SchlüchtemerMung
mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. 63. Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". Telefon Nr. 63.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 1C Pfg.
X 66. Samstag, den 17. August 1912. 63. Jahrgang.
Deutsches Reich.
— Prinz Heinrich von Preußen feierte am vergangenen Mittwoch seinen fünfzigsten Geburtstag.
— Prinz Heinrich wird bei den Beisetzungsseier- lichkeiten in Japan den Kaiser vertreten und sich zu tiefem Zwecke etwa am 20. d. M. über Sibirien nach Kiautschau begeben.
— Aus Mainz wird gemeldet: Der unter dem Protektorat des Großherzogs Ernst Ludwig stehende hiesige Verband für Flugwesen veranstaltet im kommenden Jahr einen Rundflug durch Hessen.
— Stresa. Die Herzogin Elisabeth von Genua, geborene Prinzessin von Sachsen, ist am Mittwoch abend 6 Uhr 20 Minuten verschieden. Am Sterbelager weilten ihre Kinder, Königin-Witwe Margherita und Herzog Thomas von Genua.
— Ein Schweizer Festzug vor dem Kaiser. Einer der originellsten und interessantesten Punkte des Programms des Kaiserbesuches in der Schweiz ist ein Festzug, der in Jnterlaken zu Ehren des Kaisers statt- finden wird. Dieser Veranstaltung liegt die Idee zugrunde, dem Kaiser das Leben in den Alpen in Vergangenheit und Gegenwart, das so überaus farbenfreudig ist, vorzuführen. In malerischen Gruppen werden die Einwohner aller Täler des Berner Oberlandes in ihren prächtigen Volkstrachten vor dem Kaiser vorüberziehen. In dem Zuge werden u. a. besonders schöne Exemplare der berühmten gefleckten Rinder der Sennen mitgeführt werden. Zwölf Bären-„Mutzen" — der Bär ist das Wappentier der Stadt Bern, und im „Bärengraben" werden einige Bären gehalten — geleiten in Kriegsrüstung die Fahne dieses Kantons. Die Bannerherren sämtlicher Talschaften geben in ihren alten Uniformen dem Zuge das Geleite. Daran werden sich auch dre Armbrustschützen von Thun beteiligen. Den Schluß des Zuges wird ein allegorischer Wagen bilden, der die „Jungfrau" versinnbildlichen soll. Zwölf Bauernsöhne werden dem Kaiser ein großes Prachtbuch als Angebinde überreichen, in dem in Wort und Bild das Berner Oberland geschildert ist unter besonderer Berücksichtigung der Besuche, welche Mitglieder des Ho- henzollernhauses dem Bernerischen Alpenlande abgestattet haben. Als erster figuriert darin ein Besuch in Grindelwald im Jahre 1690.
— Berlin. Niemand wird sich der Bedeutung der ernsten Warnung, zu der sich die Schiffswerft von Harland u. Wolfs in Belfast wegen Bedrohung ihrer arbeitswilligen Arbeiter veranlaßt gesehen hat, entziehen
können. Die Direktion der Werft, die auch vielfach für deutsche Rechnung arbeitet, hat soeben folgende Bekanntmachung erlassen: „Die Dinge haben sich zu einer Krisis zugespitzt, da es infolge fortwährender Störungen von Tag zu Tag unmöglich wird, die Betriebsarbeiten ordentlich weiterzuführen. Wegen brutaler Angriffe auf einzelne Arbeiter und schonungsloser Einschüchterung anderer haben wir schon mehrere unserer Betriebsabteilungen schließen müssen. Jetzt aber gehen die Agitatoren, ohne eine Ahnung davon zu haben, wie schwer sie die Arbeiterinteressen schädigen, dazu über, auch die Angestellten zu belästigen und einzuschüchtern, die für die Bedienung der Kraftzentralen verantwortlich sind. Diese Leute verlassen deshalb nach und nach den Dienst, ohne daß Ersatz für sie zu finden wäre. Deshalb müssen wir notgedrungen weitere Betriebe einstellen und uns darauf gefaßt machen, bei Fortdauer des jetzigen Zustandes unser ganzes Unternehmen zum Stillstand kommen zu sehen." Wie es heißt, sind mehrere andere Schiffsbauunternehmungen entschlossen, lieber den Betrieb einzustellen, als von den sozialdemokratischen Brutalisten und Terroristen sich vergewaltigen zu lassen. Was sich jetzt in England in der unerträglichen Verschärfung der Arbeitskämpfe ereignet, steht keineswegs vereinzelt da. Die jüngsten Vorgänge in Zürich, wo der Generalstreik erklärt wurde, haben erkennen lassen, zu welcher Macht die sozialdemokratische Organisation dort bereits gelangt ist. Die schweizerische Presse hat nahezu einstimmig die verantwortlichen Staatsbehörden beschuldigt, daß sie nicht rechtzeitig zur Abwehr solcher Uebergriffe und zur Bekämpfung der dem Wirtschaftsleben drohenden Gefahren eingegriffen hat. Die Ereignisse in England, in der Schweiz und ebenso in Belgien, wo gleichfalls der Generalstreik vorbereitet ist und jeden Augenblick über den Frieden des Wirtschaftslebens verheerend und zerstörend hereinbrechen kann, enthalten für uns in Deutschland die ernste Mahnung, sofort und energisch da, wo sie fehlen, die nötigen Sicherheilsvorkehrungen zu schaffen. Es könnte sonst auch bei uns leicht zu spät sein!
— Der Erbauer des Reichstagsgebäudes in Berlin, Geheimer Baurat Professor Paul Wallot, ist in Lan- genschwalbach, wo er zur Kur weilte, im Alter von 71 Jahren gestorben. Der Verblichene wurde am 26. Juni 1841 in Oppenheim am Rhein geboren; er besuchte die Gewerbeschule in Darmstadt und später das Polytechnikum in Hannover. In Berlin bildete er sich nach vorangegangenem einjährigen Besuch der Akademie
der Künste in den Jahren 1864 bis 1868 unter Lucae, Hitzig und Gropius fort. Nach einer Studienreise nach Italien nahm er seinen Wohnsitz in Frankfurt a. M. Bei der zweiten Konkurrenz für die Erbauung des Reichstagsgebäudes erhielt er den ersten Preis. Ihm wurde auch die Ausführung übertragen, und im Dezember 1894 wurde der stolze Parlamentspalast eingeweiht, im Volksmunde der „Wallotbau" genannt.
— Wegen Bedrohung Arbeitswilliger mit dem Revolver hat die Bonner Strafkammer den Schiffer Emig aus Duisburg zu einem Jahre Gefängnis verurteilt. Er hatte gelegentlich des Rheinschifferstreiks mit anderen Streikenden Arbeitswillige auf in Bonn vor Anker liegenden Schiffen mit dem Revolver gezwungen, die Schiffe zu verlaffen. Seine Mittäter konnten nicht ermittelt werden.
— Zur Tantiemensteuer sind im Rechnungsjahre 1911/12 71,5 Millionen Mark Tantieme herangezogen worden. Der Betrag ist Dom Jahre 1908/09 regelmäßig gestiegen. Damals wurden nur 41 Millionen Mark Tantieme versteuert. Um die Zahlen richtig zu beurteilen, muß man in Betracht ziehen, daß die Tantiemen unter 5000 Mk. nicht in dieser Summe enthalten sind.
Ausland.
— Der König von Bulgarien beging am Donnerstag sein 25jähriges Regierungs-Jubiläumö
— In einem bemerkenswerten, Politik Fürchtenicht betitelten Artikel beschäftigt sich die dem Thronfolger nahestehende österreichische „Reichspost" mit der Reise des französischen Ministerpräsidenten Poincarö nach Petersburg. Sie betont darin, das französisch-russische Marineabkommen lasse völlig kühl, denn das Berliner auswärtige Amt sei von Petersburg sehr genau über das Abkommen informiert worden. Nicht das russischfranzösische Bündnis, sondern die ganz außer Verhältnis stehende Vermehrung der englischen Flotte könnte unter Umständen Deutschland veranlassen, eine neue Flotten- vorlage auszuarbeiten. In Deutschland wisse man, daß sich ein neues Wetter zusammenziehe, aber man werde sich nicht überraschen lassen und sei der starken Hilfe Oesterreich-Ungarns immer gewiß.
— Ueber eine Gastspielreise des „Genossen" Liebknecht nach Oesterreich wird aus Reichenberg berichtet. Im dortigen Kolosseum hat der deutsche Genossenführer vor einer Massenversammlung von Sozialdemokraten einen Vortrag über das Thema: „Die Demokratie auf
Das Geheimnis der Muten.
Roman von Jenny Hirsch. 64
Nachdem sie dies getan und auch die schon bereitstehende Lampe angezündet hatte, nahm Lydia wieder das Wort: »Die Furcht vor Noßwitz veränderte auch mein ganzes Wesen und drückte meinem Tun den Stempel auf. Die Vorstellung, ohne Ludolf von hier abreisen zu müssen, ®<ir mir schrecklich, noch schrecklicher war mir aber die, warten zu sollen, bis er sich frei gemacht haben würde und der Gefahr ausgesetzt zu seinj hier entdeckt zu werden. Auch seinen Vorschlag, ihn in Hamburg zu erwartn, wies ich zurück, ich hielt mich auch da nicht für sicher und so entschloß ich mich denn, allein bis Liverpool vor- unszureisen. Wie mich Ludolf bis zur Station gebracht das hat er bereits erzählt, ich füge deshalb nur noch daß meine Reise ohne Unfall von statten ging. W ich englischen Boden betreten hatte, fühlte ich mich wrer, aber immer noch nicht aller Gefahr entronnen, sfshalb setzte ich keine Vorsichtsmaßregel außer Augen. ~° gern ich Ludolf und seiner Mutter meine glückliche Ankunft gemeldet und eine Antwort von ihnen erhal- ^u hatie, unterließ ich es doch, ein Telegramm abzusen- uen, aus Furcht, es könne auf meine Spur leiten. Unter Namen Adelheid von Klingen nahm ich in einem .Wen bescheidenen Hotel in Liverpool Wohnung und E nur aus, um mir die notwendigsten Gegenstände 'ie Reise zu taufen und mir einen Platz auf dem 15. Juli absegelnden Schiffe der White Star-Linie, ” war die „Etruria", zu besorgen. Wir hatten ja berech- N daß Ludolf an diesem Tage in Liverpool sein könne war ein feuchter, nebeliger Morgen, als ich mit mei- u geringen Habseligketten vom Hotel nach dem Hafen Mr. Ich hatte die ganze Nacht nicht geschlafen und wie ^Neber gelegen. Als mich jetzt die kalte, scharfe Luft "b fuhr mir ein Schauer durch die Glieder, ich fühlte lehr elend, aber ich achtete nicht darauf. In wem-
- gen Minuten hatte ich meinen Beschützer neben mir, er i erwartete mich gewiß schon, dann mußte sich alles, alles ! wenden. Ich hatte den Hafen erreicht, spähend überflog i mein Auge die daselbst versammelten Gruppen, hoffend, i die geliebte Gestalt zu erblicken. Ludolf war jedoch nicht ! da; es war die erste Täuschung, aber sie entmutigte mich i nicht. „Er wartet auf dem Schiffe!" tröstete ich mich. Ich : bestieg eines der Boote, welchezur Ueberführung der Reisenden nach der „Etruria" bereit lagen und ließ mich nach dem Schiffe rudern, gewiß, daß er mich ankommen sehen und mirentgegeneilen werde."
„Wir legten an, mit pochendem Herzen und flieqen- i den Pulsen flog ich die Schiffstreppe hinauf.. Ludolf । war nicht da. Ich durchlief alle den Passagieren zugäng- ! lichen Räume, ich blickte in die Kajüten, überall fremde f Gesichter, die mich neugierig und verwundert anstarr- i ten oder sich gleichgültig von mir abwandten. Den Heißersehnten fand ich nicht, und nun ergriff mich eine namenlose Angst. Noch einmal sprach ich mir Mut zu; ich war früh gekommen, bis zur Abfahrt des Schiffes war noch eine Stunde Zeit, Ludolf konnte noch anlangen. Auf dem Verdeck stand ich und beobachtete die vom Lande abstoßenden und ihren Kurs nach der „Etruria" nehmenden Boote; sie kamen eines nach dem anderen, legten an der Schiffstreppe an, entledigten sich ihrer Insassen und kehrten zum Hafen zurück. Mehr und inehr füllte sich das Schiff mit Reisenden; schon hatte ein Teil derselben sich in den Kajüten eingerichtet, voller und voller ward es auf dem Verdeck, und das einsam stehende, den angstvoll gespannten Blick in die Ferne richtende Mädchen ward inehr und mehr zum Gegenstand der Beobachtungen. Jetzt kommt das letzte Boot, hörte ich eine Stimme neben mir sagen. Das letzte Boot. . die letzte Hoffnung! Und da, da sah ich auch eine Gestalt, die aufrecht im Boote stand und mit einem Taschentuchs wehte. Täuschte mich eine Aehnlichkeit, spiegelte meine erregte Phantasie mir vor, was ich zu sehen wünschte, oder be- fand ich mich bereits in den ersten Stadien des Deliriums
i . . ich glaubte Ludolf erblickt zu haben. Schleunigst ver- : ließ ich das Verdeck und eilte den Ankommenden entge- ! gen. Grausame Täuschung. Fremde Gesichter starrten mich i an, er war nicht darunter, er war nicht gekommen. Und ! jetzt begann das Rasseln der Ketten, man machte das i Schiff klar, um in See zu gehen; nur noch kurze Zeit i und ich schwamm hinaus in den Ozean, allein, verlassen, ohne Ludolf, ohne daß ich wußte, wo er war, ohne die Möglichkeit, ihm Nachrichtzu geben. War es Verzweiflung oder Fieberwahn, was mich da ergriff, ich weiß eS i nicht. Auf die Gefahr hm, in das Meer zu fallen oder mir den Kopf an einer Planke zu zerschellen, ohne auf die Zurufe der Schiffsleute zu achten, mit Zurücklassung meines Gepäckes sprang ich in das vom Schiffe abstoßende Boot.
„Nehmt mich mit zurück, ich kann die Reise nicht mitmachen," rief ich den erschrockenen Bootsführern zu und sank in die sich mir entgegenbreitenden Arme des einen von ihnen.
Aber ich war in die Hände meiner Feinde geraten, der Verfolger, die Noßivitz abgesandt hatte, um mich zu fangen. Sie banden mir Hände und Füße, wie ich auch um mich schlug, sie knebelten mich, um mich am Schreien zu hindern, und schleppten mich auf ein Schiff, das mich auf ein wüstes Eiland brächte. Dort schmiedeten sie mich an einen Felsen und mir gegenüber war Ludolf an einen anderen Felsen geschmiedet. Wir konnten einander nicht helfen; eines mußte sehen, wie daS andere verschmachtete, wie die Vögel, die herbeigeflogen kamen, ihre Krallen und Schnäbel in unser Fleisch schlugen, wie ekles Gewürm an uns emporkroch, o, e8 waren entsetzliche Qualen. Die Verzweiflung gab mir endlich Riesenkraft, ich zerriß meine Fesseln, da stürzte ich aber tief, tief in einen Abgrund und blieb bewußtlos liegen. . . Ihr habt bereits erraten, daß ich Euch Fieberphantasien erzählt habe," fuhr sie nach kurzer Sammlung fort, „als ich aus denselben erwachte, sah ich mich in einem fremden Zimmer, in einem %W<-LLr 191,13»