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Beilage z. Schlüchterner Zeitung

Nr. 72. Samstag, den 7. September 1912. Jahrgang 63.

Die Pockenerkrankungen in Frankfurt a M i

DerAerztliche Verein zu Frankfurt a. M." nimmt s Veranlassung, über die von Ende April bis Anfang Juli diesen Jahres in Frankfurt a. M. beobachteten Pockensälle nachstehende authentische Aufklärungen zu geben, da vielfach veröffentlichte Berichte nicht den Tat­sachen entsprechen und irreführend wirken können.

Den Ausgangspunkt der Erkrankungen bildete eine im April aus Rußland zugereiste Dame, die die Pocken- erkrankung auf drei Mitglieder der Familie übectrug,! bei der sie zu Besuch weilte. Der Krankheitsverlauf j war bei diesen vier Personen, die sich im dritten und vierten Lebensjahrzehnt befanden, ein leichter; sie waren sämtlich in ihrer Kindheit geimpft und wieder geimpft. Die 16jährige Tochter des Hauses, nachweislich vier Jahre vorher mit Erfolg geimpft, blieb trotz des viel- sachen innigsten Kontakes mit den Erkrankten verschont, ebenso das 17 jährige Hausmädchen, bei dem die letzte erfolgreiche Impfung fünf Jahre zurücklag.

Dagegen erkrankte der niemals geimpfte Arzt Dr- Spohr, der die wie schon erwähnt leicht erkrankten Personen behandelte, schwer an echten Pocken. Dr. Spohr (Nichtmitglied des Aerztlichen Vereins), ein be­kannter Jmpfgegner, war durch den schweren Verlauf der Erkrankung bis Ende Mai an das Krankenbett ge­fesselt. Er soll als kleines Kind angeblich Blattern überstanden haben, allerdings nur nach Behauptung seines gleichfalls als impfgegnerischen Agitators be­kannten Vaters, eines Offiziers. Sowohl von der eigenen schweren Erkrankung als auch von den erwähn­ten Fällen seiner Klienten hat Dr. Spohr den Behörden keine Anzeige gemacht, obwohl wegen der großen An­steckungsgefahr das Gesetz schon für Pockenverdacht die Meldepflicht vorschreibi. Dr. Spohr schickte nach Aus­bruch seiner Krankheit, die er als echte Pocken erkannt hatte, seine Kinder nach Gießen, empfing die Besuche von Vater und Bruder und die des ebenfalls impf­gegnerischen Arztes Dr. Bachem, der auch keine Ver­anlassung genommen hat, den Behörden von seinen Beobachtungen Mitteilung zu machen.

Die schwere echte Blatternerkrankung des Dr. Spohr bildete nun den Ausgangspunkt für eine kleine Epidemie.

Es erkrankte zunächst im Hause des Dr. Spohr eine verheiratete Cousine, die ihn in Gemeinschaft mit seiner Frau pflegte, und nach dieser sein jüngstes, vierjähriges Kind. Laut Ausweis des vom Vater ausgestellten Impf­scheines war dieses Kind von ihm früher mit Erfolg geimpft gewesen, nach Angabe der Mutter soll dieser Erfolg sehr gering gewesen sein ; jedenfalls waren Jmpf- narben bei diesem Kinde nicht nachzuweisen. Dagegen iviesen die Ehefrau, drei ältere Kinder und das Haus­mädchen deutliche Jmpfnarben auf; sie alle sind trotz der gleichen Jnfektionsmöglichkeiten von der Pocken- eckrankung verschont geblieben.

Im Anschluß an diese Fälle erkrankten noch fünf Personen an Pocken, die drei ersten in der direkten Nachbarschaft des Dr. Spor. Von ihnen, die nach

ihrer Erinnerung mit Erfolg geimpft sein sollen, zeigte nur eine deutliche Jmpfnarbe, während sie bei den anderen trotz genauer Untersuchung nicht gefunden werben konnten. Die Impfung lag meist Jahrzehnte zurück. Bei allen Patienten verlief die Krankheit in einer leichten Form, mit alleiniger Ausnahme einer Frau, bei der, wie erwähnt, keine Jmpfnarben vor­handen gewesen sind und die sich selbst an einen Erfolg der Impfung nicht zu erinnern vermochte. Erwiese­nermaßen lag aber gerade bei diesem Fall, dessen Er­krankung leider mit dem Tode endete, die letzte Impfung 43 Jahre zurück. Erfahrungsgemäß schwächt sich aber der Impfschutz im Laufe der Jahre allmählich ab.

Die Erfahrungen aus dieser Pockenepidemie sprechen eine beredte Sprache über den Wert des Impfschutzes. Nicht erkrankt sind die Tochter und das Hausmädchen der Familie, bei der sich die russische Dame aufgehalten, beide waren drei, resp, vier Jahre vorher geimpt; nicht erkrankten die unter Impfschutz stehenden Familienmit- glieder des Dr. Spohr, nicht die Angehörigen der übrigen Erkrankten, die Aerzte, das Pflegepersonal, die Sektionswärter, der Leichendiener, die Desinfektoren usw., die sämtlich geimpft waren, bezw. frisch geimpft wurden. Nicht erkrankte der Kreisarzt Dr. Fromm, der die erste Diagnose bei den Erkrankten gestellt, sie mehrfaach eingehend untersucht und alle Ermittelungen geleitet hatte.

Der Verlauf der Erkrankungen hat den längst er­kannten Wert der Pockenschutzimpfung aufs Neue be­wiesen. Der Aerztliche Verein hat sich zur Veröffent­lichung entschlossen in der Annahme, daß auch Laienkreise sich durch die Tatsachen dieser Epidemie von der Ge­fahr der impfgegnerischen Bestrebungen überzeugen werden.

Der Aerztliche Verein zu Frankfurt a. M.

Vermischtes.

Ueber die Vermehrung der Automobile enthält die Zeitschrift derMotorfahrer" folgende Angaben: Wie gewaltig sich die Automobil-Industrie in den letzten Jahren entwickelt hat, das kann nicht besser als durch ein paar Zahlen der Statistik illustriert werden. Noch im Jahre 1907 besaßen wir in Deutschland nur 25 815 Personen- und 1211 Lastenkraftfahrzeuge (zu­sammen 27 026), während nach der Zählung des Jahres 1910 63162 Personen- und 6844 Lastenau- tomobile (zusammen 70 006) festgestellt wurden. In einem Zeitraum von fünf Jahren hat sich demnach die Zahl der Automobile fast verdreifacht.

Berlin. Zu den beliebtesten Agitationsmitteln unserer Freihändler, insbesondere der Sozialdemokraten, gehört die Behauptung, daß infolge höherer Preise der Lebensmittel die wirtschaftliche Lage der deutschen Arbeiter schlechter sei als die der englischen. Das sozialdemokratische Parteiblatt agitiert gegenwärtig wie­der mit dieser Behauptung. Nun ist sie zwar an sich in den letzten Jahren nahezu legendär geworden, denn wenn auch in Großbritannien trotz des starken Steigens

der Preise der Lebensmittel in den letzten Jahren heute noch Brot und gefrorenes Fleisch um etwas billiger sind als diese Nahrungsmittel in Deutschland, so sind dagegen andere, wie Milch, Eier, Butter, Gemüse, in England um so teurer. Dazu kommt, daß jenseits,des Kanals die Preise der Genußmittel der breiten Masse der Bevölkerung, insbesondere Tabak, Bier und Spiri- tuosen, sehr viel teurer sind als bei uns. Für die Beurteilung der wirtschaftlichen Lage der Arbeiter in England und in Deutschland fällt jedoch ein anderes Moment entscheident ins Gewicht. In Deutschland suchen Hunderttausende von ausländischen Arbeitern trotz der Schwierigkeiten, die ihnen aus nationalen Gründen bereitet werden müssen, ihren Unterhalt, und zwar durchweg aus Ländern, in denen die landwirt­schaftlichen Erzeugnisse entweder keinen Zollschutz, oder jedenfalls einen ungleich geringeren genießen als in Deutschland. Dagegen findet ein ähnlicher Zudrang ausländischer Arbeiter auf dem britischen Arbeitsmarkt in keiner Weise statt. Insbesondere ist von einem Bestreben der angeblich so viel schlechter gestellten deutschen Arbeiterschaft, sich die besseren Lebensbedin­gungen der britischen Arbeiter zu eigen zu machen, nichts zu bemerken. Wohl aber befindet sich seit den letzten Jahren die gesamte britische Arbeiterschaft in einem chronischen Zustande von Unzufriedenheit und Gärung. In rascher Folge erschüttern gewaltige Lohn­kämpfe die britische Volkswirtschaft auf das aller- schwerste, und der Staat ist wiederholt ernsten wirt­schaftlichen und politischen Gefahren ausgesetzt gewesen. Diese Tatsache zeigt, daß die Lebensbedingungen der britischen Arbeiter wenigstens in ihren eigenen Augen keineswegs so günstig sind, wie sie von unseren Frei­händlern dargestellt werden. Bekanntlich haben die wiederholten Untersuchungen der Vertreter britischer Arbeiterorganisationen in Deutschland das gerade Ge­genteil von dem ergeben, was unsere Freihändler aus dem angeblichen Unterschiede der Preise wichtiger Le­bensmittel schließen. Sie sind übereinstimmend zu dem Ergebnis gelangt, daß der deutsche Arbeiter im allge­meinen besser und gemütlicher lebt, als der britische Arbeiter, und daß er dem zufolge das Los des letzteren nach keiner Richtung zu beneiden hat.

Tokio. Sturmverheerungen in Japan. Der Gouverneur von Schodschi berichtet, daß ein Orkan 4223 Häuser zerstört und etwa 6000 Häuser be­schädigt, außerdem etwa 400 Personen schwer ver­letzt hat.

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