Schlüchterner Zeitung
mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. 63. Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". Telefon Nr. 65.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 1C Pfg.
X 72, Samstag, den 7. September 1912. 63. Jahrgang.
Amtliches.
Bekanntmachung.
J.'Nr. 5667 K.-A. Es beabsichtigen:
a) der Metzger Erasmus Frischkorn zu Gundhelm auf seinem in der Gemarkung Gundhelm gelegenen 338 353 Grundstück, Kartenblatt G Parzellen Nr. und ,-5-7-7
b) der Metzger Salomon Goldschmidt zu Alten- Utoimu auf seinem in der Gemarkung Altengronau gelegenen Grundstück, Kartenblatt D Parzellen Nr. 90, je ein Schlachthaus zu errichten.
Ich bringe diese Vorhaben zur öffentlichen Kenntnis mit der Aufforderung, etwaige Einwendungen gegen dasselbe binnen 14 Tagen nach Ausgabe dieses Blattes bei mir schriftlich in zwei Exemplaren anzubringen. Nach Ablauf dieser Frist können Einwendungen in diesen Verfahren nicht mehr angebracht werden.
Termin zur Erörterung der rechtzeitig erhobenen Einwendungen steht
Dienstag, den 24. September 1912, vormittags 10 Uhr
vor dem Unterzeichneten an. Im Falle des Ausbleibens der Unternehmer oder der Widersprechenden wird gleichwohl mit Erörterung der Unternehmen bezw. der Einwendungen vorgegangen werden.
Zeichnungen und Beschreibungen der Anlagen können während der Dienststunden im Bureau des Kreis-Ausschusses eingesehen werden.
Schlüchtern, den 4. September 1912.
Der Vorsitzende des Kreis-Ausschusses. Valentiner.
Deutsches Reich.
— Berlin. Seine Majestät der Kaiser ist am Montag abend um 10 Uhr 30 Min. im Sonderzuge vom Potsdamer Bahnhöfe nach der Schweiz abgereist. Auf dem Bahnhöfe waren zum Abschied in Vertretung des schweizerischen Gesandten, der sich bereits in seinem Heimatlande befindet, der schweizerische Legalionsrat Dr. Deucher und der schweizerische Attache Dr. Jäger erschienen. Von seiner Familie hatte der Kaiser bereits im Schlosse Abschied genommen.
— Zürich. Der Kaiser hat am Mittwoch um 6 Uhr 25 Min. im Sonderzug die Fahrt nach Wil angetreten und ist kurz vor 8 Uhr auf dem Manöver- felde bei Kirchberg eingetroffen. — Heute morgen lag ziemlich dichter Nebel über der Stadt: doch schon gegen
7 Uhr klärte sich das Wetter auf. Von der Villa Rietberg zum Bahnhöfe passierte der Kaiser die Kai- Brücke, den Limmat-Kai und die Bahnhofsbrücke. Mannschaften vom Schützenbataillon Nr. 6 und Polizeimannschaften waren aufgestellt. Der Eingang zum Bahnhof gegen das Landesmuseum war durch ein starkes Detachement abgesperrt. Gegen 6 Uhr 20 Minuten erschien der j! Kaiser, begleitet vom Oberst v. Sprecher. Er wurde auf dem Bahnsteig vom Bundespräsidenten Forrer und Hden Bundesräten Hoffmann und Motta empfangen. Dann nahmen die Herrschaften im Salonwagen Platz, und um 6 Uhr 25 Min. fuhr der Sonderzug nach Wil ab. In allen durchfahrenen Ortschaften hatte sich zahlreiches Publikum aufgestellt und grüßte mit Zurufen und Tücherschwenken. Der Kaiser trug am Mittwoch die Uniform der Garde- Maschinen-Gewehr-Abteilung Nr. 2. Das Wetter ist sehr schön. Wf^
— Auf seiner Reise nach Japan ist Prinz Heinrich von Preußen in Wladiwostok eingetroffen. Nach der Begrüßung durch die Ehrenwache, die von der sibirischen Flottenmannschaft gestellt wurde, und die zum Empfang erschienenen Vertreter der Behörden unternahm Prinz Heinrich eine Automobilfahrt durch die Stadt, wobei er dem Festungskommandanten, dem Gouverneur und dem deutschen Konsul Besuche abstattete. Darauf be- gab sich der Prinz an Bord des deutschen Panzerkreuzers „Scharnhorst", mit dem er die Reise nach Japan fortsetzt.
— Der preußische Kultusminister hat angeordnet, duß in Zukunft der Sedantag als Schulfeiertag für 7;an^ Preußen zu gelten habe. Einer besonderen Verfügung bedarf es sonach in Zukunft nicht mehr.
— Der Lohnverlust beim letzten Bergarbeiterstreik ist ganz enorm. Nach den nunmehr abgeschlossenen Erhebungen des Königlichen Bergamts in Dortmund ist den Bergleuten, die sich an dem letzten großen Streik der Ruhrbergleute beteiligt haben, durch den zehn Tage andauernden Streik ein Lohnausfall von 8 438 804 Mk. entstanden. Hinzu kommt der den streikendenZBergleuten wegen Kontraktbruch einbehaltene Lohn für^ sechs Schichten. Da insgesamt 155 852 streikende Bergarbeiter in Frage kommen, die am 18. März, dem von den 'Zechenbesitzern zur Wiederaufnahme der Arbeit gesetzten letzten Termin, nicht wieder angefahren sind, ‘so beziffert sich der verwirkte Lohn auf 4 752 726 Mk., das sind 30 Mk. 50 Pfg. auf den Kopf. Der Gesamtlohnausfall, den der letzte Berg
arbeiterstreik im Ruhrrevier verursacht hat, beträgt somit rund 13,2 Millionen Mark.
— Ein internationaler Kongreß für Städtewesen findet im Anschluß an die rheinisch-westfälische Städte- Ausstellung in Düsseldorf in der Woche vom 23. bis 28 September statt. Die zur Verhandlung kommenden Materien erstrecken sich auf den Städtebau, die städtischen Betriebe und auf die Pflege von Kunst, Wissenschaft und Wohlfahrt in den Städten. Bis jetzt sind in diesen drei Gruppen über 90 Vorträge angemeldet, u. a. von Ministerialdirektor Dr. Freund, Geh. Oberbaurat Stübben, Berlin, Professor Blum, Hannover, Dr. R. von der Borght, Berlin, R. H. Aldridge, Leicester, Damaschke, Berlin, Abgeordneter Dr. Südekum, Oberbürgermeister Dr. Scholz, Cassel, Freiherr von Berlepsch und Professor Kamp, Bonn.
Anslanö.
— Angesichts des für den 17. d. M. bevorstehenden Wiederzusammentritts des ungarischen Abgeordnetenhauses trifft die Regierung bereits jest umfassende polizeiliche Sicherheitsmaßregeln. Die Gendarmerie wird wieder in der Stärke nach Ofen-Pest beordert, in welcher sie im Monat Juni zur Verwendung stand.
— Der belgische Sozialistenführer Vandervelde unternimmt eine Agitationsreise durch Deutschland, Oesterreich, die Schweiz und Skandinavien, um eine Geldsammlung für den geplanten großen belgischen Stimmrechtsstreik einzuleiten, an dem sich 600 000 Arbeiter beteiligen sollen. Die französischen Sozialisten übernehmen während des Streiks die Verpflegung von 40 000 befischen Arbeiterkindern." — Da wird wohl wieder eine Menge der sauer verdienten deutschen Arbeitergroschen ins Ausland wandern!
— Authentischen Konstantinopeler Meldungen zufolge wurde die Frage der Bewaffnung der Albanesen in der Weise geregelt, daß die Regierung die Verpflichtung übernahm, in den exponierten Städten Albaniens Waffendepots einzurichten, wo die Waffen aufbewahrt werden sollen, um nötigenfalls unter die Albanesen verteilt zu werden. Das Waffentragen wird nur denjenigen erlaubt, welche die Waffen zur Verteidigung der Reichsgrenze oder zur Ausübung ihres Berufs brauchen.
— Nach einer Meldung der „Depüche Maroccaine" beläuft sich die Stärke der französischen Expeditionstruppen in Marokko auf 58 000 Mann. Davon sind 46 000 in Westmarokko und 12 000 nahe der algerischen
Aas Geheimnis der Akuten.
Roman von Jenny Hirsch. 70
Er wollte sich dortseinervorgesetzten Behörde vorstellen, olle über seine Person etwa noch obwaltenden Mißverständ- We beseitigen und zugleich seine Entlassung aus dem Forst- oienste in die Wege leiten. Nach sehr reiflicher Ueberlegung Mit Konsul Elster und Lydia, hatte er sich endlich für einen anderen Lebensberuf entschieden.
Die leichte Handarbeit, die Lydia in den schlanken vmgern hielt, war ihr entglitten, sie hatte sich in den «iuhl zurückgelehnt, träumerisch schauten ihre Augen zu grünen Blätterdach des mächtigen Baumes empor, ssurch welchen einzelne Sonnenstrahlen mild erwärmend bklen. Ganz leise senkten sich die Lider über die dunkel- grauen Augensterne, ein sanfter Schlummer wollte die lesende beschleichen.
Äste fuhr schon wieder empor. Ihr feines Ohr Schall nahender Fußtritte vernommen, obwohl durch den moosigen Waldboden gedämpft wurden. Auf- Ägewahrte sie einen gutgekleideten Herrn, der so- er ihrer ansichtig ward, den Hut abnahm und ein iweiDetfjeS Haupt entblößte. Dabei wandte er ihr ein Dielen Falten und Linien durchfurchtes Gesicht zu sah sie aus tiefliegenden Augen so traurig an, daß
sah sie aus tiefliegenden Augen so traurig '^ganz ängstlich wurde. Um das sie bedrückende _ v M zu brechen, sagte sie: „Wünschen Sie den Herrn För- ' "Horn zu sprechen, mein Herr? Der ist nicht zu Hause." . »Desto besser," antworte der Fremde. „Mein Besuch LUtauch nur Ihnen, Fräulein vonRuffer."
staunt teuuen ”"$ a^°?" s^te Lydia ihn ganz er-
Schwei-
»Ja, ich kenne Sie, ich habe Sie während dieses Som- ein- oder zweimal gesehen, und zuletzt noch bei der ^rket^ in Eutin," antwortete er nä°
i. »Da waren Sie auch?"
„Ja, da war ich mit einem traurigen Bekenntnis auf den Lippen, das abzulegen mir jedoch Ihr Erscheinen überhob."
„Ich verstehe Sie nicht," antwortete Lydia und wollte sich erheben, um in das Haus zu gehen, das Alleinsein mit dem Manne flößte ihr eine unbestimmte Furcht ein.
Er kam ihr zuvor und streckte bittend die Hand aus. „Bleiben Sie hier, gewähren Sie mir die Gunst einer Unterredung ohne Zeugen, es erscheint mir wie eine unverdiente Gnade, daß ich Sie zuerst und allein angetroffen habe."
„Aber was wollen Sie denn überhaupt von mir?" fragte sie, unwillkürlich wieder in den Stuhl zurücksinkend.
„Ihnen endlich das Bekenntnis der schweren Schuld ablegen, die ich gegen Sie begangen habe und ..."
„Sie haben eine Schuld an mir begangen?" unterbrach Sie ihn. „Wer sind Sie?"
„Der bejammernswerte Vater des unglücklichen Mädchens, dessen Leiche man aus dem Kellersee gezogen hat."
Jetzt sprang Lydia auf, alle Schwäche, alle Müdigkeit war von ihr gewichen. Mit gerötetem Wangen und zürnender Stimmestand sie vordem Fremden.
„Wie, mein Herr, Sie hätten gewußt, wessen Ueber- reste man für meine Leiche ausgab und hätten den ungeheuren Frevel begangen, zu schweigen, den verhängnisvollen Irrtum nicht aufzuklären?" rief sie.
„Ja, den Frevel habe ich begangen," sagte er, „aber mein Haar ist darüber weiß geworden, meine Kräfte sind gebrochen. Sie halten mich für einen hinfälligen Greis, vor wenigen Wochen war ich ein fester, gesunder Mann. Hören Sie mich an, ich bitte Sie!"
Seine Stimme war so flehend, seine ganze Erschei- nung so mitleiderregend, daß sie ihm seine Bitte nicht zu versagen vermochte. „Sprechen Sie." sagte sie und setzte sich wieder.
Er sank aus die neben ihr stehende Bank, legte den
Hut auf den Tisch und fuhr sich mit dem Taschentuch über die Stirn. „Verzeihen Sie, der Weg hat mich an» gegriffen, mich greift jetzt alles an," entschuldigte er sich.
Noch einige Minuten saß er mit vornübergebeugtem Oberkörper, die Augen starr auf den Boden" gerichtet, dann richtete er sich auf, murmelte: „Es muß sein," und begann dann mit dumpfer, eintöniger Stimme: „Ich bin der Ministerialrat Usedom aus Berlin. Meine Frau ist mir vor Jahren nach kurzer Ehe gestorben und hat mir eine Tochter und zwei Söhne zurückgelaffen. Die letzteren wurden im Kadettenhause erzogen und sind jetzt beide Offiziere. Elisabeth, das jüngste meiner Kinder, gab ich in eine Erziehungsanstalt nach Vevay und sah sie nur bei Gelegenheit von Urlaubsreifen, als deren Ziel ich die Schweiz wählte. Dadurch ward mir das Mädchen entfremdet und als sie im vorigen Jahre zu mir zurück» kehrte, mußte ich zu meinem Schrecken erkennen, daß sich in ihr recht bedenkliche Neigungen ausgebildet hatten.
„Sie war .. Doch lassen Sie mich darüber hingehend unterbrach er sich, „ich möchte die Tote nicht noch anklagen. Genug, unser Zusammenleben gestaltete sich zu einem recht unfreundlichen. Elisabeth lehnte sich heftig und trotzig gegen alles auf, was sie unerttäglichen Zwang nannte, und was doch nur die Anforderungen waren, welche die Gesellschaft an die Tochter eines höheren Beamten und an die Schwester von Offizieren zu stellen berechtigt ist. Sie fühlte sich nicht wohl in unseren Kreisen, schloß Freundschaft mit den Töchtern einer Familie, die im Hinterhause des Gebäudes wohnte, in dessen Vor- derräumen wir eine Etage inne hatten, und lernte dort einen Studenten kennen, mit dem sie sich hinter meinem Rücken verlobte." 191,18*
„Ich verbot ihr natürlich den Verkehr, es fruchtete nichts, ich kündigte die Wohnung und wollte am ersten Oktober umziehen. Um sie aber bis dahin von jenem Verkehr fernzuhalten, nahm ich einen längeren Urlaub und machte mit ihr eine Reise durch Skandffravien.