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Schlüchterner Zeitung

mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Telefon Nr.«». / s Telefon Nr. 65.

Erscheint Mittwoch und Samstag Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 16 Pfg.

F 87.

Amtliches.

J.-Nr. 12986. Der auf Donnerstag, den 31. h, Mls. in der Stadt Fulda angesetzte Viehmarkt niird unter den seither bekannt gegebenen Bestimmungen abgehalten. Mit dem Auftrieb darf um 7 Uhr früh begonnen werden.

Nach § 1 der Polizeiverordnung vom 25. April 1904 ist das Handeln mit Vieh und das Mustern von Bieh zwecks Handels im Stadtbezirke Fulda außerhalb des Viehmarktplatzes vor und während der Dauer des Liarktes verboten.

Schlächtern, den 29. Oktober 1912.

Der Königliche Landrat. I. V-: Schultheis.

Nationalflugspende.

Wie aus Berlin mitgeteilt wird, ist der Abschluß der National Flugspende auf vielfachen dringenden Wunsch« von verschiedenen Seiten bis zum Ende des laufenden Monats hinausgeschoben worden. Zu diesem Termin soll jedoch der Abschluß endgültig erfolgen. Ich bringe dies zur öffentlichen Kenntnis und bitte, etwaige Beiträge bis zum 1. November entweder an das Kaiserliche Postamt in Schlächtern oder an die Kreissparkasse Hierselbst abzuliefern.

Schlüchtern, den 22. Oktober 1912.

Der Königliche Landrat: Valentiner.

Die allgemeine Kriegslage.

Es brennt an allen Ecken des Balkangebäudes. Von Norden und Süden ist die Brandfackel in die europäische Türkei hineingetragen worden. Der einzige Punkt, wo die Türken bisher offensiv vorgegangen sind, ist die bulgarische Küste des Schwarzen Meeres. Er­folg könnten sie hier nur haben, wenn es ihnen ge- liinge, eine Armee ans Land zu setzen, was sie jedoch nicht versuchen werden, da sie ihre Truppenmacht viel nötiger auf ihrem eigenen Territorium zur Abwehr der eingedrungenen feindlichen Heere brauchen.

Ob dem Vorgehen gegen die Türkei ein gemein­samer strategischer Plan der Angreifer zu Grunde liegt, ist noch nicht klar zu erkennen. Die Montenegriner schlagen sich am Skutarisee herum und sind noch nicht mit den Serben in Fühlung gekommen. Diese sind von mehreren Seiten nach dem Amselfeld bei Kossowo vorgedrungen. Ihr nächstes Ziel ist Uesküb. Von Silben her streben die Griechen über Tessalien hinaus. Eine bulgarische Kolonne ist über das Gebirge ins Strumagebiet marschiert und operiert in der Richtung auf die von Saloniki nach Konstantinopel führenden Bahnlinien. Der größere Teil der Bulgaren ist jedoch an der Maritza gegen die Festungen Adrianopel und

Mittwoch, den 30. Oktober 1912.

Kirkkilisse vorgestoßen. Es läßt sich aber nicht erkennen, cb das Ziel der bulgarischen Hauptmacht der Weg nach Konstantinopel oder eine Verbindung mit der westlich im Strumagebiet operierenden Kolonne ist. Im letzteren Falle müßte man annehmen, daß die General­idee der verbündeten Gegner der Türkei wäre, daß jeder von dem Streitobjekt Mazedonien die ihm benach­barten Gebiete, die Serben das sog. Altserbien, die Griechen Südmazedonien und die Bulgaren die Teile am Rhodopegebirge in Besitz nähmen.

Am wenigsten hat man bisher von den Stellungen und Bewegungen der türkischen Feldarmee erfahren. Steht die Hauptmacht unter Abdullah Pascha hinter der stark befestigten Linie Adrianopel-Kirkkilisse, die den Weg nach Konstantinopel sperrt, und wo ist die zweite von Mahmud Schesket kommandierte Armee? Was über die bulgarisch-türkischen Zusammenstöße an der Maritza und ihren Nebenflüssen berichtet wird, ist widerspruchsvoll und läßt keinen sicheren Schluß darauf zu, wann und wo ein entscheidender großer Schlag zu erwarten ist.

Ein Krieg, der sich über ein so großes, mit wenig Bahnlinien versehenes, straßenarmes, zum Teil gebirgiges Gebiet erstreckt und von drei weit entfernten Enden aus geführt wird, kann sich noch lange hinziehen. Einst­weilen haben die Angreifer noch alle Vorteile der Offensive für sich. Fragt sich vor allem, wie die Türken den Stoß bei Adrianopel aushalten und ob sie auf den anderen Schauplätzen, in Thessalien, bei Uesküb und an der Struma, ihre alte Zähigkeit im Verteidigen bewähren. Den Fall Adrianopels würden sie kaum wieder wett machen können.

Deutsches Reich.

Das preußische Abgeordnetenhaus nahm am Freitag zunächst die Präsidentenwahl vor, und zwar wurde durch Zuruf Graf von Schwerin-Löwitz gewählt. Dann trat das Haus in die Beratung der Interpellationen der Nationalliberalen und der fortschrittlichen Volkspartei wegen der Fleischteuerung ein. Ministerpräsident von Bethmann-Hollweg beantwortete die Interpellationen und betonte, daß an der bisherigen Schutzzollpolitik unbedingt festgehalten werden müsse. Die Regierungs­maßnahmen gegen die Fleischteuerung bedeuteten durch­aus nicht einen Bruch mit unserm Veterinärgesetz und mit unserer Zollpolitik. Nach sorgfältiger Prüfung des Scuchenstandes in den Nachbarländern seien gewisse Erleichterungen gewährt worden. Es handle sich auch nicht um Zollaufhebungen, sondern um eine zeitlich und sachlich streng begrenzte Stundung und teilweise Rück­erstattung von Zöllen an diejenigen Kommunen, die durch Zufuhr von Fleisch und Vieh auf die Marktlage

63. Jahrgang.

regulierend einzuwirken bereit sind. Die Frage der Futtermittelzölle sei Reichssache. Zu den Maßregeln, mit denen die Regierung die Viehzucht fördern will, gehöre als Hauptaufgabe die Förderung der inneren Koloni­sation. Der Ministerpräsident kündigte eine Reihe von Vorlagen an, welche die Kultivierung von Oedländereien, eine Kapitalserhöhung der Siedlungsgesellschaften und eine Erhöhung der Beleihungsgrenze der Rentengüter enthalten- Zum Schluß hob er auch die Bedeutung der inneren Kolonisation für die Bekämpfung der Landflucht hervor. Der überaus großzügigen Rede des Herrn v. Bethmann Hollweg folgte lebhafter Bei­fall der Rechten, des Zentrums und der Nationalliberalen.

Die polnische Sozialdemokratie Preußens geht einer langsamen Auflösung entgegen, nachdem die deutsche Hauptpartei die bisherigen Unterstützungen zum Teil sehr eingeschränkt, zum Teil ganz gestrichen hat. Die Parteizeitung, dieGazeta Robotnicza", erscheint seit dem 1. Oktober nur noch als Wochenblatt, nachdem alle Anstrengungen des Verlegers Biniszkiewicz, wenig­stens den bisherigen Stand zu retten, ohne Erfolg geblieben sind. Auch in den Ortsvereinen geht es, wie gut unterrichtete Personen versichern, sehr abwärts, und man braucht kein besonders großer Seher zu sein, um der polnischen Sozialdemokratie in Oberschlesien und Posen ein gar nicht zu fernes Ende voraussagen zu können.

Ansland.

Die Nachrichten über den Balkankrieg lauten so widerspruchsvoll, daß ein sicherer Schluß auf die wirklichen Erfolge der Kämpfenden nicht möglich ist. Die Griechen haben Erfolge bei den Engpässen von Serfidsche und Petra errungen und wollen sogar 30 000 Türken wie in einer Mausefalle eingeschloffen haben, was die türkischen Meldungen lebhaft bestreiten. Die Serben versichern, daß sie den Gegnern bei Kumanowo geschlagen und Kumanowo erobert haben, sind aber nach türkischen Berichten wieder hinausgeworfen worden. Auch Novibasar soll von den Serben eingenommen sein. Sehr viel schwerwiegender aber ist die Mitteilung der halbamtlichenAgence Bulgare", derzufolge die bulgarischen Truppen Kirkkilisse genommen haben sollen. Die Türken hätten schwere Verluste gehabt und den Rückzug nach Süden und Südosten angetreten.

Der deutsche Offizierklub in London hat ein Festessen zu Ehren des Lordmahors von London und feiner Scherifs gegeben. Unter den Anwesenden be­fanden sich der deutsche Geschäftsträger v. Kuehlmann, Legationsrat v. Riepenhausen, Generalkonsul Johannes und Sir Herbert Beerboom-Tree. Der Lordmayor Sir Thomas Crosbey sprach in Erwiderung des Trink-

Roman von M. von Bünau. 15

Jetzt zielte er mit einer langen silbernen Lanze gerade uf ihr Bett. Das kam, weil sie die Augen blinzelnd zudrückte. sollte dochckeine Träne zwischen den Mmpern durch.

Wie kindisch, Heimweh zu haben am ersten Abend schon.

Die Sterne flimmerten aber ganz so wie daheim. Sie schloß die Lieder fest, um es nicht «mehr zu sehrn.j

Zehn Wochen bin ich nun hier," schrieb Dina in ihr Tagebuch.Erst heute, in der einzigen freien Stunde des Tages, zwischen zweiund drei Uhr nachmittags, die wir für uns benutzen dürfen, fange ich an, meine Eindrücke aufzuzeichnen. Ich mußte erst all das Neu«, das auf mich inftürmte, in mir verarbeiten. Den Eltern schreibe ich jeden Sonntag «ine Kart« oder einen kurzen Brief. Auch sie sollen mir nicht oft schreiben. Es zerstreut mich, viel von der Welt außer den Mauern unseres Krankenhauses M hören. Es wird auch nicht gewünscht, daß die Schwe- fietn eine zu rege Korrespondenz führen. _

«ine gewisse Einseitigkeit ist mit diesem Beruf, wel­cher Körper- und Geisteskräfte gleich intensiv beansprucht, man möchte fast sagen, ausnützt, untrennbar verbunden. ®ir feßen sprechen, denken nichts als an und von unsers» Kranken und war sich sonst noch auf unseren Beruf bezrehü Denn von den Geschichten, die Frau Ob-rtnun« allabendlich üelöfselweise vorsetzt, hören wir vor Müdigkeit nicht viel.

Mir geht es übrigens bester wie den meisten Prob«- U» Lehrschwestern, ^ zuerst di- k^

nimmt mich oft beiseite und zeigt mir eiiiige kleine selbst ausprobierte Kunstgriffe. Sie ist in allem, was ihren Be­ruf betrifft, genial veranlagt. Die ganze Führung des Krankenhauses ist mustergültig. Ihrem Charakter fehlt allerdings jede Weichheit und Milde. Die Schwestern, selbst die im Dienst ergrauten, zittern vor ihr, sprechen nur mit halber Stimme und nie ungefragt in ihrer Ge­genwart. Bei dem geringsten Vorwurf vonMutter", wie sie heimlich genannt wird, stürzen ihnen die Tränen aus den Augen.

Das ist bei mir anders. Einen gerechten Tadel nehme ich gelassen als wohlverdient hin, einen ungerechten erst recht. Es lohnt mir gar nicht, mich zu verteidigen oder gar darüber zu weinen.

Aber trotzdem komme ich mit der Oberin vorzüglich aus. Ich glaube, die Bevorzugung von ihr erweckt den Neid unter den anderen Schwestern. Ich finde viel Klein­lichkeit, viel Mißgunst unter diesen Haubenträgerinnen. Sie b«neiden sich die Liebe der Kranken, die Gunst der Oberin, des Anstaltsarztes, genau so wie die Damen in der Welt draußen sich ihre Toiletten, Verehrer, Rang und Reichtum mißgönnen. Man zieht mit der Schwe­sterntracht nur ein anderes Kleid, seinen neuen Men­schen an. .. Das merke ich deutlich an mir selber.. ..

Ja, der Beruf einer Schwester ist schwer, viel schwe­rer, wie ich es mir beim Eintritt vorstellte.

Es ist schwer, die niedrigsten Arbeiten, die man keinem Dienstboten anbieten würde, verrichten zu müssen. Es ist oft schwer, die rohen, anspruchsvollen Armen zu pfle­gen, schwerer noch d«>l Gebildeten, uns inr Range Gleich- stehenden als Dienende gegenüber zu treten, immer ge­horchen, für alles die Erlaubnis der Oberin oder der Stationsschwester einholen zu müssen. Aber am schwer- stm wird es mir, der Musik, der Natur, ja allem Schö- nen jedem Schmuck und Reiz des Lebens zu entsagen. Wir kommen selten an die frische Luft und sind, wenn wir ausgehen dürfen, meist zu müde und abgsarbel- tet,umuns rvi^jich zu erquicken. ^ ,v^ ^^

Ach, einmal wieder einen langen, einsamen Spazier- gang durch den weiß verschneiten Wald oder besser noch einen wilden Ritt über die kahlen Felder machen zu dürfen! Reiten, ja, was Schöneres gibt es nicht, als eine fremde Kraft zu regieren. Hier muß ich mich nur im­mer selber im Zügel halten lassen.

Die Haube umschließt sehr fest den Kopf. Manchmal reiße ich sie ab, wenn ich allein in meiner Stube bin, daß die Zöpfe fliegen.

Dumme Dina! Du wolltest ja absolut unter diese Haube kommen. Nun halte aus!...

Weihnachten mit Schnee und Eis. Ich sehe von den Fenstern aus auf weiße, tote Felder. An dem stahlblauen Himmel funkeln nachts unzählige Sterne. Wir gingen alle zur Kirche.

Es war mir wie ein Traum. Der verschneite Weg, die Tannen glitzerten im Rauhreif, der lange Zug schwar­zer Gestalten mit den großen Hauben, und darunter ich, ich Dina von Grünwald. Ich zupfe mich an meiner rot­gefrorenen Nase, um es zu glauben. JnderKirchebrann- len die Weihnachtsbäume, der Knabenchor sang, es klang wie jubelnde Engelsstimmen.

Auch in unserem Krankenhause war es heute hell und freundlich. Die Bescherung für die Armen, meist Ange­hörige unserer Kranken fand im großen Saale statt. Den Kranken selber wurden die Geschenke ans Bett gebracht. In jedem Zimmer brannte ein WeihnachtSbaum.Auch unsere leidendenKinder jubelten mitihrenPuppenundihremSpiel-» zeug, bis Schmerz und Müdigkeit sie wieder übermannte.

Es gab so viel zu tun, sich mit zu freuen, daß ich gar nicht zum Nachdenken kam. Aber nachher, als für uns Schwestern im Wohnzimmer aufgebaut war und auch ich gleich anderen einen Platz unter der großen Tanne mit kleinen Geschenken für mich belegt fand, für die ich mich übrigens wie ein Dienstbote bei der Oberin bedanken mußte, da stand auf einmal der WeihnachtS» abend zu Hause in Zandow greifbar, schmerzlich, deut­lich iw meiner Seele. 190,18*