Schüchterner Zeitung
mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. «5. Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". Telefon Nr. «S.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 1C Pfg.
Simmentaler Zuchtgenofsenschaft.
Mitte dieses Monats gehen die Herren Bezirks- und Kreis-Zuchtinspektoren Vaupel und Kohlhepp in die Schweiz, um dort die mit Staatsmitteln zu beschaffenden Stationsbullen anzukaufen. Die Herren sind bereit, bei dieser Gelegenheit auch andere Originaltiere mitzubringen.
Züchter und Gemeinden, welche etwa Bedarf nach Original-Vater- oder Muttertieren haben, werden daher gebeten, etwaige Bestellungen bis 15. d. Mts. an Herrn Kohlhepp gelangen zu lassen.
Schlüchtern, den 3. September 1912.
Die Rinder-Zuchtgenossenschaft: Valentiner.
J.»Nr. 5715 K.-A. Am Samstag, den 14 d. Mts. Vormittags 10 Uhr findet in Schlüchtern an der Stadthalle eine
Iiegenb-ck-A'Lrrung statt.
Zu dieser Körung sind nicht nur die Tiere vorzu- führen, deren erstmalige Ankörung gewünscht wird, sondern auch alle bisher schon angekörten Ziegen- böcke.
Die Herren Bürgermeister wollen in Ihrer Gemeinde für möglichste Verbreitung der vorstehenden Bekanntmachung sorgen.
Die Herren Körungskommissionsmitglieder ersuche ich, den Termin wahrzunehmen. Im Falle der Behinderung, bitte ich um rechtzeitige Nachricht, damit für Einberufung eines Stellvertreters gesorgt werden kann. Das Körregister geht dem Herrn Vorsitzenden der Ziegenbock-Körkommission vor dem Körtermin zu.
Schlüchtern, den 2. September 1912.
Der Königliche Landrat: Valentiner.
J.-Nr. 5596 K. A. Dem bei der Brauerei W. Thaler in Schlüchtern in Dienst stehenden Karl Auth ist für langjährige treue Dienstzeit eine Prämie von 10 Mark aus Kreismitteln bewilligt worden.
Schlüchtern, den 26. August 1912.
Der Vorsitzende des Kreis-Ausschusses.
I. V.: Hebel.
Mittwoch, den 4. September 1912.
Deutsches Reich.
— Berlin. Das Kaisermanöver. Im Verfolg der s Festlichkeiten anläßlich der Kaisermanöver, an denen das dritte Armeekorps beteiligt war, fand am Sonntag mittag 12 Uhr auf dem Tempelhofer Felde feierlicher Gottesdienst statt. Um 11 */« Uhr erschienen die Kaiserin und Prinzessin Viktoria Luise im geschlossenen Automobil, kurz vor 12 Uhr der Kaiser im offenen Automobil. Der Sängerchor der 2. Garde-Jnfanterie- Brigade trug das niederländische Dankgebet vor. Dann predigte der evangelische Feldpropst der Armee Wölfing. Ein Gebet nach dem Zapfenstreich schloß die Feier. Es folgte der Vorbeimarsch der Truppen. Hierauf nahm der Kaiser die Rapporte der Kriegervereine und Sanitätskolonnen entgegen und ritt die Fronten der Vereine ab, wobei er viele alte Krieger durch Ansprachen auszeichnete. Nach 1 Vr Uhr kehrte der Kaiser ins Schloß zurück.
— Wer die Schuld an der Lebensmittelteuerung trägt, zeigt deutlich u. a. das Vorgehen dtr Händler auf dem Colmarer Kartoffelmarkt. Dieser war nach dem „Elsässer" am 22. August so stark befahren wie seit langen Jahren nicht mehr. Deswegen durften die Hausfrauen mit Recht hoffen, billige Kartoffeln zu kaufen. Und in der Tat gingen die Preise bis auf 2,60 Mk. herunter; aber nur einige Säcke wurden zu diesem Preise losgeschlagen. Auf einmal hieß es: Alle Kartoffeln sind verkauft. Die Händler hatten den ganzen Vorrat zu 3 Mk. pro Sack aufgekauft, und jetzt stieg der Preis wieder auf 5 Mk. Auf solche wucherische Weise beutet der Zwischenhandel das Volk aus und „reguliert Angebot und Nachfrage", die Sozialdemokraten aber und ihre Gesinnungsverwandten schimpfen über die „Junker".
— In Berlin sind in der Gegend des Alexanderplatzes schwere Ausschreitungen gegen Arbeitswillige verübt worden. Bei der Fabrik chirurgischer Instrumente von Dewitt u. Herz herrscht seit einiger Zeit ein großer Ausstand. Eines Tages wurden nun die Arbeitswilligen von den Streikenden in großen Massen überfallen, verhöhnt, beschimpft und sogar blutig geschlagen. Die Polizei nahm fünf der am schwersten Beteiligten fest. Diese wurden wegen Landfriedensbruch, gefährlicher Körperverletzung und Beleidigung dem Untersuchungsrichter vorgeführt. Einer der Arbeitswilligen, der sich von der Haupttruppe schon weiter entfernt hatte, wurde verfolgt und so schwer geschlagen, daß er blutüberströmt zusammenbrach.
63. Jahrgang.
— Eine umfangreiche Arbeiteraussperrung wurde in Göppingen vorgenommen. Nachdem im Verlauf eines wegen Lohnstreitigkeiten bei der Buntweberei Butz Söhne ausgebrochenen Ausstandes die Zugeständnisse der Firma von dem Textilarbeiterverband als nicht genügend erachtet worden sind, haben sich die dem Textilverband angehörigen Buntwebereien mit der Firma Butz verbunden erklärt und allen Arbeitern durch Fabrik-Anschlag gekündigt. Von der Aussperrung werden sieben Buntwebereien betroffen, die zum Teil mehrere hundert Arbeiter beschäftigen.
— Zu den Arbeiterentlassungen auf der Kaiserlichen Werft in Kiel wird jetzt folgende amtliche Erklärung gegeben: Infolge mehrerer sehr eiligen Arbeiten hatte die Kaiserliche Werft ihren Arbeiterstand in der letzten Zeit ganz ungewöhnlich erhöhen müssen. Nun sind wieder normale Verhältnisse eingetrelen, so daß an eine Herabminderung des derzeitigen Arbeiterstandes gedacht werden muß. Die Werft gewährt den Arbeitern, die wegen Arbeitsmangels entlassen wurden, eine sechswöchige Kündigungsfrist und setzt sich mit der Kaiserlichen Werft Wilhelmshaven und Danzig wegen Uebernahme der freiwerdenden Arbeitskräfte in Verbindung.
— Daß kein nennenswerter Fortschritt in der Berliner Sozialdemokratie im letzten Jahre zu verzeichnen war, hat in einer Versammlung der sozialdemokratischen Wahlvereine Großberlins der Vorsitzende, „Genosse" Ernst erklärt. Der Kassierer des Verbandes teilte mit, die Beiträge der männlichen Mitglieder seien gegen das Vorjahr um 4600 Mk. zurückgegangen. Wenn es mit der Beteiligung' an der Maifeier so weiter gehe, müsse die Feier noch zu Grabe getragen werden.
Ausland.
— Die Bauarbeiten des letzten Abschnittes der Bagdadbahn, der Strecke Tell—Helisch—Bagdad schreiten jetzt weiter. Der Baubeginn erfolgte in der Kalifenstadt auf dem rechten Ufer des Tigris, wobei der erste Spatenstich von dem Generalgouverneur des Wilajets vorgenommen wurde. Wie üblich, ging diesem Akt ein Gebet des Geistlichen sowie ein Hinweis auf die Bedeutung des großen Kulturwerks voraus. Nach dem Gebet wurden dann zahlreiche Hammel geopfert, deren Fleisch unter die Armen verteilt wurde. An den offiziellen Teil der Feier schloß sich abends ein Gartenfest an, an dem die Mitglieder der deutschen und der
Das Geheimnis der Akuten.
Roman von Jenny Hirsch. 69
Das Verhalten der Försterin Pöplau und ihres Sohnes verstärkte seine Angst. Die beiden Menschen schienen ein Geheimnis zu haben, das sich auf Lydia bezog. War sie gerettet? Und doch, das war ja unmöglich. Er hatte sich gut vorgesehen. Niemand war in der Nähe gewesen, der falls sie noch einen Hilferuf ausgestoßen, denselben hätte hören können, und dann, angenommen sie lebte, weshalb kam sie nicht zuni Vorschein ?
Die Kunde, daß man die Leiche Lydias im Kellersee gefunden habe, ließ ihn aufatmen, nun war ja alles gut. Mochte man jetzt Pöplau den Prozeß machen oder ihn loslassen, das war von untergeordneter Bedeutung. Die Hauptsache war: Lydias Tod war bewiesen und Edith die Erbin.
Aber seine Freude war von kurzer Dauer, der erste auf die Leiche belehrte ihn, daß dies Lydia nicht sei.
Dennoch behauptete er das Gegenteil, legte der beim Anblick der verstümmelten Leiche ohnmächtig zusammen- gebrochenen Edith die gleiche Erklärung in den Mund, und alle übrigen folgten ihm wie die Herde dem Leithammel. Was die nächsten Angehörigen der Verstorbe- ?wn aussagten, das mußte doch wohl das Richtige sein. Die abweichende Ansicht der alten Köchin wurde wenig beachtet, und die Behauptungen der Försterin und ihres Sohnes erschienen als unglaubwürdig, sie waren ja nur «n Teil der abenteuerlichen Geschichte, die beide dem Untersuchungsrichter aufgetischt hatten.
Ä Diese abenteuerliche Geschichte hatte aber Noßwitz nnt Furcht und Grausen erfüllt. Wäre Momsen nicht allzu ve'anaen gewesen, so hätte ihm dessen Verhalten, als er Mitteilung davon machte, zu denken geben müssen. Noßwitz zweifelte keinen Augenblick an der Wahrheit des ^zählten und erwarte!», Lydia werde wieder erscheinen, ®& ihn des Mordes onklagen. Auch zitterte er davor,
daß noch Personen zum Vorschein kommen könnten, welche die Leiche reklamierten. Schon hatte er im stillen alle Vorbereitungen zur Flucht getroffen, als aber die Erkundigungen nach Lydia erfolglos blieben und auch kein Angehöriger der Toten sich meldete, faßte er wieder Mut. Vielleicht war seine Schwägerin auf der Reise wirklich verunglückt. Aber mochte es sein, wie es wollte, war nur die vermeintliche Lydia im Rufferschen Gewölbe beigesetzt, so konnte er die Erbschaft in Empfang nehmen.
Im Besitze des Geldes wollte er mit seiner Familie ins Ausland gehen und von dort das Weite suchen. Mochte Lydia dann wieder erscheinen oder nicht, sie hatte das Nachsehen.
An der Weigerung des Konsuls, das Vermögen vor Beendigung des Verfahrens gegen Pöplau herauszuge- ben, scheiterte dieser Plan. Aeußerlich ruhig und höflich, im Innern halb sinnlos vor Angst und Wut, hatte er Elster verlassen, das Spiel stand sehr schlecht für ihn, aber ganz wollte er es nicht verloren geben. Es gelang ihm, Liewald noch einmal zu beschivichtigen und ihm sogar noch eine größere Geldsumme abzunehmen. Mit dieser reiste er mit den Seinigen nach der Schweiz, immer auf dem Sprunge, zu entfliehen.
Die Gier, die Millionen Lydias an sich zu reißen, war aber noch größer, als die Furcht vor der Entdeckung des Verbrechens. Zehnmal hatte er im Begriff gestanden, mit Zurücklassung von Frau und Kindern sich aus dem Staube zu machen, und immer war er geblieben. Als die Zeit verstrich und alles ruhig blieb, hielt er Lydia für wirklich tot. Er hatte die Frechheit, zu der Gerichtsverhandlung nach Eutin zu reisen und dort als Pöp- laus Ankläger aufzutreten, er hatte die Stirn, ihn der Tat zu zeihen, die er selbst begangen.
Schon triumphierte er, als im letzten Augenblicke dennoch die vernichtende Katastrophe erfolgte.
Nun aber war das Spiel aus, alle Rätsel gelöst, nur eines blieb noch bestehen. Wer war die Unglückliche, die man aus dem Kellersee gefischt hatte, deren Ueberreste in
einem prunkvollen Sarge, welcher den Namen Lydia von Ruffer trug, im Gewölbe der Famlie auf dem Kirchhof in Hannover ruhten?
* *
Konsul Elster reiste am Tage nach der Gerichtsverhandlung von Lindental ab, jedoch nicht, um nach Hannover zurückzukehren. Sein Weg ging nach der Schweiz. Er hatte dort die Aufgabe übernommen, die bejammernswerte Edith von dem furchtbaren Geschick zu unterrichten, das über sie und ihre Kinder hereingebrochen war. Lydia hatte ihn begleiten wollen, aber bei dem ganzen Kreise, der sie mit der liebevollsten Fürsorge umgab, den entschiedensten Widerstand gefunden. War auch die Kranb- Heit überwunden, so durfte sie doch nicht schon jetzt den Anstrengungen einer weiten Reise und den Aufregungen ausgesetzt werden, welche das Wiedersehen mit Edith im Gefolge haben mußte.
„Ueberlaß die Arme zunächst mir," hatte der Kon- sul gesagt. „Bedenke, daß es doch auch für sie tief erschütternd sein muß, Dir gegenüberzustehen, gegen die ihr Gatte die verbrecherische Hand erhoben hat. Ueberlaß es mir, sie vorzubereiten."
Lydia hatte sich den Vorstellungen der ihr so teuren Menschen gefügt und war in Lindental geblieben. Sie mochte weder nach ihrer Wohnung in Hannover zurückkehren, noch die Villa auf dem Rodenberg beziehen, wo sie die Schatten der Vergangenheit schwer bedrückt haben würden. Im stillen Forsthause, im tiefen Waldfrieden, unter der Pflege der Försterin und Christines wollte sie das Gleichgewicht ihrer Seele wiederfinden, wollte sie genesen.
Einige Tage nach der Abreise des Konsuls saß sie in einem bequemen Stuhl unter der Linde vor dem Hause. Tiefe, wohltuende Stille herrschte ringsum. Frau Pöp. lau und Christine waren im Hause beschäftigt, Förster Horn befand sich schon seit dem frühen Morgen im Forste, wo er die zum Fällen bestimmten Bäume anzuweisen hatte, und Ludolf war nach Oldenburg ^eist. 191,18’!