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mit amtlichem Areisblatt. Alonatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. 63. Wochenbeilage: Illustriertes Sonntagsblatt. Telefon Nr. 63.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — preis mit „Areisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 12 pfg.
M 99. Mittwoch, den 11. Dezember 1912. 63. Jahrgang.
Deutsches Reich.
— Berlin. Der zwischen den Souveränen und den Regierungen von Deutschland, Oesterreich-Ungarn und Italien bestehende Bundesvertrag ist ohne Aenderung erneuert worden.
— Der Reichstag setzte am Donnerstag die erste Lesung des Etats fort, und die Debatte drehte sich noch immer um die Jesuitenfrage. Die Abgg. Dr. Paasche (natl.), Wiemer (fortsch. Vp), Dr. Arendt (Rp.) sprachen dem Reichskanzer das Vertrauen aus; sie erklärten, daß sie keinen Kulturkampf wollten, daß sie aber durchaus den Standpunkt des Kanzlers teilten und auf dem Boden des Bundesratsbeschlusfes ständen. Der Abg. Seyda (Pole) trat in der Jesuitenfrage für das Zentrum ein. Der Etat wurde fast gar nicht berührt, so daß die Debatte nichts weiter Bemerkenswertes bot. — Am Freitag wurde nach Erledigung einiger kleinen Anfragen die erste Lesung des Etats zu Ende geführt. Auf einen heftigen Angriff des Abg. Gröber (Z.), in dem er bemerkte, der verstorbene Staatssekretär Nieberding habe auf seinem Sterbelager Trost bei den Jesuiten gesucht, während kein Amtsnachfolger an der Austreibung der Jesuiten arbeite, erwiderte der Staatssekretär des Reichsjustizamts Dr. Lisco und wies die Hereinziehung solcher Dinge in die Debatte mit aller Entschiedenheit zurück. Als Dr. Lisco bemerkte, wenn sein Heimgegangener Amtsvorgänger diese Worte Gräbers gehört hätte, so würde ihn das aufs schmerzlichste berührt haben, fand er bei den Parteien außerhalb des Zentrums lebhaften Beifall, während das Zentrum mit stürmischen Ohorufen die Bemerkung quittierte, daß Gröbers Aeußerung den Staatssekretär tief empört habe. Zur Sache führte Dr. Lisco aus, daß die Auslegung des Jesuitengesetzes durch den Bundesrat in keiner Weise eine Verschärfung bedeute. Nach weiterer Debatte, in der zum Etat so gut wie gar nichts gesprochen wurde, wurde die Generaldiskussion geschlossen und der Etat teilweise der Budgetkommission überwiesen.
— Das preußische Abgeordnetenhaus begann am Donnerstag mit der dritten Lesung des Wassergesetzes. Abg. Dr. v. Kries (kons) begrüßte das Gesetz mit Freuden. Auch die Industrie müsse ihre Bedenken zurückstellen, da unsere Wasserläufe nicht dazu bestimmt seien, als Schmutzkanäle für Abwässer zu dienen. Abg. Dr. V. Woyna (srkons.) schloß sich den Ausführungen des Vorredners an und bat nur die Regierung um billige Rücksichtnahme auf bestehende Verhältnisse. Abg. Dr. Röchling (natl.) sprach der Regierung und der Kommission Dank und Anerkennung für die für das Zustandekommen des Gesetzes geleistete
Arbeit aus. Abg. Lippmann (fortschr. Vp.) sah in dem neuen Wassergesetz eins der wichtigsten Gesetze und die Erfüllung eines jahrzehntelangen Wunsches aller beteiligten Kreise, ebenso erklärte sich Abg. Bitta (Z.) mit dem Gesetze einverstanden. Landwirtschaftsminister Frhr. von Schorlemer sprach den Dank und die Anerkennung der Regierung aus für die rastlose Arbeit für das Zustandekommen des Gesetzes. In der Einzelberatung kamen in der Hauptsache lokale Wünsche zum Ausdruck. — Am Freitag wurde zunächst das Wassergesetz einstimmig angenommen und dann die fortschrittliche Feuerwehrinterpellation beraten. Abg. Kreth (kons.) wies darauf hin, daß in der Berliner Stadtverordnetenversammlung beleidigende Aeußerungen gegen hohe Staatsbeamte gefallen seien, welche die Regierung nicht dulden sollte. Im übrigen erklärte er sich mit dem Vorgehen des Berliner Polizeipräsidenten einverstanden. Abg. Just (natl.) trat für das Vereinsrecht der Feuerwehrmänner ein, zumal es sich um einen Verein handle, der die Kameradschaft Pflege, und der Verein erklärt habe, daß er immer Hand in Hand mit den Vorgesetzten gehen wolle. Man dürfe den Begriff der militärischen Disziplin nicht überspannen. Dann wurde die Weiter- besprechung auf Sonnabend vertagt.
— Der Gesetzentwurf über die Errichtung von Jugendgerichlshöfen ist dem Reichstage zugegangen. Der Entwurf ist der gescheiterten Strafprozeßreform entnommen. Die Bestimmungen der Strafprozeßreform über diese Materie waren damals im Reichstage ohne größere Abänderungen angenommen worden. Da die Strafprozeßreform frühestens in fünf Jahren den Reichstag wieder beschäftigen wird, hat der Bundesrat die Bestimmungen über Jugendgerichtshöfe in diesem besonderen Gesetze schon jetzt zusammengefaßt. Der Inhalt des Entwurfes ist vor wenigen Wochen ver- öffertiltchr worden, Stach -dem.umn. Entwurf wird dem Staatsanwalt bei jugendlichen Angeklagten die Verpflichtung aufgelegt, bei allen Straftaten zu prüfen, ob nicht Erziehungs- und Befferungsmaßregeln mehr am Platze sind als eine Strafe. Der Entwurf bezieht sich auf alle jugendlichen Angeklagten unter 18 Jahren. Die Jugendgerichte sollen allen Amtsgerichten angegliedert werden. Die zur Mitwirkung an ihnen zu berufenden Schöffen sollen den Kreisen entnommen werden, die auf dem Gebiete der Jugenderziehung erfahren sind. Die Jugendgerichte sind befugt, die Angeklagten einer Erziehungsbehörde zu überweisen.
— Die Deutsche Kolonialgesellschaft konnte dieser Tage auf ein 30jähriges Bestehen zurückblicken. Die in Berlin abgehaltene gut besuchte Vorstandssitzung wurde von dem Präsidenten Johann Albrecht zu Mecklenburg mit einer Rede eröffnet, in der er auf
das gute Einvernehmen mit dem Reichskolonialamt hinwies und des früheren Präsidenten Fürsten zu Hohenlohe-Langenburg gedachte.
Aasland.
— Das österreichische Abgeordnetenhaus ist in einen krisenähnlichen Zustand geraten. Die Regierung besteht auf der unveränderten Annahme der drei Mobilmachungsgesetze. Selbst die regierungsfreundlichen Parteien wünschen, daß noch einige Milderungen eingefügt werden, während die Tschechisch-Radikalen und die Süd-Slawen bereits zur offenen Obstruktion übergegangen sind. Die Regierung besteht aber trotzdem darauf, daß das Gesetz spätestens bis zum 10. Dezember erledigt ist. Sie befindet sich bereits im Besitze aller Vollmachten und wird, falls das Haus versagt, sofort die Schließung der Tagung verfügen.
— In Wien wurde der Prozeß gegen vierzehn Hochschüler, meist Bosnier und Dalmatiner, wegen Aufreizung, Auflauf und Majestätsbeleidigung verhandelt. Es handelt sich um die Vorgänge in der inneren Stadt am 24. November, wo Studenten hochverräterische Rufe ausstießen. Der Angeklagte Bukvic wurde wegen Majestätsbeleidigung und Aufreizung zu sechs Monaten schweren Kerker verurteilt. Zwölf Angeklagte wurden teils wegen Aufreizung, teils wegen Widersetzlichkeit zu Freiheitsstrafen von einer Woche bis zu vierzehn Tagen verurteilt. Ein Angeklagter wurde freigesprochen. Mit Ausnahme des Bukvic wurden sämtliche Verurteilten auf freien Fuß gesetzt.
— In der Kammerkommission hat sich der französische Ministerpräsident Poincars über den Balkankrieg ausgesprochen. Er führte u. a. aus: Frankreich habe alles, was in seinen Kräften stand, getan, um den Konflikt der Balkanstaaten vor seinem Ausbruche zu beschwören. Als er dann unvermeidlich wurde, habe Frankreich alle feine Anstrengungen einer Lsstrlist-rung, des Krieges gewidmet. Um diese beiden Absichten nach und nach zu verwirklichen, habe Frankreich von Anfang an mit gutem Willen an dem regelmäßigen täglichen Meinungsaustausch zwischen allen Mächten Europas teilgenommen. Frankreich habe immer geglaubt und glaube auch noch, daß die Lösung der gegenwärtigen Schwierigkeiten in einer gemeinsamen und überein- stimmenden Aktion gesucht werden müsse. In diese allgemeinen Besprechungen, welche die Umstände nötig gemacht haben, sei Frankreich nur in voller Uebereinstimmung mit seinen Freunden und Verbündeten eingetreten und würde sie auch in diesem Sinne fortführen.
— Das neue belgische Militärgesetz ist vom Kriegsminister dem Parlament unterbreitet worden. Nach dem neuen Gesetz wird das Jahreskontingent auf
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GSKÄtsKSSo
Eigene Wege.
Roman von M. von Bünau. 28
„Ja, Hebe, teure Dina, Du bist mein mutiges Mädchen," Borchers traten Tränen der Rührung in die Augen über Dinas Ausdauer. „Gewiß bist Du auch als Lehrschwester in dem Marienstift überanstrengt worden. Jetzt verordne ich Dir erst eine lange Ruhe."
„Ruhe? Ich willDirdochinDeinemBerufe beistehen!"
„Duhilfst mir am besten durch Deine Liebe. Diemacht mich so froh, daß mir jede Kur glücken muß. Selbstvertrauen, inneres Gleichgewicht sind bei uns Aerzten die Hauptbedingungen zum guten Erfolg."
„Ja, das ist gewiß richtig. Bei der Krankenpflege ist das auch so," gab Dina zu.
Sie schwieg eine Weile, während er sie entzückt betrachtete, ihre Haare streichelte ober ihre Hände küßte.
„Richard!" sagte sie plötzlich. Ihre Augen sahen ihn voll an. Sein Gesicht wurde ganz hell, als sie ihn zum ersten Male mit seinem Vornamen anredete. „Ich will Dich etwas fragen. Sage mir aber die Wahrheit!"
„Das werde ich immer tun, Dina."
„Wenn ich mich damals, vor einem Jahr meinem Vater gefügt hätte, würdest Du mich vergessen haben?"
„Vergessen? Wohl nie, Dina. Ich hätte mir aber gesagt: Das wäre ein Glück gewesen .. zu groß, zu schon, um Dir passieren zu können. Du mußt Dich bescheiden. Suche in der Arbeit Trost."
„Und den hättest Du gefunden?"
„Ich hoffe."
„Und jetzt?"
Ihr Atem ging rasch. Sie legte ihre schlanken, heißen Finger, in denen jeder Puls fieberte auf seine etwas kurze, breite, ausgearbeitete Hand, deren Haut durch den vielen Karbolgebrauch stets rauh und rissig aussah.
, „Und jetzt?" fragte er erstaunt. „Was willst Du bamit sagen?"
„Ich meine, wenn jetzt noch ein Hindernis einträte, das uns trennte, das unsere Heirat unmöglich macht«, was würdest Du dann empfinden?"
„Was sollte uns jetzt noch trennen? Wer und was könnte zwischen uns treten? Sind wir nicht heute schon eins .. einen Tag vor unserer Hochzeit?"
„Ja, ja. Ich setze nur den Fall."
„Den kann und mag ich nicht auSdenken."
„Bitte, tue es!" drängte Dina heftig. „Würdest Du sehr verzweifeln? Würdest Du es nie verwinden?"
„Ich glaube nicht, mir wäre es, als ob die ganze Welt dann dunkel und leer wäre, ohne Freude, ohne Hoffnung. Nein, Dina, so grausam ist der Himmel nicht, auch kein Mensch, mir jetzt mein Glück noch zu entreißen. Wie kommst Du nur auf diese schreckliche Idee?"
„Ich weiß es nicht," murmelte sie, sich abwendend. „Es war nur so ein Einfall."
„Du wolltest mich wohl auf eine Probe stellen, Dina ? O, meine Liebe hält viel aus.. alles. Nur verlange nicht, daß ich den Gedanken fassen soll, Dich jetzt wieder aufzugeben."
Sie zwang sich ein Lächeln ab.
„Es ist gut, daß wir die ersten vierzehn Tage allein sein werden," meinte Borchers vergnügt. „Meine gute alte Mutter wird uns ja auch später gewiß nicht stören, aber zuerst ist es doch besser, wir zwei sind ganz für unk. Nicht wahr, mein Lieb?"
„Gewiß." Sie zog ihre rote Unterlippe durch dieZähne.
„Und Dina," Borchers stockte ein bißchen, „was ich Dich noch bitten wollte, hab Geduld mit der alten Frau. Sie ist in anderen Verhältnissen groß geworden wie Du, sie sieht vieles anders an, ist wohl auch einmal wunderlich, wie alte Leute eben sind, aber sie ist und bleibt eben doch meine Mutter, meine gute alte Mutter. Versuch es, freundlich zu ihr zu sein, es wird schon gehen."
„War ich unfreundlich?" fragte Dina ein wenig beschämt und ärgerlich zugleich.
„Unfreundlich vielleicht nicht, aber so fremd und un» nabhar."
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„Ich sehe sie ja heure zum ersten Male."
„Freilich. Aber sie ist nun doch auch Deine Mutter."
„Meine Mutter!" Dina warfden Kopfin den Nackty, ihre Nasenflügel vibrierten.
Borchers sah ihr eine Minute fest ins Aug«. „Ja, Deine Mutter, Dina, Deine und meine."
Ihr schmaler Fuß klopfte ein immer schnelleres Marsch- tempo auf dem roten Teppich.
„Hab ich nicht recht?" fragte er. Er sah sie freundlich an.
„Von Deinem Standpunkt aus, ja!" gab sie zu.
. „In Zukunft haben wir hoffentlich immer nur einen Standpunkt, von dem aus wir alles gemeinsam beur» teilen." Er küßte ihre Hand. „Du wirst baß schon einsehen. Nun wollen wir aber mal die Wohnungsfrage bereden."
„DieMöbelhastDumit Deiner Mutterschonbesorgt?"
„Ja, es ist alles besorgt?" Dina starrte aus dem Fenster nach den Lindenbäumen der Straße, deren kahles Geäst sich wie feine graue Federn gegen den matt* blauen durchsichtigen Herbsthimmel abhob.
„Beschreib es mir ein wenig," bat BorcherS.
„Du wirst es ja bald sehen. Es ist alles sehr alltäglich. Solide Eichenmöbel, bunte Plüschbezüge, die halten am besten."
„Ich werde mir sehr großartig in dieser Pracht Vorkommen."
Es ist gar nicht großartig. Wir haben das zur Verfügung stehende Geld nicht emmal verbraucht. Wenn Du Dir noch einen Operationstisch oderJnstrumente anschaffen willst. . eS ist noch genug da." 190,18*
„WaS Du für eine prächtige Doktorsstau sein wirst, Dina. Nein, vorläufig brauche ich nichts, ich habe alles. Aber es ist angenehm, daß ein Sparpfennig übrig geblieben ist. Uebrigens, was ist aus Deinem kleinen Schützling in Zandow geworden? Du wolltest den Jun-^. gen ja gern wieder zu Dir nehmen. Unser Dienstmäd-q M '^AM W^ff HMW.M svW HMA«