Einzelbild herunterladen
 

Schluchterner Zeitung

mit amtlichem Kreisblatt Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Telefon Nr. «s. ; , Telefon Nr. SS.

Erscheint Mittwoch und Samstag Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 1Q Pfg.

M 90. Samstag, den 9. November 1912. 63. Jahrgang.

Amtliches.

Vullenköritirg.

J.-Nr. 7160 K.-A. Ich mache wiederholt darauf aufmerksam, daß nur solche junge Bullen zur Körung zugelassen werden, welche das Alter von 14 Monaten zurückgelegt haben.

Schlüchtern, den 2. November 1912.

Der Landrat I. V.: B ert a.

Deutsches Reich.

Neues Palais bei Potsdam. Prinz und Prin­zessin Heinrich, welche am Mittwoch vormittag auf dem Schlesischen Bahnhof in Berlin eingetroffen waren, sind im Automobil im Neuen Palais angekommen.

Der frühere preußische Ministerpräsident Dr. Graf Botho zu Eulenburg starb am 5. November im 82. Lebensjahre an Herzschwäche.

Das preußische Abgeordnetenhaus beschäftigte sich am Montag mit der freikonservativen Interpellation über den Wagenmangel in einzelnen größeren Bahn­höfen. Eisenbahnminister v. Breitenbach beantwortete die Interpellation und wies nach, daß nicht ein Fehler in der Organisation vorliege, sondern daß nur der gewaltig gesteigerte Verkehr, dessen Umfang er durch Zahlen darlegte, die Ursache des Wagenmangels sei. Die Eisenbahnverwaltung werde nach Kräften bemüht sein, allen Anforderungen gerecht zu werden. Bei der Besprechung der Interpellation erkannten die Abgg. Graf v. d. Gröben (kons.), Schmedding (Z) und Graf Moltke (frkons.) übereinstimmend die bestehenden Schwie­rigkeiten, anderseits aber auch die ernsten Bemühungen der Eisenbahnverwaltung an. In einer weiteren Rede führte Eisenbahnminister v. Breitenbach aus, daß er die Notwendigkeit des Ausbaues der Strecken durchaus auctunne und dies auch durch Taten bewiesen habe. Die volle Leistungsfähigkeit der preußischenMaats- bahnen für den Kriegsfall sei vollkommen gesichert.

Anslatrd.

Die Nachrichten vom Balkankrieg lauten für die Türkei sehr unerfreulich. Soviel scheint festzustehen, daß die türkischen Streitkräfte durch das siegreiche Vordringen der vier Balkanstaaten zu Boden geworfen sind. Sie setzen ihren Rückzug auf Konstantinopel fort. Nach einer in Trieft eingelaufenen Nachricht ist die griechische Avantgarde und serbische Kavallerie vor Saloniki erschienen, und die Stadt hat sich aus Mangel an Verteidigungsmitteln ergeben. Ferner haben die Griechen Prevesa eingenommen und einen neuen Siel bei Ianitza in der Nähe von Saloniki errungen. De

Roman von M. von Bünau. 18

Schwester, stehen Sie doch auf, das Knien iftja so unbequem für Sie. Wie müde müssen Sie sein."

Als ob ich daran dächte! Was kümmern michmeine steifen Glieder und überwachten Augen, wenn H ihm eine Sekunde der Erleichterung dafür schaffen taun

Es ist nicht möglich, bei diesen unanfhörlichei Nacht­wachen stets die steife Tracht mit der unbequem«! Haube anzubehalten. Ich habe mir von Hause einsn eichten Morgenrock schicken lassen, den ziehe ich abends in und löse die Nadeln aus dem Haar. Meine schwer« Zöpfe sind eine unerträgliche Last unter dieser schrecklichenHaube. Ich habe es dein Arzt gesagt, ich könnte die Trcht bei den Nachtwachen nicht mehr anbehalten.

Machen Sie, was Sie wollen, nur halten S> aus!"

nur halten S: aus!

Er

Bett n

war seine Antwort.

Heute nacht sah ich die großen dunklen Augen Ledows voll auf mich gerichtet. Ich stand in meinem weiß: Kleid neben seinen: Bett, um die Eisblase leise fortzuneMen.

Merkwürdig!" sagte er ganz deutüch.Bei Tc« pflegt mich eine Nonne, nachts ein Engel.'

griff nach meiner Hand. Ich kniete neberjetnem nieder und schob meinen Arm unter sem topffis- sen, bis er endlich einschlief. f«.

Trotz des unsicheren LlchtschunmerS der Lape sehe ich ,ein Gesicht ganz deutlich. Der schmale Kop^"t d dunklen, kurzgeschnittenen Haar lag auf memS ^r:n Die scharf markierten zusammengezogenen Brausab d-n Zügen etwas Ernstes, die Nase ist l«chV°°M d'e Lippen unter bem braunen Schnurrbart s N . . ten. Das Kinn fest, ein wenig ^gensinnig- UeV I ganzen Rassekops liegt es wie intensive WillensblN .. Mich hat noch nie ein Gesicht so angelp'i M»S schmale, bräunliche, mit den großen bi«en An yen, , i

Pforte hat die Mächte um Vermittlung zur Einstellung der Feindseligkeiten und Einleitung von Friedensver­handlungen gebeten. Fran reich hat dieses Gesuch ab­gelehnt. Deutschland hat fünf Kreuzer nach den türki­schen Gewässern zum Schutze der deutschen Staatsan­gehörigen entsandt.

Lokales und Provinzielles.

Schlüchtern, den 8. November 1912.

* Tagesordnung zur Sitzung der Stadtverord- neten-Versammlung am Mittwoch, den 13. November 1912 Abends 7/a Uhr. 1.) Wiederholte Vorlage des Entwurfs einer neuen Geschäftsordnung für die Stadt­verordnetenversammlung. 2.) Wiederholte Vorlage des Ortsstatuts für die gewerbliche Fortbildungsschule. 3.) Vorlage eines zwischen der Stadtgemeinde Schlüch­tern und der Landgemeinde Niederzell abgeschlossenen Vertrags über den Ankauf einer Quelle am Eichholz. 4.) Wiederholte Vorlage der Rechnung der Bolender-' schen Stiftung 1911/12. 5.) Geschäftliche Mitteilungen (Schulhausneubau betr.)

* Kalter Markt ist bis Montag, wer geht da nicht hin um sich alle die schönen Sachen anzusehen und die Hauptsache, seine Lieben zu Hause mit, einer Kleinigkeit, seis in Süßigkeiten oder von alle dem an­deren schönen Kram, etwas mitzubringen und die Kinder erst wie freuen die sich darauf, heute dürfen Sie Karussell fahren. Schön ist es doch die alte Sitte nicht einschlasen zu lassen und ist dieser Markt gewissermaßen schon ein Vorbote der erwartungsvollen, schönen Weih­nachtzeit.

* Die Stelle eines Stadtförsters zu Soden Kreis Schlüchtern soll am 1. Januar 1913 mit einem tech- qualifizierten Beamten besetzt werden. Jährl. Gehalt "aüv~W. steiaend von 3 zu 3 Jahren um je 120 Mk. bis zum Höchstbetrage von 1800 Mk. Mitsentschädi- gung von jährl. 200 Mk., sowie 12 Rm. Buchm- knüppelholz gegen Erstattung der Werbungskosten. Meldungen sind an den Magistrat daselbst zurichten. Die forstversorgungsberechtigten Anwärter müssen den Forstversorgungsschein, die Reserve-Jäger (Klasse A.) den Militärpaß vorlegen.

* In Elm ist eine evangelische Schulstelle auf sogleich zu besetzen. Meldungsgesuche sind bis zum 18, November 1912 einzureichen an Herrn Pfarrer Seyb in Elm. Desgleichen in Breitenbach. Meldungs­gesuche sind einzureichen an Herrn Pfarrer Frischkorn in Wallroth. Die evangelische Schulstelle in Breunings ist ebenfalls frei und sind Meldungen zu richten an Herrn Superintendent Orth in Schlüchtern.

t^^gggy^qgg«^^ ............

Von Bredows Privatoerhältnissen weiß ich einiges durch die Gespräche seiner Freunde. Er ist ein bevorzug­ter Offizier, bekannter Rennreiter. Den Sturz tat er mit einem bösartigen Hengst, den er durchaus über ein Hin­dernis bringen wollte. So etwas gefällt mir. Nicht ab­lassen von dem Vorsatz, den man gefaßt hat.

Die Gehirnerschütterung wird täglich besser. Das Be­wußtsein ist ungetrübt. Der Arzt gibt Hoffnung auf völ­lige Genesung.

Das verdanke ich Ihnen, Schwester," sagte Bredow heute. Seine Blicke lagen warm aus mir. Er faßte nach meiner Hand.

Ich wandte mich etwas schroff ab.Ich tue nur meine Pflicht."

Ich machte dann die Stube vollends rein. Er sah mir mit unzufriedenen: Blick zu.

Warum tun Sie solch grobe Arbeit selber?"

Das ist gesund und gehört sich für eine Schwester."

Ich fegte und scheuerte weiter, bis Pferdegetrappel mich und meinen Kranken äusseren ließ.

Die Fenster dieser Stube gehen auf den Hof einer Artilleriekaserne hinaus. Ein paar junge Remonten wur­den herausgeführt und ließen wie gewöhnlich die unge­schickten Soldaten nicht aufsitzen. Ich sah hinaus und berichtete Bredow, der sich natürlich auch lebhaft für die Vorgänge auf dem Hof interessierte, was ich sah.

Wie ungeschickt der Tölpel das Pferd führt!" rief ich ganz aufgeregt, meinen Scheuereimer beiseite schiebend. Das sollten Sie nur sehen! Der FuchS läßt wieder nicht aufsitzen. Der Racker keilt immer nach dem Reiter. Und die Esel stehen alle herum, und keiner wagt sich ran, statt daß einer dem Pferd das eine Borbein hochhebt, dann kann eS ja nicht mehr ausschlaaen."

Mit einem vor Eifer heißen Gesicht sah ich mich nach meinem Kranken um und wurde etwas verlegen unter einem lächelnden Blick.Schwesterchen, Sie haben ja chrecklich viel Pferdeverständnis!" meinte er.Wenn es nicht unbescheiden ist, wüßte ich gern Ihren Namen.» .

* Bezüglich des Kirchen-Konzerts in Gelnhausen am Sonntag, den 10. d. Monats, Nachmittags 5 Uhr wird uns noch mitgeteilt, daß der Eintrittspreis für Seitenschiffplätze nicht wie im Inserat angegeben 0,75 Mk., sondern im Vorverkäufe 0,50 Mk. beträgt, und daß Schülerkarten für Chor- und Lettnerplätze im Preise von 20 Pf. zur Ausgabe gelangen werden.

* Nach dem Beschlusse einer kürzlich in Geln» Hausen stattgefundenen nationalliberalen Vertrauens­männer Versammlung des Landtagswahlbezirks Geln­hausen Schlüchtern soll Herr Rektor Schwarzhaupt in Bockenheim, ein geborener Schlüchterner als national­liberaler Landtags-Kandidat für diesen Wahlkreis in 1913 aufgestellt werden. Herr Schwarzhaupt ist als vorzüglicher Redner bekannt und wird am 17. d. Ms. hier im Hessischen Hofe sprechen.

* Ueber die Höhe der Renten aus der Angestell­tenversicherung herrschen oft noch eigenartige Auffassun­gen. Besonders wird die Höhe der Rente bei den Personen in höherem Alter unterschätzt. Einige Bei­spiele mögen das dartun: Eine Person, die 2000 Mark Einkommen hat, würde in der Angestelltenversicherung nach 10 Beitragsjahren eine Angestelltenrente von 288 Mark erhalten, zu der eine Invalidenrente von 330 Mark aus der Reichsinvalidenversicherung tritt, falls 30 Beitragsjahre in der höchsten Beitragsklasse nach­gewiesen werden. Bei einem Einkommen von 3000 Mark beträgt unter den gleichen Voraussetzungen die gesamte Rente 828 Mark, bei einem Einkommen von 4000 930 Mark, bei einem solchen von 5000 1128 Mark. Aehnlich ist es bei der Witwenrente, trotzdem in der Invalidenversicherung die Witwenrente nur den Witwen gezahlt wird, die erwerbsunfähig sind. Im ersten Falle würde die Witwenrente zuzüglich der Witwenrente nach der Reichsinvalidenversicherung jähr­lich etwa betragen: bei einem Einkommen von 2000 Mark 250 M^k, bei einem Einkommen von 3000 333 Mark, bei 4000 375 Mark, bei 5000 454 Mark. Daraus ergibt sich für alle Versicherten die Notwendig­keit der freiwilligen Fortsetzung der Invalidenversicherung auch in den Fällen, wo das Jahreseinkommen 2000 Mark übersteigt, eine Zwangsversicherung also fortfällt.

* Sieben Millionen für die Flugspende. Das Ergebnis der Sammlungen für die deutsche National« flugspende soll die sechste Million bedeutend überschritten haben. Es ist sogar damit zu rechnen, daß nach Ab­schluß der Sammlungen sieben Millionen Mark für Anschaffung von Flugzeugen des Heeres zur Verfügung stehen. Die deutsche Sammlung hat damit die aller anderen Länder um nahezu das doppelte an Erträg­nissen überholt. Die französische Sammlung hat be­kanntlich nicht einmal drei Millionen Franc erbracht.

Ich bin die Schwester Dina, Herr von Bredow. Ueber unsere Privatverhältniffe wünscht die Frau Oberin nicht, daß wir reden."

Hier herrscht ja militärischer Gehorsam. Das hätte ich nicht geglaubt, daß er auch in einem Krankenhaus mit Schwestern zu erreichen wäre."

Wir gehorchen ebenso wie Sie in ihrem Beruf we« niger der Person wie der Sache, der man dient, dem Ding an sich", wenn Sie wollen."

Schwester Dina haben nicht nur Reit-, sondern auch philosophische Studien getrieben?Das Ding an sich", der Ausdruck stammt von Kant."

Jawohl. Aber jetzt habe ich weder mit Philosophen noch mit Pferden, sondern nur mit meinem Kranken zu tun, den ich bitte, im Interesse seiner Gesundheit nichh viel zu reden."

Erläßt mich aber seitdem nicht in Ruhe, sondern treibt mich beständig mit seinen Fragen in die Enge.

Welch Genuß ist es, wieder einmal mit jenem reden zu können, der einen versteht, dem man nicht immer erst alles erklären muß.

Ich sehe seine Augen mir beständig folgen. Es liegt oft ein rätselvoller Ausdruck darin, Aufmerksamkeit, Dank­barkeit, ein wenig Neugier und noch etwas anderes, ich wills nicht wissen, nicht nennen, aber es beseligt mich....

Jeden Morgen ist seine erste Frage nach eingelaufe» nen Briefen. Es kommen oft welche für ihn, immer in derselben kleinen, kritzeligen Damenhand.

Ich kann solche charakterlosen Handschriften nicht lei­den. Das Parfüm her Briefe ärgert mich auch. Es ist so aufdringlich. Ich finde es ungebildet, auf parfümier­tem Papier zu schreiben, ja wirklich unfein. Er reißt die Briefe immer hastig auf. Wenn er sie gelesen hat, hebt ein tiefer Atemzug seine Brust, als ob er sich erleichtert fühle.

Heute schrieb Bredow sogar selbst einige Zeilen. Ich nahn: ihn: den Brief ab, um ihn zur Post befördern zu lassen. Die Adresse lautet: An Komteß Eveline von Zürn» stein, Rom, Villa Tivoli. 190,18*