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mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. 65.________Telefon Nr. 65.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 1C Pfg.
K 93.
Mittwoch, den 20. November 1912.
63. Jahrgang.
Amtliches.
5 J.-Nr. 7337 K. 06. Die auf den 26. November h Js. in Sterpfritz anberaumte Bullenkörung wird auf Samst«g, den 33. November ds Js., Vormittags 11 Uhr in Sterbfritz verlegt.
Schlächtern, den 12. November 1912.
Der Landrat. J. V.: Berta.
Am Bußtag.
Gott der Gnaden, schwer beladen Neigt sich unser Haupt zu dir. Unsre Herzen sind voll Schmerzen, Staub und Asch' ist unsre Zier. Hab' Erbarmen mit uns Armen! Aus der Tiefe rufen wir.
Wir verzagen, denn wir tragen Auf uns aller Sünden Last; Aller Qualen volle Schalen, Die Du ausgegossen hast. Hab' Erbarmen mit uns Armen, Angst und Not hat uns erfaßt.
Wir bekennen, Herr, wir nennen
Laut vor dir die Missetat;
Es ist keiner hier ein Reiner, Jeder erntet böse Saat. Hab' Erbarmen mit uns Armen, Sieh auf den, der für uns bat!
Jesus, rette! brich die Kette Unsrer Finsternis entzwei, Daß der Glaube tief im Staube Unsres Herzens Zuflucht sei. Hab' Erbarmen mit uns Armen, Mach uns aus den Sünden frei!
Wenn du Frieden uns beschieden, Fürchten wir die Strafe nicht; Dein Bersöhnen wird uns krönen Mit Gerechtigkeit und Licht. Dein Erbarmen hilft den Armen, Du bist unsre Zuvirsicht.
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Das Kirchenjahr geht seinem Ende entgegen und bringt uns, ehe es scheidet, noch zwei ernste Tage: Bußtag und Totenfest. Mit Recht hat man den Bußtag in den Spätherbst gelegt, in dem die Erde den Winterschlaf zu träumen beginnt. Die Natur ist im völligen Absterben begriffen, der Wind hat das letzte Laub von den Bäumen geschüttelt, schwere Wolken hängen zumeist am verdüsterten Himmel und ein Zug der Trauer geht durch Wald und Flur, just die rechte
Stimmung, um den Menschen zur stillen Einkehr bei sich selbst zu mahnen.
Nun mag es vielleicht auf den ersten Blick etwas befremdend erscheinen, daß die Staats- und Kicchen- behörden überhaupt einen bestimmten Tag festgesetzt haben, an dem in das laute Treiben der Städte und in das idyllischere Leben der Dörfer der Mahnruf hineinschallt: »Tut Buße!" Die Bank, da die Spötter sitzen, ist reich besetzt, und da ertönen denn die höhnenden Rufe! „Sündigt nur fleißig und wohlgemut drei- hundertvierundsechzig Tage im. Jahre; wenn ihr am staatlich festgelegten November-Mittwoch büßt und betet, so habt ihr mit dem Himmel abgerechnet und eure Schuldigkeit getan!"
Ja freilich, wenn man den Bußtag in diesem Sinne auffaßt, dann verhalt der Ton der Kirchenglocken, die heute die Gemeinden zur Andacht rufen, wertlos in der Luft. Wenn man wirklich erfassen will was dieser eine, in seinem äußeren Ernste dem Karfreitag ähnelnde Wochentag der Buße bedeutet, so muß man sich über den Begriff der Buße an sich klar werden, man muß inne werden, daß überhaupt die äußerlich zur Schau getragene Zerknirschung oder auch das wie ein flüchtiger Schatten über unser Gewissen dahinhuschende Bewußtsein unserer Fehlerhaftigkeit nie und nimmermehr den Begriff der Buße vollendet. Das Bewußtsein, daß wir unablässig und immer wieder abweichen vom Wege des Rechten und Guten, wohlverstanden, auch wenn wir nicht gerade gegen die Satzungen des Strafgesetzbuchs verstoßen, muß uns in voller Kraft und in vollem Umfange erfüllen, unser Herz muß uns hinführen zum Urquell aller Gnade und Vergebung, und der ernste Wille muß uns beherrschen, auf diesem oder jenem Wege wieder gut zu machen, was wir gefehlt haben, dann tun wir wirklich Buße. Der Bußtag erscheint uns dann im Lichte eines schönen Symbols. An dem Sinnbild dieses ernsten, stillen Tages sollen wir lernen, daß der im Strome des Lebens oft so gedankenlos dahintreibende Mensch Stunden stiller Einkehr und Andacht haben muß, wenn er nicht seelisch versumpfen will in dem ruhelosen, haßerfüllten, liebeleeren Treiben des Alltags, wenn er nicht abstumpfen will gegen die Stimme des Gewiffens, die ihn mahnt, das Edle, Schöne und Wahre zu suchen.
Unter diesen Voraussetzungen senkt sich am Bußtag selbst in dem ruhelosen Treiben der Großstädte, wo Tag und Nacht die Pulse eben jenes auf rein materieller Grundlage sich entwickelnden Lebens lauter und kräftiger schlagen als im stillen Frieden des Landlebens, ein Wolkenschleier über alles das, was uns an die Alltäglichkeit des Lebens, in Arbeit und Vergnügungen, er
innert. Ernste Worte der Mahnung hören wir in den Gotteshäusern, Selbsterkenntnis zu üben und Reue zu empfinden. Selbsterkenntnis ist, wie ein allbekannter Ausspruch sagt, der erste Schritt zur Besserung, in der Uebung der Selbsterkenntnis liegt also auch ein Stückchen Buße. Fassen wir unser inneres Wesen ernst ins Auge und gehen wir mit uns einmal derb und ehrlich ins Gericht, dann werden wir vielleicht dazu kommen, unsere Eigenliebe hier nnd da zu überwinden, Feinden versöhnt die Hand zu reichen, Gerechtigkeit zu üben, wo wir blind verurteilten, Milde, wo wir hart und erbarmungslos waren, freundliches Entgegenkommen da, wo wir bisher nur selbstsüchtige Kälte kannten. Versuchen wir es also mit der Selbsterkenntnis, zu der die Bußtagsglocken uns rufen, dann werden wir auch den ernsten Entschluß zur Umkehr fassen und uns mutig aufraffen zu reinerem Tun, zu edlerem Streben.
Deutsches Reich.
— Moschen. Der Kaiser begab sich Freitag vormittag 98/4 Uhr zur Jagd nach dem Buhlauer Walde. Um 1 Uhr wurde in dem im Buhlauer Walde gelegenen Blockhause das Frühstück eingenommen. — Der Kaiser ist Samstag früh um 9 Uhr zur Talsperre Mauer abgereist. Kriegervereine und Schulen der näheren Umgebung von Moschen und die Kujauer Feuerwehr hatten auf der Jelka-Allee Aufstellung genommen und begrüßten den Kaiser enthusiastisch. — Am Tage der Einweihungsfeier, bietet die Talsperre mit ihrer prächtigen Ausschmückung trotz des schlechten Wetters ein reizvolles Bild. Zu beiden Seiten längs der Geländers sind schlanke Tannenbäume, durch Girlanden verbunden, aufgestellt. Dazwischen stehen Fahnenstangen, geschmückt in den schlesischen, preußischen und deuschen Farben. An beiden Zugängen schließen sich große Ehrenpforten au. Die Ausschmückung des Kaiserzeltes ist grün, gelb und gold gehalten und ebenso mit Tannen grün dekoriert. An den Zufahrtstraßen begonnen die Kriegervereine und die Schulen der umliegenden Ortschaften sich aufzustellen. Extrazüge bringen die Ehrengäste.
— Berlin. Zur Anfechtung amtlicher Verfügungen haben die Nationalliberalen im Abgeordnetenhaus den Antrag eingebracht: „Alle von Behörden oder Beamten ergehenden Entscheidungen, Bescheide, Beschlüsse- Anordnungen, Verbote oder anderweiten Verfügungen, deren Anfechtung an die Jnnehaltung einer Frist gebunden ist, müssen am Schluß die Eröffnung enthalten, innerhalb welcher Frist, in welcher Form und bei welcher Stelle die Anfechtung anzubringen ist. Fehlt die Eröffnung, oder ist sie unvollständig oder unrichtig,
Eigene Wege.
Roman von M. von Bünau. 22
»Laß nur, Mama, was sollte ich wohl nötig haben ?" wehrte Dina ab. „ Elegante Toiletten brauche ich in Mühl- furt nicht, und Borchers muß sich gewiß Instrumente und alles mögliche für seinen Beruf anschaffen. Ihm wird das Geld gewiß lieb sein."
Frau von Grünwald schüttelte den Kops. „Bei Dir ist alles sehr anders wie bei Deinen Schwestern."
„Sehr anders, Mama! Wozu könnte ich auch Da- wastbezüge, Gersontoiletten, Brüsseler Spitzen brauchen?"
„Ja, ja, das ist schon wahr, aber ein bischen hübsch und gemütlich wollen wirs doch auch machen.
Die Wohnung kommt mir nach den Zeichnungen, die Borchers schickte, nicht sehr angenehm vor. In einer en= gen Straße liegt sie, das größte Zimmer muß Sprechzimmer werden. Dann ist auch die Stube Deiner Schwiegermutter mitten zwischen Euren Wohnräumen. Das ist alles nicht sehr angenehm.
„Aber die Hauptsache ist, daß die Wohnung in der Nähe des Krankenhauses und' in einer belebten Gegend Uegt, Borchers Privatpraxis wegen."
„Zieh Dich jetzt an, Dina, wir haben noch schrecklich viel zu besorgen. Morgen, wenn Borchers kommt, hast Du vielleicht für nichts anderes mehr Sinn."
Dina antwortete nicht und machte sich zum Ausgehen fertig. _ . .
Sie liefen stundenlang in den verschiedenen Stadt- leilen herum, um alles mögliche zu bestellen und aus» zuwählen, bis Dina erklärte, es sei ihr völlig gleichgültig, ob und wie ihre Küche eingerichtet würde. Heute könne sie nichts mehr besehen, ihr schwindle der Kopf.
Frau von Grünwald war auch sehr müde. Sie fuhren in einer Droschke nach Hause, zu angegriffen, um mel Mit einander reden zu mögen, und nur froh in dem Ge
danken, trockene Schuhe und eine warme Tasse Tee im Hotel vorzufinden.
Sie fanden aber außer diesem ersehnten Stärkungsmittel noch etwas anderes, sie erwartend in ihrem Wohnzimmer vor: einen jungen Herrn im Reiseanzug, der sich bequem auf ihrem Sofa rekelte und bei ihrem Eintreten ihnen mit ausgebreiteten Armen entgegenkam.
„Mama, Dina, endlich seid Ihr da? Seit zwei geschlagenen Stunden erwarte ich Euch in diesem herrlichen Salon!"
„Berthold, liebster Junge!" Frau von Grünwald fiel dem Sohn um den Hals. Auch über Dinas blasses Gesicht lief ein zartes Rot freudiger Ueberraschung.
Berthold hatte mit am wütendsten gegen diese Heirat geeifert. Aber in seiner großen Gutmütigkeit konnte er es nicht ertragen, daß niemand von den Geschwistern der Hochzeit beiwohnen wollte. Dazu kam er rasch entschlossen, ohne vorherige Anmeldung im letzten Moment nock angereist.
Dina, Du alte verdrehte Dirn!" lautete seine brüderliche Begrüßung, mit der er sie derb auf die Schulter klopfte. „HolS Der Geier, ich hielts nicht aus, Dich ohne meinen brüderlichen Segen heiraten zu lassen."
„Ich danke Dir Berthold, es ist sehr lieb von Dir," sagte Dina leise. „Mama, ich hole Dir warme Schuhe hier herein. Du erkältest Dich sonst. Berthold, bitte, klingle und bestelle Dir Bier, oder was Du sonst haben willst."
„Die Dina ist ja so sanft, streckt gar keine Krallen heraus heute!" meinte Berthold erstaunt.
Er sah der Schwester nach. Mit den Händen in den Taschen ging er dann ein paarmal auf und ab. „Ich weiß nicht, kommt das, weil ich sie so lange nicht gesehen habe, aber es fällt mir heute trotz brüderlicher Blindheit mit einem Male auf, wie bildhübsch sie ist. Wirklich ein Staatsmädel, unsere Dina, und wird nun Frau Dr Borchers. Na, da ist nun nichts mehr daran zu ändern.
„Nein, es ist nicht mehr zu ändern. Morgen mittag kommt Borchers. Uebermorgen stich ist die Trauung. Lie-
her Berthold, es ist sehr nett von Dir, daß Du gekommen bist, aber versprich mir nun auch, Dich nicht über den Doktor oder gar über seine alte Mutter zu mokieren. Das würde Dina mit Recht sehr kränken."
„Die Alte kommt auch? O Du gerechter Strohsack l Vielleicht noch gar ein halbes Dutzend Schwestern und Basen?"
„Nein. Er hat keine Geschwister oder nähere Verwandte."
Dinas Eintreten unterbrach die Unterhaltung. Sie kniete vor der Mutter nieder und zog ihr die warmen Hausschuhe an.
„Danke Dir, mein gutes Kind!" Frau von sGrün» wald war ganz gerührt, denn solche kleine Liebesdienste lagen sonst gar nicht in Dinas Art. Dann goß sie auch den Tee ein, bediente Mutter und Bruder mit einer ihrem sonstigen Wesen fremden Vorsorglichkeit.
„O je!" seufzte Berthold tragikomisch. „Unsere Katz' ist auf einmal eine Taube geworden."
Dina lachte laut auf. Bertholds drasfische Art mit ihr umzugehen, wirkte befreiend auf sie. Sie wollte sich an diesem letzten Tage noch einmal ganz als Dina von Grünwald fühlen, dazu paßten die kräftigen Neckereien des BruderS ausgezeichnet. e
Ueber ihre Erfahrungen als Krankenschwester bueo sie etwas einsilbig, lenkte vielmehr das Gespräch bald auf Bertholds Korpsleben.
Die Zeit verging rasch und ganz angenehm. Als Frau von Grünwald Abendessen bestellen wollte, verlangte Berthold diktatorisch, daß sie zusammen auswärts in einem eleganten Restaurant speisten, denn in dieser Fuhr» mannsauSspanne bekäme man doch nichts Vernünftiges zu futtern.
Frau von Grünwald machte erst einige Einwände. aber ihre Kinder überstimmten sie. Denn auch DinaS Laune war plötzlich umgeschlagen.
„Ich habe große Lust ein Glas Sekt zu trinken," gestand sie. ; 100(18*