SchlüchternerMung
mit amtlichem Areisblatt. Alonatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. «8. Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". Telefon Nr. «5.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 1C Pfg.
J£ 61.
Amtliches.
J.-Nr. 4918 K.-A- Die Regierungs-Hauptkasse ist angewiesen, den Herren Standesbeamten des Bezirks die von dem Königlichen Statistischen Landesmacht in Berlin festgestellten Kopialienentschädigungen für die im Rechnungsjahr 1911 eingereichten Zählkarten über Geburten, Eheschließungen und Sterbefälle zu zahlen.
Ich gebe den Herren Standesbeamten des Kreises hiervon mit dem Bemerken Kenntnis, daß, wenn die Abhebung der Beträge bei der Königlichen Kreiskasse hier nicht binnen Monatsfrist erfolgt, die Zusendung durch die Post portofrei geschehen wird, soweit die Standesbeamten nicht am Amtssitze der Kasse wohnen.
Schlüchtern, den 26. Juli 1912.
Der Vorsitzende des Kreisausschusses: Valentin c.
Deutsches Kelch.
— Bei der Landtagsersatzwahl in Homburg-Ziegen- hain, die durch den Tod des konservativen Abg. v. Baumbach notwendig geworden ist, wurde Landrat v. Gehren (kons.) in Homburg mit allen abgegebenen 195 Stimmen gewählt.
— Nach den Untersuchungen, die das Kaiserliche Statistische Amt über den Fleischverbrauch in Deutschland angestellt hat, betrug im Jahre 1911 der Gc- samtfleischbedarf pro Kopf der Bevölkerung 53,7 Kilogramm gegen 51,5 Kilogramm im Jahre 1910; 53,0 Kilogramm im Jahre 1909; 53,3 im Jahre 1908; 52,9 Kilogramm im Jahre 1907. Die Steigerung des Gesamtfleischverbrauchs pro Kopf der Bevölker: beträgt also gegen das vorige Jahr 3,2 Kilogramm, während sie gegen den Durchschnitt der letzten fünf Jahre 1,8 Kilogramm beträgt. — Bedenkt man, daß in den letzten Jahren die Fleischpreise im allgemeinen eine steigende Tendenz aufzuweisen hatten, so muß die hocherfreuliche Steigerung des Fleischverbrauchs doppelt überzeugend wirken in dem Sinne, daß unsere gegenwärtige Wirtschaftspolitik eine andauernde Besserung der Lebenshaltung des gesamten deutschen Volkes im Gefolge hat, daß der allgemeine wirtschaftliche Aufschwung Deutschlands auf Grund geordneter Reichsfinanzen fortzubestehen vermag, und daß das ganze Geschrei der Freihändler und der Feinde der Reichsfinanzreform eitel Dunst und Schwindel ist.
— Der Kctiser in Esfen. Am 8. August wird der Kaiser vormittags gegen 9,30 Uhr zu dem Festakt in
Mittwoch, den 31. Juli 1912.
der Gußstahlfabrik fahren. Bei dem Triumphbogen! an der Friedrichstraße, auf dem Wege in die Fabrik,! wird Oberbürgermeister Holle dem Kaiser den Willkommengruß der Stadt Essen entbieten und den Ehren- trunk darreichen. Der Kaiser und Herr Krupp v. Bohlen und Halbach werden Ansprachen halten. Nach Beendigung der Feier findet Frühstückstafel statt. Alsdann wird eine Rundfahrt durch die Kruppschen Kolonien angetreten. Am Abend gibt Herr Krupp v. Bohlen auf dem Hügel in einer neu erbauten Festhalle ein Festmahl. Der Vormittag des folgenden Festtages ist zunächst der Besichtigung der Gußstahlfabrik durch den Kaiser gewidmet. Bei der Auswahl der dem Kaiser vorzuführenden Werkstätten ist vor allen Dingen darauf Bedacht genommen worden, daß der Kaiser mit den modernen technischen Errungenschaften bekannt gemacht wird. Diesmal sollen dem Kaiser fast ausschließlich nur diejenigen Werkstätten gezeigt werden, die seit seinem letzten Besuche neu entstanden sind. Insbesondere kommt hier die Abteilung in Frage, in der die hydraulischen Pressen aufgestellt sind. Am Nachmittag des zweiten Tages wird auf dem Hügel das Turnier in Szene gehen, das Herr Krupp v. Bohlen seinem kaiserlichen Gast in mittelalterlicher Prachtentfaltung darbieten will.
— Die Frage der Unterstützung der Veteranen die durch den tragischen Tod des Kriegsteilnehmers Drux in Berlin wieder aktuell geworden ist, beschäftigt jetzt die weitesten Kreise. Hoffentlich führen die gegenwärtig auf Veranlassung des Kaisers stattfindenden Erhebungen über eine durchgreifende Verbesserung der bisherigen Veteranenfürsorge seitens des Reiches zu einem befriedigenden Resultat. Eine neue Hoffnung bedeutet für die Kriegsteilnehmer ferner die Mitteilung der „Braunschw. Landesztg.", daß unabhängig von den gegenwärtigen Erhebungen bereits im Voranschlag des Rtichsetats für 1913 zur Unterstützung der Veteranen größere Forderungen eingestellt werden.
— Zur Zigeunerfrage. Die Bundesstaaten haben auf Grund erneuter Beratungen, die auf Anregung der bayerischen Regierung stattfanden, ein gemeinsames Vorgehen in der Behandlung der Zigeunerfrage vereinbart. In erster Linie wird es sich dabei um übereinstimmende Anordnungen über die Behandlung der Zigeuner an der Reichsgrenze handeln, ferner um die Einrichtung eines gemeinschaftlichen Nachrichtendienstes für die Polizeibehörden und die Staatsanwaltschaften. Weiterhin sollen die gesundheitspolizeilichen Maß-
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nahmen, die Kontrolle der Ausweispapiere, die Erteilung von Wandergewerbescheinen usw. nach gleichen Grundsätzen in allen Bundesstaaten geregelt werden. Da sich in Preußen eine ständige polizeiliche Begleitung der herumziehenden Horden als besonders wirksam gezeigt hat, dürfte diese Maßnahme auch in anderen Bundesstaaten durchgeführt werden. In einer Reihe von Bundesstaaten ist das hordenweise Umherziehen der Zigeuner im Wege der Polizeiverordnung verboten. Da dieses Verbot von Erfolg begleitet ist, kann man annehmen, daß auch in anderen Bundesstaaten gleiche Polizeiverordnungen ergehen werden.
Ausland.
— Der zweite Jahresbericht des deutschen $anb= werkerle^rlingsheims in Riga gibt ein erfrischendes Bild zielbewußter deutscher Kulturarbeit. Das Heim, das dazu bestimmt ist, dem absterbenden deutschen Handwerk in den baltischen Provinzen frisches deutsches Blut zuzuführen, mußte bereits im zweiten Jahre seines Bestehens an die Errichtung eines eigenen Heims denken, da das gemietete Heim nur knapp Raum für 28 Lehrlinge bot und den Anmeldungen in keiner Weise gerecht werden konnte. Das neue Heim wurde mit einem Kostenaufwand von 50 000 Rubeln errichtet und bereits im April bezogen. Es bietet 80 deutschen Lehrlingen Raum. Die Lehrlinge selbst und die Angestellten bringen 50 Prozent aller Anstaltskosten auf, den Rest tragen die deutschen Vereine und sonstige Gönner der Anstalt. Das Heim bietet die Möglichkeit, deutsche Kinder vom Lande, die in ihrer sozialen Schicht unbedingt vom Letten- und Estentum aufgesogen würden, dem deutschen Volkstum und der deutschen Kulturarbeit in den baltischen Provinzen zu erhalten.
— Nach einer Meldung aus Saloniki scheint volle Anarchie in Albanien zu herrschen. In Pritschtimi sind die Gefangenen aus den Gefängnissen ausgebrochen. Bei ihrer Verfolgung wurden 15 Personen, darunter mehrere Gendarmen, getötet und einige Personen verwundet. Der Mutessarif von Prischlina hat sein Amt niedergelegt, da er es für unmöglich hält, die Führer der Rebellen aus Prischtina zu entfernen, wie es die Regierung verlangt. In Saloniki wurde der griechische Arzt Andonakis, ein Mitglied des jungtürkischen Komitees, aus bisher unermittelter Ursache von einem Unbekannten auf der Straße erschossen. Der Täter wurde verhaftet.
Das Geheimnis der Ituten.
Roman von Jenny Hirsch. 58
„Ich bin, wie ich bereits in der Voruntersuchung ausgesagt, infolge der Aufforderung des Herrn von Noßwitz in dessen Begleitung nach Berlin gefahren, um von der verlassenen Geliebten die von Lüdolf Pöplau an diese geschriebenen Briefe in Empfang zu nehmen."
„Wie nennt sich diese Frau?" fragte hier der Verteidiger schnell.
„Sie wurde mir als Natalie Radoni vorgestellt," antwortete der Konsul. Sichtlich nach Worten suchend, fügte er dann hinzu: „Nachdem die Katastrophe eingetreten war, kam mir, ich bin ein alter Mann und habe viele schlaflose Nächte, der Gedanke, ob wir nicht doch vielleicht in die Schlingen einer Betrügerin gefallen wären, ich reifte deshalb nach Berlin, um sie noch einmal zu sprechen ..."
„Nun?" man wußte nicht genau, war es der Verteidiger, der diesen Ruf ausgestoßen, oder war es der Angeklagte, der mit vorgebeugtem Oberkörper da saß und
Zeugen jedes Wort vom Munde lesen zu wollen schien.
„Ich habe sie in der Wohnung, die sie früher inne hatte, nicht auffinden können; sie hat Berlin Verlassen; ja noch mehr, nach meinen beim Einwohnermeldeamt ^gezogenen Erkundigungen hat nie eine Frau dieses Namens sich in Berlin aufgehalten."
„Und was folgern Sie daraus?" fragte der Präsi- dent.
„Nichts, ich fühle mich nur gedrängt, die Tatsache zu berichten," war die Antwort.
Der Verteidiger stellte sofort den Antrag, Herrn von Noßwitz zu diesem Punkte zu vernehmen.
Noch bleicher als vorher, aber hochmütig den Kopf Mückgeworfen, leistete dieser derAufforderung Folge und ^klärte, er bedauere, daß sein hochverehrter Freund ihn
nicht von dem beabsichtigten Schritt in Kenntnis gesetzt habe. Es sei durchaus nicht ausgeschlossen, daß die Dame, welche sich unter dem Namen Natalie Radoni mit ihm in Verbindung gesetzt, in Wahrheit einen anderen Namen geführt habe; wie sie aber auch geheißen haben möge, die Briefe seien echt gewesen."
„Nein, sie waren gefälscht," rief der Angeklagte, während Noßwitz zur Zeugenbank zurückkehrte, wo er neben dem Konsul Elster Platz nahm und sich leise und angelegentlich mit diesem unterhielt.
Im Publikum und unter den Geschworenen gab sich eine lebhaftere Bewegung kund. Standen die Briefe auch nicht in direktem Zusammenhänge mit der Anklage, so erweckte die Möglichkeit, daß sie gefälscht gewesen sein könnten, doch eine erhöhte Teilnahme für den Anklagten und ließ eine mildere Beurteilung seiner Tat eintreten.
Diese Stimmung verstärkte sich noch, als nun in würdigster Haltung seine tief in Schwarz gekleidete Mutter eintrat. Das feine, blasse Gesicht, welches umrahmt von weißem, schlichtgescheiteltem Haar unter dem schwarzem Hut hervorsah, schien von unzähligen vergossenen Tränen Zeugnis abzulegen und trug dabei doch den unverkennbarsten Ausdruck einer stillen Ergebung und eines unerschütterlichen Gottvertrauens.
Lautlos lauschte die zahlreiche Versammlung. Man schien den Atem anzuhalten, um auch nicht ein Wort zu verlieren, das ihre sanfte, sympathische Stimme isprach, man bewunderte allgemeinüie große Uebereinstimmung in ihren Aussagen mit den Aussagen ihres Sohnes. So sehr der Präsident und der Staatsanwalt es sich auch angelegen sein ließen, sie durch Zwischenfragen irre zu machen, sie war keinen Augenblick aus der Fassung zu bringen.
Man konnte eS hier nur mit zwei ganz abgefeimten Menschen zU tun haben, welche sich die Komödie, die sie aufzuführen hatten, bis in die kleinste Einzelheit ausgedacht und einstudiert hatten.
Oder man mußte annehmen, daß sie die Wahrheit sprachen.
Und diese Annahme gewann allmählich die Oberhand; sie ging wie ein magnetischer Strom vom Zuschauerraum auf die Geschworenen über und teilte sich sogar dem Gerichtshof mit.
Kraft seines Amtes leistete der Staatsanwalt am längsten dagegen Widerstand und so stellte er denn auch wieder die Fragen, welchedem Angeklagten als schwereSteine in den Weg geschleudert worden waren: „Wie konnten Sie es über sich geivinnen, Fräulein von Ruffer nicht zu fragen, wie sie in den See gekommen war?"
„Und wie konnten Sie als verständige, praktische Frau Ihre Einwilligung zu dem von dem jungen Mädchen entworfenen abenteue rlichen Fluchtplangeben? Wie konnten Sie gut heißen, daß Ihr Sohn eine Zukunft verscherzte, für welche Sie so große Opfer gebracht hatten?*
Ein angstvoller, flehender Blick der armen Frau flog zu dem Sohne hinüber, dann fentte sie das Auge zu Boden und sagte leise: „Ich vermag das nicht zu erklären."
„Weil die ganze Erzählung nicht war ist," sagte der Staatsanwalt.
„Sie ist wahr! Sie ist wahr, so wahr es einen Gott im Himmel gibt."
„Wir haben Sie nicht vereidigt, schwören Sie nicht beim Namen Gottes," mahnte der Präsident. „Was Sie auch zur Entlastung Ihres Sohnes ersonnen haben, eS hilft Ihnen alles nichts, wenn diese Punkte unaufgeklärt bleiben." 191,18*
Frau Pöplau sah sich im Kreise um, sie las in den Mienen der Richter und Geschworenen, ja selbst auf dem Gesichte des Verteidigers die Bestätigung dieses AuS» spruchs, und nun ergriff sie die Angst, die Verzweiflung der Mutter. „So will ich denn sprechen," rief sie, einen Schritt vortretend, mit ganz veränderter, heiserer Stimme,