate niedergelegt. Es trat sofort der Ministerrat zusammen und beriet über die durch die Demissionen geschaffene Lage, die von den Ministern für sehr ernst angesehen wird. Graf Romanones erklärte, der Entschluß Mauras verursache ihm mehr Bedauern als Ueberraschung. Er werde sein Möglichstes tun, nm ihn von dem Entschluß abzubringen.
— In Tripolis haben Kämpfe zwischen Italienern und Beduinen stattgefunden. Die Beduinen von Zeiana, die den Frieden nicht anerkennen, beschossen eine vorgerückte Stellung in dem nördlichen Sektor an der Küste. Sie wurden von zwei Kompagnien erythräischer Schützen, Truppen des 68. Infanterie-Regiments und einer Abteilung eingeborener Truppen zerstreut. Die Feinde erlitten große Verluste. Ein Italiener und fünf erytbräis'^ Soldaten wurden getötet, dreizehn verwundet. Ein Kriegsschiff bombardierte später die Küste von Zeiana.
— Das Gericht in Jndianopolis hat schwere Strafen über die Gewerkschafts-Dynamithelden verhängt. Der Präsident des Eisenbahnarbeiter-Verbandes Ryan, der in dem Dynamit-Prozeß für schuldig befunden wurde, ist zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt worden. In dem Dynamit-Prozeß wurden weiter 31 Angeklagte zu Strafen von einem Jahr bis zu sechs Jahren verurteilt. In sechs Fällen ist das Urteil noch nicht gesprochen worden.
— Nach in Washington eingetroffenen Nachrichten soll eine Verschwörung auf den Philippinen ausgebrochen sein, welche die Anzettelung eines Aufstandes zum Ziele hat. Wie die „New York World" berichtet, soll es sich um die Verschwörung einer Anzahl reicher spanischer Grundbesitzer handeln, die versuchen wollen, die amerikanische Herrschaft abzuschütteln. Die Bundesregierung
, Eigene Wege.
Roman von M. von Bünau. 37
Sie blieb wieder stehen und sah ihn mit trostlosen Augen an. „Herr von Bredow, damals in Hannover, wir trafen uns einen Tag vor meiner Hochzeit, wissen Sie das noch?"
„Ob ich es weiß!"
„Damals hab ich immer noch auf ein Wunder gehofft. Ich glaubte, ich dachte, Sie würdeiüdieses Wunder vollbringen."
„Ich? Was konnte ich tun? Sie nahmen mir ja jede Möglichkeit dazu. Sie liefen von mir fort, um Ihren Bräutigam abzuholen. Sollte ich dazwischen treten und Sie ihm aus den Armen reißen? Weiß Gott, am liebsten hätte ich es getan."
„Nein, Sie konnten mir nicht helfen, ich weiß es wohl. Es war Wühnsinn es zu denken, es zu hoffen."
„Gin Wahnsinn war es, Sie diese Heirat schließen zu lassen!" brauste er auf. „Wie konnten Ihre Eltern das zugeben?"
„Machen Sie meinen Eltern keinen Vorwurf. Die haben sich genug gesträubt. Aber ich wollte es nun einmal durchsetzen."
, „Weshalb?"
„Ich fühlte mich unbefriedigt zu Hause, und Borchers tat mir leid."
„Er tat Ihnen leid! Schrecklich ist es, wieviel Unglück Mitleid am unrechten Fleck anrichtet.
Dina horchte auf. Aehnliches sagte auch Borchers ihr kürzlich, als sie der Walter das Geld gab. Damals widersprach sie heftig. Bredows Worten glaubte sie. Ach, was hätte sie ihm nicht geglaubt.
„Daran ist nun nichts mehr zu ändern," sagte sie nach längerem Stillschweigen ruhiger. „Erzählen Sie mir von Ihrem Leben."
„Davon gibts nicht viel zu berichtn. Der Dienst füllt
es aus, in der freien Zeit Jagd, Rennen . . ich komme nicht viel zum Nachdenken. Das ist mir auch am liebsten."
„Ihren Eltern geht es gut?"
„Ja, auch . .meiner „kleinen Braut." Sie ist eine glückliche Frau und Mutter."
„Ach, hätten Sie das damals nicht gesagt!" Dina seufzte. „Vielleicht, ja wahrscheinlich wäre dann alles anders gefommen."
„Sagen Sie das nicht. Das macht die Sache nur um so bitterer."
„Sie haben gut reden!"
Siegingen eine Weile stumm weiter durch die schmalen Waldwege. Unter dem braunen, halb vermoderten Laub blühten weiße Anemonen. Der Duft des Waldmeisters zog stark und süß durch die etwas regenfeuchte Luft.
„Ich bringe Sie nach Hause," sagte Bredow. „Wenn Sie gestatten, komme ich morgen, um mich zu erkundigen, wie Ihnen der Schreck und der weite Spaziergang belemmert ist."
„Nachmittags zwischen drei und fünf Uhr finden Sie mich zu Hause. Ich lade Sie nicht ein bei uns zu essen, denn . .."
„Sie sind nicht sehr gastlich, gnädige Frau!"
„Ich glaube, in diesem Fall ist das die beste Gastfreundschaft. Oder hören Sie gern Krankheitsberichte und das Geschwätz einer alten, ungebildeten Frau?"
„Das klingt nicht sehr hüb>ch. Ich wollte, Sie sagten so etwas nicht."
Dina hörte den leisen Tadel in seiner Stimme. Sie schlug die Augen zu ihm auf. „Sie haben recht. Es ist häßlich, ich will es nicht wieder sagen."
Er biß sich auf die Lippen, um die zärtlichen Worte, die aus seinem Herzen emporstiegen, zurückzuhalten. Er liebte solche heißblütige, nervöse Frauennaiuren. Wenn man die richtige Art fand, mit ihnen umzugehen, waren sie hingebend, stveich und lepksam. Arme, schöne, unbän
dige Dina. Wäre sie doch in seine Hände gekommen. Wie hatte man sie verwirrt, gehetzt, mißverstanden, bis sie, in ihrer kopflosen Verzweiflung sich in diese unselige Ehe hineinstUrzte.
Es wär dunkel, als sie Dinas Haus erreichten. Sie hatten nur noch gleichgültige Dinge gesprochen.
Bor der Haustür blieb Bredow stehen.
„Hinauf kann ich Sie leider nicht bringen, um Sie, Ihrem Gatten selbst zu übergeben, gnädige Frau," sagte er mit etwas erzwungenem Lächeln. Er berührte ihr« Hand leicht mit den Lippen. „Ich muß schnell in mein, Quartier. Von neun Uhr an haben alle Dragoner Be«. fehl sich zu Haus zu halten. Ich muß daher auch immer zu finden sein."
„Gute Nacht," sagte Dina leise. „Ich danke Jhnen,^ Herr von Bredow."
„Wofür?"
„Für Ihre Hilfe, Ihre Begleitung .. und für Jhrey, versprochenen Besuch morgen nachmittag. Den werden Sie doch nicht vergessen?"
„Neiri den werd ich ganz gewiß nicht vergessen."
Dina lief rasch die Treppen hinauf. Ganz außer Atem kam sie in ihrer Wohnung an.
* *
*
Djna war am andern Tag seltsam unruhig. Sie ging am Vormittag aus, um Einkäufe zu machen. Ganz beladen mit grünen Zweigen, einem großen Strauß gelber, eben aufgeblühter Tulpen kam sie zurück. Die Zweigs wurden in hohen Vasen, die Blumen in perlmuttecfar- ben schillernden Glasschalen untergebracht. Die lichtael», ben Blüten leuchteten goldig, die Birken-und Buchenäste! schimmerten maiengrün. Der eigenartige Frühlings-; schmuck idealisierte das Zimmer förmlich. Ihrem Mäd^j chen befahl sie, wenn Herr von Bredow käme, ihn sofort in ihr Zimmer zu führen.Die übrigen langweiligenRäume brauchte er dann gar nicht zu sehen. Ihr ZiMMer würdes ihm gewiß gesäfien. . . , _ ^ WW