mit amtlichem Kreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. 6». Wochenbeilage: Illustriertes Sonntagsblatt. Telefon Nr. «s.
Erscheint Mittwoch und Samstag. — preis mit „Areisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 12 Pfg.
M 98. Samstag, den 7. Dezember 1912. 63. Jahrgang.
Amtliches.
J.-Nr. 7760 K. A. Bei den stattgehabten Kreistagswahlen sind folgende KreiStagSabgeordnete gewählt worden:
I. im Wahlverband der Landgemeinden:
a) Ersatzwahl für Bürgermeister Löffert zu Bellings: Bürgermeister Richter zu Marjoß,
b) Ergänzungswahl:
1. Fabrikant Gerhäuser zu Altengronau,
2. Bürgermeister Blum, Sterbfritz,
8. Bauer Johs. Harnischfeger zu Romsthal.
4. Bauer Reinhard Kreß zu Elm,
II. im,Wahlverband der Städte:
1. Bürgermeister a. D. Berta in Soden,
2. Bürgermeister Albrecht in Schlüchtern,
3. Schlossermeister Leonhard Schäfer in Schlüchtern.
4. Seifenfabrikant Meier Wolf in Schlüchtern.
III. im Wahlverband der Großgrundbesitzer und Gewerbetreibenden:
a) Ersatzwahl für Justizrat Handschuh in Marburg: Botschaftsrat von Kühlmann, Ramholz und London.
b) Ergänzungswahl:
1. Forstmeister Hebel in Salmünster,
2. Rentmeister Schade in Schlüchtern,
3. Geheimer Kommerzienrat Kraft in Soden und Offenbach.
Vorstehendes bringe ich hiermit zur öffentlichen Kenntnis mit dem Hinzufügen, daß jedes Mitglied einer Wahlversammlung gegen die Wahlen innerhalb 2 Wochen bei dem Unterzeichneten Einspruch erheben kann.
Schlüchtern, den 5. Dezember 1912.
Der Königliche Landrat. I. V.: Berta-
Ei«« Ka«zk< mbe übe» die auswärtige Lage.
Beim Beginn der Etatsberatung im Reichstage hat der Reichskanzler v. Bethmann-Hollweg eine bemerkenswerte Rede über die auswärtige Lage gehalten, in der er bei aller Aussicht auf Erhaltung des Friedens, doch klipp und klar erklärte, daß Deutschland fest und treu seiner Bündnispflicht genügen werde, falls das verbündete Oesterreich-Ungarn von dritter Seite angegriffen werde.
Der Reichskanzler sprach zunächst die Hoffnung aus, daß es, wie bisher, auch weiter gelingen werde, den Balkankrieg zu lokalisieren. Deutschland stehe zwar den Vorgängen auf dem Balkan nicht so unmittelbar interessiert gegenüber wie andere Mächte, aber es habe doch bei der Neuregelung der Dinge, welche die Folge des jetzigen Krieges seien, sehr gewichtige Interessen
wirtschaftlicher Natur zu vertreten. Außerdem werde Deutschland bei der Regelung mancher Fragen sein Wort zugunsten seiner Verbündeten in die Wagschale zu legen haben. Wenn bei der sendgültigen Regelung der künftigen Grenzen auf dem Balkan über das Maß der Mitwirkung Meinungsverschiedenheiten zwischen den einzelnen Großmächten und einzelnen Kriegführenden bestehen sollten, so werde den Großmächten die Durchsetzung ihrer Forderungen wesentlich erleichtert, wenn sie ihre Forderungen gemeinsam vertreten. Um dies zu erreichen, schwebe ein lebhafter Gedankenaustausch unter den Mächten, über den jedoch der Kanzler zurzeit nichts Näheres sagen dürfe, da der Meinungsaustausch noch fortdauere.
Sollten sich bei den Stipulationen, welche die Kriegsführenden unter sich treffen, unlösbare Gegensätze zu den Interessen anderer Mächte ergeben, so werde es Sache der direkt interessierten Mächte sein, ihre Ansprüche zur Geltung zu bringen, und das gelte auch für Deutschlunds Bundesgenossen. Wenn diese aber bei der Geltendmachung ihrer Interessen wieder alles Erwarten von dritter Seite angegriffen und damit in ihrer Existenz bedroht werden sollten, dann würden wir, unserer Bundespflicht getreu, fest und entschlossen an ihre Seite zu treten haben, und dann würden wir zur Wahrung unserer eignen Stellung in Europa, zur Verteidigung unserer eignen Zukunft und Sicherheit fechten. Der Reichskanzler drückte die Ueberzeugung aus, das er bei einer solchen Politik das ganze Volk hinter sich haben werde.
Schließlich kennzeichnete der Reichskanzler Deutschlands Stellung zur Türkei. Deutschland habe durch seine Politik in der Türkei erreicht, daß es während des türkisch-italienischen Krieges sich die Sympathien beider Mächte erholten habe. Auch fernerhin werde das Streben Deutschlands dahin Men, die Türkei nach dem Friedensschluß als wichtigen ökonomischen und politischen Faktor zu erhalten. „In diesem Wunsche und Bestreben," so schloß der Reichskanzer, „begegnen wir uns nicht allein mit unseren Bundesgenossen, sondern auch mit anderen Mächten, die sich mit uns die Erhaltung einer wirtschaftlich gesunden Türkei angelegen sein lassen. Dieses Bestreben widerspricht an sich schon den von der Presse den Großmächten oder einzelnen derselben vielfach unterstellten Absichten auf Landerwerb auf Kosten der Türkei aus Anlaß des jetzigen Krieges. Ich kann diese Unterstellungen nach den bisherigen Besprechungen unter den Mächten als unrichtig bezeichnen. Der rege Gedankenaustausch unter den Großmächten dauert an, und wenn ich auch noch nicht sagen kann, in welchen Formen er fortgesetzt werden wird, so wird er jedenfalls fort
gesetzt werden nach den günstigen Ergebnissen, die er jetzt schon gehabt hat, und die eine allseitig befriedigende Einigung unter den Großmächten erwarten lassen." Lebhafter Beifall folgte den bemerkenswerten Ausführungen des Reichskanzlers.
Deutsches Reich.
— Neues Palais bei Potsdam. Der Kaiser reiste am Donnerstag nachmittag 1 Uhr 55 Minuten nach Bückeburg zu einem Jagdbesuch bei dem Fürsten zu Schaumburg-Lippe.
— Der Reichstag lehnte am Sonnabend zunächst den sozialdemokratischen Asttrag zur Teuerungsinterpellation in namentlicher Abstimmung ab, durch den dem Reichskanzler ein Mißtrauensvotum erteilt werden sollte. Dann wurde nach unerheblicher Debatte das Gesetz über den Zusammenstoß von Schiffen in erster und zweiter Lesung angenommen. Bei dem Gesetzentwurf über die Kindersaugflaschen holte sich der Abgeordnete Rühle (Soz.), der die Kindersterblichkeit eine deutsche Kulturschande nannte, zwei Ordnungsrufe. Der Gesetzentwurf wurde einer besonderen Kommission überwiesen. Dann folgte die erste Lesung des Postscheckgesetzes. Staatssekretär Krätke wies auf die gewaltige Steigerung des Postscheckverkehrs in Deutschland hin. Von 30 Milliarden Mark seien bereits 16 Milliarden ohne Bargeld ausgeglichen worden. Ferner habe man das Scheckwesen auch auf Postaufträge und Postnachnahmen ausgedehnt, man sei auch erfolgreich mit dem Auslande in Verbindung getreten. Der Entwurf wurde der Budgetkommission überwiesen. — Am Montag wurde mit der Etatsberatung begonnen, die vom Reichskanzler v. Bethmann-Hollweg mit einer bemerkenswerten Rede über die auswärtige Lage eingeleitet wurde, in der er bei aller Aussicht auf Erhaltung des Fadens doch klipp und klar erklärte, daß Deutschland fest und treu seiner Bündnispflicht gegen Oesterreich- Ungarn im Kriegsfalle nachkommen werde. Der Abg. Ledebour erging sich in den von ihm gewohnten Un- flätigkeiten gegen den Zaren, die vom Staatssekretär v. Kiderlen-Wächier gebührend zurückgewiesen wurden. Außerdem erklärte der Staatssekretär, daß unsere Beziehungen zu England während der ganzen Krise intim und vertrauensvoll gewesen seien. Abg. Graf Kanitz (kons.) trat mit besonderer Schärfe dem Abg. Ledebour (Soz.) entgegen, der die Macht der Internationale bedeutend überschätze; sie werde es nicht fertig bringen, den Krieg zu beenden. Zum Schluß betonte er, das deutsche Volk sei zu jedem Opfer bereit, es wünsche den Frieden, aber nur einen Frieden in Ehren, der Deutschlands Machtstellung und die unserer Verbündeten aufrechterhalte.
Roman von M. von Bünau. 27
„Endlich, endlich haben wir uns wieder!" sagte er mit vor Rührung zitternder Stimme: „Wie soll ich Dir danken für alles, was Du aufgibst! Wie mutig hast - »Du für unsere Liebe gekämpft!"
Zum Glück fragte die alte Frau Borchers, indem sie mit ihrem in Zwirnhandschuhen steckenden Finger zum Fenster hinausdeutete, nach jeder Straße, jedem größeren Gebäude, das ihr auffiel, so daß Dina einer Antwort aus Borchers liebevolle Anrede überhoben wurde.
„Ich bin nie von Rügen fortgewesen," erzählte die alte Frau. „Noch niemals in einer so großen Stadt. Ich weiß noch gar nicht, wie ich mich in Mühlfurt zurecht finden werde ohne meinen guten Mann und mein kleines HauS." Ihre Stimme zitterte ein wenig. Das runzlige Gesicht mit dem dünnen, graublonden, glatt gescheitelten Haar trug einen sorgenvollen, ein wenig bedrückten Ausdruck. „Das Gesicht schreibt sich selbst eine Geschichte," hier erzählte es von einem Leben in der Enge, von kleinen Sorgen und Nöten, wenigen AlltagSfreu- den, kleinlichem Denken und Handeln.
„Du kommst ja zu uns, Mutter, zu Deiner Tochter und Deinem Sohn!" tröstete Borchers. „Wir nehmen Dir jetzt alles ab. Nicht wahr, Dina?"
Die alte Frau sah schüchtern auf ®maS vornehme Gestalt.
„DaS hätte ich nie gedacht, daß ich noch einmal solche Schwiegertochter bekommen würde," meinte str beklom- men. _ „ „
Dina runzelte die feinen, schwarzen Brauen. DaS Be- nehmen der alten Frau peinigte sie. Es kam ihr unterwürfig, beinahe kriechend, jedenfalls höchst unsympathisch vor.
u M» alt» Frau Dochte uuwUWrsich die Abusigung,
die sie einflößte, empfinden. Sie wurde still und sagte nichts mehr.
„Wir wohnen diese Nacht auch in Eurem Hotel, Dina," bemerkte Borchers. „Morgen zieht Mutter zu einer Jugendfreundin."
Frau Borchers erschien dies Thema zu wichtig, das konnte sie nicht mit Schweigen übergehen. „Jawohl, The- rese Berg ist meine Schulfreundin. Sogar Nachbars linder waren ivir. Mein Vater hatte einen Buchbinderladen und ihre Eltern ein Porzellangeschäft. Du lieber Gott, die alten Leute sind nun schon lange tot. Das heißt, die alte Frau lebt noch, es war aber die zweite Frau. Der Therese ihre Mutter starb im Kindbett und, was sagst Du, Richard?"
„Nichts, Mutter. Ich glaube nur, Dina wird das alles nicht interessieren, sie kennt Bergs ja gar nicht." Frau Borchers schmieg eingeschüchtert still. Dann suchte sie unruhig in ihrer Reisetasche nach der Börse. Endlich kam ein abgeschabtes Ledertäschchen zum Vorschein, in dem sie umständlich die Zehnpfenttiastücke zusammen- suchte, ein in Papier gewickeltes Goldstück mit der anderen Hand ängstlich festhaltend.
„Laß doch, Mutter, ich bezahle schon!" Borchers war längst mit dem Kutscher fertig, während die Mutter noch immer mit dem Gelde herilmfingerte.
„Aber Du kannst doch nicht alle« bezahlen!" wandte sie halblaut ein. Die Fahrkarte hast Du auch schon genommen, das kommt Dir doch zu teuer!"
Dina ging ihnen voran die Treppe hinauf. Es würgte sie etwas in der Kehle. Sie hatte das Gefühl, als müßte sie ersticken.
„Dürfen wir nachher Deiner sieben Mutter Besuch machen?" fragte Borchers. „Und werde ich Dich denn auch einmal allein sprechen, können, Dina?"
„Gewiß. Wir essen erst zusammen und dann .. dann werden mir allein sein," antwortete sie nun rasch.
Das Mijtatz»ss«>h das ihnen in einem besonderen Zim
mer, nicht in dem gemeinschaftlichen großen Speisesaal des Hotels, serviert wurde, ging besser vorüber, wie man erwarten konnte.
Frau Borchers, die, sehr befangen, mit etwas altmodischen Knicksen hereintrat, taute unter Frau von Grünwalds wohltuender Freundlichkeit förmlich auf. Sie erzählte langatmige Krankheitsgeschichten von ihrem seligen Mann, rühmte ihren Richard, der immer so gut gelernt und ihnen nie Sorge gemacht habe, und unterhielt sich also ausgezeichnet.
Berthold bewahrte bewunderungswürdig seine Fassung. Vielleicht dankte man das mehr Dinas ernstem Gesicht, wie den Bitten seiner Mutter. Aber ttotzdem atmete Frau von Grünwald erleichtert auf, als das Essen über» standen war und sie sich zurückziehen konnte.
Frau Borchers mußte ihr versäumtes Nachmittags« schläfchen nachholen, und Berthold wollte einige Bekannt« besuchen.
Das Brautpaarblieb allein. Dina fing sofort an, nach dem Krankenhaus und Borchers Tätigkeit dortzu fragen. Aber dieser verspürte heute keine Lust, Krankheit«berichte zu machen. Er setzte sich neben seine Braut und nahm ihre beiden Hände in die seinen. Ihr wurde befangen unter seinem innigen Blick.
„Dina, heute kann ich nicht an Kranke und an meinen Beruf denken," sagte er. „Heute laß mich glücklich sein. Wir haben uns so selten in diesen langen Jahren schreiben können, das müssen wir also alles nachholen. Sage mir, ob Du auch glücklich, so recht von Herzen glücklich bist? Du kommst mir so still und bedrückt vor."
Er legte den Arm um ihre Schultern und versucht« sie an sich zu ziehen. Dina leistete zwar gerade keinen Widerstand, aber sie blieb steif aufrecht sitzen, ihr war augenscheinlich höchst unbehaglich zu Mute.
„Ich bin natürlich traurig über das Zerwürfnis mit meinem Vater," wichste endlich seinen wiederholten Fra. gen aus, 190,18*