SchlüchtemerMung
mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. es. Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". Telefon Nr. es.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 1C Pfg.
M 68.
Deutscher Reich.
— Mainz. Seine Majestät der Kaiser traf am Mittwoch von Cronberg, von wo er um 6'/^ Uhr abgefahren war, gegen 7 Uhr im Automobil auf dem „Großen Sand" bei Mainz ein, mit ihm Prinz und Prinzessin Friedrich Karl von Hessen. Bei dem Empfangszelt hatten sich der Großherzog und die Groß- Herzogin von Hessen eingefunden. Prinzessin Friedrich Karl und die Großherzogin trugen die Uniform ihrer Regimenter, der Kaiser diejenige des Infanterie-Regiments Kaiser Wilhelm (2. Großherzoglich Hessisches) Nr. 116 und der Großherzog diejenige des Garde- Dragoner-Regiments (1. Großherzoglich Hessisches) Nr. 23. Nach herzlicher gegenseitiger Begrüßung bestiegen die Herrschaften die Pferde. Um 7 Uhr begann ein Exerzieren des Leib-Dragoner-Regiments (2. Großherzoglich Hessisches) Nr. 24, hieran schloß sich eine Gefechtsübung, woran teilnahmen die 41. Infanterie- Brigade, die 42. Infanterie-Brigade, das Magdeburgische Dragoner-Regiment Nr. 6 und zwei Batterien des 1. Nasfauischen Feldartillerie-Regiments Nr. 27 (Oranien). Die Gefechtsübung leitete Generalleutnant Scholtz (21. Division). Das Wetter ist schön. — Die Gefechtsübung wurde gegen 9 Uhr abgebrochen, worauf der Kaiser eine längere Kritik abhielt. Um 97, Uhr begann der Vorbeimarsch der beteiligten Truppenteile und anderer Regimenter. Als Zuschauerin war inzwischen auch die Kronprinzessin von Griechenland aus Kronberg eingetroffen. Nach Schluß des Vorbeimarsches nahm der Kaiser militärische Meldungen entgegen und setzte sich dann mit dem Großherzog an die Spitze der Feldzeichen, um in die Stadt einzureiten. Die Fchnenkompagnie hatte das Infanterie-Regiment Nr. 116, die Standarien-Eskadron das Dragoner-Regiment Nr. 23 gestellt. Auf dem ganzen Wege wurden der Kaiser und der Großherzog von den, überaus zahlreichen Publikum stürmisch begrüßt. Die Stadt hat reichen Flaggenschmuck angelegt.
— Die Bedeutung des Schutzzolls für Kleinbetriebe. Man schreibt uns: Zu dem eisernen Bestand der politischen Agitation der gesamten Demokratie gehört die Behauptung, daß die gegenwärtige Schutzzollpolitik, die die Einfuhr fremden Getreides mit einem Zoll von 5 Mark pro Doppelzentner belastet, lediglich den „Großagrariern", den Rittergutsbesitzern und „ostelbi- schen Junkern" zugute komme. Der Kleinbauer aber habe gar keinen Nutzen von dieser Zollpolitik, denn er verkaufe überhaupt keinen Roggen oder Weizen, sondern
Samstag, den 24. August 1912.
brauche den gesamten Körnerertrag seiner Felder selbst, um sich und sein Vieh zu ernähren. Ja, ihn schädige ogar das Schutzzollsystem, denn es verteuere ihm den Bezug ausländischer Futtermittel, insbesondere Mais und Gerste. Es ist bekannt, daß diese mit dem Brustton der Ueberzeugung ausgesprochenen, tatsächlich aber irrtümlichen Behauptungen in manchen ländlichen Bezirken Glauben finden, d. h., wo der Landmann sich nicht die Mühe nimmt, das nachzuprüfen, was ihm die demokratischen Blätter — und leider segelt ein sehr großer Teil der angeblich „Parteilosen" provinzialen Lokalblätter in demokratischem Fahrwasser — vorerzählen. Wie wenig sich die demokratischen Darlegungen mit den tatsächlichen Verhältnissen in Einklang, befinden, beweist der letzte Geschäftsbericht der „Zentrale der landwirtschaftlichen Lagerhäuser, e. G- m. b. H." Diese süddeutsche Genossenschaft, die gegründet wurde, um die Kleinbauern des badischen Hinterlandes von den meist raffefremden Getreidehändlern unabhängig zu machen, umfaßt 4222 bäuerliche Existenzen der Distrikte Tauberbischofsheim, Külsheim, Grünsfeld, Königshöfen, Hardheim, Walldürn, Krautheim, Billig- heim, die im verflossenen Geschäftsjahre 256 333 Zentner Körnerfrucht zur Ablieferung gebracht haben. Im Durchschnitt hat also jeder Landwirt rund 60 Zentner Getreide der Genossenschaft zum Verkauf übergeben. Nehmen wir nun, wie die demokratischen Agitatoren behaupten, an, daß bei einer etwaigen Aufhebung des Schutzzolles der Getreidepreis um den Betrag der Zollauflage, also um 5 Mark pro Doppelzentner niedriger würde, so würde also jeder Kleinbauer für sein Getreide 30 Dop.-Ztr. X 5 Mk. = 150 Mk. weniger erzielen. Daß dieser Betrag für den Kleinbauern — und nur solche gehören jener Genossenschaft an — keineswegs eine Kleinigkeit ist, weiß jeder, der für die Lage des bäuerlichen Kleinbetriebes Verständnis besitzt. So einfach dies Rechenexempel ist, es beweist schlagend, daß die gegenwärtige Schutzzollpolitik eine Lebensfrage auch für die bäuerlichen Kleinbetriebe ist und daß angesichts solch einwandfreien Nachweises, wie ihn die Statistik der obenbezeichneten Kleinbauerngenossenschaft bietet, jeder Versuch, dies zu bestreiten, nur in absichtlicher Verkennung der Tatsachen unternommen werden kann.
— Ueber das Jnnungswesen Preußens gibt folgende Statistik näheren Aufschluß. Nach amtlicher Nachweisung gab es in Preußen im Jahre 1912 42 Jnnungsverbände, denen 5050 Innungen mit 244 090
63. Jahrgang.
Mitgliedern angehörten. Da noch 4962 Einzelmitglieder den Verbänden angehöcten, belief sich die Zahl der Verbandsgenossen überhaupt auf 249 052. Die größte Jnnungszahl wies der Zentralverband deutscher Bäckerinnungen Germania auf. Er vereinigte 1350 Innungen mit 64 402 Mitgliedern. Dann folgten der Deutsche Fleischerverband mit 1221 Innungen und 43127 Mitgliedern, der Bund deutscher Barbier-, Friseur- und Perückenmacher-Jnnungen mit 404 Innungen und 22 733 Mitgliedern, der Jnnungsverband deutscher Baugewerksmeister mit 338 Innungen und 9985 Mitgliedern, der Bund deutscher Schmiedeinnungen mit 305 Innungen und 13 221 Mitgliedern, der Bund deutscher Schneiderinnungen mit 290 Innungen und 25 232 Mitgliedern sowie der Bund deutscher Schuhmacherinnungen mit 116 Innungen und 11 201 Mitgliedern. Alle übrigen Jnnungsverbände vereinigten unter 100 Innungen.
Ausland.
— Sofia. Die beiden Söhne König Ferdinands werden sich auf Einladung Kaiser Wilhelms zu den Manövern nach Deutschland degeben.
— Vor einigen Jahren wurde von der polnischen Presse Frankreich als ein Dorado für polnische Arbeiter bezeichnet. Zwar klagten die dorthin gesandten Leute über geringen Verdienst, schlechte und ungeeignete Beköstigung und schwere Arbeitsbedingungen, doch darüber ging man in polnischen Kreisen leicht hinweg, man vertröstete auf die Zukunft. Jetzt muß das polnische Arbeitsbüro in Paris nachdrücklich vor dem Zuzugs nach Frankreich warnen. Das Büro hat die Erfahrung gemacht, daß polnische Arbeiter in Frankreich oft lange Zeit keine Arbeit finden können und buchstäblich Hunger und Elend leiden niüssen. — Da haben es die polnischen Arbeiter in Deutschland besser.
— Um im Falle einer Revolution in der irischen Grafschaft Ulster eingreifen zu können, hat das englische Kriegsministerum die größten Vorsichtsmaßregeln getroffen. In der Tat ist die Lage sehr ernst, da die Protestanten, die der Homurule feindselig gesinnt sind, eine Revolution organisieren wollen.
— Ueber die Verhängung des Belagerungszustandes über Kronstadt und Sebastopel erfährt die Pariser „Agence Fournier", daß die russische Regierung aus dem Grunde sich zu dieser Maßnahme entschlossen habe, weil es in ganz Kronstadt und Umgebung gäre. Der Ausbruch blutiger Unruhen sei täglich zu erwarten.
Das Geheimnis der Akuten.
Roman von Jenny Hirsch. 66
Mit aller Vorsicht war dann eine Begegnung zwischen den beiden jungen Mädchen herbeigeführt worden, so schonend Christine der Freundin die stattgehabten Ereignisse beigebracht hatte, so war sie doch, als sie alles erfahren, in eine tiefe Ohnmacht gesunken.
„Meinen Schreck, die Aufregung im Hospital, dieV or- würfe, die ich bekam und die ich mir selber machte, vermag ich Euch gar nicht zu beschreiben," erzählte Chri- ftine. „Ich fürchtete, sie getötet zu haben, und die alte Wärterin in der großen Haube stand mit geballten Fäusten vor mir und rief: „Sie haben sie getötet!"
Der Uebergang vom tiefsten Ernst in die Komik dieser Nachahmung hatte etivas Neberwältigendes. Alle brachen in ein lautes Gelächter aus und Lydia sagte: „Es war mir zum Heile, es riß mich nach oben, kann ich mit Schillers Taucher sprechen. Als ich aus der Ohnmacht zu wir kam, war ich eine andere, meine Willenskraft war -uriickgekehrt, ich wollte handeln uud erklärte, daß ich sigleich abreisen werde."
»Leider war der Geist willig, aber das Fleisch schwach," "klärte Christine, „wir mußten noch ein paar Tage zö- gern."
. »Nicht wir mußten, sondern Du zögertest, obwohl mir der Boden unter den Füßen brannte," versetzte Lydra vorwurfsvoll. „Ludolf gefangen, unter der Beschuldigung, wich ermordet zu haben, Noßwitz sein vornehmster An- "äger, meine Leiche im Kellersee gefunden und in unserem Familienbegräbnis beigesetzt.. -8 war ja, um den Ver- lwnd zu verlieren!" . .
»Du mußtest Dich selber dementieren, wie der alte Wrangel sagte, als man einmal die falsche Nachrichtvon ffmemTode verbreitet hatte," scherzte Christine, „das kam «un doch auf einen Tag nicht an."
i «Wohl kam es darauf an," antwortete Lydia eifrig
„Wären wir nur einen Tag früher eingetroffen, so würde die Schwurgerichtsverhandlung nicht stattgefunden haben, und wie konnte sie überhaupt stattfinden, da Du doch ein Telegramm abgesandt hattest, das unser Eintreffen anmeldete? Das fällt mir erst jetzt wieder ein," fügte sie dann hinzu.
„Weil ich dieses Telegramm nicht abgeschickt Habe," erklärte Christine mit einer Gelassenheit, die sehr drollig
war.
„Weshalb nicht?" fragte Lydia und die anderen mit ihr.
„Weil ich die Gerichtsverhandlung nicht verhindern wollte," war die Antwort. „In der ersten Empörung hattest Du mir Deines Schwagers Schurkenstreich verraten, dann aber bereutest Du es, legtest mir Stillschweigen auf und wolltest ihn schonen. Das aber durfte nicht sein. Ein Frevel, wie er ihn begangen hat, erheischt Sühne, einer Natter muß man den Kopf zertreten, wenn man sie in seiner Gewalt hat. Läßt man sie frei, so ersieht sie die Gelegenheit, sich für die erwiesene Großmut zu rächen. Ich rechnete auf die gewaltige Wirkung, die Dein plötzliches Erscheinen hervorbringen würde, und habe mich nicht betrogen."
„Wenn aber durch irgend ein Ungefähr Eure Reife verzögert und bei Eurer Ankunft schon das Schuldig gesprochen gewesen wäre?" fragte Ludolf.
„So wäre das Urteil noch nicht rechtskräftig gewesen, man hätte Dich nicht sogleich ins Zuchthaus gesteckt," antwortete Christine.
„Das nicht, aber Noßwitz hätte möglicherweise mit Lydias Vermögen über alle Berge sein können," bemerkte der Konsul. „Wäre Pöplau heute verurteilt worden, so würde Noßwitz noch in der Nacht mit mir nach Hannover gereist sein, wo ich es ihm hätte auszahlen müssen, denn er besaß die Generalvollmacht seiner Frau, der einzigen Erbin."
Er erzählte nun, wie Noßwitz am Tage nach den, Begräbnis der vermeintlichen Lydia das Vermögen feb
nes Mündels von ihm verlangt habe, und daß dadurch bei ihm zuerst ein gewisser Verdacht erwacht sei. „Hätte ich es ihm damals ausgezahlt," fügte er hinzu, „so würde er sich damit unverzüglich aus dem Staube gemacht haben, denn er wußte doch, daß über seinem Haupte das Schwert hing. Er konnte unmöglich Ludolfs Erzählung für ein Märchen halten."
„Hätte er doch gesprochen, wenn es ihm nur umS Geld zu tun gewesen wäre, ich hätte es ihm gegeben ..."
„Aber ich nicht, mein Kind," fiel der Konsul ein. „Ich hätte nicht noch das Deinige in den Schlund geworfen, der schon Deiner Schwester ganzes Erbe verschlungen hat. Vergiß nicht, daß sie mit ihren Kindern gänzlich auf Deine Hilfe angewiesen ist."
„Meine arme, arme Edith, die unschuldigen Kinder, ich habe ihnen den Gatten und Vater entrissen, ich hätte doch schweigen sollen," sagte Lydia sich anklagend.
„Nicht Du, er selbst hat es getan," entgegnete der Konsul fest, „wie auch die Verhandlung geendet hätte, er wäre doch nicht zu ihnen zurückgekehrl, und es ist gui so, wie es gekommen ist."
Es entstand ein feierliches Schweigen, jedes war mit seinen Gedanken beschäftigt, bis Lydia plötzlich rief: „Wen aber haben sie statt meiner an der Seite meiner Eltern Saben? Wer ist die Unglückliche, die man aus dem erste gefischt hat?"
„Auch dieses Rätsel wird noch seine Lösung finden," beschwichtigte sie die Försterin. „Es ist spät geworden," fügte sie hinzu, „wir alle bedürfen der Ruhe, Christin- soll Dich in Dein Schlafzimmer führen, schlafe sanft, mein Töchterchen."
Sie küßte Lydia auf die Stirn, und vonLudolf geführt, verließ diese in Christines Begleitung das Zim- mer.
Eine Viertelstunde später herrschte tiefe Stilleim Forst» haust. Alle hatten sich auf ihre Zimmer zurückgezogen ..alle, bis auf ein junges Paar. 191,185