Schlüchtemer Zeitung
mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. «5. Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". Telefon Nr. 88.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 1C Pfg.
M 55. Mittwoch, den 10. Juli 1912. 63. Jahrgang.
Amtliches.
J.-Nr. 8449. Die Bahnhofsstraße in Schlächtern wird für die Zeit vom 15. Juli bis 1. August d. J. für Lastfuhrwerke (: das sind solche mit einem Giwicht von mehr als 1500 Kilogr. gesperrt.
Schlüchtern, den 5. Juli 1912.
Der Königliche Landrat: Valentiner.
Deutscher Kelch.
— Baltisch Port. Freitag abend 8 Uhr war Tafel an Bord der „Hohenzollern". Kaiser Wilhelm empfing den Kaiser und die Kaiserin von Rußland, sowie die Prinzesfinnen-Töchter am Fallreep und geleitete die Kaiserin in den Speisesaal. Bei der Tafel saßen die beiden Monarchen einander gegenüber. Die Kapelle der „Hohenzollern" konzertierte. Die russischen Herrschaften verließen die „Hohenzollern" gegen 11 Uhr. Nach dem Diner hatten kinematographische Vorführungen durch den Photographen Jürgensen stattgefunden, bei denen ganze Szenen von der Nordlandsreise des Kaisers 1911 und der diesjährigen Mittelmeerreise gezeigt wurden.
— Im Streik der Metallarbeiter in Hannover haben die streikenden und ausgesperrten Arbeiter in der Metallindustrie, soweit sie gewerkschaftlich organisiert sind, in vier Versammlungen zu dem erneuten Angebot der Arbeitgeber Stellung genommen. In geheimer Abstimmung wurde dieses Angebot mit 4861 gegen 768 Stimmen abgelehnt. Die christlichen Gewerkschaften, die nur einen geringen Teil der dortigen Metallarbeiter ausmachen, haben das Angebot der Arbeitgeber angenommen und die Arbeit bereits wieder ausgenommen. Die neuen Bedingungen der Arbeitgeber gewähren eine wöchentliche Arbeitszeit von 57 Stunden und drei Pfennig für die Stunde Lohnzulage. Für die Verkürzung der Arbeitszeit kommen 1,8 Pfennig in Abzug, so daß als tatsächliche Lohnerhöhung 1,2 Pfennig in Betracht kommen.
— Der „Glos Narodu" weist in einem besonderen Artikel darauf hin, daß der polnische Schulverein trotz der an ihn öffentlich gerichteten Frage, was mit dem von der polnischen Gemeinschaft für nationale Zwecke gesammelten Tannenbergfonds geschehen sei, jede Antwort schuldig bleibe und das polnische Volk dadurch in eine immer größere, berechtigte Erregung versetze. Gleichzeitig beruft sich das Blatt auf eine Aeußerung des „Dziennik Polski", der energisch fordert, daß auch
die Namen der Tannenbergfonds-Spender veröffentlicht werden, damit man erkenne, ob die seinerzeit bekannt gegebenen Summen in Wirklichkeit oder nur in der Einbildung vorhanden seien. Das Blatt läßt der, Vermutung Raum, daß sehr viele von den gemeldeten Zeichnungen angesehener und hochgestellter Polen nur ein „Strohfeuer", ein Scheinmanöver waren. Die Angelegenheit beginnt für die Oeffentlichkeit interessant, für" den Polnischen Schulverein recht unbequem zu werden.
— In Berlin ist ein Verband gegen Ueberhebung des Judentums gegründet worden. Der Verband will keine öffentlich aufregende, agitatorische Tätigkeit treiben. Sein nächstes Ziel, so heißt es in einem Aufruf, ist Verbreitung der Kenntnis vom Judentum, von seinen Arbeitsmethoden, seinen Organisationen und seinen Zwecken. In dieser Tätigkeit ist die Abwehr der Ueberhebung des Judentums enthalten. Der Verband gibt wöchentlich erscheinende „Mitteilungen" heraus, die den Titel „Auf Vorposten" tragen.
— Ein Erlaß des Kultusministers v. Trott zu Solz empfiehlt Sparsamkeit bei Schulbauten der nicht staatlichen höheren Lehranstalten für die weibliche Jugend. Es heißt in dem Erlaß : „In Zukunft kann, wie ich im Einverständnis mit dem Herrn Finanzminister bemerke, Gesuchen der Schulunterhaltungs- pflichtigen aus Bewilligung von Staatsbeihilfen aus Anlaß umfangreicher Neu- oder Erweiterungsbauten nur dann näher getreten werden, wenn sich diese Bauten Hinsichtlicht ihres Umfanges und der Art ihrer Ausführung im Rahmen des notwendigen Bedürfnisses halten und mit der erforderlichen Sparsamkeit ausgeführt sind. Das Königliche Provinzialschulkollegium veranlasse ich, derartige Gefuche einer eingehenden Vor« Prüfung in der gedachten Hinsicht zu unterziehen und fchon vor der Bauausführung dahin zu wirken, daß in den Gemeinden, die zur Deckung des baulichen Mehraufwandes auf Staatsunterstützung angewiesen sind, kostspielige über das Bedürfnis hinausgehende Bauten für höhere Lehranstalten für die weibliche Jugend vermieden werden."
AuslanS.
— Bei sonnigem Wetter hat die Kaiserbegegnung in Baltischport stattgefunden. Der deutsche Kaiser in russischer Marineuniform empfing den russischen Kaiser, der deutsche Marineuniform trug, am Fallreep der Hohenzollern. Die Monarchen begrüßten sich herzlichst
mit Kuß und Handschlag und schritten die Front der Ehrenwache ab. Der Kaiser von Rußland begrüßte den Prinzen Adalbert von Preußen und den Reichskanzler. Auf der „Hohenzollern" war auch der deutsche Botschafter Graf v. Pourtalös mit dem deutschen Militärattache erschienen. Nachdem der Kaiser von Rußland die „Hohenzollern" verlassen hatte, begab sich Kaiser Wilhelm mit dem Prinzen Adalbert, dem Reichskanzler und dem Gefolge auf die russische J-rcht „Standart" zum Besuch der russischen Kaiserin, der er, ebenso wie den Prinzessinnen einen Blumenstrauß überreichte. Dann fand an Bord der „Standart" ein Frühstück zu 50 Gedecken statt. Am Nachmittag holte Kaiser Nikolaus den Deutschen Kaiser von Bord der „Hohenzollern" ab zu einer Besichtigung des Linienschiffes „Imperator Pawel Perwy", wo der Kaiser mit Salut empfangen wurde. Am folgenden Tage nahm Kaiser Wilhelm die Parade über das Wiborgsche Regiment ab und empfing die Vertreter der deutschen Kolonie in Reval.
— Das Ende der Revolution in Mexiko scheint gekommen zu sein. Wie aus Mexiko telegraphiert wird, haben die unter der persönlichen Führung Orozeos bei Bachimba gänzlich geschlagenen Aufständischen sich ins Gebirge geflüchtet. Es ist zwar noch Kleinkrieg zu erwarten, doch bedeutet dieser Sieg der Regierungs- truppcn das Ende der Revolution. Für die Sicherheit der Deutschen in Chihuahua sind Maßregeln getroffen. Der Sieg und der günstige Ausfall der Wahlen zum Kongreß bedeuten eine Stärkung für Madero und die Regierung.
— In Hongkong ist ein chinisischer Mordanschlag aus Engländerhaß verübt worden. Als der neue Gouverneur nach Besichtigung der Truppen mit seiner Familie dort ankam, stürzte ein Chinese aus der Menge und feuerte einen Revolverschuß auf ihn ab. Der Gouverneur blieb unverletzt, die Kugel drang in den Wagen. Der Chinese wurde verhaftet und erklärte, er habe den Gouverneur ermorden wollen, um seinen Abscheu gegen die Engländer zu beweisen.____________
Lokales und Provinzielles.
Schlächter«, 9. Juli 1912.
—* Zur Ablegung der Rektorenprüfung hat das Königl. Provinzialschulkollegium Termin auf den 28. November, zur Ablegung der Mittelschullehrer- prüfung auf den 22. November angesetzt. Bewerbungen sind bis zum 15. September einzureichen.
Das Geheimnis der Akuten.
Roman von Jenny Hirsch. 51
Christine legte den Arm um sie und führte sie ins HauS und inS Zimmer, Horn folgte ihnen, und sie saßen lange in eifrigem Gespräch beieinander.
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Nach mehrtägigem Regen strahlte der Himmel wie- der in wolkenlosem Blau; die Luft war frisch und würzig, die große Hitze der vorhergegangenen Wochen schien jetzt vorüber, und ein ganz leise an den Herbst gemahnender Hauch zitterte durch die Natur, obwohl der August soeben erst begonnen hatte.
Im Garten der Elsterschen Villa auf dem Schiffbauerdamm in Hannover harkte ein Arbeiter die mit Kies belegten Wege, während der Gärtner silberne Wasserstrahlen auf den Rasen und die Gebüsche fallen ließ, welche nach seinem Dafürhalten trotz des erst voraufgegangenen Regens dieser Erfrischung schon wieder bedurften.
Der Hausherr selbst schritt im bequemen Morgenan- -uge, einen leichten Strohhut auf dem Kopse, eine Gartenschere in der Hand, zwischen den Beeten umher, in denen rote Verbenen, buntfarbige Frühaktern, Stiefmütterchen, weiße und rote Nelken, vor allem aber Rosen in köstlicher Fülle und Mannigfaltigkeit wuchsen und die von goldener Sonnenhitze durchflutete Luft mit ihren Düften durchwürzten.
Den Rosen war die besondere Sorgfalt des Konsuls gewidmet, sie waren seine Liebhaberei, fein Steckenpferd, das einzige, was der treffliche Mann besaß. Er okulierte, beschnitt, goß, duldete kein welkes Blatt, keinen dürren Üweig und entfernte mit einem Zuge leiser Schwermut indem guten Gesichte, als bestatte er einen geliebten Toten, die blühenden, ihre fallenden Blätter über daS Beet verstreuenden Blumen. Die früh<n Morgenstunden Uüd die späten des Nachmittag? waren immer dieser Be
schäftigung gewidmet, und so bereitwillig er die übrige Tageszeit in den Dienst des Allgemeinwohles stellte, so ungern ließ er sich bei seiner Gartenarbeit stören.
Seine Stirn zog sich deshalb in unmutige Falten, als der Diener aus dem Hause kam und ihm meldete, es sei eine junge Dame da, welche den Konsul um eine Unterredung bitten lasse.
„Haben Sie ihr nicht gesagt, daß jetzt meine Sprechstunde nicht ist, und daß sie zu anderer Zeit kommen müsse?"
„O, das hat ihr Frau Tomsen sehr genau auseinandergesetzt," erwiderte der Diener, „aber sie bat so beweglich, sie sei mit dem Frühzuge angekommen und möchte mittags schon wieder abreisen, und sie ist so hübsch ..."
„Ei, sieh einmal einer an," schmunzelte belustigt der Konsul.
„Daß Frau Tomsen meinte, der Herr Konsul würden wohl einmal eine Ausnahme machen."
„Frau Tomsen meint das?" rief der Konsul überrascht, denn die wackere Holsteinerin, welche ihm seit dem Todeseiner Gattin den Haushalt führte, hatte einen wahren Haß auf alle seine Kommunal-und Ehrenämter, betrachtete alle Personen, die ihn in geschäftlichen Angelegenheiten aufsuchten, als ihre persönlichen Feinde und wies unnachsichtlich jeden ab, der zu einer ihr unpassend erscheinenden Stunde kam. „Die junge Dame muß etwas Besonderes an sich haben, da bin ich wirklich neugierig," fügte er hinzu. „Wie heißt denn die Dame?"
„Den Namen möchte sie dem Herrn Konsul selbst sagen."
„Und daS läßt sich die Tomsen auch gefallen? Wahrlich, es geschehen noch Wunder!" lachte Elster, „da werde ich denn wohl kommen müssen. Doch halt, nein, fütjre sie hierher in den Garten," rief er dem sich entfernen- den Diener zu; es wurde ihm zuschwer, an diesem ent- zückenden Morgen schon jetzt in das Zimmerzuruckzu-
kehren und überlegte schnell, daß er das Anliegen der Fremden auch im Freien hören könne.
Wenige Minuten später erschien eine jugendliche Frauengestalt in Halbtrauer am Eingang des Gartens und kam mit leichten, elastischen Schritten auf den ihr langsam entgegenkommenden Konsul zu. Als er ihr nahe genug gekomnien war, um sie genauer bettachten zu können, mußte er im stillen dem Geschmack seines Dieners volle Anerkennung zollen, denn er blickte in ein sehr anziehendes Gesicht, das ihm freilich völlig unbekannt war.
„Sie haben mich zu sprechen gewünscht, mein Fräulein," redete er sie wohlwollend, aber doch gemessen an und war sehr angenehm betroffen von dem Wohllaut ihrer Stimme und dem ungezwungenen, natürlichen An» stände, womit sie antwortete: „Verzeihen Sie, Herr Konsul, daß ich Sie zu einer so frühen Stunde Überfälle."
„Mit wem habe ich das Vergnügen und womit kann ich Ihnen dienen?" fragte der Konsul, und nun flog über das Gesicht des jungen Mädchens eine dunkle Röte, eine gewisse Unsicherheit trat in ihr ganzes Wesen und mit gedämpfter Stimme antwortete sie: „Mein Name ist Christine Pöplau."
Die (Stirne des Konsuls faltete sich; unwillkürlich trat er einen Schritt zurück und in merklich kühlerem Tone sagte er: „Sie sind eine Tochter des verstorbenen Försters Pöplau in Lindental?"
„Und die Schwester des unglücklichen jungen Mannes, den man des schweren Verbrechens an Ihrem Mündel beschuldigt; ich finde es sehr begreiflich, daß mein Name Ihnen nicht angenehm klingt."
„Sie können weder etwas für Ihren Namen, noch für Ihren Bruder," erwiderte schon etwas milder der Konsul, dessen Gerechtigkeitsgefühl schnell die Oberhand erhielt. „Wenn Sie freilich, wie ich vermute, in seiner Angelegenheit kommen, so muß ich mich entschieden ablehnend verhalten; ich kann nichts für Sie tun, und könnte ich es, so wollte ich es nicht," fügte er hart hi,M, 191,18*