Nr. 101.
Lokales und Pr-winziettes.
Schlüchtern, 21. Dezember 19)2
* Frankfurt a. M. Eine echt weihnachtliche Zchau- fenstkr-Dekvralion zieht augenblicklich in der Beikaufs stelle der Singer Co. Nähmaschinen Act -Ges. Frankfurt Jüd, Biückeustraße 36 die Aufmerksamkeit der Passanten auf sich. Hübsch beleuchtet prangt dort eine genaue plastische Darstellung der großen Fabrikanlagen in Witleubeige, die eute den deutschen Markt zum größten Teil mit den Singer Familien-Nähmaschium versorgen Im Maßstabe von 1 :250 sieht man dort die verschiedenen, sich über ein Gelände von fast 20 ha er streckenden Gebäude, in deren Innern, wie die hell erleuchteten Fenster andeuten, geschädigte Hände sich regen 1900 ausschließlich deutsche Arbeiter sind hier beschäftigt, die in der ganzen Welt so beliebten Original Singer Nähmaschinen herzustellen, die demnächst wieder als hochwillkommene Weihnachtsgabe in vielen Familien ihren Einzug halten werden. Dann sehen wir zunächst das nicht weniger als 205 Meter lange, dem eigentlichen Maschinenbau gewidmete Hauptgebäude, hinter dem der hohe Schornstein der Kraftstation emporstrebk. Eine ingeniöse Einriltung beseitigt Staub und Späne, die bei der Holzbearbeitung entstehen, indem lange Saugrohre, denen durch Elevatoren alles zugeführt wich, diese Abfälle in die Kessel der KrDlstMyn leiten, wo sie sofort wieder verfeuert werden; ferner sehen wir ein großes Lagerhaus, die 93 Meter lange Expedition und die an den rot erleuchteten Fenstern erkenntliche Gießerei (123 Meter lang) sowie die Schmiede (68 Meter lang). Eine das Gebäude nach allen Richtungen durchkreuzende elektrische Fabrilbahn hat direkten Anschluß an den staatlichen Schienenstrang ; f ir Verladungen auf dem Wasserwege ist an der Rückseite des Geländes eine mit einem großen Kosteuauswande hergestellte Kaimauer von 337 Meter Länge vorhanden. Im ganzen ist bisher in dieser deutschen Fabrikanlage ein Kapital von 12 Millionen Mark investiert. Bemerkenswert ist noch, daß auch die meist recht komplizierten Werkzeugmaschinen die zur Fabrikation der Singer-Nähmaschinen verwendet werden und durch welche die subtilste Herstellung der Maschinen gewährleistet wird, von den Singer Fabriken selbst hergestellt werden. Ein Besuch der genannten Verkaufsstelle selbst wud jedermann von der Vielseitigkeit, Mannigfaltigkeit und sorgsamen Herstellung der Singer Familien-Nähmaschinen, namentlich des beliebten Modells mit versenkbarem Oberteil überzeugen, die einen besonderen Borzug auch durch die verschiedenen Apparate für Kunststickerei, Stopfen sowie überhaupt für alle möglichen im Haushalt vorkommenden Arbeiten genießen.
* Cassel. Selbstmord durch Gift. Eine stadt- bekannte Persönlichkeit, der etwa 80jährige Herr M. der frühere sog. „Admiral des Auebassms," trat am vergangenen Samstag abend in ein hiesige Restaurant, bestellte ein Glas Bier, plötzlich stürzte er besinnungslos zusammen. Wie sich sofort fest [teilen deß, hatte M. eine Dosis Gift in das Glas geschüttet, um sich das Leben zu nehmen. Die Sanitätskolonne brächte den Bewußtlosen ins Krankenhaus, wo er alsbald verstarb. Nahrungsforgen und ein nervöses Leiden sollen M. zu öem verzweifelten Schritt getrieben haben.
* Fraukenberg. Dem landwirtschaftlichen Kneis- Rrkiu wurde zu der gelegentlich einer .Kreistierschau und landwirtschaftlichen Aussteilug am 24. Juli 1913 beabsichtigten Verlosung von Rindern und landwut- schastlichen Gerätschaften die Genehmigung erteilt.
* Mainz Das Rettungshaus zur Erziehung verwahrloster Protest. Kinder Frautberg ist vollständig vikdergebrannt. Die Enstehungsursache ist noch um bekannt. Die Kinder konnten gerettet werden. Infolge starken Windes war die Feuerwehr ohnmächtig. Die Anstalt beherbergte 30 Zöglinge.
Weihnachten im Rauhen Hause.
Von D. M. H e n uig - Hamburg.
Rauhhäusler Weihnachtsfeier ist manchem bekannt. Aber noch mehr sind, die nichts davon wissen. Darum erzählen wir gern-wieder einmal davon, zumal jetzt, da die Weihnachtszeit naht. _ ,
Mit dem ersten Adventssonntag beginnt die Rüstzeit. 8 freute im Geben und Freude im Nehmen bringt das I ■ best: auf den doppelten Charakter des Festes weist auch da erste Nüsttag schon hin. In Nehmensvorfreude schreiben die Knaben ihre Wünsche nach Haus; in Hebensvorfreude besuchen Vertreter jeder Knabenfamttie : ton ersten Male die ihnen seitens der GenteindediakoM M Bescherung zugewiesene Familie der benachbarten Amen, um zu sehen, wessen sie etwa bedarf. Volles ^hnachtsahnen kommt mit der ersten Adventsfei^ am asten Adventssonntag in aller Knaben Herzen. Schon | | Eintritt in den ehrwürdigen Betsaal spähen die AEeil in kindlicher Begier nach dem ersten bunten ^^cht auf der Adventskrone, deren Lichtfülle von -ag g»
Samstag, den 21. Dezember 1912.
Jahrgang 63.
Tag bis zum Feste hin wächst und das Kommen des Lichtes der Welt sinnvoll andeutet. Fröhlich erklingen ^um ersten Male die Advents- und Wcihnnchtslieder, die erste Verheißung vom Schlangenzertreter umrahmend.
Welche Macht übt doch das gemeinsam gesungene Lied! Es ist eine schlichte und doch eine gewaltige, herzbewegende Kraft darin verborgen. Würde sie doch in der vielgerühmten Pädagogik des 19. und 20. Jahrhunderts mehr zur Geltung gebracht! Knaben, die fast unbeweglich erscheinen, können sich diesem Liederzauber nicht entziehen. Fast alle freuen sich jedesmal auf den Sonntagnachmittag und den Mittwochabend, weil da von der ganzen Anstaltsgemeinde eine Reihe von Weihuachtsliedern gesungen wird. Und die Freunde und Nachbarn kommen hinzu, freuen sich mit uns am Lieder- fang und stimmen mit ein dem kommenden Christkind zu Ehren. Daß es im häufigen Singen nicht zu eintönigem Wiederholen fommt, verwehrt die Fülle der Lieder in unseren „Alten und neuen Weihnachtsliedern" von Karoline Wichern.
Inzwischen wird aber auch an das Geben gedacht. Woher kommen die zur Armenbescherung erforderlichen Mittel? — Zwölf der besten Sänger aus den kleinen Knaben schart ein Bruder um sich, übt mit ihnen einige Weihnachtslieder ein, und dann besucht diese Schar, seit altersher der „Bettelkönig" genannt, singend alle Knabenfamilien, alle Hausstände, gebefreudige Freunde und Nachbarn. Sind ein paar Lieder erklungen, so tritt der Kleinste aus der Schar mit seiner großen Büchse hervor und spricht:
Wir haben euch gesungen
Von Gottes Liebesrat,
JstH euch ins Herz gedrungen,
Dann weiß ich guten Rat:
Den Armen und Geringen,
Den Kindern unsers Herrn,
Laßt uns auch Liebe bringen!
Das sieht der Heiland gern.
Hier in die kleine Büchse
Werft euer Scherflein ein!
Gebt ihr's mit freud'gem Herzen, Dann wird's gesegnet sein.
Immer voller und schwerer wird die Büchse. Ihr Inhalt wird zuletzt auf alle Knabenfamilien verteilt, die unter Beratung der Frauen unserer Hausstände für die Armenfamilie davon beschaffen, was ihr am meisten frommt.
Aber auch ihren Angehörigen daheim möchten die Knaben gern eine Gabe unter den Christbaum legen. Schon manchen Ferientag haben sie im Sommer und im Herbst geschnitzt, gesägt, photographiert, gebrannt, gemalt. Und manche Winterabendstnnde ist bei solcher Liebesarbeit nur zu rasch verflogen. Am dritten Adventssonntag kommt an den Tag, was die fleißigen Hände gezaubert haben. Da wird im großen Saal des Wirtschaftsgebäudes die Schnitzausstellung ausgebaut. Wohl 200 bis 300 Gegenstände, vom einfachen Rahmen bis zum kunstvoll gearbeiteten Nähkasten, vom schlichten Lineal bis zum begehrten Hocker, in alten friesischen Mustern und in modernsten Stilarten geschnitzt und gebrannt, sind da ausgestellt. Alle Anstaltsgenossen und die Angehörigen unserer Hamburger Knaben, manche Freunde und Nachbarn des Hauses kommen, alles zu besehen. Sie freuen sich auch an den Weihnachtsarbeiten unserer Lehrlinge aus Tischlerei und Schlosserei, die in der Werkstatt ein Weihnachtsgeschenk fertigen dürfen.' In den nächsten Tagen trägt dann die Post all die kleinen Kunstwerke in die Ferne; dafür bringt sie Sendung um Sendung für unsere Knaben. Sollten aber einige von daheim nicht bedacht sein, so helfen uns die Freunde draußen durch ihre Geldsendungen, auch für sie wie für unsere Brüder den Weihnachtstisch decken.
Dem Hausvater wird das Herz warm, wenn er dann in diesen Tagen gewähr wird, wie überall die Liebe sich regt. Am treuesten wohl hilft die Brüderschaft im weiten Land und eine Reihe Hamburger Freunde. Aber da sind auch viele andere bekannte unb unbekannte Geber. Da sendet die Mutter eines ehemaligen Zöglings Jahr für Jahr ihre Liebesgabe; bg kommt von einem ehemaligen Zöglinge Jahr für Jahr ein Paket mit reichem Inhalt. Da besucht uns vom Meere her ein ehemaliger Pensionär, hört von Weihnachten und spendet । von seinem Verdienst. Da kehrt ein lieber Gast im Haus ein und hilft den Weihnachtstisch schmücken. Der gute Freund im Harz sendet wieder seine mächtige Harz- tanne für den Betsaal. Hub wer nicht Geld senden kann oder mag, sendet Sachen, Kleidungsstücke, Spielzeug, Schreibmaterial. Ganz besonders wollte c3 uns gefallen, daß auch die Strumpfspende eines fleißigen Jungfrauenvereins nicht fehlte. Bald in Tropfen, halb in Bächen bringt die Liebe in das Hans.
Des vierten Adventssonntages Lieder sind verklungen; auch die Ferien sind angebrochen. Der vielbesprochene, gefürchtete und doch ungeduldig ersehnte Weihnachtsmann hat mit Nute und schwerem Beutel seinen Umzug gehalten und unter lautem Jagen süße und bittere Gaben
verteilt; ba beginnt ein geschäftiges Rüsten in allen Knabenfamilien: man geht zum Krippenbau. Mit Körben und Karren wird an der Bille ober im entfernter liegenden Boberg Moos geholt. Steine und Sand werden herzugetragen, die Wanddekorationen ans Licht gebracht. Wie die deutschen Künstler die Person des Heilands bald historisch getreu gezeichnet, bald in altdeutsche, bald in moderne Umgebung gerückt haben, so sind hier beim Krippenbau die verschiedensten Auffassungen vertreten. Hier lacht uns deutsche Landschaft mit Hütte und Bach und Teich und Ritterburg entgegen und darin im deutschen Stall die heilige Familie; dort prangt die heilige Stadt im Hintergrund, vorn grüßen uns die orientalischen Bauten Bethlehems, überall gelber Sand, nur von einzelnen Felsen und kleinen Rasenflächen unterbrochen; da wieder hat ein früher im syrischen Waisenhaus tätiger Bruder möglichst naturgetreu die Bethlehemische Landschaft mit ihren Hügeln und Hängen wiedergegeben.
Naht dann der Weihnachtsabend, so gehen alle Knaben zur Christmette in die Kirche; kommen sie heim, so brennt in jedem Haus der Tannenbaum; die Tafel ist gedeckt; das „Stille Nacht" erklingt; jeder sucht sein Plätzchen und gewahrt mit Staunen, was die Liebe der Seinen ihm beschert hat. Alle nur erdenklichen Sachen, Spiele, Schlittschuh, 'Zither und Flügelhorn, Mundharmonika und Mondoline, Schnitz- und Laubsägekasten, Bücher und photographischer Apparat sind vertreten; reichlich ist für Kleidung gesorgt. Aber besonders glücklich machen die Briefe; denn an diesem Tage regt sich in jedem Herzen stärker noch als sonst der Zug zur Heimat, zum Elternhaus. Auch die Brüder haben ihre eigene Bescherung. Für sie ist in der Aula der Tisch gedeckt. Neben allerlei Wäschestücken sind hier Bücher für ihre biblische und geschichtliche Unterweisung, zum großen Teil auch Gaben befreundeter Verleger, auf den Plätzen zu finden. Aber da fehlt ja ein Bruder. Er ist erkrankt und muß noch das Bett hüten. Den Knaben wird es schwer, ihn zu missen, ihm noch schwerer, dem Feste fern zu bleiben. Aber schnell ist Rat geschafft. Die Knaben seiner Familie holen die für ihn bestimmten GaMr und eilen leise, vom Familienleiter geführt, an das Fenster seines Krankenzimmers. Sie sehen, daß drinnen ein Bäumchen brennt. Plötzlich stimmt der kleine Chor der Knaben sein „Stille Nacht, heilige Nacht" an, und mild klingen die Töne des Liedes zu dem Kranken herein. Dann huscht einer nach dem anderen ins Zimmer, legt die Gabe auf den Tisch am Bett, drückt dem Genesenden die Hand und flugs sind sie draußen — glücklich, dem Kranken eine besondere Weihnachtsfreude bereitet zu haben.
Was hier am Abend im kleinen geschieht, entfaltet sich am ersten Festtag im Betsaal nach althergebrachter Weise im großen. Im Hintergrund prangt der mächtige Tannenbaum. Unter seinen Zweigen birgt er schwere Körbe voll nützlicher Gaben. Um den Baum steht im Halbkreis ein weißgedeckter Tisch. Daran sitzt der Hausvater mit seiner Bibel und leitet die Festfeier, die um 3 Uhr beginnt. Chor und Gemeinde, in ihrer Mitte auch die Armen, die mit ihren Kindern zur Bescherung geladen sind, ohne doch irgendwie als solche noch besonders kenntlich zu sein, grüßen das Christkind mit ihren Liedern; noch einmal wird Prophetenwort und Evangelium verlesen und Gottes Heilswerk vom Hausvater erklärt. Dann während es draußen zu chunkeln beginnt und die Anstaltsgemeinde Lied um Lied erschallen läßt, beginnt das Dunkel sich zu erhellen, eine wahre Lichterfülle erglüht am Baum, auf den Lichterarmen und Simsen — es ist, als täte eine neue Welt sich vor uns auf; da verlieft der Hausvater das Evangelium vom Kommen des Herrn in seiner Herrlichkeit sMatth. 25, 31 ff.), und nun erlebt die Festgemeinde die Darbietung der Gaben an das Christkind, d. h. an die armen Brüder unseres Herrn. Wenn unsere Kirche von weihevollem Opferakt fast nichts mehr besitzt hier haben wir einen. Mit kurzem Wort erklärt der Haus- unter den Sinn der Handlung, die jetzt beginnen soll. Wie die Weisen dem Christkind ihre Gaben brachten, so wollen die Knabenfamilien tun, indem sie denKchrhenM.. ihre Körbe barbringen. „Bringt, ihr Knaben, als trüget *"“ sää* Äi Gaben ausnahm •" Und während nun das Lied: „Urquell leset er Himmelsfienden" ertönt, tragen bei jedem neuen Verse D zwek Knaben einer Familie feierlich den Korb herzu und setzen ihn auf der weißen Tafel für die Armen-Familien nieder. Wer das miterlebt, ist tief ergriffen. Hier ist nichts von Bloßstellung der Armut durch öffentliche Bescherung: denn die Armen spüren'S, daß sie wie das arme Christkind geehrt werden. Hier ist nichts von Zerstörung der häuslichen Feier und Freude; denn ihr Weih nachtSbüumchen samt den Gaben für die Kinder haben die armen Eltern schon am Vormittag des 24. Dezember bekommen, damit sie selbst es ihren Kindern bescheren konnten. Bei dieser Feier handelt es sich wirklich um ein Dank- und Siebesopfer