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mit amtlichem Kreisblatt» Telefon Nr. 65.
Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". Telefon Nr. es.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 1£ Pfg.
M 62. Samstag, den 3. August 1912. 63. Jahrgang.
National Flngfpen-e.
In allen Kreisen unseres deutschen Volkes bricht sich die Ueberzeugung Bahn, daß es für uns ein Gebot der Selbstachtung ist, unsere Rüstung zu Lande, zu Wasser und in der Luft zu vervollständigen, um in jeder Beziehung gewappnet zu sein, wenn es gilt, anmaßende Machenschaften des Auslandes zurückzuweisen.
Alle Gaue unseres Vaterlandes wetteifern in der Aufbringung von Spenden, die zur Stärkung unserer Wehrkraft in der Luft dienen sollen.
Unser Hessenland darf hierbei nicht zurückstehen.
Möche es auch seinerseits eifrig spenden zu einem Militärflugzeug, das den Namen unseres Hessenlandes trägt und Zeugnis ablegt von dem festen Willen seiner Bewohner, stets einzutreten für die Aufrechterhaltung der Machtstellung unseres Reiches. Nur sie allein gewährleistet unserem deutschen Volke eine ehrenvolle Friedenszeit.
Der Unterzeichnete bittet im Namen und Auftrage vieler Vaterlandsfreunde die Bewohner unseres Kreises ein jeder nach seinen Kräften, willig beizusteuern zur Erreichung dieses Zieles.
Die eingegangenen Spenden sollen dem Kriegs- ministerium zur Beschaffung eines Militärflugzeuges zur Verfügung gestellt werden.
Sie können sowohl beim Kaiserlichen Postamt wie bei der Kreissparkasse eingezahlt werden.
Balentiuer. Landrat.
Kurdtual-Erzbischof Dr. Fischer P.
Köln. Die „Kölnische Volkszeitung" meGn l kardinal Dr. Fischer, Erzbischof von Köln, ist Freitag nacht 11 Uhr 30 Minuten verschieden.
Antonius Hubert Fischer, Dr. theol., Kardinal und Erzbischof von Köln, wurde am 30. Mai 1840 als Sohn eines Lehrers zu Jülich geboren. Er besuchte die höhere Schule seiner Vaterstadt, das Friedrich Wilhelm-Gymnasium zu Köln und darauf die Universitäten Bonn und Münster. Am 2. September 1863 empfing er die Priesterweihe, worauf er Religionslehrer am Gymnasium zu Essen wwde. 1884 promovierte er in Tübingen zum Dr. theol. Seine Dissertation ist betitelt: „Ueber das Heil der Ungläubigen." Am 10. Dezember 1888 wurde Fischer Domkapitular an der Metropolitankirche in Köln, bereits im nächsten Jahre erhielt er vom Papste den Titel eines Bischofs von Juliopolis. Am 19. März 1903 endlich wurde der damalige Weihbischof Fischer, im Kölner Dom als
Erzbischof inthronisiert, und kurze Zeit darauf auf Veranlassung des Kaisers zum Kardinal ernannt. Als solcher nahm er an der Wahl Pius' X. teil. Am 27. Januar 1904 berief ihn der Kaiser auf Lebenszeit ins Herrenhaus.
Auch für uns Evangelische bedeutet der Tod Fischers einen Verlust, da in ihm die christlichen Gewerkschaften ihren stärksten Schützer auf katholischer Seite verlieren.
Deutsches Reich.
— Ein Telegramm des Kaisers an den Großherzog von Sachsen. Der Kaiser übersandte dem Großherzog von Sachsen-Weimar anläßlich der Geburt eines Sohnes ein Glückwunschtelegramm folgenden Inhaltes: Mit großer und aufrichtiger Freude habe Ich die gute Nachricht von der Geburt Deines Jungen vernommen. Möge Gott diesen jüngsten Sproß Deines alten Hauses in seinen ganz besonderen Schutz nehmen, daß er zu Eurer und des ganzen Landes Freude heranwächst. Auch Deiner Frau Gruß und herzliche Wünsche.
Wilhelm.
— Balestrand. Am Mittwoch vormittag 11 Uhr erfolgt die Abreise Seiner Majestät des Kaisers nach Bergen, wo der Kaiser gegen 6 Uhr abends einzutreffen gedenkt. Das Wetter ist trübe, aber angenehm kühl. An Bord ist alles wohl.
— Abreise des neuen Gouverneurs von Togo. Wie wir hören, tritt Herzog Adolf Friedrich von Mecklenburg am 9. August von Hamburg aus die Ausreise in das Schutzgebiet zur Uebernahme seiner Stellung aus Gouverneur an.
— Zum Tode des Mikados. Deutschland widmet von amtlicher Seite dem verstorbenen Kaiser Mutsuhito folgenden Nachruf: „Dem Heimgegangenen Monarchen war es beschieden, über den Geschicken des japanischen Volkes in der bedeutsamen Zeit zu walten, wo sich die Umwandlung Japans aus seiner alten Staatsform in eine moderne Großmacht vollzog. Mit dem Deutschen Reiche hat der verstorbene Kaiser freundliche Beziehungen unterhalten. An der Trauer, in die das japanische Volk durch sein Hinscheiden versetzt wird, nimmt auch Deutschland aufrichtigen Anteil."
Auslanö.
— Infolge der fortschreitenden Verteuerung der wichtigsten Nahrungsmittel durch den Wucher des Zwischenhandels kam es in Brody zu wüsten Auftritten. Hunderte von Männern und Frauen stürmten auf dem
Markte die Verkaufsbuden, warfen sie um, zerstreuten die Lebensmittel über den Platz, begossen sie mit Petroleum und zündeten sie an. Der Gendarmerie und Polizei gelang es nicht, das Werk der Zerstörung zu verhindern.
— In Marseille hat ein blutiger Kampf zwischen streikenden und arbeitswilligen Seeleuten stattgefunden. Streikende Matrosen grifft n arbeitswillige Kameraden von dem Handelsdampfer „Herzog von Braganza" an, es kam zu einer wilden Messerstecherei, wobei 6 Arbeitswillige schwere Verwundungen erlitten, so daß sie in ihrem Blute auf dem Pflaster lagen, als die Polizei erschien. Sie mußten alle ins Krankenhaus gebracht werden, einer starb aus dem Wege dorthin, ihm war durch einen Messerstich die Halsschlagader zerrissen worden.
— Aus Tokio kommt die Kunde von dem Tod des Kaisers Mutsuhito von Japan, der einem längeren Leiden erlegen ist. Er war der 122. in der Kette seiner Ahnen, als er im Alter von fünfzehn Jahren den Thron bestieg, und in 45 jähriger Regierung erblühte ein Land zu fast beispielloser Entwicklung. Sein Sohn Poshihito, der am 31. August 1879 geboren ist, hat bei1 Thron bestiegen.
— Ein Bergarbeiterstreik in Charlestown in West- virginia hat sehr bedrohliche Formen angenommen und wiederholt zu äußerst heftigen Zusammenstößen zwischen der Polizei und den Streikenden geführt. Die Aus- ständigen liegen in einem förmlichen Guerillakrieg gegen di Polizei. Das ganze ähnelt einer Revolution. Der s ätpf war so erbittert, daß man glaubte, eine Schlacht vor sich zu haben; denn die Ausständigen wie die Polizisten bedienten sich nicht nur der Gewehre, sondern auch wirklicher Maschinengeschütze. Aus den Gebirgen hörte man das Krachen der Gewehre und das Geknatter der Maschinenkanonen, denn die Streikenden haben sich dorthin gezogen und eine überaus starke, wie manche behaupten, sogar uneinnehmbare Verteidigungsstellung eingenommen, gegen welche die zahlreich zusammen gezogenen Polizisten machtlos find. Die Regierung hat Truppen mit Artillerie nach dem Aufstandsgebiete entsandt.
Lokales und Provinzielles.
Schlüchteru, 2. August 1912.
—* Am Sonntag, den 28. Juli fanden die diesjährigen Kreiswettspiele in Schlüchtern statt. Eine Menge Zuschauer hatten sich schon vor Beginn der
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Das Heßeimnis der Iluten.
Roman von Jenny Hirsch. 59
Von der Bank des Angeklagten ertönte ein schwacher Ruf, einer Warnung gleich, sie vernahm ihn nicht oder achtete nicht darauf, sondern fuhr fort: „Wir fragten Lydia nicht, weil wir errieten, daß sie denjenigen, dessen Hand sie in mörderischer Absicht ins Wasser geschleudert hatte, nicht nennen wollte. Wir gingen auf ihre Pläne ein, weil wir begriffen, daß sie sich nicht sicher fühlte, daß sie fliehen und sich verbergen wollte, um das Leben vor erneuten Anschlägen zu retten."
„Hat Sie Ihnen das gesagt?" fragte der Präsident unter der atemlosen Spannung des ganzen Hauses.
„Nicht mit Worten, aber" wir erkannten aus jeder Miene, aus jeder Bewegung, aus der Angst und Hast, womit sie die Zurüstungen zu ihrer heimlichen Abreise betrieb, aus der rührenden Demut, womit sie meinem Sohn das Unrecht, zu dem sie verleitet worden war, ab» bat."
„Und wem wollen Sie auf diese Weise die Schuld zuwälzen?" fragte der Präsident.
„Ich nenne keinen Namen, sondern antworte mit einer Gegenfrage: wem brächte Lydia von Nuffers Tod Vorteil? Wer konnte ein Interesse haben, ihrem Leben ein vorzeitiges Ende zu machen?"
Die Gestalt der zarten Frau schien zu wachsen, sie hatte sich der Zeugenbank zugewendet und sah Herrn von Roßwitz direkt ins Gesicht.
Dieser sprang auf, seine Brust keuchte, seine Augen rollten, mit geballten Fäusten vorwärts stürzend, schrie
„Herr Präsident, schützen Sie mich gegen diesen heimtückischen Anfall, ich verlange die Verhaftung dieser elenden Lügnerin und Verleumderin."
Die letzten Worte verhallten in dem sich erhebenden Lärm. Der Präsident gebot Ruhe und erklärte gleichzei- l’SJ, daß die Verhandlungen, nachdem das Verhör der
Zeugen beendet sei, auf eine Stunde unterbrochen werden solle.
Der Angeklagte ward in seine Zelle zurückgeführt, die Geschworenen und der Gerichtshof entfernten sich, nur langsam und in großer Aufregung zerstreute sich das Publikum. Die Stimmungen waren geteilt, im allgemeinen war jedoch die Ansicht vorherrschend, daß die Försterin ihrem Sohne einen sehr schlechten Dienst geleistet habe.
Der gute Eindruck, den ihr Auftreten gemacht hatte, war in hohem Grade beeinträchtigt worden durch die ungeheure, durch keinen Beweis unterstützte Beschuldigung, die sie gegen einen hoch angesehenen Mann geschleudert hatte. Sie selbst schien dies zu fühlen, nachdem der Pa- roxismus, der sie fortgerissen, verflogen war. Auf den Arm des Försters Horn gestützt, schlich sie ganz in sich zusammengesunken, aus dem Saal.
Herr von Noßwitz sah sich von mehreren Bekannten umringt, die in den lebhaftesten Ausdrücken ihre Teilnahme zu erkennen gaben und ihrer Entrüstung über das Betragen der Försterin Pöplau freien Lauf ließen. Am heftigsten erregt zeigte sich der Amtsrichter von Mom- seu, aber auch der Konsul Elster und derJuspektorKnauthe ließen es an Ausrufen der Empörung nicht fehlen.
„Sie müssen unverzüglich eine Klage anhängig machen, an der Frau muß ein Exempel statuiert werden. Wenn dergleichen ungestraft hinginge, wäre ja niemand mehr vor den böswilligsten Angriffen sicher," rief Mom- sen.
„Die beste Widerlegung des blödsinnigen Angriffs, wenn es einer solchen überhaupt bedarf, wird die Verurteilung Pöplaus sein, und die ist sicher," sagte Knauthe.
„Sie meinen?" fragte Noßwitz, der sich noch immer nicht zu fassen vermochte.
„Ich wette eins gegen hundert," sagte Knauthe.
„Sie müssen sich von der Alteration erholen, lieber Noßwitz, kommen Sie mit mir ins Viktoriahotel, wir wollen frühstücken, Herr Amtsrichter und Herr^nspektor, Sie
geben mir auch die Ehre," sagte der Konsul gutmütig und legte Noßwitz' Arm in den seinigen.
Der Amtsrichter lehnte dankend ab und ging nach seiner Wohnung, der Inspektor begleitete dagegen die beiden Herren nach dem Hotel, wo Elster ein bereits bestelltes Frühstück auftragen ließ. Sie leerten zusammen einige Flaschen Champagner und unter dem Einfluß des Weines und dem Zuspruch seiner Gefährten hoben sich Noßwitz'Lebensgeister wieder.
Arm in Arm mit dem Konsul und in Knauthes Gesellschaft kehrte er nach Ablauf der Pause nach dem Gerichtsgebäude zurück.
* * •
Der Gerichtssaal bot nach der Pause dasselbe Bild wie vorher, nur mit dem Unterschiede, daß sich jetzt, wenn irgend möglich, noch mehrZuschauer hineingezwängt hatten. Die drei Unzertrennlichen, Elster, Noßwitz und Knauthe, hatten auch, und zwar Noßwitz zwischen seinen beiden Freunden, unter den übrigen Zeugen Platz genommen, nur Förster Horn hatte sich einen entfernteren Pllch im Zuschauerraum gesucht. Dort saß er neben Frau Pöplau, um welche er mit der Sorgfalt und Zärtlichkeit eines Sohnes bemüht war.
Nachdem der Gerichtshof und die Geschworenen in den Saal eingetreten waren und ihre Plätze eingenommen hatten, auch der Angeklagte von neuem hereingeführt worden war, eröffnete der Präsident die Sitzung und erteilte dem Staatsanwalt das Wort. Dieser, ein noch junger, vom lebhaftesten Streben erfüllter Mann, erhob sich und begann mit gehaltener, etwas verschleierter Stimme, die sich aber, je länger er sprach und je mehr er in Eifer geriet, steigerte undungeschwächtanderthalbStundenaus- hielt. Aber nicht nur durch den Vortrag war die Rede ausgezeichnet, sie wirkte in noch weit höherem Maße durch ihren Scharfsinn, ihre Dialektik und das darin zu tage tretende Studium des menschlichen Herzens. Der Staatsanwalt schien sich in die Seele des Angeklagten völlig hineingelebt zu haben, 191,iy