Zchlüchterner Leitung
mit amtlichem Areisblalt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. 65. Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". Telefon Nr. «5.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 1C Pfg.
X 70. Samstag, den 31. August 1912. 63. Jahrgang.
Amtliches.
J.-Nr. 10165. Den Ortsbrandmeistern Nikolaus Seinbrenner in Reinhards, Nikolaus Kreß zu Breiten - bach, Adam Merx zn Hütten, Ludwig Korn zu Sal« Münster und Auguftin Hofmann zu Uerzell ist das von Sr. Majestät dem König gestiftete Erinnerungszeichen für Verdienste um das Feuerlöschwesen verliehen worden. Schlächtern, den 27. August 1912.
Der Königliche Landrat: I. V.: Hebel.
J.-Nr. 10750. In Steinau ist die Schweineseuche festgestellt worden.
Schlächtern, den 30. August 1912.
Der Königliche Landrat: I. V: Schultheis.
J.-Nr. 10003. Die Herren Bürgermeister, in deren Gemeinden ländliche Fortbildungsschulen eingerichtet sind, ersuche ich, den Herren Leitern der ländlichen Fortbildungsschulen mitzuteilen, daß auf Anordnung des Herrn Regierungs-Präsidenten in dem mittels Verfügung vom 20. Dezember v. Js. — J.-Nr. 16292 — übersandten Lehrplan für ländliche Fortbildungsschulen auf Seite 23 unter B folgender Zusatz aufzunehmen ist:
14 a „Wetterkartenatlas" von Professor Freybe (: Gea.-Verlag G. m. b. H. Berlin W. Potsdamerstraße 110 :)
14 b „Der wetterkundliche Unterricht" von Dr. Linke nud Lehrer Glößner (: Verlag von Franz Benjamin Aufharth in Frankfurt a. M.
Schlüchtern, den 28. August 1912.
Der Königliche Landrat: I. V: Schultheis.
Zum Sedantag.
Friedlich flocht Germania
Ihre Erntekränze,
Als der Feind mit wildem Schrei'n
Räuberisch in dichten Reih'n
Drang an ihre Grenze.
Sieh, da ließ das hehre Weib
Aranz und Sichel fallen:
Mit dem Schild des Rechts bewehrt
Schwang sie hoch ihr gutes Schwert:
Nieder fuhr's mit Schallen.
Von dem Rhein hinweg zur Maas,
Von der Maas zur Loire,
Von Burgund bis an das Meer
Trieb den Feind sie vor sich her, Ihn samt seiner „Glorie".
Alle Stämme, lang entzweit,
Eins sind sie geworden
Von der Iugspitz' firnem Schnee Bis zur bernsteinreichen See, Eins sind Süd und Norden.
Und aus Sedans Eisenring
Schmiedeten die Arone, Hieb auf Hieb und Streich auf Streich Schmiedeten das Aaiferreich
Sie Louifens Sohne.
Halte fest, mein deutsches Volk, Was du schwer erworben!
Ew'ge Brüder-Einigkeit Sei ein Dank, der Schar geweiht, Die für dich gestorben.
Sedan.
Der 2. September, an dem vor nunmehr 42 Jahren nach der siegreichen Schlacht bei Sedan 85000 Franzosen die Waffen streckten und obendrein der französische Kaiser Napoleon III. gefangen genommen wurde, er gehört nicht nur zu den Glanzpunkten des deutschfranzösischen Krieges, er ist ein wirklicher Markstein in der Völkergeschichte überhaupt. So ist es denn auch in Deutschland jederzeit aufgefaßt worden, und die Erinnerung an jene große Zeit wird dankbar gehegt und gepflegt. Die vielen Sedanfeiern bekunden es, und immer wieder weckt es helle Begeisterung, wenn von damals die Rede ist. Die Hauptsache bleibt natürlich, daß es keine blaffe vorübergehende Feststimmung ist, sondern daß man im freudigen Gedenken an die hohen Ruhmestage nun auch allezeit eine kerndeutsche, echt vaterländisch treue Gesinnung betätige. Enkel mögen kraftvoll walten, schwer Errung'nes zu erhalten!
Einer unserer neueren Historiker hat im Hinblick auf 1870 gesagt: „Es war die Zeit einer unvergeß- lichen Seelenerhebung, die das Volk der Einzelstaaterei und der Demut gegen das Ausland im Heldenopfer gemeinsamer Schlachten zur unverbrüchlichen Herzenseinheit ineinander geschmiedet, die Deutschland zur ruhmvollsten Waffenmacht des Erdenrundes gewandelt
und dem tüchigen Bürger im Vaterlande und draußen jenseits der Meere das lang entbehrte Recht und den fast vergessenen Stolz zurückgegeben hat, ein Deutscher zu heißen." Welch eine Wendung, welch eine Mahnung! Und da taucht auch das Bild des genialen deutschen Mannes auf, der am 2. September den gefangenen Napoleon zu König Wilhelm geleitete: Bismarcks Verdienst ist es gewesen daß aus Blut und Eisen die deutsche Einheit wundersam Heraufstieg.
Daher gilt der Sedantag dem deutschen Volk in allen seinen nationalgesinnten Schichten in erster Linie als Symbol der unter unzähligen schweren Opfern wieder errungenen Einheit unter einem kraftvollen Herrscherhaus; er gilt dem Dank für die vorbildliche bescheidene Größe des ersten dutschen Kaisers, für den ersten großen Kanzler des Deutschen Reichs Otto von Bismarck, für die Heerführer Und ihre tapferen Truppen, dem Dank an alle deutschen Volksstämme, die in voller Hingebung an dem Wiederaufbau des Deutsches Reiches wirkten. Um so eindringlicher gilt es, der heutigen Jugend, der Schuljugend, jene Zeiten des nationalen Aufschwunges vor Augen zu führen, als zerstörende Kräfte darauf ausgehen, gerade in den Schulen des nationale Empfinden nicht aufkommen zu lassen oder es zu ertöten, um die Volksschule zu einer Pflegstätte des „Geistes des Sozialismus" umzugestalten.
Auch der diesjährige Sedantag mahnt uns vor allem daran, niemals die nationalen Kräfte erschlaffen zu lassen, wenn nicht das von den Vätern Ererbte schmählich verloren gehen soll. Nach Beendigung des siebenjährigen Krieges legte Preußen die Waffen aus der Hand; das Häuflein der kriegerischen Scharen Friedrichs des Großen hatte sich gegen ganz Europa behauptet. Der Glanz des preußischen Waffenruhmes schien unauslöschlich. 43 Jahre später brach die Katastrophe von Jena und Auerstedt herein. Das Werk Friedrichs des Großen sah sich der Vernichtung preis- gegeben. Und doch — noch unter den Trümmern des Zusammenbruchs, welche unerschöpfliche Volkskraft an nationalem Willen zum Wiederaufbau! Diese sittliche Kraft in allen Zeitstürmen zu bewahren, dort, wo sie zu erlahmen scheint, wiederzugewinnen zu suchen, das sei das Ziel von hoch und niedrig aller Gesellschaftsschichten und das Gelöbnis, worin sich alle national gerichteten Parteien trotz aller sonstigen Unterschiede in ihren politischen Bestrebungen und Idealen zur Erhaltung und Stärkung des deutschen Reichs in Begehung des Nationalfestes vereinigen können. Möge uns der
Aas Geheimnis der Akuten.
Roman von Jenny Hirsch. 68
Es hielt für ihn nicht schwer, sich eine Handschrift von Poplau zu verschaffen, mit deren Hilfe er nun von einem dunklen Ehrenmann in Berlin, welcher auch die anonymen Briefe an Lydia verfaßt hatte, jene Ludolf so minier kompromittierenden Briefe anfertigen ließ. Eine Schauspielerin von einem Vorstadttheater spielte in einer Su diesem Zwecke für ein paar Tage gemieteten möblier- »n Wohnung dem Konsul Elfter die verratene Geliebte huschend genug vor. Elster war um so leichter in die volle gegangen, da ihm die Sache im Grunde recht gut
Als Stellvertreter von Lydias Vater fühlte er sich ^rpflichtet, in dessen Sinn zu handeln, und er wußte, bet stolze Geheimrat nie seine Einwilligung zurHei- dem Försterssohn gegeben haben würde.
Wie Noßwitz der schlau ersonnene Streich bei dem ""usul geglückt war, gelang er ihm auch bei Lydia in swer Weise, wie er kaum zu hoffen gewagt hatte. Das schlze Mädchen arbeitete ihm selbst in die Hände, indem ue die Briefe verbrannte, die Möglicherweise doch einmal uubequeme Zeugen gegen ihn hätten werden können. ”?c brach auch in schroffster Weise mit ihrem Verlobten, uuch allen seinen Annäherungsversuchen aus und nahm vch den Kummer schwer zu Herzen. Wie er Lydia kannte, diese Erfahrung hinreichend, um sie zu dem Ent- Wuffe zu bringen, nie einem Manne die Hand zu rei- chen. Es roat aber auch möglich, daß der Schmerz, den stolz und verschlossen im Busen trug, sie vorzeitig auf- rieb.
Zu diesen Hoffnungen gesellte sich freilich die Befürch- '""g, sie könnte sich doch wieder mit Pöplau verständign: er wußte geschickt den Groll gegen ihn in ihr zu nähren, er schlich ihr nach, wenn sie im Walde spazie- sen ging, um auszuspionieren, ob sie doch vielleicht mit 4rn zufammentresse: er war mit allen Kräften bemüht,
sie von ihren Waldspaziergängen abzuhalten, freilich ohne Erfolg.
Saß er ihr bei Tische gegenüber, so beobachtete er, ob sie aß oder die Speisen an sich vorübergehen ließ; er spähte in ihrem Gesichte, ob noch kein Zeichen des Verfalls sichtbar würde; er sah ihr nach, ob ihr Gang nicht weniger elastisch sei als früher.
Die Hoffnung, daß Lydia bald sterben werde, ward zu einer Art fixer Idee bei ihm, und davon waren es nur wenige Schritte bis zu der Erwägung, daß man ja der zögernden Natur zu Hilfe kommen könne.
' Er wies den Gedanken anfänglich von sich, aber er kam wieder und wieder, er nahm ihn auf, er spielte mit ihm, er beschäftigte sich mit der Frage, in welcher Weise er sich am leichtesten und ohne daß ein Verdacht ihn treffen könne, ausführen lasse. Endlich fand er darauf die Antwort. Lydia ging, das wußte er, öfters bis dicht an den Rand des Wassers und bog sich weit über, um Wasserrosen zu pflücken. Wie leicht konnte sie das Ueberge- wicht verloren haben und hineingefallen sein; man konnte vielleicht auf einen Selbstmord aus Liebeskummer hindeuten. Gleichviel aber, welche Erklärung man gab, die Hauptsache war, daß sie aus dem Leben schied und Edith anstandslos ihre Erbin ward.
Noch immer ivieß Noßwitz den Versucher von sich, aber seine Stimme ward stärker und immer stärker, und die Verlegenheiten wurden drückender. Der Verfalltag der Wechsel bei Liewald nahte heran, und der Wucherer wollte nicht prolongieren. Andere Versuche, Geld zu schaffen, schlugen fehl. Am Mittag jenes verhängnisvollen Julitages hatte ihm die Post mehrere Briefe gebracht, die sämtlich Hiobsposten für ihn enthielten. Sein Ruin stand vor der Tür. Voll Verzweiflung hatte er die Flinte über die Schulter geworfen und war in den Wald gestürmt, und da war ihm das ahnungslose Wild in die Hände gelaufen.
Lydia begegnete ihm, und ihr Schicksal war besiegelt. Er führte sie nach dem Obersee, machte sie auf eine hart am Rande desselben wachsende Pflanze aufmerksam |
und schleuderte sie, als sie sich danach bückte, mit einem kräftigen Stoß in das Wasser, daß es hochaufspritzend, sein Opfer verschlang. Wie von Furien gejagt, eilte er davon und glaubte den Hilferuf der Unglücklichen noch zu vernehmen, als er schon weit, weit vom Schauplatz seines Verbrechens entfernt war.
Furchtbar waren ihm die Stunden der Ruhe und der Untätigkeit geworden, die er, um jeden Schein zu vermeiden, neben seiner Frau zubringen mußte, bis er deren Besorgnis um die Schwester rege machen durfte, was bei Ediths Phlegma gar nicht so schnell ging. Endlich hatte er die Leute aufbieten dürfen, um mit ihnen aus- zuziehen und die aufzusuchen, die er auf dem Grunde des Sees wußte. Er hielt es auch für angemessen, nach Eutin zu fahren und dort Anzeige zu erstatten. Es hatte ursprünglich wohl in seinem Plan gelegen, Ludolf Pöplau zu beschuldigen, nun sich aber der Verdacht auf ihn wandle, ließ er den Dingen ihren Lauf und fand es gar nicht so übel, noch neue Momente hinzuzufügen.
Von großer Wichtigkeit war für ihn, daß die Leiche gefunden würde, denn ohne diesen Beweis wurde die Erbschaft nicht an Edith, das heißt an ihn, ausgeliefert. Er hatte deshalb eine Schildpattnadel der Ermordeten, in deren Besitz er sich zu setzen gewußt, unvermerkt am Obersee in das Moos geworfen, und brächte sie herbei, damit sie zum Anlaß würde, den See abzusuchen. Die List gelang, der nächtliche Fischzug konnte in Szene gesetzt werden, man brächte die Uhr und Kette zum Vorschein, aber die Leiche nicht.
Wo war sie geblieben? Er glaubte nicht recht an die Annahme, daß die Strömung sie in den Kellersee getrieben haben könne. Sollte sie gerettet sein?
Eine furchtbare Unruhe und Angst erfaßte ihn. Was man für Sorge und Kummer fürdieverschwundeneSchwä- gerin auslegte und ihm so hoch anrechnete, das waren die Qualen des Verbrechers, der sich um die Früchte seines Frevels gebracht sieht und obendrein noch fürchten muß, daß derMächer ihm entgegentritt. 191,18t