Schlüchterner Zeitung
mit amtlichem Arersblatt. A^matsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
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Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 81.
Informationen.
Zu den Beratungen der Wassergesetzkommission.
Die Wassergejetzkommission des preußischen Abgeordnetenhauses hat am Freitag ihre Sitzungen beendigt. Die Vorlegung des Berichtes erfolgt am 21. Oktober.
Friedensschluß zwischen Italien und der Türkei.
Eine offizielle Meldung über den Friedensschluß zwischen Italien und der Türkei liegt in Berlin bis zur Stunde nicht vor. Die Nachrichten darüber beruhen vorläufig nur auf Privatmeldungen. In diplomatischen Kreisen zweifelt man aber nicht mehr daran, daß der Friedensschluß, wenn er nicht scho:. erfolgt ist, tatsächlich vor der Tür steht.
Die Lage auf dem Balkan.
Es gewinnt den Anschein, als ob den Balkanstaaten das Konzept für ihr Vorgehen gegen die Türkei etwas in Verwirrung geraten sei. Daraus deutet auch der Umstand hin, daß jetzt statt von einem Ultimatum von einem Memorandum die Rede ist, das von den Balkanstaaten gleichzeitig der Pforte und den Großmächten überreicht werden soll. In der Berliner Diplomatie gibt man sich der Erwartung hin, daß der Friedensschluß zwischen Italien und der Türkei einen starken Eindruck auf die Balkanstaaten machen und im Verein mit der Geldfrage sowie mit der wachsenden Stockung in Handel und Verkehr, die schon durch die Mobilmachung hervorgerufen wird, auffdie kriegslustige Stimmung dort ernüchternd einwirken wird.
Die Stellung Rumäniens.
Die Meldung von einer Mobilisierung der rumänischen Armee ist bereits deinentiert. In Berliner dolitischen Kreisen.gilt eine Mobilmachung Rumäni^- bis zum Zeitpunkt einer offiziellen Kriegserklärung zwischen der Türkei und den Balkanstaaten überhaupt für ausgeschlossen. Auch dann dürfte sie zunäck st nur zur Sicherung der Neutralität Rumäniens erfolgen. Eine Beteiligung Rumäniens an etwaigen Maßnahmen, die Oesterreich'Ungarn und Rußland als Mandatare der Großmächte zur Erzwingung des Friedens auf der Balkanhalbinsel treffen würden, würde schwerlich in Frage kommen. Ein aktives Auftreten Rumäniens ist nur im Falle eines Sieges der Balkanstaaten über die Türkei zur Wahrung seines Interesses am Statusquo auf der Balkanhalbinsel zu erwarten.
Deutsches Reich.
-- Die Gesamtstärke des deutschen Heeres beträgt seit dem 1. Oktober, dem Termin der Aufstellung der Neuformationen, 655 914 Köpfe einschließlich der baye-
Mittwoch, den 9. Oktober 1912.
rischen Truppen. Im einzelnen sind vorhanden: 27037 Offiziere, daruter 413 Generale und 695 Regimentskommandeure, 2367 Sanitätsoffiziere, 810 Veterinär« offiziere, 1154 Zahlmeister, 2 Armeemusikinspizienten, 1193 Waffenmeister, Sattler usw.; ferner 92 347 Unteroffiziere, 531004 Gemeine. Die Zahl der Dienstpferde beträgt 126480. Die Zahl der Gemeinen verteilt sich auf die vier Kontingente wie folgt: 412346 Preußen, 39 834 Sachsen, 20 244 Württemberger, 58 580 Bayern.
— Nunmehr liegen auf Grund der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 auch für die konfessionelle Gliederung der Bevölkerung des Deutschen Reichs die endgültigen Ergebnisse vor. Danach gab es am 1. Dez. 1910 im Deutschen Reich nahe?" flauten und 23,8 Millionen KathöHü Me^raiyorr Bevölkerung des Deutschen Reichs ist also der Zahl nach nur etwas mehr als halb so stark wie die protestantische Bevölkerung. Von anderen Bekenntnissen kommen nur noch die Juden mit 615000 und die Anhänger anderer christlicher Bekenntnisse mit rund 284 000, endlich noch Angehörige anderer Religionen mit rund 208 000 Personen in Betracht.
— Ein hartes Urteil hat in der Generalversammlung des sozialdemokratischen Kreiswahlvereins Nieder- barnim ein „Genosse" namens Neuuiann gesprochen, der sich dahin äußerte, daß er sich mit dem „Genossen" Pieck nicht einverstanden erklären könne; wenn auch nur der zehnte Teil von dem wahr wäre, was Pieck sagte, würde er der erste sein, der sich ihm an die Seite stellte.
— In wie eigenartiger Weise Zollhinterziehungen bewerkstelligt werden können, geht aus einem Vor- Tvmiuiäy hi»sm- das einer sächsischen ZöLftellr passiert ist. Kürzlich wurde in einem unbesetzten Eisenbahnwagenabteil eine leere Pappschachtel gefunden, die äußerlich ganz das Aussehen und den Aufdruck des Reichskursbuchs, hinter dem Deckel auch zunächst zwei Blätter Fahrpläne aufwies, innen aber eine aus Papp- karton hergestellte Höhlung zeigte, in der zollpflichtige Gegegenstände in unverfänglicher Weise untergebracht werden können, um sie der Verzollung zu entziehen. Die Zollstellen sind auf dieses Vorkommnis aufmerksam gemacht worden.
— In Cöln wurde der Verband der deutschen Krankenkassen auf nationaler Grundlage konstituiert. An der Gründung beteiligten sich die dem deutschen nationalen Arbeiterkongreß angehörenden Arbeiterorganisationen und die deutschen Gewerkvereine (Hirsch- Duncker).
63. Jahrgang.
Auslaut».
— Trotz der Ruhe in der Stadt scheint Barcelona vor der Revolution zu stehen. Die spanische Regierung sucht seit einigen Tagen alle Schlupfwinkel nach anarchistischen und verbrecherischen Elementen ab, die in der Stadt wohl 2000 bis 3000 Köpfe ausmachen und bei der geringsten politischen Bewegung dafür sorgen würden, daß auch Raub und Plünderung an die Reihe kämen. Die Regierung geht mit dem Plane um, die Presse während der jetzigen Zustände nicht mehr erscheinen zu lassen, die revolutionäre nicht mehr, weil sie eine aufreizende Sprache führt, die konstutionelle und karlistische Presse nicht, weil sie die Bevölkerung durch übertriebene Meldungen in Furcht versetzen. Barcelona gleicht einem Militärlager.
— Der Ausstand der Textilarbeiter in Lawrence im nordamerikanischen Staate Massachusetts ist trotz Versuche, die Arbeitswilligen mit Waffengewalt von jder Arbeit abzuhalten, mißlungen. Immerhin sind den Textilfabriken noch 7000 Arbeiter ferngeblieben. Bei den letzten Unruhen wurden fünfzehn Personen verwundet. Die Polizei nahm zwölf Verhaftungen vor.
— Zum Gedächtnis der Revolution hat das große Revolutionsfest in China stattgefunden. Die Regierung hatte Beflaggung angeordnet, es fand eine große Truppenparade statt, für die gefallenen Revolutionäre wurden Trauerfeiern abgehalten, patriotische Schriften wurden verteilt, die Armen gespeist, und zum Schluß wurde noch ein großes Bankett gegeben. Im Finanzministerium war^eine revolutionäre Ausstellung unler- gebrcscht, die allerlei Dinge aus der Revolutionsepoche enthält. Für verstärkten Schutz war Vorsorge getroffen, da das Gerücht verbreitet war, die Mandschus wollten die Feierlichkeiten stören.
Ueber di" Unruhen in Britisch-Jndien meldet die Deutsche Kobelgramm-Gesellschaft, daß Mullah Said Akbar, einer der Anführer des Aufstandes von 1897, die Afridi und andere Stämme an der Nordwestgrenze aushetzt und die Notwendigkeit der Einigkeit untereinander und ihrer Vereinigung gegen die Feinde des Islams predigt. Sämtliche Stämme sind jetzt gut bewaffnet.
Lokales und Provinzielles.
Schlüchtern, den 8. Oktober 1912.
—* Ernennung. Herrn Amtsgerichts - Sekretär Schiebeler in Schlüchtern wurde der Charakter als Rechnungsrat verliehen.
—* Der früher hier tätig gewesene Pfarramtskandidat Rake wurde, nachdem er seit April 1911 als Pastor an der königlichen Erziehungsanstalt Härde-
Eigene Wege.
Roman von M. von Bünau. 7
Die zwischen ihren Schwägern sitzende Dina diskutierte lebhaft mit ihnen. Beide neckten sie mit ihrer „Schwestermarotte". Sie blieb ihnen aber keine Antwort schuldig. Zungengewandter wie die Herren, drehte sie sehr bald den Spieß um. Doch bald schien sie der Neckereien überdrüssig zu werden. Ein gelangweilter Ausdruck glitt über ihr Gesicht. Die dunklen Augen sahen müde und traurig aus. Sie antwortete immer einsilbiger, bis die Schwäger ein gemeinsames Gespräch über die Jagd, ge= würgt durch Bertholds Studentenwitze, in Gang brachten. Man belachte die Kalauer des jüngsten Sohnes herzlich. Niemand war in der Stimmung, sich mit tiefgehenden Problemen abzuquälen.
Nach beendetem Essen wurde im Salon der Kaffee genommen. Berthold, die Zigarette im Mundwinkel, schlug den Deckel des Flügels zurück. Er spielte alles auswendig nach dem Gehör, Opern, Walzer, Märsche, wie eine Spieluhr. Bruno pfiff dazu. Manchmal fielen Hulda und Feodore einund sangen zweistimmig mit.
Es war wieder viel Lärm, Lachen, Zigarettenrauch und Gemütlichkeit in dem großen Zimmer. Frau von Grünwald saß behaglich in ihrer Sofaecke. Also ihre Kinder waren um sie herum, mehr brauchte sie nicht, um glücklich zu sein.
Dina zog sich in den Erker zurück. Doktor Borchers folgte ihr. Sie fingen, unbeobachtet von den anderen, ein leises Gespräch an. Das lebhafte Interesse, mit dem Dina nach seinem Lebensgang, seinen Studien und Arbeiten fragte, entschädigte den Doktor für manche kleine Demütigung des heutigen Abends.
»Mein Vater war Lehrer," sagte er auf Dinas Frage rrach seinen Angehörigen. „Er leht mit meiner Mutter jn Bergen auf Mgen von seiner kleinen W^ii. Ex ist
schon alt und kränklich. Sollte er sterben, würde ich meine Mutter zu mir nehmen."
„Natürlich, das wä're Ihre Pflicht," gab Dina zu. „Haben Sie nicht die Aussicht auf eine bessere Praxis? In der kleinen Stadt und auf den paar Gütern, das ist gewiß nicht viel."
„Genug zu tun gibt es schon. Ich möchte jetzt auch nicht fort, denn meine Arbeit hier ist nur lieb."
„Ich sprach heute mit meinem Vater darüber, daß ich Krankenpflege lernen will."
„Was sagte er dazu?"
„Er wies es natürlich ab. Darauf war ich gefaßt. Ich habe aber schon manches durchgesetzt, was erst nicht sein sollte. Ich erreiche auch diesmal, was ich will." Sie richtete ihre schlanke Gestalt stolz auf.
Er sah sie bewundernd an. Ein heißer Strom von Liebe und Sehnsucht ging durch sein Herz. War es denn ganz undenkbar, sie zu gewinnen? Unwillkürlich blickte er sich im Kreise der Ihren um. Das hochmütige, blasse Gesicht von Hulda Riembeck sah ihm gerade, wie erstaunt fragend in die Augen. Berthold wandte ihm halb den Rücken. Der alte Herr von Grünwald, mit dem Kneifer auf seiner scharfgeschnittenen Nase, schien mißbilligend Dinas isolierten Platz zu bemerken. Ein lähmendes Gefühl der Mutlosigkeit drückte Borchers aufwallende Hoffnungen wieder zu Buden. Er, der Lehrerssohn, der Land- doktor, träumte davon, ein Mitglied dieser stolzen Familie zu werden. Wie sie wohl lachen würden, wenn sie es wüßten.
„Noch eine Tasse Kaffee, lieber Doktor?" rief Frau von Grünwald herüber. „Vor der weiten Rückfahrt wird Ihnen das gut tun."
Borchers überreizte Gefühle ließen ihn in diesen harmlosen Worten einen Wink sehen. Er stand schnell auf. „Danke sehr, gnädige Kranich muß mich nun wohl empfehlen. Herzlichen Dank für den schönen Tag."
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Herr von Grünwald stand auf. „Wollen Sie schon fort?" sagte er kühl. „Es ist Mondschein, da kann man wohl ganz gut radeln?"
„Den weiten Weg .. mitten in der Nacht!" rief Dina erstaunt. „Könnte nicht ein Wagen..." Grünwald schien aber keine Lust zu haben, seinen Pferden noch die Fahrt zuzumuten.
Borchers merkte das sehr wohl. „Danke verbindlichst!^ fiel er schnell ein. „Ich radle oft bei viel tieferer Dunkelheit. Die Azetylenlaternen leuchten vorzüglich."
Dina drückte ihm die Hand. „Freitag verbinden Sie die Kirchhoff wieder, nicht wahr? Diesmal wird dieWund« besser aussehen."
„Ich hoffe es." Ein freundliches Lächeln verschöntei sein ernstes Gesicht. Er verbeugte sich rasch vor den übri» gen und ging.
„Ein unglaublicher Kaffer, dieser Doktor!" meinte Ber» thold, als die Tür sich kaum hinter Borchers geschlossen hatte. Er ahmte die Verbeugung nach.
„Ein solch guter, bescheidener Mensch," verteidigte ihn Frau von Grünwald.
„Er ist viel gebildeter wie Du," wies Dina den Brrv> der scharf zurecht. „Er würde nicht über einen Gast seiner Eltern spotten, der kaum zur Tür hinaus ist."
„Ja, ja, Du hast recht, Dina. Aber nun laß unS um Gottes willen mit Deinem Doktor zufrieden. Der sitzt mir bis oben hin!" meinte Hulda.
Dina stand auf. „Dann kann ich ja gehen," antwort tete sie kurz. „Gute Nacht!"
„Sie wird alle Tage unausstehlicher!" klagte Hulda hinter ihr her. „Seit dieser Freundschaft mit dem Doktor ist nichts mehr mit ihr anzufangen."
„Das wird mirdenndochbaldzubunt," brummte Herr von Grünwald vor sich hin und verschanzte sich hinter seiner Zeitung. Er beschloß, der ganzen Sache ein Endh- zu machen.