ZchlüchtemerZeitung
mit amtlichem Areisblatt. Alonatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. es. Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". Telefon Nr. «S.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 1C Pfg.
32 65. Mittwoch, den 14. August 1912. 63. Jahrgang.
Simmentaler Aeinzucht.
Bei Oberleutnant Roth in Ahlersbach und Land
wirt Joh.
zuchtrinder
Gerlach in Elm stehen mehrere schöne Rein- zum Verkauf. Teilweise trächtig.
Deutsches Reich.
— Wilhelmshöhe. Seine Majestät der Kaiser mit Gefolge ist am Freitag abend 10 Uhr 30 Min. hier eingetroffen.
— Die Vorbereitungen zu der Neu-Kamerun- Expedition, die das Reichskolonialamt plant, sind der Vollendung nahe. In zwei Abteilungen soll im Herbst die Ausfahrt nach der neuen Kolonie erfolgen. Wie wir hören, leitet Major Zimmermann die südliche, Hauptmann von Ramsay die östliche Gruppe. Je zwei Abteilungen unterstehen ihnen unter Führung der Hauptleute Ritter, Abel und Bartsch. Der Expedition wird außer den Offizieren usw. auch ein Geograph und ein Offizier der Landesaufnahme des Großen Generalstabes beigegeben zwecks genauer Aufnahme des Geländes, astronomischer Berechnungen usw. Man darf mithin auch in wissenschaftlicher Hinsicht gute Erfolge von dieser Kainerun Expedition erwarten.
— Nicht weniger als 5% Millionen Mark Ausstandsunkosten haben im vergangenen Jahre nach dem jetzt vorliegenden Geschäftsbericht die Lohnbewegungen usw. dem sozialdemokratischen Metallarbeiterverband verursacht. Insgesamt wurden in 9003 Betrieben mit 552 501 Arbeitnehmern 1704 Bewegungen durchgeführt, die Lohnerhöhungen, Regelung resp. Verkürzung der Arbeitszeit, Bessergestaliung der Akkordarbeitszeit, Zuschläge zu den Ueberstunden und für Nacht- und Sonntagsarbeit betrafen. Die Summe der durch die Ausstände erzielten Lohnaufbesserungen beträgt rund 8 Millionen Mark.
— In Kiel ist die Haftentlassung der spionagever- dächtigen Engländer erfolgt, da die Untersuchung kein belastendes Ergebnis gezeitigt hat. Immerhin wurde sestgestellt, daß die Reisenden eine große Anzahl von Ausnahmen der Anlagen des Kaiser-Wilhelm-Kanals und aus den Kriegshäfen in ihrem Besitze hatten. Jedenfalls zeugt es von einem ungewöhnlichen, man kann fast sagen, frivolen Leichtsinn, wenn Vergnügungs
reisende ohne jede Befangenheit solche Dinge photographieren. Beamte, welche Personen festnehmen, die so wie die hier in Rede stehenden Reisenden verfahren, handeln nicht nur durchaus korrekt, sondern sie würden sich einer Unterlassung schuldig machen, wenn sie anders handelten.
— Die Frage, ob Lehrling oder jugendlicher Arbeiter, ist durch einen Erlaß des Handelsminister entschieden worden. Bisher haben viele Handwerker, denen das Recht, Lehrlinge auszubilden, nicht zusteht, die von ihnen zur Ausbildung angenommenen jungen Leute nicht als Lehrlinge, sondern als jugendliche Arbeiter angegeben. Damit diese Angabe glaubhaft wurde, verzichteten sie darauf, mit den gesetzlichen Vertretern der jungen Leute schriftliche Lehrverträge abzuschließen. Ein besonderer Erlaß des Handelsministers bestimmt, daß für die Eigenschaften eines jungen Mannes als Lehrling oder jugendlichen Arbeiter einzig und allein die Art der Beschäftigung maßgebend sein soll.
— Im Gebiet der preußisch-hessischen Eisenbahnverwaltung sind nunmehr zwölf Erholungsheime für Eisenbahnbeamte und Arbeiter vorhanden, nämlich Karlshafen (Weser), Elgersburg (Thür.), Festenburg (Harz), Lubinin (Ostsee), Jenkau bei Danzig, Schloß Bomblin (Warthe), Borkum (Nordsee), Jlsenburg im Harz, Münden (Hannover), Ostdievenow (Ostsee), Schmiedeberg (Riesengebirge) und Niederdollendorf am Rhein. Diese Heime wurden unter Zuschüssen des Staates durch die Eisenbahnvereine und aus freiwilligen Gaben der Beamten und Arbeiter erbaut und eingerichtet. Allen Eisenbahnern der preußisch-hessischen Gemeinschaft und der Reichsbahnen dienen sie, bei Wahrung voller persönlicher Freiheit, nach schwerem, nervenanspannendem Dienst zur Erholung und Kräftigung. Die Pensionspreise betragen durchweg 3 h, bis 4 Mk. für die Person und den Tag.
— Das preußische Kultusministerium beabsichtigt die Herausgabe eines amtlichen Wegweisers zur Einführung in den Beruf, der den Schulbehörden, Er- ziehungs- und Waisenhäusern zur Unterrichtung dienen soll. Dieser Wegweiser soll in Form einer Broschüre zweimal jährlich erscheinen und den aus der Schule in das Erwerbsleben tretenden Knaben sowie den Eltern eine Wegleitung bei der Wahl eines Berufes bieten. In der Broschüre sollen Bedingungen für die Ablegung der einzelnen Berufsprüfungen, ferner ein Verzeichnis geeigneter Lehrstellen aus dem ganzen Reiche enthalten
sein. Auch vor überfüllten BerufSarten soll, wo es nötig ist, gewarnt werden.
Ausland.
— Recht günstige Mitteilungen über die Qualität der Togo-Baumwolle neuester Ernte macht ein Gut« achten des Baumwoll-Großkaufmanns Erich Fabarius in Bremen, die im Amtsblatt für das Schutzgebiet Togo veröffentlicht sind. Die ersten Sendungen der Baumwollernte Togos weisen eine sehr schöne Ware aus. Ebenso sind die kürzlich eingetroffenen Muster einiger demnächst zu erwartenden Abladungen durchweg zufriedenstellend, so daß man für die Qualität der diesjährigen Togoernte die besten Hoffnungen hegen kann. Besonders erfreulich ist die allgemeine Verbesserung der Qualität; denn sowohl die aus dem Paline- und Atakpamebetriebe jüngst eingetroffenen 18 bezw. 80, zusammen 98 Ballen als auch die Proben aus dem Bezirke Sagada und anderen lassen in der Qual- tät nichts zu wünschen übrig und erinnern an die Ernstlingsernte des Schutzgebietes, die bei Handel und Industrie seinerzeit größten Beifall gefunden hat. Die Gesamternte betrug im Jahre 1911 517 000 kg und war damit um etwa 50000 kg gegen die Ernte des Vorjahres gestiegen. Die diesjährige Ernte dürfte wieder um ein geringes höher sein als die von 1911. Da nach gute. Baumwolle immer starke Nachfrage herrscht, so wird die Togo-Baumwolle neuester Ernte stark begehrt sein.
— Einen neuen Beweis für den Geist des Aufruhrs in der russischen Flotte bietet ein Vorgang bei Seba- stopol. Aus einem schwimmenden Gefängnis sollten sechs bestrafte Matrosen auf einer Schaluppe zum Dienst am Lande befördert werden. Ein Unteroffizier und ein Mann dienten als Begleiter. Sowie sie eine Strecke gefahren, stürzten sie sich auf den Unteroffizier, entwaffneten ihn und warfen ihn über Bord. Als sie gelandet, flüchteten sie, wobei ihnen der zurückgebliebene Begleiter einige Schüsse nachsandte, die den einen verbrecherischen Matrosen verwundeten. Die übrigen wurden bis auf einen unterwegs festgenommen. Anfälle auf Vorgesetzte, namentlich in der Schwarzmeerflotte, sind häufig, in welcher der aufständische Geist am meisten verbreitet ist, wie die allerneuesten Meutereien beweisen. Wenn Rußland seine neuen Schiffe mit solchen Mannschaften schlimmster Sorte besetzen will, so füllt es schlechten Wein in gute Fässer.
Das Heheimnis der Akuten.
Roman von Jenny Hirsch. 63
Frau Pöplau war sonst gar nicht unempfindlich ge- Sen das Lob ihrer Gartenkunst, heute ging es aber spurlos an ihr vorüber. Ihre ganze Seele war erfüllt von Glücke, den geliebten Sohn, den sie schon verloren gegeben hatte, frei, reingewaschen von aller gegen ihn erhobenen Anklage, wieder neben sich zu sehen und das Mädchen seiner Wahl, ihre geliebte Lydia, unter ihrem ^che zu wissen. Zudem hatte die Gegenwart des Konsuls etwas Beunruhigendes für sie, war er gekommen, um trotz alledem den Bund, welchen diese beiden Her- M geschlossen hatten, zu trennen?
Die Mahlzeit, welche Christine bereitet hatte, war "Erzehtt, Lydia hatte gewünscht, daß der Tisch in dem 3>urmer, wo sie ruhte, gerüstet würde, um mit weichem, llulem Lächeln den Schmausenden zuzusehen. Als dann
Tisch abgeräumt war und ganz leise Dämmerung °ss Gemach erfüllte, bat sie: „Setzt Euch hier alle um herum, laßt uns beim letzten Scheine dieses denkwürdigsten Tages in meinem und Ludolfs Leben zu- lummenrücken und unsere Erlebnisse austauschen. Es bleibt doch noch manches zu berichten und zu erklären." , »Acht heute, Geliebte," bat Ludolf, ihre zarte, blasse §°"dan seine Lippen drückend, „Du bist noch zu schwach, sollst ruhen."
„ »Ich finde keine Ruhe, bis es ganz klar zwischen uns geworden ist, und ich habe ja weniger zu erzählen, als hören," sagte sie.
r. ®8 war nicht so; der Löwenanteil des Berichtes fiel | zu, aber sie schien wirklich, während sie sprach, > M^ frischer zu werden. Es war, als wälze sie mit Schilderung dessen, was sie erduldet, auch die Schwache I 1 oie ihr von der Krankheit noch angehastet hatte.
s »lassen Sie mich so kurz wie möglich sein," begann i ' «und erlagen Sie mir vor allen Dingen das zu
wiederholen, was ich heute im Gerichtssaal erzählt habe. Nur eines will ich hinzufügen: es war nicht weit her mit meinem viel berufenen Trotz und Starrsinn. Wohl hatte ich unter der Wucht der mir vorgelegten Beweise mitLudolf gebrochen und es war mir heiliger Ernst mit dem Gelübde, nie wieder mit ihm zu reden, ihm nie zu verzeihen, aber ich litt unsäglich dabei. Meine Seele schrie nach ihm, ich konnte sein Bild nicht aus meinem Herzen reißen und der Gedanke marterte mich, ob ich ihm nicht doch unrecht getan habe. Noßwitz hätte ich vielleicht nicht so unbedingt Glauben geschenkt, aber er hatte das Zeugnis meines Vormundes für sich und den kannte ich als einen unbestechlichen Ehrenmann."
„Armes, liebes Kind," murmelte Elster, „Du dachtest nicht daran, daß auch Dein Vormund getäuscht worden sein könnte durch eine Schurkerei, die noch ihre Aufklärung finden wird."
„Doch, ich dachte auch daran," erwiderte Lydia, „und ich ging aus in der Absicht, Ludolf zu begegnen und seine Verteidigung zu hören. Wenn ich ihn dann aber kommen sah, erhielten Trotz und Groll wieder die Oberhand, ich wandte ihm den Rücken, ich floh ihn, um mich, sobald ich seinem Gesichtskreis entschwunden, zu Boden zu werfen und laut aufzuschreien in bitterem, unsäglichem Weh."
Eine schwache Röte färbte ihre Wangen, leise drückte sie die Lippen auf Ludolfs Hand, in der die ihre ruhte, dann fuhr sie fort: „So war es auch gewesen an jenem Tage, an welchem er mich aus dem Obersee zog, in den mich eine mörderische Hand geschleudert hatte. Damals sammeltet Ihr, Du, Ludolf, und Du, gute Mutter, feurige Kohlen auf mein Haupt. Mir, die Dich durch so schnöden Verdacht gekränkt hatte, schenktet ihr Vertrauen, ich bat Euch, mich incht zu fragen, wie ich in die Fluten geraten sei und weshalb ich nicht zu meinen Angehörigen zurückkehren wollte, und ihr ehrtet und schontet mein Geheimnis mit einer rührenden Zartheit."
„Weil wir es so ziemlich durchschauten," sagteLudolf, und seine Mutter fügte hinzu: „Du hast es in der Verstellung nicht so weit gebracht, um uns gänzlich täuschen zu können. Wenn auch Dein Mund schwieg, Deine angstvollen Blicke, eine ganze Reihe unwillkürlicher Aeußerungen wurden zu Verrätern."
„Wie, Sie wußten, und Sie konnten schweigen, als man Sie selbst beschuldigte?" rief der Konsul.
„Ich wußte nicht, ich ahnte, ich vermutete nur," erwiderte Ludolf; „durfte ich auf eine unbegründete Anklage mit einer anderen unbewiesenen antworten? Wer würde mir geglaubt haben? Erinnern Sie sich nur, welche Entrüstung es heute noch hervorrief, als meine Mutter sich vonihremSchmerze fortreißen ließ, es zu tun."
„Wahr, wahr," murmelte der Konsul, „aber warum mußtest Du zu einem so abenteuerlichen Plan Deine Zuflucht nehmen, hebe Lydia? Lag es nicht viel näher, zu mir zu kommen?"
Das junge Mädchen schlug die Augen nieder. „Sie waren ein Gegner meiner Verbindung mit Ludolf."
„Ich bin es nicht mehr," fiel der Konsul schnell ein.
Ludolf eilte zu ihm und ergriff voll warmer Dankbarkeit seine Hand, Lydia lohnte ihm mit einem glänzenden Blick ihrer seelenvollen Augen, dann fuhr sie schnell fort: „Und ich hätte doch auch Ihnen nicht alles sagen können. Die Furcht vor Noßwitz beherrschte mich ganz; ich wollte ihn nicht verraten, mich aber gleichzeitig seinen Anschlägen entziehen, denn ich hatte Ludolf wieder, ich wollte leben und glücklich sein."
Sie machte hier eine Pause und lehnte? sich in die Kiffen zurück. Christine reichte ihr ein Glas Wein, die anderen baten, sie möge sich schonen und die Fortsetzung ihrer Erzählung auf den nächsten Tag verschieben. Sie jedoch beharrte dabei, dies noch heute tun zu wollen.
„So laß mich erst die Fenster schließen, die Nachtlufr wird kalt und könnte Dir schaden," sagte Christine. 191,18*