Schlüchterner Zeitung
mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. 65. Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". Telefon Nr. «5.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 1C Pfg.
32 74» Samstag, den 14. September 1912. 63. Jahrgang.
nalisnalflugspenüe.
Mit Stolz dürfen wir Deutsche den Mann den unseren nennen, der die Sehnsucht von Jahrhunderten zuerst verwirklicht hat: Zeppelin. Die stürmische Vorwärtsentwickelung aber, die das Luftfahrwesen mit dem Auftreten der Flugmaschine genommen hat, zwingt uns, die äußersten Anstrengungen zu machen, um nicht durch die Opferwilligkeit und Tatkraft anderer Nationen ins Hintertreffen gedrängt zu werden. Wenn irgendwo, so muß es hier allezeit heißen: „Deutsche vor die Front!" Nicht spielerischer Ehrgeiz heischt dies von uns, sondern hier gilt es, unseren Ruhm als erste Meister angewandter Wissenschaft zu wahren.
Nicht jedem ist es vergönnt, seine körperlichen und geistigen Kräfte persönlich in den Dienst dieser nationalen Ehrenaufgabe zu stellen. Wohl aber kann ein jeder ein Scherflein beitragen, damit der Gesamtwille der deutschen Nation der machtvolle Motor sei, der der deutschen Flugmaschine zum Siege verhilft.
Es handelt sich um eine
Nationalspende, bei der keiner fehlen darf, um eine nationale Spende für das deutsche Flugwesen und die deutschen Flieger.
Vor allem aber soll die Nationalspende die Mittel bieten, unaufhaltsam weiterzuarbeiten an der Vervollkommnung der Flugapparate, an der Ausbildung der Flieger, auf daß die Gefahren vermindert, die Leistungen erhöht werden. Mit Hilfe der Nationalspende soll auch die Entwicklung einer Technik gefördert werden, die immer neue Arbeits- und Erwerbsfelder erschließen wird. Häufige und ausgedehnte Wettkämpfe sollen Er- findungsgeist, Mut und Tatkraft anspornen und immer stolzere Leistungen von Mann und Maschine hervorrufen. Kurz : das deutsche Flugzeug soll, ob es in der Stunde nationaler Gefahr wachsam in den Lüften kreist, oder ob es in friedlichem Wettbewerb der Nationen als neuestes Mittel modernen Verkehrs und als geflügelter Bote vaterländischer Leistungsfähigkeit durch die Lande eilt, in jedem Augenblicke bereit und imstande sein, zu erfüllen, was das Gebot der Stunde von ihm fordert.
Als nach dem Unglücke von Echterdingen eine stürmische nationale Begeisterung das deutsche Volk durchwehte und in wenigen Wochen Millionen aufgebracht wurden, da waren nicht die Millionen allein der greifbare Gewinn der nationalen Begeisterung. Daß
das deutsche Volk sich einmütig zu einer nationalen Tat aufraffte, das zeigte der Welt die elementare Wucht des deutschen Volkswillens.
Für das Volk — durch das Volk!
So beweise Deutschland auch jetzt, daß alle Unterschiede der Parteien, der Konfessionen, der sozialen Schichtungen in dem Augenblicke verschwunden sind, wo das deutsche Volk vor eine große nationale Aufgabe gestellt wird.
Das deutsche Reichskomitee:
Heinrich, Prinz von Preußen, Protektor.
Dr. Graf von Posadowsky-Wehner, Präsident des Komitees.
(Folgen 100 Unterschriften.)
Der Ausschuß für Kurhessen schließt sich vorstehendem Aufruf an.
In erster Linie erstrebt er, daß aus den in unserm Hessenlande gesammelten Geldern
ein Militärflugzeug
beschafft werde, das dessen Namen tragen und Zeugnis ablegen soll von dem festen Willen seiner Bewohner, stets einzutreten für die Wehrhaftigkeit des Reiches in jeder Hinsicht. Nur diese gewährleistet dem deutschen Volke eine ehrenvolle Friedenszeit.
Wenn jetzt der Ruf des Reichskomitees an alle Gauen unseres Vaterlandes ergeht, so sind wir überzeugt, daß unsere Heimat nicht zurückstehen wird an opferwilliger Begeisterung.
Möge der große Gedanken der Nationalspende auch cii unserem Hessenlande offene Herzen und offene Hände finden.
Möge jeder nach seinen Kräften beitragen zum Gelingen dieses vaterländischen Untebnehmens!
Frhr. von Schefser-Boyadel, General der Infanterie, Kommandierender General des 11. Armeekorps.
Hengstenberg, Oberpräsident der Provinz Hessen-Nassau.
Vorstehender Aufruf wird nochmals veröffentlicht mit dem hinzufügen, daß die Sammlungen am
September geschlossen werden sollen. Wer also noch den Wunsch hat, sein Scherflein beizutragen, der wolle es sofort tun. Am Kaiserlichen Postamt, wie an der Kreissparkasse werden Gaben angenommen.
Valenttner, Landrat.
Dmtsches Reich.
Der Kaiser, welcher z. Zt. den Kaisermanövern beiwohnt, besuchte am Donnerstag mittag den König von Sachsen auf dessen Jagdschloß Wermersdorf bei Hubertusburg.
— Der König von Sachsen ist vom Kaiser zum Generalfeldmarschall ernannt worden.
— Prinzessin Viktoria Luise von Preußen, Tochter des Kaiserpaares, feiert heute Freitag ihren 20. Geburtstag.
— Karlsruhe. Erkrankung des Großherzogs von Baden. Der Karlsruher Zeitung zufolge erkrankte der Großherzog am Abend des 6. September an einer fieberhaften Erkältung mit rheumatischen Beschwerden. Seit Montag ist ein Nachlassen der fieberhaften Temperatursteigerung und am Abend zugleich der Beschwerden eingetreten.
Prinz Heinrich in Japan.
— Tokio. Prinz Heinrich traf am Dienstag vormittag um 9 Uhr nach guter Reise auf der Reede von Pokohama ein. Japanische und fremde Kriegsschiffe salutierten seine Standarte. Nachdem die Schiffe Anker geworfen hatten, kamen der deutsche Botschafter Graf v. Rex und der Generalkonsul an Bord. Gleichzeitig meldete sich der japanische Ehrendienst. An der Landungsstelle empfingen den Prinzen japanische Beamte und die deutsche Kolonie. Bei der Ankunft in Tokio waren zum Empfang auf dem Bahnhof erschienen der Kaiser von Japan, die kaiserlichen Prinzen und die Gr^würdenträger. Nach Vorstellung des Gefolges schritt M Prinz' mit dem Kaiser von Japan die Ehrenwache ab. Prinz Kanin geleitete den deutschen Gast nach dem Kasumigaseki-Palais im Galawagen mit Eskorte des Gardekavallerie-Regiments. Die Bevölkerung füllte dicht gedrängt die Straße. Nach der Ankunft im Palais überreichte Fürst Katsura im Auftrage des Kaisers dem Prinzen die Kette des Chrysanthemum-Ordens. — Prinz Heinrich von Preußen startete am Mittwoch vormittag dem Kaiser einen Besuch ab und nahm das Frühstück mit ihm. Später begab sich Prinz Heinrich in das Trauergemach, um der dort aufgebahrten Leiche des verstorbenen Kaisers seine Ehrung zu erweisen.
— Berlin. Gegen die Teuerung. Oberbürgermeister Wermuth empfing eine Deputation b& Magistrats von Wilmersdorf, die der Bereitwilligkeit Ausdruck gab, sich dem gemeinsamen Vorgehen der Gemeinden von Groß-Berlin gegen die Fleischteuerung anzuschließen.
Das Geheimnis der Kluten.
Roman von Jenny Hirsch. 73
Noch war ihre Trauer zu tief, um an eine Verbindung mit dem Geliebten zu denken, und auch der Trost, ihn zu sehen, ward ihr nicht sogleich nach ihrer Ankunft zn teil, denn Ludolf befand sich auf einem großen Gute in Mecklenburg, wo er sich mit großem Eifer der Landwirtschaft widmete.
Auf den Rat und Wunsch des Konsuls war ein Teil von Lydias großem Vermögen in Ländereien angelegt worden, die dergestalt erworben worden waren, daß der Rodenberg nun der Mittelpunkt einer stattlichen Herr- lchaft mit fruchtbaren Feldern, holz- und wildreichen Forsten und einem klaren See bildete, wo Ludolf und Lydia als Gutsherrschaft wallten sollten.
An einem klaren, milden Septembertage fand in der kleinen Kirche zu Malente endlich die Trauung des viel- Lkprüsten Paares statt, und es war eine kleine, tiefbewegte Hochzeitsgesellschaft, welche den ländlichen Altar umstand und nun an dem Male teilnahm, das Horn Und Christine den Neuvermählten in ihrem Forsthause -breitet hatten. Um die mit den Blumen der Försterin Pöp- lau reich geschmückte Tafel reihten sich ihre Kinder, denn auch Helene, Christines Zwillingsschwester, war zu dem Hochzeitstage des geliebten Bruders gekommen, der Förster Horn und der Konsul Elster, der an der anderen Seite Lydias Platz genommen hatte, während die Försterin neben ihrem Sohn saß. Außerdem befanden sich an dem Tische Noßwitz' und Ediths beide Töchter, die mit dem glücklichen Leichtsinn der Jugend der Mutter und des Aaters nur noch im Traume gedachten und in der kranz- Und schleiergeschmückten Braut jetzt ihre Mutter sahen.
Als heiliges Vermächtnis einer Dahiugeschiedenensoll- sie mit einziehen in den neuen Haushalt, Lydra und Ludolf hatten einander gelobt, Elternstelle an ihnen zu vertreten. Si- hielten dieses Gelübde auch, als in der, zu
einem stattlichen Herrenhause erweiterten Villa auf dem Rodenberge die heranwuchsen, die noch nähere Anrechte an ihre Liebe und Fürsorge besaßen. Hatte sich Lydia das ausschließliche Recht auf die kleinen Elternlosen doch auch noch durch ein nicht ganz unbeträchtliches Geldopfer erkauft.
Noßwitz war zu einer mehrjährigen Zuchthausstrafe verurteilt worden. Nachdem er sie verbüßt hatte, ließ ihm Lydia eine ansehnliche Summe bieten, unter der Bedingung, daß er jedem Rechte auf seine Kinder durch einen notariell beglaubigten Akt entsage und ohne jeden Versuch, sie wiederzusehen, Deutschland verlasse.
Noßwitz ging mit großer Bereitwilligkeit darauf ein und beeilte sich, sobald die Tore des Zuchthauses sich ihm geöffnet hatten, eine möglichst große Entfernung zwischen sich und Europa zu legen. Er war nämlich nicht sicher, ob seine Gläubiger nicht noch Ansprüche an ihn erheben und sich des ihm soeben erst zuteil gewordenen Vermögens bemächtigen könnten.
Herr Liewald sen. wurde eines Morgens als Leiche aufgefunden, Liewald jun., sein Sohn und Nachfolger, setzte das Geschäft ganz im Sinne seines würdigen Vaters fort.
Erdachte indes nicht daran, Noßwitz weiter zu behelligen. Unangefochten kam dieser nach Amerika. Dort aber verschwand er im großen Strom, man hat nie wieder etwas von ihm gehört.
Die Försterin Pöplau ward, wie der Konsul Elster, der einen Teil des Jahres auf einer in der Nähe des Rodenbergs erworbenen Besitzung verlebte, lächelnd zu sagen pflegte, ein Zankapfel in den beiden Familien Horn und Pöplau geworden. Jede wollte sie haben, und sie drohte zuweilen scherzend, wenn man es gar zu arg treibe, so gehe sie zu Helene, welche die Gattin eines Kaufmanns in Hamburg geworden war.
„O, damit erschreckst Du unS nicht," erwiderte Ludolf dann lachend, „Du kannst Deinen Wald und Deine Blumen nicht entbehren."
„Und beides hat sie am schönsten in Lindental," triumphierte Horn, „denn habt Ihr auf dem Rodenberg auch größere Treibhäuser, so blüht und gedeiht es doch nirgend so schön, wie gerade im Forsthause"
„Ob hier, ob dort," schlichtete gewöhnlich Lydia den Streit, „gleichviel, wir besitzen sie) wir besitzen sie alle, die Liebe, welche uns verbindet, und die sich bewährt hat in Not und Trübsal."
— Ende.—
Der Berttebte. Braut: „Jetzt haben wir schon dreimal versucht, uns photographieren zu lassen, aber auf allen drei Bildern sieht mein Bräutigam aus, als ob er schielte!" — „Tut er das denn in Wirklichkeit nicht?" — „Gott bewahre, er schielt nur immer nach mir!"
Rache ist fuß. Austretende Köchin (beim Abschied) : „Das will ich Ihnen doch noch sagen, Madame: Der Küchenschlüssel öffnet auch die Kellertüre! Leben Sie wohl!"
Ein Entschuldigungszettel. Eine Lehrerin einer kleinen Stadt des oberschlesischen Jndustriebezirkes erhielt dieser Tage einen Entschuldigungszettel, den die „Bresl. Ztg." — unter Ausmerzung von etwa fünzig harmlosen Verstößen gegen die Rechtschreibung — folgendermaßen wiedergibt: „GeehrtesSchulfräulein,meine Tochter Anna kann nicht in die Schule kommen, denn sie ist krank, da wird ihr wohl ein Ohrwurm inS Ohr gekrochen sein und hat sich erkältet. Sie liegt im Bett und schwitzt mitHochachtung. Fräulein N.N., Mutter."
Kindermund. Beim Tischgespräch erwähnt der Hausherr das Wort „Qualität". Sein kleines Töchter- chen versteht dieses Wort nicht und fragt nach seiner Bedeutung. Es bedeutet so viel wie „Güte", erklärte ihm der Vater. Am nächsten Tage bringt der ältere Bruder aus der Schule eine 4 nach Hause. Da bricht die Kleine in den Ausruf aus: .Ach du meine OMitätl" 191,1^