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mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. 65. Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". Telefon Nr. «S.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 1€ Pfg.
M 53. Mittwoch, den 3. Juli 1912. 63. Jahrgang.
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Deutsches Reich.
— Berlin. Friedensvermittlung in Aussicht. Eine Friedensvermittelung im Tripolitanischen Kriege wird anscheinend von Italien angestrebt, das die Lage der Türken für kritisch genug hält, um auf einen befriedigenden Erfolg jetzt einsetzender Bemühungen zur Herbeiführung des Friedens zu rechnen. Diese Auffassung wird durch die Besprechungen des italienischen Botschafters Pansa mit dem Reichskanzler von Beth -nn Hollweg und den darauf von dem Botschafter Mn Staatssekretär des Auswärtigen Amtes von Kider« len-Wächter in Kiffingen abgestatteten Besuch bekräftigt. Bon Kiffingen aus begibt sich Herr Pansa direkt nach Rom, um seiner Regierung das Ergebnis der von ihm geführten Verhandlungen mitzuteilen. Die Anzeichen mehrkn sich, wie es in diplomatischen Kreisen heißt, daß die Türkei selst daran denkt, entweder direkt oder auf einem anderen Wege zum Abschluß des Krieges zu gelangen. Bestimmte Vorschläge sind jedoch von keiner Seite gemacht worden.
— Die Ansiedlungskommiffion hat das Kirnsche Familienstift Kowalewko mit Vorwerk Rozwarki im Kreise Schubin (etwa 1500 Morgen) für 850 000 M. angekauft.
— Ein beklagenswerter Verlust des Deutschtums wird aus Stettin gemeldet. Die-pommersche Herrschaft Nassenheide ist für' vier Millionen Vierhunderttausend Mark den Polen zugefallen, und zwar durch Weitergabe des Objekts durch den Ersteher an die Firma von Drweski, Langer und Biedermann in Posen, welche den Besitz auch bereits übernimmt,
— Die Bekämpfung der Zigeunerplage ist jetzt auf Anordnung des Ministers des Innern für Preußen durch einheitliche Polizeiverordnungen der Oberpräsidenten erfolgt. Danach ist Zigeunern und nach Zigeuner« art umherziehenden Personen das Zusammenreisen in Horden auf öffentlichen Wegen, Straßen und Plätzen verboten. Als Horde gilt eine Vereinigung mehrerer Familien oder eine Vereinigung einzelner Personen mit einer Familie, zu der sie nicht gehören, es sei denn, daß es sich um Personen handelt, deren Mitführung durch Vermerk in einem Wandergewerbeschein ausdrücklich erlaubt ist. Zuwiderhandlungen sollen mit Geldstrafe bis zu 60 M. oder mit Haft bis zu 14 Tagen bestraft werden. Die Regierungen der übrigen Bundes- staaten beabsichtigen Verordnungen gleichen Inhaltes zu erlassen. Damit wird ein einheitliches Vorgehen
Aas Geheimnis der Akuten.
Roman von Jenny Hirsch. 48
„Daran ist gar kein Zweifel," versetzte Noßwitz, „wenn nicht zum Tode, wird er sicher zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt."
„Sie sollten nachher ein Begnadigungsgesuch für ihn «inreichen, denn Ihnen hat er einen großen Dienst erwiesen," sagte Liewald mit zynischem Lachen. „Was hätte eS nur werden sollen, wenn die junge Dame nicht gestorben wäre?"
„Das lassen Sie nun weiter nicht Ihre Sorge sein, mein lieber Herr Liewald," erwiderte Noßwitz kurz und scharf, sondern bleiben mir bei den Dingen, wie sie jetzt liegen. Sie werden mir also die Wechsel auf vier, sagen wir auf sechs Wochen prolongieren."
„Ich weiß wirklich nicht, ob meine Hintermänner damit zufrieden sind, ich muß ihnen die Sache erst vorstellen," erwiderte Liewald. „Lassen Sie mir einen Tag Zeit."
„Nein," entgegnete Noßwitz entschieden; „ich mag nicht morgen wieder herkommen und scheinbar um eine Rarität handeln, auch muß ich auf Ihren Besuch in meinem Hause verzichten. Also entschließen Die sich; Sie werden die Herren durch die Höhe des Zinses schon mit Ihrer Eigenmächtigkeit versöhnen."
Liewald überlegte. Er war einer der geriebensten und verschlagensten Geldverleiher, sein Autiquitätengeschäft war mehr der Deckmantel für sein eigentliches Treiben, obwohl es ihm auch einen nichtunbeträchtlichen Gewinn brächte, und Eingeweihte schätzten sein Vermögen nach Millionen. Noßwitz war ihm schon bei Lebzeiten des Ge- heirnrats von Ruffer in die Hände gefallen, und die Bezahlung der bei ihm ausgelaufenen Summen hatte den größten Teil von Ediths Vatererbe verschlmigen. Den- selben Weg war die Hinterlassenschaft ihrer Mutter ge- ganaen, denn Noßwitz' Spielwut am grünen Tisch wie W ben Rennplätzen kauM teige GsMerr, DI MMM
gegen * Zigeunerunwesen für das ganze Reichsgebiet geplan».
— D özialdemokratische Religionsbeschimpfung hat in K ihre gerechte Strafe gefunden. Die sozial- demokratischen Arbeiter Forsbach und Königshausen, die in der Nacht nach der Wahl des „Genossen" Hofrichter zum Reichstagsabgeordneten im Siegesräusche die Nepomuk-Bildsäule an der dortigen Klemenskirche mit rotem Lack angestrichen hatten, wurden zu je drei Monaten Gefängnis verurteilt.
Auslanö.
— Das österreichische Herrenhaus hat das Wehr« gesetz angenommen. Damit sind die Wehrreformvorlagen in beiden Häusern des Landtags genehmigt. Im Laufe der Sitzung widerlegte der Landesverteidigungsminister den Vorwurf, daß die Offiziere die Sprache der Mannschaften nicht hinreichend kennen. Er betonte weiter die unbedingte Notwendigkeit der deutschen Dienstsprache, deren Beseitigung geradezu katastrophal wäre; denn die deutsche Dienstsprache sei durchaus unentbehrlich für die Ausbildung sowie für den Verkehr der Offiziere ebenso wie für den Verkehr der Militärbehörde und für die Führung und Leitung im Frieden und Kriege.
— Die englischen Stimmrechtsweiber werden immer verrückter. Als das englische Königspaar auf seiner Fahrt durch Südwales die Kathedrale in Llandaff be- sichtigen wollte, durchbrach eine Frauenstimmrechtlerin die Absperrung und beschimpfte den Minister McKenna. Die wild gewordene Dame rief, Kabinettsmitglieder dürfen keine Ausflüge in d'e Provinz imtembtr ^ wenn Frauen im Gefängnisse schmachteten. Bei .ihrer Festnahme gab die Ruhestörerin an, aus London herübergekommen zu sein und Ellen Craig zu heißen. — Anstand, Takt und Feingefühl, bisher stets besondere Attribute weiblicher Würde, sind den englischen Stimm- rechtsweibern allmählich immer fremder geworden Sie haben den Ton und die Manieren der Gasse zu Kampfmitteln genommen.
— Ueber die französisch-spanischen Marokkoverhandlungen wird aus Madrid geschrieben, die fachmännische Kommission, welche die mit der Neuordnung der Dinge in Marokko zusammenhängenden Zoll- und sonstigen Finanzfragen zu prüfen hatte, habe ihre Arbeiten beendet. Sie wird nur noch einmal zur Unterzeichnung des Abkommens zusammentreten. Der Vorsitzende der französischen Delegation Ruiot verbleibt
sah voraus, daß er auch mit dem dritten und letzten Teil des Rufferschen Vermögens in nicht allzu ferner Zeit fertig sein würde. Vorläufig konnte man es aber noch mit ihm wagen; ja, man konnte es selbst noch, wenn ihm die letzte Erbschaft entgangen sein würde. Die Villa auf dem Ro- denberg, deren Mitbesitzerin Frau von Noßwitz war, das schöne Haus in der Sedanstraße in Hannover mit der reichen Einrichtung, die Pferde und Wagen, repräsentierten immer noch einen nicht unbeträchtlichen Besitz.
Das Ergebnis seines Nachdenkens war daher, daß er sich unter Stöhnen und Seufzen zur Prolongation der Wechsel bereit erklärte.
„Gut," sagte Herr von Noßwitz, sich an den Tisch setzend, „geben Sie mir ein Formular, ich stelle Ihnen sogleich einen Wechsel überfünfhunderttausend Mark, zahlbar am 25. August, aus, und Sie geben mir noch hunderttausend Mark bar."
Liewald riß die Hellen, wimperlosen Augen mit dem Ausdruck grenzenlosen ErstauenS auf. „Wa .. was, Sie wollen noch Geld von mir?" fragte er.
„Aber wie kann Die das wundern? Ich sagte Ihnen ja, daß ich mit meiner Familie ins Ausland gehen will. Dazu gehört Geld, ich habe auch noch einige Kleinigkeiten zu begleichen und muß meiner Frau doch eine ansehnliche Summe zurücklassen, wenn ich zurückreise, um der Verhandlung in Eutin beizuwohnen und hier die Erbschaft in Empfang zu nehmen."
„ES geht nicht, «S aehttticht,"jammerteLiewald.
„Sieschätzen daSVermögen, das mir in Aussicht steht, auf fünf Millionen und wollen mir lumpige hunderttausend Mark verweigern?"
„ES sind fünfhunderttausend Mark; noch nie in meinem Leben habe ich so viel Geld auf eine Karte gesetzt."
„JhreHintermänner, wollen Sie sagen," scherzte Noßwitz. „Sie sollten wirklich nicht so schwierig sein, mein Herr, Sie haben diese Summe schon reichlich durch mich eerbiept, so daß, wenn alles schief gehen sollte..
noch einige Zeit in Madrid, um verschiedene die wirtschaftlichen Entschädigungen betreffenden Einzelheiten zu regeln.
Lokale» und Provinzielles.
Schlüchteru, 2. Juli 1912.
—* Zur 1. Preußisch-Süddeutschen (227. Königlich Preußischen) Klaffenlotterie. Wir machen darauf aufmerksam, daß die Frist, bis zu welcher die Kgl. Lotterie- Einnehmer verpflichtet waren, den bisherigen Spielern ihre Lose aufzuheben, abgelaufen ist. Die Kgl. Lotterie- Einnehmer sind also jetzt berechtigt, die zu der am 10. und 11. Juli er. stattfindenden Ziehung der 1. Klasse obiger Lotterie noch nicht erneuerten Lose anderweit zu vergeben. Ueber die nach Anschluß von Baden und Württemberg an die Preuß. Klaffen-Lotterie erfolgten Aenderungen und Verbesserungen wollen wir Folgendes hervorheben: Nach dem Plan dieser ersten gemeinschaftlichen Lotterie hat eine Vermehrung der Lose um 32000 Stammlose u. demgemäß auch eine Vermehrung der Gewinne stattgefunden. Als eine bedeutsame Neuerung, die zugleich mit der ersten preußisch-Süd- deutschen Klaffenlotterie ins Leben tritt, ist der Wegfall des bisherigen Mitspiels der Freilose für die Staatskasse anzusehen, der von berufener Seite als eine Morgengabe der preußischen Finanzverwaltung an die als solche neu ins Leben tretende preußisch-Süddeutsche Klaffenlotterie bezeichnet worden ist. Preußen verzichtet hierdurch auf eine halbe Million bisheriger jährlicher Einnahme aus der Lotterieverwaltung, um welche große Mmnnie bu Gewinnaussichten der Spieler sich verbessern. Der Spielplan gar ersten preußisch-süddeutsche» Klaff-»- lotterie ist im übrigen den alten bewährten Grundlagen treu geblieben, wonach u. a. auf jedes zweite Los ein Treffer entfällt. Die beiden Hauptgewinne betragen je eine halbe Million und die beiden Prämien je 300,000 Mk, Ist in einem Ausnahmefalle das große Los der erste größere Gewinn, der am letzten Ziehungstage gezogen wird, so erhöht sich der Gewinn des Spielers auf 800,000 Mk. Im übrigen sind je 2 Gewinne von 200,000, 150,000, 100,000, 75,000 und 60,000, je 4 Gewinne von 50,000 und 40,000 Mt. vorgesehen. Das Hauptgewicht hat die preußische Lotterieverwaltung aber von jeher auf die Ausstattung des Planes mit mittleren Gewinnen gelegt. Demgemäß sieht der neue Plan 22 Gewinne zu 30,000 Mk., 3z Gewinne zu 15,000 Mk, 96 Gewinne zu 10,000 Mk.,
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„Sprechen Sie nicht so etwas," rief Liewald mit allen Zeichen des Entsetzens; „ich wäre ein ruinierter Mann."
„Nun, dann käme es auf etwas mehr oder weniger auch nicht an; aber seien Sie ohne Sorge, das Geld ist Ihnen so sicher, als ob es dort in Ihrem eisernen Schränk läge."
Es gelang ihm wirklich, den Wucherer auch noch zur Hergabe dieser Summe zu bestimmen; er mußte sich dabei freilich bequemen, einen größerenTeilinBank-und Eisenbahnaktien zu nehmen, daLiewald natürlich nicht soviel Geld im Hause hatte.
Nachdem der neue Wechsel geschrieben und die alten vernichtet waren, entfernte sich Noßwitz von Liewald bis zur äußersten Türe des Magazins begleitet. Der Gehilfe war zu Tische gegangen, Liewald junior befand sich allein im Geschäft.
Als die Tür hinter Noßwitz inS Schloß gefallen war, gab der Alte dem Sohn die Schildpattdose und sagt» lakonisch: „Lege das Ding wieder inS Schaufenster."
Beide sahen einander an, lächelten und verstanden sich....
Am nächsten Tage wurde im Noßwitzschen Hause gepackt, und schon am Abend verließ die Familie Hannover, dieses Mal nur von der Jungfer der gnädmen Frau und der Gouvernante der Kinder begleitet. Herr von Noßwitz hatte für sich auf den Diener verzichtet, er sollte alles nur auf das Behagen seiner lieben Edith-ein» gerichtet sein, die er mit einer Fürsorge umgab, daß sie trotz der Trauer um die Schwester Freudentränen über ihr Glück vergoß. * *
Durch den regenfeuchten Wald eilte Thristine Pöp. lau dem Försterhause zu. Sie kam soeben von Eutinund von einem Besuche bei ihrem Bruder zurück, der ihr nach wiederholtem vergeblichen Ansuchen endlich bewilligtwor- den war, nachdem die Untersuchung. geschlossen und hi» Anklage erhoben worden, . WZ8*