Schlüchtemer Zeitung
mit amtlichem Areisblatt. Alonatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. «5. Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". Telefon Nr. «S.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 1C Pfg.
X 78.
Samstag, den 28. September 1912.
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Fortwährend
werden Bestellungen auf die Schlüchterner Zeitung
mit amtlichem Kreisblatt von allen Postanstalten, Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegengenommen.
finden in der Schlüchterner IllOdCl Zeitung den meisten Erfolg, da sie die größte Auflage der im Kreise Schlüch- tern erscheinenden Zeitungen besitzt.
Deutsches Reich.
— Badenweiler. Marschall v. Bieberstein P Am Dienstag früh um 4 Uhr 15 Minuten ist im Hotel Mmerbad der hier zur Kur weilende deutsche Botschafter in ■ London Freiherr Marschall v. Bieberstein gestorben.
— Schlachtvieh- und Fleischbeschau im Deutschen Reiche. Aus der Zusammenstellung des Kaiserlichen Statistischen Amtes der im 2. Vierteljahr 1912 beschauten Schlachttiere ergibt sich, daß der Schlachtvieh» und Fleischbeschau unterzogen wurden
im 2. Vierteljahr
1912
1911
Pferde und andere Einhufer
. 38 649
28 710
Ochsen.....
129 216
133 303
Bullen.....
115 652
113 694
Kühe.....
421 820
419527
Sunatinber über drei Monate alt 225 650
211447
Kälber unter drei Monate alt
1 309 106
1 306 425
Schweine ....
4 302 862
4125 367
Schafe . . . . .
454 938
471299
Ziegen.....
204 235
176 786
Hunde.....
1237
929
— Von der sozialdemokratischen Presse wird fortgesetzt behauptet, daß die Löhne der Arbeiter in Deutschland nicht oder nicht in dem Maße wie die Lebens- miltelpreise gestiegen seien. Ueber die Lebensmittel- Preise werden fortlaufende Statistiken geführt, über die Arbeitslöhne nicht; man ist also in letzterer Beziehung nicht so genau wie in ersterer informiert. Indessen gibt es doch einigermaßen sichere Anhaltspunkte für die Hvhe.der Lohnsteigerungen in den berufsgenossenschaft- lichewZohnnachweisungen. Aus dem Bericht der Knappschaftsberufsgenossenschaften geht hervor, daß, während
1910 auf einen Versicherten eine Lohnsumme von 1344,62 Mk. kam, sie 1911 sich auf 1395,48 Mk. stellte. Danach hat sich der Bergarbeiterdurchschnittslohn, wie ihn die Berufsgenossenschaft berechnet, um 50,86 Mk., also um nahezu 4 Proz. gesteigert. Als geringfügig wird man eine derartige Steigerung eines Jahres wohl nicht bezeichnen können.
— Für die Anstellung landwirtschaftlicher Assistenten in den Kolonien hat das Reichskolonialamt neuerdings Bestimmungen erlassen. Danach müssen solche im Besitze des Befähigungszeugnisses für den einjährig-frei- willigen Dienst sein; englische sind Sprachkenntnis erwünscht. Für die landwirtschaftlichen Assistenten 1. Klasse gelten folgende Sonderbestimmungen: Bewerber haben den Beweis zu erbringen, daß sie die Kolonial- schule^in Witzenhausen absolviert oder die Diplomprüfung für die Landwirte am Kolonialinstitut in Hamburg oder an den dafür zuständigen Universitäten oder Hochschulen in Preußen Sachsen, Sachsen-Weimar oder Hessen usw. abgelegt haben. Aus dem soeben ausgegebenen Rechenschaftsbericht der Deutschen Kolonialschule geht hervor, daß nicht nur das Reichskolonialamt, sondern auch eine große Zahl kolonialer Gesellschaften bei der Anstellung draußen ehemalige Kolonialschüler bevorzugt. Der Rechenschaftsbericht gibt ferner eine übersichtliche und ausführliche Darstellung über die nunmehr vierzigjährige Arbeit dieser Anstalt und ihre Entwickelung sowie einen Nachweis über die überseeische Tätigkeit der Kolonial- schüler. Bis Ostern 1912 waren 491 Schüler durch die Kolonialschule gegangen.
(^ — Ein Koalitionsrecht der bayerischen Eisenbahner
im Sinne der Reichsgewerbeordnung gesteyt die Staats
eisenbahnverwaltung, wie der Verkehrsminister v. Seid- lein in der bayerischen Abgeordnetenkammer betonte, nicht zu. Um den Gefahren eines etwaigen Streiks auf den Eisenbahnen, der besonders im Kriegsfalle von tief einschneidender Bedeutung wäre, vorzubeugen, müsse, so führte der Minister aus, die Regierung solchen Vereinigungen, welche die Arbeitseinstellung als zulässig erklären, entgegentreten, und sie könne nicht erst warten, bis eine solche Vereinigung sich zu einem Ausstande entschließe. Eisenbahnbeamle und Eisenbahnarbeiter müßten sich klar sein, daß ihnen aus staatlichen und dienstlichen Interessen ein Recht auf Arbeitseinstellung nicht eingeräumt werden könne, welcher Organisation sie auch angehörten, seien es nun freie oder christliche Gewerkschaften. Solange sich die Beamten- und Ar- beiter-Organisationen aber auf gesetzlichem Boden be-
63. Jahrgang.
wegten, lege ihnen die Staatsregierung keine Schwierigkeiten in den Weg.
Ausland.
— Die völlige Unzulänglichkeit der französischen Luftschiffe während der Manöver in der Touraine wird jetzt offen zugegeben, wogegen die Leistungen der Flieger bemerkenswert waren. Die Acmeeleitung, die nur geringes Vertrauen in die deutschen Luftschiffsysteme, namentlich in die Zeppeline setzt, ist daher entschlossen, die Luftschiffe allmählich ganz zu vernachlässigen und dem Ausbau des Fliegerwesens um so größere Beachtung zu schenken. — Es ist sehr interessant, zu erfahren, daß die französischen Luftschiffe ein so völliges Fiasko erlitten haben.
— Den baldigen Friedensschluß zwischen Italien und der Türkei kündigt der Abgeordnete Cirmeni, der unmittelbare Beziehungen zu den italienischen Unterhändlern hat, in der „Stampa" an. Er bestätigt, daß nur noch eine Formel für die italienische Souveränität zu finden ist, da die von den Türken bisher gemachten Vorschläge den Anspruch Italiens auf volle Souveränität nicht befriedigen. Von besonderer Wichtigkeit ist in der Information Cirmenis die Feststellung, daß die jetzigen Unterhändler der beiden Regierungen Vollmacht haben, den Frieden endgültig abzuschließen und zu unterzeichnen, ohne daß es nötig ist, die Abmachungen noch einmal durch offizielle Unterhändler durchberaten zu lassen.
— Die unruhigen Kreter haben wieder einen neuen Putschversuch gemacht. Auf der Insel Samos sind dreihundertfünfzig Kreter, darunter einige Offiziere, ganz unerwartet gelandet und marschieren gegen Kar- lovasi und Vathy, um zum Aufstand zu schüren. Die türkische Besatzung hat sich in Vathy, wo ein Zusammenstoß wahrscheinlich ist, verschanzt. Die französische Regierung hat sich entschlossen, den Panzerkreuzer „Bruix", der augenblicklich in Kanea ist, nach Samos zu entsenden.
Lokales und Provinzielles.
Schlüchtern, den 27. September 1912.
—* Auf den letzten Sonntag Nachmittag hatte der junge nationalliberale Verein zu Schlüchtern eine öffentliche politische Versammlung einberufen. Der Vorsitzende, Herr Seminarlehrer Walther, begründete einleitend in einem Ueberblick die Notwendigkeit einer
Roman von M. von Bunan. 4
„Ich muß mich nun empfehlen, gnädiges Fräulein,* Stille Dr. Borchers ab.
„Können Sie nicht zum Essen bleiben?" bat sie schnell. »Papa läßt Sie abends zurückfahren."
, „Sie sind sehr gütig, gnädiges Fräulein. Ich bliebe I» sehr gern, aber mein Anzug . . ."
„Ach, der Anzug schadet nichts. Wenn Papa undBruno hungrig von der Jagd kommen, sitzen sie oft in einem wahren Räuberzivil am Tisch."
Borchers schwankte. Es warsehr verlockend, noch län- 8« mit Dina zusammen zusein, aber im übrigen waren Diners in Zandow meist recht peinlich für ihn. Er notte den leicht gönnerhaften Ton sehr wohl heraus, mit sich der alte Herr von Grünwald nach seiner Praxis ^kündigte. Dinas Schwestern, die Gräfin Riembeck uud Eu von Ellenbach, ignorierten ihn meist vollkommen, pur Dina und ihre Mutter waren freundlich, fast herz- ohne protegierenden Beigeschmack. Aber er fühlte selbst ganz gut, wie wenig vorteilhaft er sich in der M befangen machenden Umgebung präsentierte. Die Indessen, die hier im Mittelpunkt standen, teilte er nicht. Personen und Verhältnisse, von denen gesprochen wurde, kannte er faum dem Namen nach. Was sein Leben aus- ™ttte, fand hier wiederum keine oder nur sehr geringe Pachtung.
Dina wollte ihm noch weiter zureden, als sie sich plötz- von hinten umklammert fühlte. Frederle suchte angst- hinter ihr Deckung, denn der Gärtner kam eben mit ^mrotem Gesicht aus dem Obstgarten geschossen. Ohne von dem Doktor oder Dina Notiz zu nehmen, zerrte er utebette am Arm und ohrfeigte ihn links und rechts.
- „Was fällt Ihnen ein? Sind Sie toll geworden?" ^»m fiel dem zornigen Mann in den Arm. „Wie tön=
verlassen Sie den Dienst, ich werd's dem Herrn sagen. Diese bodenlose Frechheit!"
Das Geschrei des Jungen rief Frau von Grünwald und Dinas Geschwister von dem Tennisplatz hinter dem Hause herbei.
„Um Gottes willen, was geht da vor? Natürlich wieder der Unglücksjunge! Dina hat einen ihrerWutanfälle.
so lauteten die Bemerkungen, die die Herbeieilenden unter sich tauschten.
Frau von Grünwald, eine stattliche Frau mit einem freundlichen Gesicht und hoch aus der Stirn zurückge- tämmtem weißen Haar, wandte sich, da der Gärtner in
Doktor um
seiner Erregung ziemlich urwerständlich blieb, an den Doktor um Aufklärung.
Aber Dina fuhr dazwischen. „Zuerst soll Doktor Borchers Fredrrle untersuchen. Der rohe Mensch hat dem Kind vielleicht das Trommelfell zerschlagen. Kannst Du noch hören, Fredi? Hör doch endlich auf zu schreien! Ob Du noch hören kannst, will ich wissen?"
Dinas jüngster Bruder, ein schlank aufgeschossener, junger Herr mit zwei breiten „Durchziehern" auf der rechten Back«, die den Korpsstudenten deutlich verriet«», lachte laut auf.
„Stell Dich bloß nicht wieder so an, Dina! Dem Jungen fehlt nichts weiter, als daß er im Leben viel zu wenig Hiebe bekommen hat."
Der Gärtner grinste beifällig. „Das ganze Tafelobst zum heutigen Diner hat der Bengel gestohlen, dabei die Hälfte bloß angebifssn und weggeschmissen!"
„Jedenfalls war es nicht Ihre Sache, daS Kind zu bestrafen," fiel Dina mit fliegendem Atem ei«. „Ich werde es meinem Vater sagen."
„Blamier' Dich nicht, Dina," flüsterte Hulda Riem- bett ihr ins Ohr. „Papa ist sehr mit Renz zufrieden. Der Junge hat die Prügel reichlich verdient. „Wenn Du nicht willst, daß er noch mehr kriegt, schweig lieber still."
„Das konnte ich mir denken, daß Ihr gegep auch sein
„Der Jun^e ist wirklich ganz heil und gesund," sagte der Doktor lächelnd. Er wandte sich zum Gehen.
Aber Dina bat rasch: «Sie haben mir versprochen, zu Tisch hier zu biethen."
Borchers errötete leicht. Er sah, wie die Geschwister sich erstaunt ansahey, und bereute sein not eilig gegebe-. nes Versprechen.
„Es wird uns eine Freude sein, wenn Sie um fün^ Uhr mit uns essen wollen," sagte Frau von Grünwald^' Sie wußte, daß ihr Mann und die übrigen Kinder e& nicht gern sahen, aber kränken wollte sie Borchers, den fi* aufrichtig schätzte, nicht. ,
„Bis fünf Uhr haben wir noch lange Zeit. Ich denke^ wir fangen nun endlich unser Tennis av,* schlug Bei», thold vor.
„Keiner dachte Satan, den Doktor zur Teilnahme an» Spiel aufzufordern.
„Ich habe noch beim Rektor vorzusprechen. Das kleinste Kind ist krank. Um fünf Uhr bin ich pünktlich hier, wenn die Herrschaften meinen Anzug entschuldigen wollen."
„Bitte .. bitte." Der Ton der Gräfin Riembeck klang, genauso, als ob sie eigentlich sagen wollte: „Wer achte« wohl darauf, was Du für einen Rock anhast!"
Dina sah Borchers nach. Sie hielt den heulende». Frederle noch immer umschlungen.
„Konntet ihr Doktor Borchers nicht etwas freundlicher ^ auffordern?" wandte sie sich vorwurfsvoll an ihre Geschwister. "„Ungezogen seid Ihr gegen ihn, obgleich fein kleiner Finger mehr Nützliches tut alS ihr alle miteinander den lieben, langen Tag."
„Du hast Dich wohl in den rotblonden Landdokko» verliebt, Dina?" Die Gräfin Riembeck schob ihren Güv». tel herunter; ihre schlanle graziöse Gestalt sah in den» kurzen Lodenrock sehr zierlich aus. Sie lachte Hell auf. Feodore und Berthold stimmten «in. S
„Nein, ich habe mich nicht in ihn verliebt l'Wtwvrtete 1 .Dina. iMWM