Schlüchterner Zeitung
mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. «3. , ? T & Telefon Nr. «s.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 1C Pfg.
32 84 Samstag, den 19. Oktober 1912. 63. Jahrgang.
Informationen.
Eine letzte Mahnung Oesterreich-Ungarns.
Die jüngste Aeußerung des offiziösen Wiener Fremdenblatts", in welcher die Einigkeit der Mächte in dem Bestreben, den unvermeidlich erscheinenden Bal- kenkrieg zu lokalisieren und den Statusquo auf dem Balkan unter Sicherung der nötigen Reformen in den türkischen Besitzungen ausrechtzuerhalten, nochmals scharf betont wird, gilt in Berliner diplomatischen Kreisen, tose unser Berliner Mitarbeiter erfährt, als eine Bertrauenskundgebung für Rußland und die russische Friedenspolitik.
Der Konferenzgedanke.
Der von dem französischen Ministerpräsidenten angeregte Gedanke einer europäischen Konferenz über die Balkanfrage kann schon heute, wie unserem Ber' [iner Vertreter an unterrichteter Stelle versichert wurde, als vorläufig fallengelassen angesehen werden. Zu einem positiven Vorschläge war der Gedanke überhaupt noch nicht gediehen, und man betrachtet es als sicher, daß er, solange die Feindseligkeiten auf dem Balkan im Gange sind, nicht weiter verfolgt wird.
Sasonow und Kokowzeff.
Der aus Petersburg stammenden Nachricht, der russische Ministerpräsident Kokowzeff sei an den Machenschaften beteiligt, die auf den Sturz des Ministers des Auswärtigen Sasonow abzielen, wird in Berliner politischen Kreisen nach einer Meldung unseres Berliner Vertreters nicht die geringste Glaubwürdigkeit beigemessen. Sicheren Nachrichten aus Petersburg zufolge herrscht zwischen Kokowzeff und Sasonow volle Uebereinstimmung in bezug auf die Friedenspolitik Rußlands.
Deutsches Reich.
— Ende der verflossenen Woche ist das Kaiserpaap wieder aus Rominten in die Mark Brandenburg zurückgekehrt und weilt jetzt in dem Jagdschloß Hubertus- stock am Werbellinsee. Gleich in den ersten Tagen nach seiner Ankunft hat der Kaiser dort den Reichskanzler empfangen, der ihm zweiffellos einen umfassenden Bericht über die innere und äußere Politik erstattet hat. Auch die Ernennung des neuen deutschen Botschafters in London ist jetzt erfolgt; die Wahl des Kaisers ist auf den Fürsten von Lichnowsky gefallen. Inzwischen räumt der Tod unter den älteren Staatsmännern Deutschlands weiter auf. In diesem Wochen« abschnitt hat er den früheren langjährigen Staatssekretär des Reichsschatzamtes Dr. Nieberding abberufen, mit dessen Namen wichtige Neuschöpfungen in dem weiten Gebiete des deutschen Rechts ehrenvoll verknüpft sind.
— Einen recht interessanten Beitrag zum Kapitel Fleischteuerung liefern mehrere Anzeigen in der „Frankfurter Volksstimme", in denen prima Rindfleisch zu 55 Pf, und 60 Pf. für das Pfund angeboten wird. Prima Hammelfleisch kostet 60 Pf. das Pfund. Lenden ohne Knochen werden zu 1 Mk. für das Pfund ausgeboten. Diese Preise werden als Fleischnotpreise kaum bezeichnet werden können.
— Ein schöner bürgerlicher Wahlsieg wird aus Geestemünde gemeldet. Bei den durch den Uebergang Geestemünde zur Stadtverwaltung erforderlich gewordenen Neuwahlen des Bürgervorsteherkollegiums siegten die von den vereinigten bürgerlichen Gruppen ausgestellten Kandidaten mit großer Mehrheit über die Sozialdemokratie.
— Das Vordringen der Polen in Ostpreußen macht sich immer mehr durch polnische Landankäufe bemerkbar. So sind im Kreise Heydekrug in der letzten Zeit große Landflächen, insgesamt 2000 Morgen, in polnischen Besitz übergegangen. Baron v. Dczircgowski erwarb das ; Gut Matzicken, 1110 Morgen groß, der gleiche erwarb die Gründe Berzischken 76 und Alk 62 von zusammen 52 Hektar. Kürzlich erwarb Baron v. Dczircgowski das Greifenbergsche Grundstück in Rudienen, 120 Morgen groß. Das Gut Rudienen, etwa 400 Morgen groß, gehörend Frau Jda Eckert, vorher dem Besitzer Meyhöser, erwarb Frau v. Sobieski aus Gnesen.
— Gegenwärtig sind bereits mehr als fünfhundert Frauen im preußischen Gefängnisdienst tätig. Allerdings ist hier die im Verwaltungsapparat beschäftigte Zahl mit einbezogen. In den Gefängnissen sind tätig eine Vorsteherin, 16 Oberinnen, 19 Buchhalterinnen, 13 Lehrerinnen, 19 Oberaufseherinnen, 26 Hausmütter, 25 Werkmeisterinnen, 329 Aufseherinnen und 41 „Köchinnen. Ganz abgesehen davon, daß in Frauen- gefängnissen nur weibliches Aufsichtspersonal verwendet werden kann, sind die Erfahrungen, die bisher gesammelt wurden, nur sehr gute gewesen.
— Anweisungen über die Regelung der staatlichen Unterstützung der Arbeitsnachweisverbände in Preußen gibt eine Verfügung des preußischen Handelsministers. Danach wird der staatliche Beitrag unter der Vorbedingung gewährt, daß die Provinzen, deren Provinzial- verbände um die Unterstützung des Staates einkommen, die gleichen Zuschüsse wie der Staat gewähren. Wenn es den Provinzialverbänden nicht möglich sein sollte, die Regelung der öffentlichen Arbeitsnachweistätigkeit auf reeller Grundlage zur Durchführung zu bringen, dann will die Regierung die Organisation selbst in die Hand nehmen, um dem schädlichen Arbeitermangel auf dem Lande und in kleinen Gemeinden abzuhelfen.
Kuslanö.
— Der „Amtliche Anzeiger für Deutsch-Ostafrika" veröffentlicht folgenden Abschiedsgruß des Kolonial- staatssekretärs Dr. Solf an die Bewohner der Kolonie: „Beim Verlassen Muansas, der letzten Station meiner Reise im Schutzgebiet, sage ich allen Ostafrikanern herzlichen Dank für die freundliche Aufnahme und Gastfreundschaft, die mir überall im Schutzgebiet entgegengebracht worden ist. Zu meiner hohen Genugtuung scheide ich von dem Lande jn der festen Ueberzeugung, daß Deutsch-Ostafrika in dem Jahrzehnt während dessen ich es nicht gesehen habe, dank der Tatkraft und Tüchtigkeit seiner Bevölkerung, gefördert und gesichert von einer pflichttreuen Beamtenschaft und Schutztruppe, sich mit überraschender Schnelligkeit ent« wickelt hat. Die Bewohner dieses schönen Landes, das in der Heimat zu vertreten mir eine Ehre ist, dürfen im Bewußtsein der eigenen Kraft und im Vertrauen auf die tätige Unterstützung durch ihren Gouverneur mit Zuversicht in die Zukunft blicken."
— Die neuen österreichischen Militärkredite wurden vom Heeresausschuß der österreichischen Delegation angenommen. Finanzminister Ritter V. Zalewski erklärte, es sei beabsichtigt, die geforderten rund 52 Millionen im Wege der Kreditoperation zu decken, so daß das Budget für 1913 nur mit einer Zinsenquote, die trotz der heutigen ungünstigen Marktverhältnisse zwei Millionen kaum übersteigen dürfte, belastet werde. Die im Programm der Regierung erwähnten kulturellen und wirtschaftlichen Fragen würden keineswegs eine Beeinträchtigung erfahren. Die Interessen, welche das Heer vertrete und unter Umständen zu schützen habe, seien in erster Linie Interessen des Volkes.
— Konstantinopel. Der Balkankrieg ist aus- gebr^chen! Am Donnerstag 2 Uhr 30 Min. morgens. (Meldung des „Reuterschen BüroS") Die Feindseligkeiten an der serbischen und an der bulgarischen Grenze haben heute nacht begonnen.
— In einer Proklamation des Sultans an die Armee heißt es: Die Utopisten in Bulgarien, Serbien, Griechenland und Montenegro haben die Heldentaten, welche die Türken einst in diesen vier Ländern vollbrachten, ebenso vergessen wie die Tapferkeit der Türken in Tripolis und haben an die türkischen Grenzen Truppen entsendet. Wir waren also gezwungen, zu mobilisieren. Wir befahlen die gesamte Mobilisation der Reservisten und der Landwehrtruppen der H, 2. und teilweise der 3. Inspektion. Die Proklamation spricht weiter in feierlichen Worten aus: Die Truppen werden sich ihrer Vorfahren würdig zeigen und den heiligen Boden des Vaterlandes gegen die Feinde der«
Roman von M. von Bünau.
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Bruno stampfte mit dem Fuß auf. „Mußt Du uns denn auch diesen vergnügten Tag wieder verderben?"
„Das tut sie immer mit Borliebe," sekundierte Ber- thvld.
„Da hörst Du's, Vater." Dina schluchzte krampfhaft °uf. „Das ist die liebevolle Art meiner Geschwister, mit vnrzu verkehren. Seid doch froh, mich loszuwerden. Ich verderbe Euch ja nur Eure vergnügten Tage. Was küm- wert es Euch, wen ich heirate, wo ich leben will. Ich werde Euch nicht belästigen. Ich ivill ja nichts wie fort- 8chen,so bald als möglich." Ihre feinen Nasenflügel beb- ün, die Brust ging stürmisch auf und nieder.
Triinwald schob die Tochter endlich zur Tür. „Geh, will Dich nicht mehr sehen!" schrie er sie an.
Dina ging mit schleppenden Schritten auf ihr Zim- wer. Sie warf sich vor ihrem Bett auf die Knie und ver- Swb den Kopf in die Kissen. Den größten Teil der Nacht ,Q9 sie so, von unterdrücktem Schluchzen geschüttelt, auf hakten Boden.
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, Eine gedrückte, unbehagliche Stimmung herrschte in °«N sonst so heiteren Hause. Fevdore und Hulda fuhren mit ihren Männern ab. Sie mochten, wie sie offen aus- Iprgchsn, nicht mit Dina zusammen sein, solange diese Men verdrehten Heiratsplan nicht endgültig aufzugs- vcn verspreche. Die Brüder redeten wenig, der Vater gar v>cht mehr mit ihr.
. Dina saß meist allein in ihrer Stube. Sie ging nach wie vor ins Dorf zu den Kranken, beschäftigte sich viel mit Frederle, den die vermehrte Aufsicht durchaus nicht vkgliickte, und schrieb häufig Briefe, die sie dem Briefträ- ,selbst übergab.
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suchte mit Güte auf Dina einzuwirken, aber alles Bitten und Zureden prallte wirkungslos ab.
Grünwald hatte in der Tat einen sehr energischen Brief an Doktor Bvrchers geschrieben, in dem er den jungen Arzt aufforderte, den Gedanken einer Heirat zwischen ihm und Dina als gänzlich aussichtslos aufzugeben, da er seine Zustimmung zu einer solchen, nach jeder Richtung hin unerwünschten Verbindung seiner Tochter nicht geben würde.
Der Doktor antwortete nach ein paar Tagen ganz kurz und höflich, er habe in Mühlfurt die Stelle eines Arztes am Stadtkrankenhaus mit einem festen, auskömmlichen Gehalt erhalten und werde also einen eigenen Hausstand führen können.
Diesen Brief warf Grünwald, nachdem er ihn gelesen, in den Papierkorb. Er hoffte, mit des Doktors Fortgehen würde die leidige Geschichte beendet sein und Dina zur Besinnung kommen. Mit Freundlichkeit kam er ihr aber nicht zu Hilfe. Sie hatte ihn zu schwer gereizt. Vater und Tochter besaßen denselben harten Kopf. Keines konnte sich entschließen, das erste freundliche Wort zu
sprechen.
Frau von Grünwald fand diesen Zustand geradezu unerträglich. Ihre verheirateten Töchter kamen kaum noch nach Zandoiv. Bruno und Berthold schrieben auch, daß sie das Weihnachtsfest dies Jahr lieber bei Riembecks oder Ellenbachs verleben würden, denn Dina „maule ihnen doch die Butter auf dem Brot ranzig," wie Berthold sich drastisch ausdrückte.
War es da nicht besser, Dina ging aus dem Hause, statt daß man um ihretwillen aus die Gesellschaft aller anderen Kinder verzichten mußte? Viele junge Mädchen lernten ja Krankenpflege, wurden Schwestern. Wenn daS eigensinnige Ding das also durchaus wollte, mochte man sie es doch versuchen lassen.
Sie redete in diesem Sinn mit ihrem Mann, m bedenken, daß das harte entsagungsvolle L«b>
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bringen würde, denn Dina ohne ihr Pferd, ihren Hund, ihren Flügel, ihren Frederle. Sie würde bald genug haben und gebessert zurückkehren.
Das leuchtete Grünwald ein. Als Dina einmal wieder von ihrem Fortgehen anfing, sagte er ärgerlich: „Meinetwegen, ich gebe Dir also die Erlaubnis, Dich in einem Krankenhaus als Lehrschwester zu melden. Bilde Dir- aber nicht ein, daß ich sonst klein beigeben und den ver-j drehten Unsinn mit dem Pflasterkasten später doch erlauf ben werde! Da bleibt's bei meinem Willen!"
Dina war zufrieden, vorläufig wenigstens so viel er» reicht zu haben.
„Ich danke Dir, Vater!" sagte sie herzlich. Sie warf- plötzlich ihre Arme um seinen Hals und küßte ihn stürmisch.
Grünwald versuchte vergebens, sich loszumacheu. Schließlich konnte er nicht anders, wie ihren bittenden, Augen nachgeben und sie wieder küssen. „Mädel, Mädel, was wärst Du für ein liebes Ding, wenn Du nicht solch, verschrobener Querkopf sein wolltest. Aber ich denke, Du lammst im Krankenhaus bald zur Vernunft."
Wird Dir wohl nicht lange gefallen, Totenhemden zu nähen und alte Weiber kämmen zu müssen." Diese Be- schäftigung bildete nach seiner Ansicht die Haupttätigkeit einer 'Schwester. „Ich wett», nach sechs Wochen kommst Du zurück."
Das war eine sehr unklUge Bemerkung. Dina gelobte sich natürlich eher zu sterben, wie drese Prophezeiung in Erfüllung gehen zu lassen.
Durch einen Aufruf in der Zeitung war sie auf ein Krankenhaus in Hannover aufmerksam geworden, das junge Lehr und Probeschwestern zur Ausbildung suchte. Sie schrieb der Oberin, fügte die Einwilligung der Eltern, ihren geschriebenen Lebenslauf bei und erhielt umgehend eine herzlich gehaltene Antwort, daß sie jederzeit zum Eintritt in daß P(ari«nhauE willkommen sei.