Ichluchterner Zeitung
mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. 63. Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". Telefon Nr. 63.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 1C Pfg.
Mittwoch, den 7. August 1912.
63. Jahrgang.
Amtliches.
| Jagdverordnung.
Für den Umfang des Regierungsbezirks Cassel wird ' für das Jahr 1912 auf Grund der §§ 39 und 40 der Jagdordnung vom 15. Juli 1907 die Eröffnung der Jagd auf Rebhühner auf
Mittwoch, den 21. August
festgesetzt.
Cassel, den 19. Juli 1912.
Der Bezirksausschuß zu Cassel.
Deutsches Reich.
— Die Ankunft des Kaisers auf Wilhelmshöhe. Nach einem Telegramm aus Swinemünde wird Se. Majestät der Kaiser mit dem Gefolge Swinemünde am 6. August verlassen und nach Schloß Wilhelmshöhe sich begeben. Am 8. August reist der Kaiser von Wilhelmshöhe nach Essen zur Teilnahme an dem 100jährigen Jubiläum der Firma Krupp. Die Rückkehr nach Wilhelmshöhe erfolgt am 10. August.
— Berlin. Der Reichskanzler v. Bethmamm-Holl- weg begibt sich Anfang September im Anschluß an seine Gasteiner Kur zum Besuch des österreichisch-ungarischen Ministers Grafen Bechtold auf dessen in Südungarn gelegene Güter.
— Ueber die friedensrichterliche Tätigkeit der gemeinnützigen Rechtsauskunftsstellen und ihre Ausgestaltung im Dienste der Rechtspflege bringt die „Deutsche Juristenzeitung" wertvolle Ausführungen. Es wird dargelegt, wie gerade die Rechtsauskunftsstellen berufen sind, vermeidbare Prozesse in Bagatellsachen zu verhindern und Arnienrechtsprozessen durch ihre auf- Mende und vermittelnde Tätigkeit vorzubeugen. Schon heute entfalten die gemeinnützigen Rechtsauskunftsstellen nach dieser Richtung hin eine ausgedehnte Tätigkeit. In noch weit höherem Maße würden sie aber, so heißt es weiter, der Rechtspflege und dem Rechtsfrieden dienen können, wei n sie bei der bevorstehenden Reform der Zivilprozeßordnung in den Organismus unserer Rechtspflege eingegliedert und ihnen alle die Aufgaben zugewiesen werden sollten, zu deren Lösung sie ganz besonders berufen erscheinen. Die Vorschrift eines Vortermins vor der Rechtsauskunftsstelle in allen Streitsachen mit einem Objekt unter 100 Mk. und in allen vermögensrechtlichen Armenrechtsprozessen würde die Gerichte voraussichtlich außerordentlich entlasten und auch den Rechtsanwälten die Last der Armenanwaltschaft bedeutend erleichtern. Man könne nur wünschen,
daß die Reform unseres Prozeßrechts diesen Erwägungen hinreichend Rechnung trage.
— Einen Aufruf zur Revolution enthält ein Begrüßungsaufsatz der „Leipz. Volksztg." aus Anlaß des Gewerkschaftsfestes. Es heißt darin: „Die Stunde der sozialen Revolution hat geschlagen. Die Erkenntnis für den Inhalt und den gewaltigen Ernst der Zeiten, die wir jetzt erleben, ist es, die den Arbeitern not tut. Die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter aber müssen sich von dieser Erkenntnis ganz besonders erfüllen lassen, sind sie es doch, die die Kerntruppen der kommenden Massenkämpfe bilden werden, sind sie es doch, von deren revolutionärer Tatkraft und Entschlossenheit das Schicksal der kommenden Jahre in erster Linie abhängen wird . . . Darum soll und muß der Arbeiter, der Gewerkschaftler in erster Linie, sich ganz erfüllen lassen von dem revolutionären Gluthauch, der durch unsere Zeiten weht. Er soll wissen, daß die kommenden Kämpfe Männer brauchen, die für ihre Klasse, ihre Organisation, ihre Partei einstehen mit dem letzten Hauch ihrer Kraft." — Der Hinweis auf die „kommenden Massenkämpfe", auf die „revolutionäre Tatkraft", aus ■ den „revolutionären Gluthauch" usw. ist deutlich genug. Er sei unseren unverbesserlichen Versöhnungspolitikern zu besonderer Beachtung empfohlen.
— Infolge der Streikausschreitungi n in Ragnit, die sich aus Anlaß eines Streiks bei der Firma Brüning u. Sohn ereigneten, ist die zweite Kompagnie des Infanterie-Regiments Nr. 41 aus Tisit unter dem Befehl des Hauptmanns v. Wendt nach Ragnit beordert worden. Die Kompagnie, die dort in Büger- quartieren untergebracht ist, patrouilliert durch die Stadt, namentlich in der Nähe der Brüningsichen Fabrik, die scharf bewacht wird. Polizeikommissar Löper war durch Steinwürfe und Hiebe verletzt worden; doch sind seine Verletzungen nicht so schwer, wie es zuerst den Anschein hatte. Am Streik sind etwa 100 bis 120 Mann beteiligt.__________
AusianS.
— Er kehre mit der Gewißheit nach Deutschland zurück, daß Deutsch-Südwestafrika eine große Zukunft habe, sagte Staatssekretär Dr. Solf bei einem ihm zu Ehren veranstalteten Bankett im Deutschen Klub zu Johannisburg. In Britisch-Südafrika habe er gesehen, was die Zukunft Deutsch-Südwestafrikas sein werde. Dr. Solf betonte den Wert harmonischer Beziehungen zwischen der deutschen Kolonie und der südafrikanischen Union.
— Um die deutschen Kolonien in der Südsee funkentelegraphisch - untereinander und mit der Heimat zu verbinden, hat sich in Berlin die „Deutsche Südsee- Gesellschaft für drahtlose Telegraphie" gebildet. Vorläufig werden vier Großstationen errichtet: Jap, Rabaul (Neuguinea), Apia (Samoa) und Nauru (Marschallinseln),
— Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Skandinavien haben seit dem Jahre 1911 eine erhebliche Ausdehnung erfahren. So bezog nach der amtlichen Statistik Norwegens dieses Land von Deutschland an großen Dynamomaschinen im Jahre 1909 479,000 kg, 1910 818,000 kg, vom 1. Januar bis 30. September 1911, also in 3/4 Jahren, schon 1,187,000 kg. Unter den Gründen für diese Entwicklung steht neben der germanischen Stammverwandtschaft und der Verkehrserleichterung durch die Dampf- Fährverbindungen Berlin—Kopenhagen und Saßnitz— Trelleborg—Stockholm die Tatsache obenan, daß schon im Mittelalter viele skandinavische Städte den Charakter deutscher Kolonien hatten, daß noch im 16. Jahrhundert die schwedischen Städte bestimmungsgemäß in ihren Rat bis zur Hälfte seiner Zahl Deutsche beriefen, und daß die geistigen, namentlich literarischen Beziehungen zwischen Deutschland und Nordland ganz besonders innig und tief sind. Auch hier lehren Geschichte und Gegenwart, daß Handel und Gewerbefleiß den kulturellen Zusammenhängen folgen.
— Der Kampf um das amerikanische Panamakanalgesetz scheint eine Unterbrechung erfahren zu sollen. Wenigstens meldet die Londoner „Morning Post" aus Washington, es sei nicht unwahrscheinlich, daß die Verhandlungen über die Panama-Kanal-Bill bis zur nächsten Tagung im Dezember verschoben werden. Zwischen den Häusern des Kongresses bestehen grundsätzliche Meinungsverschiedenheiten über die Bill. Der Präsident wünscht, daß wenigstens die verwaltungs» rechtlichen Bestimmungen der Bill ohne Aufschub erledigt werden. Aber das Repräsentantenhaus will nicht darauf eingehen, denn es glaubt, daß es bei einer solchen Trennung der Beratungen gezwungen werden könnte, nachher in der Frage der Gebühren und des Ausschlusses der Schiffe, die Eisenbahngesellschaften ge» hören, dem Senate nachzugeben.__
Lokales und Provinzielles.
Schlächter«, 6. August 1912.
—* Am Sonntag wurde das alljährlich wiederkehrende Weitzel'sche Stiftungsfest (Augustfest) vom
Das Geheimnis der Akuten.
Roman von Jenny Hirsch. 60
Er schilderte seine Kinder- und Jugendliebe zu Lydia von Ruffer, sein Streben und Ringen, sie zu gewinnen, sein Straucheln und Fehlen, und er verdammte es nicht, sondern entschuldigte es vielmehr. Er ließ sogar die Annahme gelten, daß nach Pöplaus Rückkehr in seinen heimatlichen Wald das bessere Gefühl, die Liebe zu Lydia wieder die Oberhand gewonnen habe.
Er hatte den Entschluß gefaßt, ihrer würdig, ihr treu zu sein, nun aber kam der Fluch der bösen Tat. Die verlassene Braut rächte sich an ihm, sie schrieb Briefe an Lydia und deren Schwager und gab diesem, welcher der Heirat feindlich gesinnt war, die'willkommene Waffe in die Hand. Die rief beleidigte Verlobte brach mit ihm, wies jeden seiner Versuche, sich zu rechtfertigen, schroff zurück und brächte ihn dadurch zur Verzweiflung, die sich zurRaserei steigerte. Dabei war das beklagenswerte junge Mädchen unklug genug, ihre einsamen Spaziergänge nicht rinzustellen, sie wollte ihm nicht aus dem Wege gehen, sondern ihm zeigen, daß er für sie ein völlig Fremder geworden sei.
Was sie selbst dabei gelitten, fuhr er fort, das sei durch die Aussagen einzelner hier vernommener Zeugen wehr andeutet als geschildert worden. Auch er habe keine Veranlassung, näher darauf einzugehen, wohl aber müsse sr darauf Hinweisen, daß ein solches Verhalten die un- stügste Wirkung auf den Angeklagten hätte ausuben mus- sen. Er habe die furchtbarsten Drohungen ausgestoßen und sei, als sich die Gelegenheit geboten, von diesen zu der schauervollen, entsetzlichen Tat übergegangen. Seme Hand sei es gewesen, welche das junge Mädchen rn den «» geschleudert hat. , , o -
Bis z„ diesem Punkte hatte die Rede mehr das Ge- Wlie der Verteidigung als der Anklage gehabt. Alles, .W der Staatsanwalt sagte, Hang, als wolle ein An»
walt, welcher daran verzweifelte, die Freisprechung seines Klienten zu erlangen, für ihn das Mitleid rege machen und ihm wenigstens mildernde Umstände verschaffen. Nun aber ging er zum Angriff über. Nicht in der Tat selbst, obwohl diese gestraft werden müsse, liege die schwerste Schuld des Angeklagten, denn sie sei das Ergebnis einer wahnsinnigen Leidenschaft, sondern in der Art und Weise, wieerdiese Schuld zu verbergenund von sich abznwälzen gesucht habe, in dem Lügengewebe, das er mit Hilfe seiner Mutter entworfen, in den Beschuldigungen, die er ganz versteckt und die seine Mutter heilte sogar durch handgreifliche Anspielungen gegen hochachtbare Personen geschleudert habe.
Er behalte sich etwaige Anträge zu diesem Punkte noch für später vor; jetzt wolle er aber nur alle die Behauptung unterstützenden Angaben, Fräulein von Ruffer lebe noch und sei mit Wissen unter Beihilfe des Angeklagten entflohen, etwas näher beleuchten.
Er tat dies, indem er die Angaben Ludolfs und seiner Mutter eine nach der andern aufnahm und mit einer solchen Schärfe und Ironie widerlegte, daß jedermann der Meinung war, der Angeklagte sei jetzt selbst von ihrer Unhaltbarkeit überzeugt und werde bei der nächsten Aufforderung des Präsidenten ein reuevolles Geständnis ablegen, wenn auch auf seiner finster zusammengezogenen Stirn und um den trotzig zusammengepreßten Mund noch nichts von einem solchen Entschlüsse zu lesen ivar.
„Die Leiche seines Opfers wird gefunden," sprach der Staatsanwalt weiter, „aber selbst angesichts derselben bleibt der Angeklagte bei seinem Märchen. Ja, er schöpft aus der zufälligen, furchtbaren Verstümmelung der Leiche sogar den traurigen Mut, dieJdentität zu bestreiten, die von den Angehörigen anerkannt, so unbedingt anerkannt wird, daß man der Verstorbenen im Familiengewölbe neben dem verstorbenen Geheimrat von Ruffer und seiner Gemahlin die Ruhestätte bereitete. Er bleibt bei seinem Märchen, trotzdem er weiß, daß er durch seine Tat auch der Schwester seines Opfers den Todesstreich oerjetzt hat.
Gegen diesen verstockten Sünder erhebe ich jetzt die Anklage, gegen ihn beantrage ich das Schuldig und vertraue darauf, daß die Herren Geschworenen es einstimmig aussprechen werden."
Mit einer Miene, welche sehr bescheiden sein sollte, in der aber ein gewisser Triumph nicht zu unterdrücken war, setzte der Staatsanwalt sich nieder. Er durste mit der Wirkung zufrieden sein, der Sieg schien so gut wie gewonnen, und mit einer Art von Mitleid schaute er auf DoktorSeifert, der, nachdem er mit dem Angeklagten geflüstert hatte, einige Papiere ordnete und sich nunmehr anschickte, seine Verteidigungsrede zu halten.
In diesem Augenblicke näherte sich ihm ein Gerichtsbote und übergab ihm einen Brief, dem er leise eine mündliche Bestellung beifügte. Seifert überflog das anscheinend nur wenige Zeilen enthaltende Schreiben. Er geriet in eine große Bewegung, die er nur mühsam beherrschte, als er an den Präsidenten herantrat und diesem das Blatt hinreichte. Auch dieser fuhr, nachdem er es gelesen hatte, betroffen zurück, und seine Stimme hatte nicht die gewohnte Festigkeit, als er den Gerichtshof auf» forderte, zur Beratung eines soeben eingetreteiienZwifchen» falles sich zurückzuziehen.
Unter den Zuschauern entstand ein lebhaftes Flüstern; niemand wußte, was sich zugetragen haben könne, und doch ahnte jeder, es müsse etwas Besonderes sein, etwas, was auf den Gang des Prozesses vielleicht noch eine ganz unvorhergesehene Einwirkung ausüben könne. Man war daher ziemlich enttäuscht, als der Präsident verkündete, es habe sich nachträglich noch ein Zeuge gemeldet, dessen sofortige Vernehmung der Gerichtshof mitZustim- mung des Staatsanwalts und des Verteidigers beschlossen habe. ' 191,18*
Dieser Zeuge oder vielmehr diese Zeugen wurden jetzt eingeführt, denn es waren zwei jugendliche, ziemlich gleich in Gran und Schwarz gekleidete Frauengestalten, welche durch die hinter dem Tische der Richter befindliche Tür in den Saal geführt wurden und vor die Schranken traten^